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Die verstörende Welt des Nazitechnos

Willkommen im tiefbraunen, verstörenden Sumpf des Nazitechnos mit DJ 1933, Reichstep und DJ White Pride.

Foto via Flickr | Recuerdos de Pandora | CC BY 2.0

DJ Himmler, DJ 1933, Reichstep, DJ White Pride—um nur einige zu nennen. Die Namen lassen nicht besonders viel Interpretationsspielraum, worum es dabei wohl geht. Diverse Subgenres der elektronischen Musik hatten immer wieder mit dem Ruf des Rechtsextremismus zu kämpfen, vor allem Gabber. Bands wie Landser, Störkraft oder die frühen Böhsen Onkelz sind unter der Überschrift „Rechtsrock“ den meisten ein Begriff. Es gibt jedoch andere Neuzuguänge, bei denen oft nicht ganz klar ist, um was es eigentlich genau geht. Die Rechten machen bekannter Weise leider auch vor der Musik nicht halt—aber dass dies in so einer absurden Art und Weise passiert, finden sogar wir seltsam. Ist das noch Satire oder schon Propaganda? Willkommen in der verstörenden Welt des Nazitechnos.

Die Person Hitler. Sie ist der rote Faden, der sich durch fast jegliche Satire und Neopropaganda mit NS-Gedankengut zieht. Die markante Aussprache, die historische Rolle, die Personifizierung des Bösen. Alles Gründe, warum der Kult um Hitler bis heute lebt und in verschiedensten, manchmal komplett unverständlichen Versionen rekontextualisiert und in genialer Satire verarbeitet wird. Die meisten dieser Songs legen eine Aufnahme einer Rede von Hitler oder Göbbels über Techno- oder Hardstyle-Instrumentals. Das Internet hat eine Neigung zu tabugrenzensprengendem-Humor. Die Figur Hitler wurde schon tausende Male verwendet, meistens einfach nur um eine Grenze zu überschreiten und „extrem“ zu sein. Manchmal auch für ganz normalen Mainstream-Humor. Es gibt tausende verschiedene untertitelte Versionen der Endansprache aus Der Untergang. Beim Nazitechno ist es jedoch nicht wirklich klar ersichtlich, ob es sich um Propaganda oder Satire handelt. Dass man absichtlich keine Information darüber gibt, ob man es „ernst“ meint oder nicht, ist auch ein beliebtes Mittel um noch mehr provozieren zu können.

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Propaganda bedient sich aller zur Verfügung stehenden Mittel. Die deutschen Märsche und Lieder waren eine wichtige Identifikationsfläche im Dritten Reich. Das Horst-Wessel-Lied, ein Kampflied der SA, war zeitweise ein Teil der Nationalhymne des dritten Reichs, zu dem Deutschland und Österreich gehörten. Heute ist das Horst-Wessel-Lied unter dem Verbotsgesetz in Österreich verboten. Jedoch macht die Propagandamaschinerie auch vor der Neuzeit nicht halt und so gibt es kuriose bis verstörende Auswüchse von national-sozialistisch angehauchter elektronischer Musik. Obwohl man sich vielleicht schwer tut sich vorzustellen, wie dieses „Liedgut“ irgendjemanden radikalisieren könnte, sollte man es als das anerkennen was es ist: Eine Kombination aus zugänglicher Musik und politischer Ideologie. Was oft als reiner Spaß anfängt, könnte dazu beitragen, die Reden Hitlers—bewahre—salonfähig zu machen. Darf man das jetzt lustig finden? Auch wenn es möglicherweise keine Satire ist? Ist es nicht ziemlich tragisch, dass dieser Song-Müll wahrscheinlich wirklich als Propagandamaterial verwendet wird? Ein Verbot wäre hier genau so falsch wie die Tracks zu feiern, aber man darf schon wissen, was im Internet so rumgeistert.

Reichstep—„Triumph des Willens“

Hier werden Szenen aus Riefenstahls Propagandafilm Triumph des Willens über einen recht kompetent produzierten Dubstep-Track geschnitten. Ob das Instrumental vom Urheber des Videos erschaffen wurde, ist nicht ersichtlich. Triumph des Willens gilt als ein filmgeschichtlich wichtiger Propagandafilm Leni Riefenstahls. Generell lässt sich ein durchgehendes Konzept von „moderne Beats mit Hitler-Reden“ erkennen. Da sich über Hitlers prägnante Aussprache in der Popkultur immer wieder lustig gemacht wird, liegt der Gedanke, Hitler zu sampeln, natürlich nahe.

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Sieg Heil (Hardcore)

Ein stumpfes Sieg Heil-Sample über einen stumpfen Hardcore-Beat. Poe's Law besagt, dass man Parodien extremistischer Aussagen nicht von echten extremistischen Aussagen unterscheiden kann, wenn nicht klar gekennzeichnet wird, ob es Satire ist oder nicht. Es ist nicht wirklich möglich zu wissen, ob Rechte wirkliche solchen Techno hören oder ob das Ganze nur ein Witz ist, dessen Pointe weit über der Geschmacklos-Grenze liegt. Hitler ist schon länger die Punchline gewisser Witze. Es gibt tausende Versionen der Endansprache von Der Untergang mit jeweils anderen Untertiteln und K.I.Z veröffentlichten einen Song namens „Ich Bin Adolf Hitler“. Ist Hitler schon so in unsere Popkultur übergegangen, dass die Verarbeitung von vorhandenen Ton- und Filmaufnahmen als Entertainment ohne politische Aussage gesehen wird? Darf Humor alles? Es wird sowieso alles zum Politikum gemacht, wenn man nur lange genug wartet. Casper hat protestiert, dass ein Song von ihm bei Pegida-Veranstaltungen gespielt wird und in den USA ist es gang und gäbe, dass Präsidentschaftskandidaten ungefragt populäre Songs für ihre Kampagnen verwenden.

DJ Himmler—„Happy Heil“

Auch vor Happy-Hardcore macht der deutsche Cutter-Wolf nicht halt. Wir kommen langsam in den tiefen, braunen Sumpf des Youtubetechnos. Bei Künstlernamen wie DJ Himmler oder DJ White Pride ist wirklich nicht mehr viel Spielraum für mögliche Satire offen. Die Kommentare bewegen sich auch zwischen „Heil 14/88 “ (unter dem Video DJ Himmler—„Am Ostfront“) und „das gehört doch verboten“. Der geneigte Musikhörer tut sich vielleicht etwas schwer, wie ich, das Ganze als ernsthafte Propaganda zu sehen, weil alles einfach so schlecht produziert ist. Reicht das stumpfe Übereinanderlegen einer Rede mit einem geklauten Song wirklich aus, um die Gesinnungsmusik einer neuen Generation Rechter zu sein? Wäre extrem beschissen, wenn ja. Aber gut, Rechtsrock-Bands sind auch komplett unhörbar.

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DJ Himmler—„WarTrance!!“

Wieder DJ Himmler. Alle seine „Tracks“ zeichnen sich durch billige Pseudotrance-Freebeats mit Hitler-Ansprachen aus. Hier wurde Hitlers Stimme sogar zeitgemäß durch Autotune geschickt. Wer wirklich seine Gehörgänge mit mehr von diesem schlecht produzierten Müll malträtieren, oder sich etwas schockieren lassen will, dem sei diese Seite oder diese Playlist empfohlen. Weder der Autor noch die Redaktion wollen in irgendeiner Weise die Verbreitung dieses „Liedguts“ unterstützen oder befürworten (aber so viel Dummheit können wir euch nicht vorenthalten). Wer sich tiefer mit der Thematik der modernen rechten Propaganda in der Popularmusik auseinandersetzen will, kann hier eine Examsarbeit dazu lesen. Weitere Infos zu Aktionen gegen Rechts in der elektronischen Szene könnt ihr bei No Historical Backspin-DJs gegen Rechts! finden.

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