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Interviews

Crack Ignaz & Wandl sind trotz des ganzen Geldes BFFs

Wir waren mit Swag-Boy Crack Ignaz und Beatfrickler Wandl auf dem Weihnachtsmarkt, um Karussell zu fahren und über ihr Album zu sprechen.

von Carlos Steurer
14 Dezember 2015, 10:10am

Berlin, Alexanderplatz. Ein viel zu warmer Dezembertag. Der Adventsmarkt unterm Fernsehturm strahlt nur wenig weihnachtlichen Glanz aus, aber Crack Ignaz und Wandl lassen sich den Spaß daran nicht nehmen. Auf die Fahrt im Pferdekarussell gönnt man sich den ersten Glühwein. Natürlich sind die Christkindlmärkte in Österreich gemütlicher und authentischer, bestätigen die beiden Haberer, während wir über den überlaufenen Touritreffpunkt am Alex schlendern. Ein Kamerateam von den RTL-2-News erspäht den blonden Lockenkopf von Ignaz und bittet um ein Statement zum Thema Aids. Ein fast normaler Pressetag für die Wahlwiener und BFFs, die im Januar mit Geld Leben ihr erstes gemeinsames Album veröffentlichen werden.

Dabei ist es erst ein halbes Jahr her, dass Crack Ignaz sich zum „König der Alpen" ernannte und mit Kirsch überraschend den Sommer (und wenig später die Jahresbestenlisten) übernahm. Doch der Boy Pegasus wandelte zu dem Zeitpunkt schon wieder auf ganz anderen Wolken, als sein Debütalbum im Juli über MPM erschien. Im Wandl-Crib werkelte er mit dem Affine-Produzenten bereits am letzten Feinschliff für Geld Leben—dem düsteren, desillusionierenden Gegenstück zum knallbunten Autotune-Kitsch von Kirsch. Wandl strickt darauf dichte Samplecollagen, die sich mit dem Based-Dada-Entwurf des Hanuschplatzflow-CEOs zu einem Trip im Albumformat entspinnen. Ein Gespräch über Johann Sebastian Gödlife, das Unwort Cloudrap, Spoken Schmäh und gewollte Irritationen.

Noisey: Kirsch war ja mehr Kritikerliebling als kommerzieller Erfolg. Welche Türen hat dir das Album denn geöffnet, Ignaz?
Crack Ignaz:
Ich glaube, dass das, was ich mache, jetzt ernster genommen wird, vor allem in Deutschland. Anfang nächsten Jahres spiele ich eine Tour mit LGoony. Das wird sehr fucking dope: Die Bühne wird ein Raumschiff sein, das während der Show abhebt.

Im Raumschiff auf die Bühne—das hat Michael Jackson auf der „History"-Tour schon gemacht.
Echt? Okay, ja, dann wird es halt Michael-Jackson-mäßig. Wir brauchen noch einen Schimpansen, aber der Wandl ist ja dabei (lacht). Sorry, Bro.

Kirsch hatte eigentlich genug Pop-Appeal um kommerziell durch die Decke zu gehen, oder?
Freut mich sehr, dass du das sagst. Aber ich bin total zufrieden, wie alles verlaufen ist. Ich finde es schön, dass man Kirsch noch immer für sich entdecken kann, wenn man sich das erste Mal mit mir beschäftigt; dass der Hype nicht überzogen war und alles gesund wächst.

Wandl, wie bist du auf Crack Ignaz aufmerksam geworden?
Wandl: Wann kam „Based Im Nebel“ raus? Nee, das erste, was ich von ihm hörte, war das Swag Tape.
Crack Ignaz: „Based Im Nebel“ kam im Februar 2012 raus, das war lange vor dem Swag Tape.

Und wann hast du, Ignaz, Wandls Musik erstmals wahrgenommen?
Crack Ignaz:
Als ich ihn das erste Mal getroffen habe. Bei einem Hanuschplatzflow-Konzert in einem Kaff in der Nähe von St. Pölten. Am nächsten Tag habe ich mir dann seine Sachen angehört. Wir hatten aber kaum Kontakt und trafen uns erst ein Jahr später in Wien wieder.
Wandl: Über die Brenk- und Fid-Mella-Ecke hatte man auch gemeinsame Bekannte, aber nie wirklich connectet.
Crack Ignaz: Wir haben uns quasi über die Musik kennengelernt. Aber ich habe schnell gemerkt, dass der Typ in Ordnung ist. Best Friends Forever, würde ich sagen (grinst).

Prallen bei euch geschmacklich nicht auch Welten aufeinander: Wandl, der frickelnde Musik-Nerd mit elektronischem Einschlag, und Ignaz, der arrogante Swag-Boy…
Crack Ignaz:
…auf der Straße mit sehr viel Geld (Gelächter). Ich verstehe schon, was du meinst. Es gibt Sachen, die ich an Wandl bewundere und die ich gerne auch können würde. Das war das Spannende für mich: zu sehen, was bei der Konstellation rauskommt.
Wandl: Wobei ich immer schon Beats produziert habe, auch neben meinen—wie du meintest—nerdig-experimentellen, elektronischen Sachen.
Crack Ignaz: Und der Wandl ist eh auch HipHop-bewandert. Deswegen gab es musikalisch keine Konflikte.

Gibt es denn Musik, über die ihr euch streiten könnt?
Wandl:
Ja, sicher (grinst). Wie heißt dieser Chief-Keef-Track?
Crack Ignaz:Dope Game".
Wandl: Über den haben wir uns gestritten.
Crack Ignaz: Das ist immer so: Ich zeige ihm Sachen, und er findet die generell scheiße. Gestern im Hostel wollte er mir so einen krassen Track zeigen, den ich ihm schon vor 'nem halben Jahr vorgespielt habe. Du sträubst dich schon mehr gegen Sachen, mit denen ich ankomme und dann feierst du sie doch.
Wandl: Ich bin halt skeptischer (grinst).

Im Pressetext zu Geld Leben wird das Album mit Piñata verglichen, bei dem die Digger-Welt Madlibs mit dem Straßensprech von Freddie Gibbs aufeinander prallte. Die Soundästhetik von Geld Leben erinnert tatsächlich daran.
Wandl:
Madlib war eh eine große Inspiration fürs Album, aber mehr noch als Piñata waren es seine Quasimoto-Sachen. Die haben wir beide sehr gediggt. Die Bilder, mit denen er oder auch ein DOOM spielen, diese Comic-Welt, hat uns schon beeinflusst.

Das Album ist mit seinen instrumentalen Skits fast filmisch aufgebaut. Habt ihr lange an den Details und der Postproduktion gefeilt?
Wandl:
Das war im Nachhinein noch eine ziemliche Arbeit. Ich habe das in der Form noch nie gemacht, aber genau das war der Ansporn. Kein schnelles Mixtape hinrotzen, sondern ein Album machen, das für uns auf einer persönlichen Ebene funktioniert und dann auch wieder nicht. Es soll eine Schlüssigkeit bestehen, die nicht zu offensichtlich ist. Das finde ich cool.

Wie kann man sich die vielbeschworene Wandl-Crib vorstellen, wo das gesamte Album entstand?
Wandl:
Eine Einzimmerwohnung in Wien… Obwohl, das sollte ich gar nicht verraten.
Crack Ignaz: Das Wandl-Dungeon!
Wandl: Genau, es ist ein dunkler Keller.
Crack Ignaz: Und es gibt ein Klavier.
Wandl: Das ist das Schönste an der Wohnung.

Ihr habt dort alles produziert, geschrieben und aufgenommen. Hattet ihr Einfluss auf die Arbeit des Anderen?
Crack Ignaz: Wir waren immer gemeinsam am tüffteln. Aber ich rede Wandl gar nicht rein. Er vegetiert da versunken vor seinen Bergen von Samples hin. Es war schon schwer, ihn da überhaupt wieder rauszukriegen.

Auf klassisch-samplelastigen Beats hat man dich bisher kaum rappen gehört. Willst du mit dem Sound, der sich stark von den flächigen Synthie-Beats und dem exzessiven Autotune-Einsatz von Kirsch unterscheidet, den Leuten vor den Kopf stoßen, also mit Erwartungen ganz absichtlich brechen?
Crack Ignaz:
Es ist jedenfalls kein Schritt zurück, eher ein Luftholen von Kirsch. Klar, auf gewisse Weise ist das auch als Provokation zu verstehen. Mir war es wichtig, mich in diese Richtung mal auszutoben und zu schauen: Wie passe ich da rein und was entsteht dabei? Ich fühle mich auf solchen Beats jedenfalls wohl und hoffe, es funktioniert.

Hätte das Album denn so klingen können, wenn ihr keine Best Friends Forever geworden wäret?
Wandl:
Wenn wir uns nicht verstanden hätten, wäre es gar nicht erst zu einem Album gekommen.

Sowas gibt es aber schon, wenn der Vorschuss stimmt.
Crack Ignaz:
Stimmt. Bei uns hat aber trotz dem ganzen Geld die Freundschaft nicht drunter gelitten (lachen). Nah, diese freundschaftliche Basis war schon extrem wichtig.
Wandl: Wir haben uns halt nicht nur einmal die Woche getroffen. Sondern immer ein paar Tage am Stück, dann eine Pause eingelegt und wieder ein paar Tage durchgemacht. Wenn man sich länger zusammen in einen Raum einschließt, und sich nicht versteht, wird das sehr unangenehm.

War denn Stoli-Wodka wichtig für den Aufnahmeprozess?
Wandl:
Ich habe eher ziemlich viel Rotwein gesippt in der Zeit. Kann ich jetzt überhaupt nicht mehr trinken.
Crack Ignaz : Stimmt, Stoli war gar nicht so das Thema.

Der Bankautomat-Skit, in dem einer von euch seine letzten 30 € abhebt, ist bestimmt authentisch, oder?
Crack Ignaz: Der Hustle ist real—auf jeden Fall! Das war schon eine echte Situation. Während des Albums haben wir diverse Geldphasen durchgemacht. Und wie das halt so ist: Manchmal gibt man ein bisschen zu viel Geld aus, manchmal kommt man damit aus.
Wandl: Aber wir beschweren uns gar nicht. Uns beiden geht es gut.
Crack Ignaz: Exzellent, sensational!

Ignaz, du zeigst auf Geld Leben mehr Facetten von dir als Rapper. Auf „Wellen" versuchst du dich sogar in Spoken-Schmäh, musste Wandl das aus dir rauskitzeln?
Crack Ignaz:
Spoken-Schmäh? Wow: nächster Albumtitel. Vielleicht haben Wandls Beats das provoziert. Ich habe ihn auch ziemlich überrascht mit dem Shit. Als ich „Zähne & Augen" aufnahm, hat er eine Weile gebraucht, bis er das verstanden hat.
Wandl: Ich habe ihm erst nicht zugetraut, dass dieser Triolen-Trippleflow so geplant war. Das hat er nämlich beim MC Poe aufgenommen, und ich dachte, er hätte das falsch auf den Beat gesetzt. Wenn man es hört, kann man fast nicht mit dem Kopf nicken, weil man nicht checkt, was da abgeht. Das Album baut sich wie ein Trip auf, der gegen Ende richtig paranoid wird. Ignaz wollte die Irritation auf dem Track genau so haben.
Crack Ignaz: Er hat mir das wirklich lange nicht geglaubt, dass der Flow so gehört. Fürs Radio ist der Track jetzt vielleicht nicht so passend (grinst).
Wandl: Aber man muss doch Grenzen ausloten dürfen und nicht immer eine Single draus machen.

Sagst du da eigentlich wirklich Johann Sebastian Gödlife?
Crack Ignaz:
(lachen) Das heißt Göla! Aber das ist eine der vielen Variationen von Göldlife.

Du wurdest gerade in einem ARTE-Tracks-Beitrag über Cloudrap erwähnt. Wie steht ihr zu der Begrifflichkeit? Einige Rapper, die man als Vertreter des Subgenres bezeichnet, halten das für ein Unwort.
Crack Ignaz:
Ich habe die Vermutung, dass ein paar Leute einen Namen gesucht haben, der journalistisch nice aussieht. Ich weiß nicht, ob dieses Definition wirklich bestehen bleibt. Ich finde die Bezeichnung eher unnötig. Mir ist das zu abstrakt. Da werden viele Namen in einen Topf geworfen.

Zeigt sich da auch ein Generationenproblem? Künstler wie LGoony und du polarisieren stark und werden entweder total abgefeiert oder richtig gehatet—letzteres dann meist von älteren Rap-Semestern.
Crack Ignaz:
Bestimmt, die jetzige Generation bricht mit vielen Normen, die sich im Deutschrap etabliert haben.
Wandl: Aber das war immer schon so, und nur so kann sich die Musik weiterentwickeln. HipHop hat sich eh immer wieder krass gewandlt (grinst). Manche Leute sind so eingeschränkt, dass sie schon haten, wenn man nur schnelle HiHats einsetzt. Die sind sehr leicht zu provozieren und irritiert, sobald man nur irgendwas neu und anders macht.

Apropos, ich habe da Gerüchte über ein neues Subgenre gehört, an dem ihr gerade feilt. Was hat es mit Romantic Drill auf sich?
Crack Ignaz:
(zu Wandl) Hast du schon so viel gesnitcht? (Gelächter) Nein, das ist noch unter Verschluss. Aber wenn jetzt jemand den Namen benutzt, müssen wir uns was Neues einfallen lassen. Soviel können wir aber sagen: Wir haben schon die nächsten Visionen.


Geld Leben erscheint am 15. Januar 2016 bei MPM. Bestellt es euch bei Amazon oder iTunes.

Noisey präsentiert: LGoony & Crack Ignaz auf Tour
20.01. Innsbruck, Club Aftershave
21.01. Salzburg, Rockhouse Bar
22.01. Wien, Fluc
23.01. Graz, p.p.c. Bar
26.01. Frankfurt, Zoom
27.01. Köln, Yuca
28.01. Stuttgart, Schräglage
29.01. München, Hansa 39
30.01. Heilbronn, Mobilat
01.02. Saarbrücken, Kleiner Klub
05.02. Hamburg, Kleiner Donner
06.02. Essen, Hotel Shanghai
10.02. Leipzig, Turmzimmer
11.02. Rostock, Helga’s Kitchen
12.02. Chemnitz, Atomino
13.02. Berlin, Privatclub

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