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Noisey Blog

Ich habe Tori Amos interviewt und erlitt einen akuten Anfall von hysterischer Blindheit

Tori Amos verbietet ihren Musiker, vor der Show Crack zu rauchen. Ansonsten ist sie aber nicht sehr spießig.
16.10.12

Das Problem beim arrangieren von Interviews mit Leuten die man wirklich liebt ist, dass man die Interviews dann auch führen muss. Natürlich, die Möglichkeit zu haben einer Person gegenüberzusitzen, von der du seit Jahren besessen bist und der praktisch gefangen und gezwungen ist, jede deiner Fragen zu beantworten, ist ein wahnsinnig tolles Gefühl aber gleichzeitig auch irgendwie furchteinflößend. Was wenn du an deiner eigenen Spucke erstickst? Was wenn ein Windstoß durchs Fenster hereinkommt und dir deine Frisur versaut? Was wenn du richtig peinlich loslachst und dich dabei absabberst? Die zwei Wochen vor meinem Interview mit Tori Amos waren wie ein vierzehntägiges nonstop Bauchmuskeltraining. Am Tag danach rannte ich mit dem Gefühl gerade knapp eine Millionen Schwimmbahnen in einem richtig warmen Pool hinter mir zu haben durch die Stadt, schnorrte fremde Leute um Zigaretten an und teilte ihnen mit wie gestört ich mich fühlte.

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Erstaunlicherweise habe ich es tatsächlich geschafft, alle von mir so akribisch geplanten Fragen an die Frau zu bringen. Leider ließ ich den Teil aus, der davon handelte wie ich—nach Jahren (wir reden hier über die frühen 90er) übermäßiger Geldinvestitionen in die hinteresten Sitzplätze auf Tori Amos Konzerten—schlussendlich einen Platz in der Frontrow ergattert habe.

Am Freitag vor dem Interview mit Tori, ging ich zu einer sehr speziellen Show von ihr ins Le Poisson Rouge in Manhattan. Tori brachte ALLE Hits, sowohl Songs aus ihren frühen Alben, als auch einige neuinterpretierte Versionen alter Hits von ihrem neuen Album Gold Dust. Inmitten der Show, während sich der Großteil des Publikums beschwörend die Hände in die Luft streckend vor und zurück wiegte, keimten in mir so unglaubliche viele Emotionen auf, ich kippte fast vom Stuhl. Ich hatte das Gefühl, dass mich Tori von Zeit zu Zeit direkt ansah und nur für mich sang.

Um sicherzustellen nicht vollkommen bekloppt zu sein, fragte ich sie am nächsten Tag danach, aber sie meinte nur: „Nein, ich hab dich nicht angeschaut.“ Ihr solltet euch das Konzert unbedingt anhören, aber hier erstmal der Rest des Interviews.

Noisey: Ich hatte also das große Glück, mir deine Show im Le Poisson Rouge anzuschauen und es war echt lustig, ganz hinten zu sitzen und Mimik und Gestik all der anderen beobachten zu können. Und jetzt frage ich mich, kannst du das eigentlich von der Bühne aus sehen? Ich hatte nämlich das Gefühl du würdest nur für mich singen.
Tori Amos: Wenn die Scheinwerfer in dein Gesicht leuchten, siehst du vielleicht die ersten beiden Reihen, alles was dahinter kommt ist verschwommen weil die Beleuchtung so viele Schatten wirft. Aber man spürt die Energie. Und du hörst jederzeit alles. Du hörst wenn sie dir antworten oder wenn jemand irgendetwas rumbrüllt. Mit den Jahren lernst du, nichts sehen zu müssen. Du kriegst deine Infos über andere Wege. Du spürst ob dein Publikum begeistert oder gelangweilt ist. Über die Jahre habe ich in so vielen verschiedenen Situation gespielt. Zum Beispiel als ich letztes Jahr diesen Auftritt in Norwegen hatte. Wegen der schrecklichen Morde, die da im Sommer stattgefunden haben, habe ich die komplette Show, jedes einzelne Lied darauf ausgerichtet. Die Leute dort waren noch immer in ihrer Trauerphase. Wenn du also in so eine Situation trittst, weißt du sie sind noch nicht bereit. Bestimmte Lieder zu singen, wäre wie Salz in deren Wunden.

Dir zuzuhören wenn du das beschreibst, also das mit den Energien während eines Konzerts erspüren und Veränderungen wahrzunehmen, lässt mich an das Reiten eines Pferdes denken. Schaffst du es ein Konzert zu starten, eine Veränderung zu spüren und dann den Kurs zu wechseln ohne dein komplettes Set zu ändern?
Du machst es einfach. Du änderst das Set einfach. Wenn ich alleine auf der Bühne bin, kann ich das machen. Schwieriger wird’s wenn mich das Orchester begleitet. Du kannst von deiner Band oder dem Orchester nur für eine begrenzte Zeit erwarten, still zu sitzen, aber wenn sie von der Bühne gehen und es nur noch dich und das Publikum gibt, kannst du mit denen machen was du willst. Meine Crew ist schnelle Wechsel gewöhnt, darum lasse ich sie vor Konzerten auch kein Crack rauchen. Ich habe bemerkt, dass du während der Show Kaugummi kaust. Machst du das um deinen Kiefer zu entspannen?
Es war Zimt. Zimtkaugummi. Zu allererst, ich glaube an Timing. Niemand mag eine Show die sich dahinschleppt. Und wenn ich alleine bin, kann ich es vorantreiben. Es sind die Pausen, während denen du Gefahr läufst, dein Publikum zu verlieren. Ich hab so was schon miterlebt. Es ist ein stilles Ableben. Das Geschehen verlässt die Bühne obwohl der Performer noch immer da ist. Ich mag es fließend, darum halte ich meistens nicht mal inne, um schnell was zu trinken. Und selbst wenn ich es doch mal gemacht habe, nach einem Schluck Wasser war mein Mund 30 Sekunden später ohnehin wieder trocken. Um meine Stimmbänder ordentlich geschmeidig zu halten, kaue ich deshalb Zimtkaugummi. Ich empfehle Trident, und wenn du den nicht kriegst, nimm Big Red. Den neuinterpretierten Versionen deiner Songs, allesamt zusammen mit einem Orchester entstandene Liveaufnahmen, zu lauschen, war für mich als jahrelanger Fan deiner Musik, als befände ich mich in einem Raum voller Geister. Eine Flut aus alten Gefühlen und Erinnerungen schlug über mir zusammen. War es für dich auch ein Wiedersehen mit Geistern der Vergangenheit oder hast du dich mehr auf das Neue konzentriert? Vielleicht auf das neue Leben, das du diesen älteren Tracks eingehaucht hast?
Ich denke wenn du dich selbst kennst und weißt, welche Bilder und Erfahrungen dich zu bestimmten Songs inspiriert haben, variiert das. „Cloud on My Tongue“ zum Beispiel habe ich das letzte Mal 1994 gespielt und mein Leben hat sich seitdem stark verändert. Einige der Menschen die mich zu diesen Liedern inspiriert haben sind mittlerweile gar nicht mehr Teil meines Lebens. Stattdessen tauchen neue Bilder und neue Emotionen auf und werden Teil des Fundaments deines Songs. Darum betrachte ich sie nicht als Geister, sondern als geometrische Formen, die mir einen anderen Teil oder eine andere Dimension von sich zeigen, die ich bisher noch nicht gekannt habe. Nun, in Zusammenarbeit mit dem Orchester, sehe ich diese alten Songs als Drachen, also hält man trotz High Heels durch, und bleibt einfach wo man ist. Aber du musst auch auf den Drachenbändiger achten denn der Drache könnte dich beißen. Es ist gefährlich, es ist spaßig und es ist sexy. Wenn du es allerdings falsch angehst, zerstörst du es.

Gibt es irgendwelche bestimmten Lieder, mit denen du live immer zu kämpfen hast?
Da sind ein paar, die live ziemlich schwierig zu spielen sind, weil sie eigentlich eher fürs Studio gedacht sind. „Datura“ ist eins der Lieder, die ich in voller Länge nicht live performen werde—obwohl ich das vor meinem Tod eigentlich schon noch gerne machen würde. Es ist so konzipiert, dass die Flower-Stimme den Rhythmus einnimmt. Wir haben in den letzten Jahren immer mal wieder darüber gesprochen, die Stimme in einer Schleife laufen zu lassen, aber bisher habe ich noch nicht die Zeit dafür gefunden es für einen Liveauftritt passend zu machen. Ich würde vermutlich nur fünf Tage dafür benötigen, aber das muss ich erst noch herausfinden. „iieee“ ist noch so ein Song der live ziemlich kompliziert ist. Deine neue Version von „Hey Jupiter“, die du auf der Show zum Besten gegeben hast, war richtig gut. Für jemanden der wie ich wirklich alle deine Songs liebt, war es echt aufregend ein altes Lieblingslied in einer neuen Version zu hören.
Das ist einer von den Songs der mehrmals verändert wurde. Es geht ihr gut. Aber sie hat sich über die Jahre so stark verändert. Das Ganze musste mehrere Etappen durchlaufen um das zu werden, was es jetzt ist. Mein absoluter Favorit unter den Neuinterpretationen deiner alten Lieder auf dem Album, ist „Yes, Anastasia.“ Die Strophe „We’ll see how brave you are,“ trifft einen einfach jedes Mal. Egal wann du es hörst, es kann immer gerade das bedeuten, was du willst, das es bedeutet. Trotzdem frage ich mich, was bedeutet es deiner Meinung nach, mutig zu sein?
Ich würde sagen, dieses Gefühl wurde für mich in den Jahren seit 1993 immer wichtiger, aber ich brauchte die letzten 18 Jahre, um zu verstehen, was mutig zu sein heißt. Es steht für viele verschiedene Dinge, die ich damals einfach noch nicht verstand. Es wurde aus der Sicht des über allen Stehenden geschrieben. Das Lied selbst dient nicht nur diesen Besonderheiten. Über die Jahre hat sich mir gezeigt, dass es darin um Leute geht, die gegen den Krebs ankämpfen, und um viele andere Situationen und Schicksale, die ich mir nicht mal vorstellen kann. In den Wehen liegen zum Beispiel.

Es muss nicht immer um Trauer und Tragödien gehen. Es kann auch davon handeln, bei einem Wettrennen mitzulaufen. Es kann davon handeln, in der Schule während des Unterrichts aufzustehen und einen Text vorzulesen. Der Umstand Nichten und eine Tochter zu haben, hat den Begriff Mut für mich neu definiert. Aber um deine Frage zu beantworten, vielleicht bedeutet mutig zu sein, jeden Tag wenige Momente des Alleinseins zu haben und zu sich zu sagen, ich weiß es gibt jeden Tag etwas Neues für mich zu entdecken, deshalb ist es okay, sich seine eigenen Unsicherheiten einzugestehen. Ich bin nicht unbedingt der Auffassung, dass man das auch seinen Kollegen anvertrauen sollte, man kann nämlich nie ausschließen, dass sie es eines Tages gegen einen verwenden werden. Ich bin ziemlich schockiert darüber, dass in vielen Büros Mobbing alltäglich ist. Ich habe in letzter Zeit viel davon gehört. Es ist schockierend. Und es ist schockierend, auf welche verschiedenen Arten man von anderen Ladys schikaniert werden kann. Ahja. Ohne jetzt vom Thema abkommen zu wollen, aber das bedeutet ja im Endeffekt man soll selbst zum Mobber werden. Du denkst also, der einzige Weg in so einer Schlangengrube zu überleben besteht darin, selbst zur größten Schlange zu mutieren, nur um eines Morgens aufzuwachen und festzustellen dass man zu einem richtig fiesen Miststück geworden ist.
Ja! Ich will, dass ihr das veröffentlicht. Für manche Leute mag das anmaßend klingen, aber wenn du versuchst, ein Produkt zu kreieren oder wie in unserem Fall eine atemberaubende Veranstaltung oder eine Show, sind es immer Leute mit ordentlichem Selbstbewusstsein die die Dinge seit 20 Jahren am laufen halten. Genauigkeit? Ja. Rücksichtslosigkeit? Ja. Entschlossenheit? Ja, verdammt, aber immer mit Anmut. Du musst nicht den Chef raushängen lassen. Wenn du richtig gut bist in dem was du tust, und in der obersten Liga mitspielst, hast du das nicht nötig. Das Meer teilt sich für dich. Aber wenn du mich fragst, was ich für mutig erachte, ich denke, jeden Tag in ein Büro zu marschieren, das erfordert Mut. Vor allem wenn man eine Frau ist.

Hast du den Film The Master gesehen?
Nein. Okay, eine der Hauptprotagonisten in The Master ist ein Besoffener, der richtig aggressiv ist und viele Probleme hat. Ihm wird gesagt, er soll an irgendetwas denken, das er unbedingt haben möchte und es dann in die Zukunft zu verlegen, damit er es sich holen kann, wann immer er es braucht. Was würdest du für dich in der Zukunft platzieren?
Ich würde sagen, in den letzten paar Jahren habe ich viel über die vielen kleinen Überraschungen, die wir im Laufe unsres Daseins erleben, gelernt. Du kennst den Spruch „Erwarte das Unerwartete“? Ich würde dir eher raten „Umarme das Unerwartete“, denn dann findest du den Ort an dem das Leben Geschenke für dich bereithält, dort wo die wahre Inspiration und die Funken auf dich warten. Und ich persönlich will für jegliche Form der Kreativität offen sein. Ich denke, da Frauen immer älter werden, gibt es viel zu tun in der Musikindustrie. Es gibt da ein paar, und wir müssen jetzt auch keine Namen nennen, die wirklich da draußen sind, die wirklich singen, performen und es einfach tun. Aber zu Frauen, die in der Musikindustrie sind, würde ich sagen—da sie älter werden und graue Haare bekommen—, dass es scheint, als würden sie von der Mehrheit kulturell gesehen auf eine andere Art anerkannt, als die Männer. Es kommt mir vor als würden sie anders beurteilt werden. Ich hoffe, dass ich in Zukunft immer noch über Sachen schreiben kann, die Kraft haben. Aber es werden andere Dinge sein, denn du erlebst die Dinge in jedem Alter auf eine andere Weise.

Das jetzt nur so nebenbei aber ich war vor ein paar Wochen bei einem Medium. Ich war auf einer Verabredung und mein Date und ich spazierten durch die Straßen von Manhattan, als wir an einem Schild, das für ein 5$ Medium warb, vorbeikamen. Wir gingen hin, weil wir dachten das könnte lustig werden. Die Alte gabs mir richtig dreckig. Sie sagte mein Drittes Auge sei komplett blockiert und im Anschluss daran versuchte sie mir, allen möglichen Kram anzudrehen, um es wieder zu heilen. Ich habe meinen Freunden davon erzählt und alle fragten mich „Was wirst du tun?“ Und ich sagte ihnen, dass ich dir davon erzählen und dich um deine Meinung fragen werde. Also was soll ich deiner Meinung nach tun? Sollte ich mein Drittes Auge heilen?
Aber was soll das bitte heißen? Wenn jemand zu dir sagt, dein Drittes Auge sei blockiert, meint er damit, du hast eine beschränkte Weltanschauung. Bring es in den Kontext und die Sprache die einen Sinn für dich ergibt, du hast doch studiert oder? Dann kannst du nämlich sagen, wenn ich mich entscheide, mich darauf einzulassen, heißt das vielleicht ich muss versuchen mit anderen Augen zuzuschauen. Nicht nur mit dem Auge der Skepsis sondern auch mit dem Auge der Möglichkeit. Du musst alle deine sechs Sinne gebrauchen. Sei da! Du musst vollkommen da sein!

Fotos von Kate Black.