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Ich habe die beste Musik meines Lebens durch Computerspiele entdeckt—und ich bin damit nicht allein

Ohne ‚Tony Hawk’s Pro Skater’, ‚Grand Theft Auto’ und ‚Dave Mirra’ würde in meiner Musiksammlung gähnende Leere herrschen.

von Mat Ombler
09 März 2016, 12:16pm

Ich laufe über eine Straße, auf welcher gefühlt der Staub der letzten 30 Jahre liegt, und warte darauf, dass endlich ein Auto vorbeikommt. Als schließlich eins am Horizont auftaucht, stelle ich mich mitten auf die Fahrbahn. Wie bestellt, hält das Auto—in diesem Fall ein zerbeulter Pick-Up—vor meiner Nase an. Ich renne zur Fahrertür, ziehe meine Waffe, befördere die Insassen unsanft nach draußen und drücke das Gaspedal durch. Während ich der Sonne entgegenrase, die langsam über Blaine County untergeht, schallt aus der Anlage die Musik von Channel X.

Nein, das ist nicht wirklich passiert—also nicht im echten Leben. Ich klaue keine Autos. Stattdessen sitze ich in meiner Unterhose auf der Couch, esse Doritos und spiele Grand Theft Auto. Die Songs vom Spielesoundtrack—von All Saints und Jai Paul, bis hin zu Suicidal Tendencies und Bob Seger ist so ziemlich alles dabei—schaffen allerdings eine Verbindung zwischen diesen Augenblicken virtueller Kriminalität und meinem echten Leben. Später liefere ich mir noch mit der kompletten Polizei von Los Santos eine Verfolgungsjagd, währende im Hintergrund „Applause“ von Lady Gaga läuft. Gegen Ende meiner virtuellen Verbrechenstour entscheide ich mich dafür, den Pick-Up aufzugeben, und springe für eine taktische Zigarettenpause in ein Taxi. Ich höre zum ersten Mal „El Sonidito“ von Hezieros Band und verliebe mich sofort in die penetranten Tutgeräusche.

Die Szenarien, die ich mit diesen Songs verbinde, haben letztendlich auch dazu geführt, dass sie ihren Weg in mein echtes Leben gefunden haben. Dadurch sind am Ende Künstler und Bands auf meiner ganz normalen Playlist gelandet, auf die ich wahrscheinlich nie gekommen wäre, wenn sie nicht auf den Spielesoundtracks vertreten gewesen wären. Es gibt auch tatsächlich keine Beziehung, die an das heranreichen könnte, was mich mit Computerspielen und Musik verbindet.

Oberflächlich gesehen, werden Gamer wie ich auf diese Weise zu neuer Musik gebracht. Das ist natürlich für sich schon großartig, schließlich gibt es nichts Besseres, als einen neuen Song lieben zu lernen, den man an total unerwarteter Stelle für sich entdeckt. Es geht dabei aber um noch viel mehr. Unter der Oberfläche befindet sich eine brodelnde Unterströmung, die eine erhebliche Rolle dabei spielt, die Karrieren von Künstlern und Komponisten voranzutreiben, denen dadurch mehr Einnahmen und Aufmerksam zugute kommen als jemals zuvor. Schau dir nur mal die Unmengen von alten und neuen Künstlern an, die allein durch GTA-Radiosender entdeckt wurden.

Und wo hat das alles angefangen? Große Spieleserien wie Grand Theft Auto, FIFA und NBA sind für ihre Soundtracks bekannt, aber die Verwendung populärer Songs in Videospielen reicht noch viel weiter zurück. Michael Jackson’s Moonwalker, in dem Midi-Versionen von Hits wie „Beat It“ und „Smooth Criminal“ zu hören waren, war wahrscheinlich das erste Spiel, das Popmusik in seinen Soundtrack einbaute—damals, 1989 auf dem Sega Mega Drive. Spiele wie Wipeout 2097 (mit Chemical Brothers und The Prodigy im Soundtrack) und Quake (dessen Soundtrack wurde von Trent Reznor persönlich komponiert) folgten wenig später und festigten die Idee weiter, dass die Inklusion populärer Musik in Computerspiele mehr als bloß eine Modeerscheinung war. Für mich erschien der Heilige Gral der Videospielsoundtracks aber erst 1999 mit der Veröffentlichung von Tony Hawk’s Pro Skater. Es war das Spiel, das meinen Ohren eine neue Welt eröffnete.

Jeden Nachmittag hastete ich von der Schule nach Hause, schmiss meine Tasche in die Ecke und galoppierte rüber zur Playstation, um das „School“-Level zu zocken. Also versteht mich nicht falsch: Ich liebte es, von meinem sicheren Sofa aus, hohe Treppenabsätze per Kickflip zu überwinden. Aber als Jugendlicher in einer Welt ohne Breitbandinternet war das Aufregendste an dem Spiel eben sein Soundtrack. Von Goldfinger bis hin zu den Vandals kam ich darüber nämlich mit einer Punkszene in Berührung, von der ich bis dahin noch nie gehört hatte.

Während die Reihe weiter ging, von der Playstation auf die Playstation 2 wanderte, hatte Tony Hawk’s Pro Skater einen großen Einfluss auf meinen Musikgeschmack—das Spiel war quasi mein großer Bruder. Neben Bands wie den Bouncing Souls und Less Than Jake waren in späteren Ausführungen auch Frank Sinatra, Gang Starr und Public Enemy zu hören. Ich kam auf diese Weise mit neuer Musik in Berührung—Jahre bevor ein paar Schweden überhaupt damit begonnen hatten, an Spotify zu denken. Ich weiß, dass ich mit meiner großen Liebe für die THPS-Soundtracks nicht alleine dastehe: Sie sind zu einer Art kultureller Referenzpunkt geworden und gehören zum Nostalgiekanon meiner Generation. Selbst Jahre nach ihrer Veröffentlichung ist YouTube voll mit Playlists des Spielsoundtracks. Und es sind genau diese Genre-definierenden Soundtracks, die auch dabei geholfen haben, dass die beteiligten Bands einen Haufen Platten verkaufen konnten.

Tim Riley, ein ehemaliger Angestellter von Activision und verantwortlich für einen Großteil der Musikauswahl der Tony Hawk-Reihe, sagt, dass Fall Out Boy in der Woche nach der Veröffentlichung von Tony Hawk’s American Wasteland 70.000 Kopien ihres Albums verkauft haben. „Superman“ von Goldfinger ist heutzutage der bekannteste Song der Band und wird von vielen als der Titeltrack der Spielereihe gesehen. Durch seinen Soundtrack wurde das Game zu einem Synonym für die Popularität des Punks in der Zeit nach der Jahrtausendwende. Es ist auch fraglich, ob es eine Menge Musiker auch ohne diese Soundtracks überhaupt geschafft hätten, derartige Karriere zu etablieren und voranzutreiben.

Seit der Tony Hawk-Reihe sind Computerspiel-Soundtracks regelrecht durch die Decke gegangen. Heute hört man Lorde gleichermaßen auf dem Soundtrack zu Assassins Creed (wo ihre Musik einen Spieletrailer untermalt) wie im Radio. Und wer könnte The Sims 3 vergessen: Unterschiedliche Künstler wie Damian Marley, die Flaming Lips und Katy Perry wurden damals engagiert, um ihre Songs in Simlish neu aufzunehmen. Aber solche Mainstreamtitel sind nicht die einzigen, die die Spielergemeinschaft auf neue Musik aufmerksam machen. Da gibt es zum Beispiel Life Is Strange: ein Third-Person-Adventure von 2015. In dem Spiel werden einige ernste Themen wie Drogen und Missbrauch behandelt, aber wirklich besonders wird der Titel dadurch, dass die Entwickler von Life Is Strange großen Wert auf die Auswahl der Musik für den Soundtrack gelegt haben. Die dem Spiel eh schon zu Grunde liegende raue Stimmung wird dadurch noch einmal ungemein verstärkt.

[SPOILER-WARNUNG] Am Ende der vierten Episode des Spiels wird der Spieler vor die Wahl gestellt: Entweder kann er sich dazu hinreißen, einen der Hauptprotagonisten zu töten und von seinem Elend zu erlösen, oder er macht einfach weiter. Klar, das ist alles nur virtuell und dementsprechend auch irgendwie trivial, aber durch die Untermalung mit dem Song „Mountains“ von Message To Bears wird die Szene zu echtem Leben erweckt. Die Stelle wirkt dadurch sogar so emotional, dass manchen Spielern dabei die Tränen kamen. Einige von ihnen kontaktieren sogar direkt Message To Bears, um ihm zu sagen, wie sehr sie der Song berührt hat. Jerome Alexander, der Künstler hinter Message To Bears, erzählte mir, dass er durch das Spiel viele neue Hörer gefunden hat. Das besagte Stück hat mittlerweile auch beinahe eine Millionen Views auf YouTube erreicht.


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Egal, ob man jetzt einen Freeway in Los Santos entlangfährt oder ängstlich abwägt, einem virtuellen Protagonisten Morphin zu spritzen, es ist immer diese emotionale Verbindung zwischen der Musik und bestimmten Stellen im Spiel, die die Verkaufszahlen in die Höhe schnellen lassen kann. Dan Croll ist ein Electro-Künstler, dessen Songs in FIFA 14 und GTA V zu hören sind. Auch Justin Bieber packte einen seiner Songs in eine Playlist, aber es war vor allem die Inklusion in die Grand Theft Auto-Reihe, die ihm einen Haufen neuer Fans bescherte—und bei Weitem übertraf, was Bieber ihm eingebracht hatte. „Sobald ich in GTA V gelandet war, hatte ich den Durchbruch geschafft“, sagt er. „Game-Fans aus der ganzen Welt schrieben mich an, um mir zu sagen, wie viel ihnen der Song bedeutet.“

Kein Wunder also, dass Computerspiele inzwischen als profitables Mittel zum Musikvertrieb betrachtet werden. Der Ehemalige CEO von Universal Music, Zach Horwitz, sagte mal, dass eine Inklusion in die Guitar Hero-Reihe die echten Verkäufe durchschnittlich um 200 bis 300 Prozent anheben würde. Bobby Cotick, Chef von Activision, erwähnte, dass Aerosmith mehr an Guitar Hero verdient haben, als an irgendeinem ihrer Alben. Eine solche Inklusion ist quasi das Vinyl-Reissue der Computerspielwelt. Im November hatten die Digitalverkäufe von Inon Zurs Titelmelodie für Fallout 4 die Marke von 17.000 durchbrochen, was im Vergleich zu den Zahlen der großen Popstars ziemlich läppisch erscheint. Man sollte allerdings bedenken, dass im Zurs Fall die Leute offensichtlich so sehr auf das Spiel abfahren, dass sie sich extra den Titelsong kaufen, der im Spiel ohnehin in Dauerschleife läuft.

Wenn so große Blockbuster-Titel also das Potential haben, die Verkäufe stärker anzukurbeln als jede Justin-Bieber-Playlist, ist es auch wenig verwunderlich, dass die Universal Music Group letzten Oktober in den schwedischen Handyspiele-Hersteller Nuday Games investiert hat. Die erste Veröffentlichung des Entwickler-Studios ist ein Handyspiel namens Rock Science: The Rock Game of the Century. Im Grunde handelt es sich dabei um ein Pop-Quiz, bzw. Rock-Quiz, bei dem Spieler über ihr Wissen zu Bands von Motörhead bis KoRn ausgequetscht wird.

Die Beteiligung von Majorlabeln an dem Kerngeschäft der Spiele-Industrie wird jedoch mit einiger Skepsis betrachtet. Da, wo manche Entwickler Musik zu ihren Spielen hinzufügen, um die künstlerische Qualität des Produkts zu verbessern, wollen andere bloß ihre Songs promoten. Aus diesem Grund wurde wahrscheinlich Jason Derulo auch herangeschleift, der potentiellen Kundschaft Just Dance 3 bei der letztjährigen E3 vorzustellen. Wenn es allerdings richtig angegangen wird, helfen diese Spiele dabei, den Musikgeschmack der Gamer zu prägen. Das ist besonders hilfreich bei der selbsternannten Hardcore-Elite, die sich weigert, die Couch zu verlassen, sobald es Double XP beim Multiplayer-Spiel zu gewinnen gibt.

Ich habe einige meiner Lieblingsbands durch Spiele wie Tony Hawk, Dave Mirra Freestyle BMX und GTA entdeckt. Jedes Mal, wenn ich mir die All Hallows EP von AFI anhöre, bin ich in Gedanken sofort wieder bei Tony Hawk’s Pro Skater 3 und schaffe die Gießerei zum ersten Mal mit 100%. Gerade erst hat mich der Tod von Dave Mirra auf diverse YouTube-Playlisten geführt, wo ich „What I Got“ von Sublime in Dauerschleife laufen ließ. Als mich die Nachricht von seinem Selbstmord erreichte, hatte ich das Gefühl, meiner Kindheit sei ein heftiger Schlag versetzt worden. Ich habe einen guten Teil meiner Jugend damit verbracht, Dave Mirra Freestyle BMX zu zocken und habe die Entdeckung von Bands wie Pennywise, Sublime und Deftones dem Spiel zu verdanken—sowie unzählige weitere.

Der Einfluss dieser Soundtracks hat auch nicht nur Gamer berührt. In gewisser Weise haben diese Spiele die Macht, den Musikgeschmack einer ganzen Generation zu prägen und durch ihren Einfluss neue Musik hervorzubringen. Von Grime bis HipHop gibt es unzählige Musiker, die das Playstation-Spiel Music 2000 als ihren Einstieg in die Musikproduktion angeben. Bands wie The Reign of Kindo und BadBadNotGood covern sogar ihre Lieblingssongs aus Computerspielen. Und es gibt zunehmend Tourneen, in denen die Musik von Spielen wie Pokémon oder Zelda mithilfe ganzer Orchester aufgeführt wird.


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Die Zukunft für die Beziehung zwischen Computerspielen und Musik sieht dermaßen rosig aus, dass mir ganz schwindelig wird. Die Spiele bringen Musik in unser Leben. Ohne sie würde in meiner Musiksammlung wahrscheinlich gähnende Leere herrschen—abgesehen von diesem David Byrne Song, der mit meiner Kopie von Windows XP kam. Und wie alle PC-Spieler wissen, wäre das ein ganz furchtbarer Ort.

Folgt Mat bei Twitter—@MatOmbler

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