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Haftbefehl hat sein eigenes Genre erschaffen

Alle reden über Haftbefehls ‚Russisch Roulette‘. Aber ist Haftis neues Album wirklich das hochgelobte Meisterwerk?
28.11.14

Das Feuilleton hat gesprochen: Russisch Roulette, Haftbefehls Majordebüt wird von allen Seiten als Meisterwerk bezeichnet. Haftbefehl sei der Dichter der Stunde, schreibt Die Zeit. „Haftbefehl—sein Nom de Guerre war schon eine rhetorisch geniale Wahl“, heißt es. Haftbefehl, der Hoodpoet, hat nun die Intelligenzia erobert. Aber wie konnte das passieren? Aykut Anhan war kein Rapper in seiner Jugend, er war Ticker, der dir ganz genau sagen kann, wozu genau Edelweiß da ist. Als er per Haftbefehl in Europa gesucht wurde, fing er an zu rappen. Viele seiner Kritiker werfen ihm heute noch vor, dass er eben das nicht könnte—rappen—und es stimmt, dass es viel bessere Silbenzähler gibt. Doch Haftbefehl hat von allem anderen- und davon noch im Überfluss. Seine eigene Sprache, Charisma, eine bewegende Geschichte und, ganz wichtig, ein musikalisches Gespür gekoppelt mit Mut. Der 28-Jährige hat immer die Grenzen HipHops ausgetestet und verschoben, so stand er schon immer ein wenig abseits der Rapszene, die hierzulande die Straße oft nur von Erzählungen kennt.

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Heute ist also Haftbefehls Album Russisch Roulette bei Universal erschienen. Und ja, es ist ein Meisterwerk geworden. Wir erklären euch auch, wieso.

Ihr Hurensöhne

Das einzige Problem, das ich mit dem Intro habe ist die Hook, die mich voll rausbringt. „Für immer Soll unter Hurensöhne“. Was genau soll das heißen? Habe ich es überhaupt richtig verstanden? Haftbefehl schreit uns mit Kauderwelsch an, als ob er sagen wollte: Das ist meine Welt, in die ihr euch begebt—ihr Hurensöhne. Weil das hier immer noch Straßenrap ist, werden erst mal die Neider wie Fliegen abgeschüttelt. Etwas halbherzig, ja, andererseits misst Haft den meisten Rappern eh keine Bedeutung bei. Hier geht es um Wichtigeres. Und zwar um das Jahr 1999.

1999 Part 1

Ein Beat, auf dem man sich Biggie wünschen und im Deutschrap Haftbefehl erhoffen würde. Der erste Teil der 1999-Trilogie ist ein Kopfnicker, der fast schon fröhlich daherkommt. Haft erzählt von seiner Jugend, grüßt die Leute, mit denen er abgehangen hat. Während unsereins nostalgisch übers Fußballspielen, daddeln oder Mädchentreffen rappen würde, ist es bei Haft eben das Packs Ticken, das für Action sorgt. Was der Offenbacher Beton eben so hergibt.

Lass die Affen aus’m Zoo

Eine der grandiosesten Zeilen des Albums: „Automatik Gun, was jetzt los, Oliver? Renn so weit du kannst, ich hoffe Marathon war dein Hobby, Chab!“ Sollte wohl das neues „Chabos wissen, wer der Babo ist“ sein, aber das ist es leider nicht. Vielleicht liegt es an dem Songtitel. Andererseits wurden hier wirklich die Affen aus dem Zoo gelassen, man schaue sich nur mal das Video an. Das Ding ist ein Brett: Düstere Synths und stampfende Drums auf denen Haftbefehl mit seinem asozialen Humor ausrastet. Nicht nötig zu erwähnen, dass K.I.Z. das Ding im Remix zerlegen.

Saudi Arabi Money Rich

Ich muss zugeben, dass mir die Hook mittlerweile gewaltig auf den Senkel geht. Ich habe schon meinen Senf zum Song abgegeben, als das kontroverse Video dazu rauskam. Ich finde, dass Haftbefehls Humor auch hier unterschätzt wird: „Tipp-Ex auf Rammstein-Vertrag und gib mir einfach die Kopie!“. Schon die Vorstellung…

Ich rolle mit meim Besten

Wenn man mich fragt, ist dieser Song das „CWWDBI“ des neuen Albums. Haft kann seine Stimme und die überbordende Asigkeit perfekt auf den Beat platzieren, der immer wieder aussetzt und neu reinfährt. Mal schreit er, mal stampft er, mal auf entspannt. Alleine diese Aussprache „Du kennst öff-öff-emm“, ist einfach nur witzig. Aber hör dir den Song nicht beim Autofahren, ernsthaft, mach es nicht. Man wird zum Tier. Die Remix-Version mit Marteria ist auch groß, da hat zusammengefunden, was zusammengehört. Bööös!

Engel im Herz, Teufel im Kopf

Der Kernsong des Albums. Vielleicht hast du ein reines Herz, willst deiner Familie und Freunden Gutes tun, aber du bist auch nur ein Mensch. Und der kann vom Teufel verführt werden. Bei unsereins ist das vielleicht selten der Fall, weil wir in so festen Strukturen leben, dass unsere Spinnereien abgefangen werden. Von unserer besten Freundin, unserer Mama oder unserem Gewissen. Doch wenn du wie Haftbefehl aufwächst, mit dem Gefühl, dass deine Lehrer und der Staat dich eh aufgegeben haben—natürlich wirst du dann zum Teufel, sobald du aus dem Fahrstuhl deines Hochhauses gestiegen bist. Man könnte meinen, dass sich Haftbefehl hier rechtfertigen würde, doch er beschreibt nur seine diabolische Seite, die zu oft in seiner Jugend die Oberhand gewonnen hat.

Russisch Roulette

Der erste schwächere Track, die Hook nervt gewaltig und irgendwie bringen die Synthis einen aus dem eher düsteren Duktus des Albums raus. Bis auf die Nachricht „Ich knall dich ab“ habe ich wenige thematische Ausläufer erkannt. Die trappigen Snarerolls gehen hier echt auf die Nerven.

1999 Pt. 2

„The Art of Peer Pressure“, irgendwer? Man drücke mal ein Auge zu, denn auch der zweite Teil der 99er-Trilogie ist großartig. Haft nimmt uns mit in seine Gedankenwelt, kurz nachdem er hustend aufgestanden ist und das trostlose Blockpanorama vor seinen Augen hat. Die Stacks hat er unter dem Bett versteckt und hofft, dass seine Mutter sie nicht findet. Er geht in ihr Zimmer und sie beten zusammen. Die Hoffnung, Gott und seine Mutter nicht zu enttäuschen, wird jäh vom Teufel unterbrochen, der ihm wieder in sein Gewissen flüstert. Es sind nur ganz wenige Zeilen, die er braucht, damit ich mir diese Geschichte genau vor mir sehen kann.

Schmeiß den Gasherd an

Hier spricht nun der Teufel, und die Hölle ist die Crackküche. Genau hier wird deutlich, was Haftbefehl von anderen Straßenrappern unterscheidet. Er berichtet detailgenau, wie du Crack kochst und wo du es verkaufst. Doch immer wieder lässt er seine innere Zerrissenheit durchblicken—„trotzdem ist mir kalt“. Das ist kein klischeebeladener Gangsterfilm, den Haft hier abdreht, es ist eine Dokumentation über eine Welt, zu der kaum jemand von uns jemals Zugang bekommen wird und die dennoch das Zuhause von vielen armen Seelen ist.

Azzlackz sterben jung 2

Der zweite Teil übertrifft den Klassiker auf Azzlack Stereotyp sogar nochmal. Benny Blanco hat hier eine perfekte atmosphärische Unterlage geschaffen, auf der Haft nüchtern und schonungslos eine Welt zum Verzweifeln schildert. In der Drogenwelt ist jeder ein Verlierer, egal ob Junkie oder Dealer. Klar war uns das vorher bewusst, aber Hafti zeigt uns diese Welt wirklich. Ungeschönt, so wie die Geschichte eines Afrikaners, der, angekommen im Paradies Germany, die Pfeife vom Teufel nimmt und er irgendwann nicht merkt, dass er seinem Dealer einen lutscht.

Anna Kournikova feat. Miss Platnum

Ich sehe schon saftbefehlhater97 bei Youtube rumheulen: „Ich wusste es, jetzt ist er größenwahnsinnig geworden. Das ist doch kein HipHop!“ Haft singt durchgehend auf Autotune über seine Geliebte Anna Kournikova—eine Kalaschnikow. Um es noch auf die Spitze zu treiben, liefert Miss Platnum den Part der AK ab, die von ihrer Kate Moskau-Rolle nichts verlernt hat. Natürlich ist dieser Song kein Rap, doch wer außer Haftbefehl würde sich aktuell trauen, so einen Song zu veröffentlichen? Haft hat mehr Talent als es auf 16er zu beschränken, er will mit seiner Musik Bilder zeigen. Dafür muss man auch mal kräftig am Regler drehen.

Haram Para feat. Kaaris

Das einzige Feature neben Miss Platnum auf dem Album ist die fanzösische Rapinstanz Kaaris. Was vielleicht sogar Sinn macht, denn wer aus Deutschland sollte in der Lage sein auf so einem Trapsong zu bestehen? Auch wenn mir der Song ein bisschen zu viel des Banlieus auf Lex Luger-Geschramme ist, beweist er, dass Haftbefehl sich schon lange von irgendwelchen Konventionen verabschiedet hat. Aber um den Song wirklich feiern zu können, muss ich wohl selber Haram Para machen. Leider habe ich nicht so viel Kohle, und die ist auch noch zu 100 Prozent Halal.

Seele

Die Handlung bisher: Haft erinnert sich an seine Jugend und wie er vom Teufel entfesselt wird („Lass die Affen aus’m Zoo“), als Drogendealer gelangt er schnell zu Geld, lebt sein Leben wie ein Sündiger, doch kurz blitzt der Wunsch auf, etwas Gutes zu tun („Engel im Herz, Teufel im Kopf“). Der junge Aykut merkt, dass der Teufel Besitz von ihm ergriffen hat („1999 Pt. 2“), doch es ist bereits zu spät, denn er hat sein Ticket in die Hölle schon gebucht („Schmeiß den Gasherd an“). In Offenbach, dem Vorhof zur Hölle, fährt er mit seiner Geliebten AK47 und macht Geld durch Sünde („Haram Para“). In „Seele“ will sich Haftbefehl also von diesen Sünden reinwaschen, was man ihm an dieser Stelle wünschen würde. Für Haft ihn es der Glaube an Gott, der ihn rettet.

Das respektiere ich. Nur bin ich der Meinung, dass mehr dazu gehört, sein Gewissen reinzuwaschen als die Hinkehr zur Religion.

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1999 Pt. 3

Im Outro und gleichzeitig letzten Teil der Trilogie blickt Haftbefehl aus heutiger Sicht auf dieses alles entscheidende Jahr. Zum ersten Mal spricht er den Selbstmord seines Vaters an: „Ich verfluche diesen Tag. Meine Jugend zerbrach wie ein Glas. Ich war damals vierzehn Jahre alt. Die Straße nahm mich in den Arm und ließ mich nie wieder los“. Er beschönigt nichts und gibt auch keine weiteren Erklärungen. Die einzige Aussage steckt im Refrain: „Leben! Life! Hayat!“. Haftbefehl hat all das überstanden, er lebt.

Und er lebt gut. Haftbefehl ist nicht nur der Babo auf Youtube, er war und ist es immer noch für seine Familie. Aykut musste schlagartig Verantwortung übernehmen, als sein Vater starb. Das tat und tut er immer noch. Er konnte nicht nur sein Leben, sondern auch dass seiner Familie durch Musik retten.

Zwar sind fast alle Beats auf dem Album hitverdächtig, doch Haftbefehl ordnet die Songs dem Album unter. Russisch Roulette ist, was das Konzept und die Umsetzung angeht, so weit weg vom aktuellen Straßenrap, dass Haftbefehl sich sein eigenes Genre erschaffen hat. Klar wird dieser Ausdruck gerne benutzt, doch dieses Mal trifft er zu. Dieses Album ist extrem wichtig in Haftbefehls Karriere. Ein Künstler, dem immer wieder Fremdenhass entgegengebracht wurde, drückt uns seine Geschichte auf, die wir in dieser Aufmachung noch nie zuvor gehört haben. Nebenbei hat er noch alle Regeln des klassischen Raps über den Haufen geworfen und es so geschafft, dass sich die Gesellschaft mit ihm und den Tausenden anderen Aykuts aus der Republik auseinandersetzen muss. Haftbefehl hat der Gesellschaft einen verdreckten Spiegel vorgehalten. Das ist HipHop.

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Folgt Toni bei Twitter @sopranovic

Kauft euch Haftbefehls neues Album Russisch Roulette: Limited Babo Edition, CD, Mp3.

Noisey präsentiert Haftbefehl auf Tour

05.02.2015 München | Backstage
06.02.2015 AT-Wien | Flex
07.02.2015 Fulda | Kreuz
09.02.2015 Nürnberg | Hirsch
10.02.2015 Leipzig | Täubchenthal
11.02.2015 Berlin | Astra
13.02.2015 Hamburg | Mojo Club
14.02.2015 Münster | Skater’s Palace
15.02.2015 Frankfurt | Batschkapp
17.02.2015 CH-Zürich | Exil
18.02.2015 Stuttgart | LKA Longhorn
19.02.2015 Köln | Underground

Tickets bekommt ihr hier.

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