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2015 war definitiv das Jahr von Drake

Drake hatte 2015 neben seiner aggressiven Angriffslust auch eine neu gewonnene Selbstsicherheit, die er im Laufe des Jahres gut brauchen konnte.
21.12.15

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Ein mit Platin ausgezeichnetes Mixtape, eine Mundrauminspektion der Queen of Pop, ein glasklar für sich entschiedenes Rap-Battle und ein eigener Lippenstift. Keine Frage: 2015 war das Jahr von Drake.

Los ging es im Januar mit einer Szene, die—rückblickend betrachtet—die Marschrichtung für die kommenden zwölf Monate von Aubrey Graham vorgab. Der Comedian Red Grant ließ sich bei einer seiner Shows in Los Angeles im Januar zu einer Nunmer über Drake hinreißen—ohne zu wissen, dass der so eben parodierte sich im Publikum befand. Drake unterbrach das Sketchset sogleich und konfrontierte Grant mit seiner halbgaren Nummer, die laut Drakes Aussagen mehr an ein Lustigmachen über Chris Brown und Omarion erinnerte. Diese proaktive Konfrontation kannte man vom 6 God bis dahin nicht: Im Gegenteil, Drizzy hatte derartige Possen geflissentlich wegignoriert—und wenn er doch mal darauf einging, verlieh er seinem Ärger oder der Enttäuschung durch allgemeingültige Randnotizen Ausdruck.

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Die aggressive Angriffslust war neu—und setzte sich im Februar mit der überraschenden Veröffentlichung seines neuen Mixtapes If You’re Reading This It’s Too Late fort. Plötzlich war klar, was Drake gemeint hatte, als er 2014 auf seinem Hit „0 to 100/The Catch Up“ bereits ankündigte, im nächsten Frühling richtig loszulegen. If You’re Reading This It’s Too Late war ein Mixtape, das man—wie ein Album—über iTunes kaufen konnte und das in Anbetracht der Qualität, sowie der Eigenleistung in Sachen Beats auch ein Album war.

Die Vorlage für den Mixtape-Album-Hybrid war das eben schon erwähnte „0 to 100/The Catch Up“, eine ineinander übergehende Doppelsingle, die von ihrer kontrastreichen Dualität lebte: Prollige Prahlereien über ein minimalistisches Instrumental auf der einen, introspektive Selbstreflexion über ätherische Mood Music auf der anderen. Genau das, wofür man Drake seit seinem So Far Gone-Mixtape aus dem Jahr 2005 geliebt hatte. Genau diese Doppelmoral lebte Drake auf If You’re Reading This It’s Too Late aus und wirkte dabei zum ersten Mal in seiner Karriere um einiges angriffslustiger, als auf vergangenen Veröffentlichungen. Dumpf-düstere, beinahe kalt klingende Instrumentals, Gunshot-Salven, Goon-Talk und hochnäsige Ansagen war man von Drake bis dahin nicht gewöhnt. Vielleicht hat Drake schon geahnt, dass er die neue Selbstsicherheit im Laufe des Jahres noch brauchen könnte.

IYRTITL wurde rauf- und runtergestreamt, wanderte mehr als eine Million Mal über die Ladentheke und war das erste Platinalbum des Jahres 2015. Aber nicht nur das: 14 Songs des Albums tummelten sich zeitgleich in den Top 100 der Billboard-Charts—das war bis dahin nur den Beatles gelungen. Dass Justin Bieber diesen Rekord Ende des Jahres mit 17 Songs aus seinem Album Purpose überbot? Geschenkt. Drake ging es ohnehin um etwas ganz anderes.

Das Überraschungs-Release flankierte Drake mit einem Kurzfilm zum Song „Jungle“, in dem er das auf IYRTITL zwiegespaltene Verhältnis zu seiner Heimatstadt Toronto aufarbeitete. Seit 2009 eigentlich permanent unterwegs hat Drake Kanada allzu oft den Rücken gekehrt und nachdem er das Showgeschäft als riesengroßes Schauspiel erkannt und sich gemeinsam mit Lil Wayne im Rechtstreit mit Birdman, einem seiner wichtigsten Förderer aus Anfangstagen, befand, schien Aubrey Graham nach und nach klar zu werden, dass er in unserer schnelllebigen und oberflächlichen Gesellschaft eigentlich auf nichts und niemanden außer seiner Familie und den Rückhalt seiner Heimatstadt zählen kann. Gar kein so schlechter Move, denn gleichzeitig fungierte das Toronto-Topos auch als Vorbereitung auf Drakes für Januar 2016 angekündigtes Soloalbum Views From The 6, das im Titel schließlich die Postleitzahl von Toronto referenziert.

Die ersten drei Monate des Jahres gehörten Drake—und doch war irgendetwas anders, als er im April beim Coachella auftrat. Die Shows an beiden Wochenenden wirkten seltsam uninspiriert und das einzige Highlightchen, neben einer lustlos herumstolzierenden Nicki Minaj, war wohl die orale Halbvergewaltigung seitens Madonnas, die—sogar bei Drake selbst—mehr für Fassungslosigkeit als Freude sorgte. In einer grandiosen Gonzo-Reportage von Edelfeder Ernest Baker, die beide Wochenenden nochmal rekapitulierte, merkte man Drake die seltsame Lust- und Ratlosigkeit über die vergeigten Headliner-Auftritte durchaus an.

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Ein wenig gefrustet arbeitete Drake im Anschluss gemeinsam mit Personaltrainer Jonny Roxx daran, seinen Buff-Bod zu stählen und auf Instagram dafür Respektsbekundungen von Justin Bieber („Damn, Daddy!“) einzuheimsen. Er ging auf „Jungle“-Tour, kooperierte als Kurator mit dem New Yorker Kunstauktionshaus Sotheby’s, ließ seine Lyrics auf mit Zitronenlimonade gefüllte Dosen drucken und restaurierte seinen beim Coachella versauten Ruf durch zwei extrem raplastige und extrem gute Gastauftritte auf The Games „100“ und „R.I.C.O.“ mit Meek Mill.

Vor allem machte Drake aber durch einen ganz besonderen Deal von sich reden. Denn während Jay Z den gesamten Freundeskreis mobilisierte, um seinen eigenen Streamingdienst zum Laufen zu kriegen, zog Drake seine Bereitschaft zur Unterstützung kurz vor knapp wieder zurück und ging stattdessen einen 19-Millionen-Dollar-Deal mit Apple und dessen neuem Streamingdienst Music ein. Eigentlich allerbeste Vorausetzungen, um sich im Anschluss ein paar Nächte mit Noah „40“ Shebib und der OVO-Entourage um die Ohren zu schlagen und dieses gottverdammte Views From The 6-Album fertigzumachen. Eigentlich.

Denn im Juli sah Aubrey Graham sich plötzlich dem Vorwurf ausgesetzt, seine Texte gar nicht selber zu schreiben. Meek Mill hatte das Gerücht in die Welt gesetzt und behauptete obendrein, dass das auch der Grund dafür sei, dass Drake, nachdem Meek Mill und seine Mannschaft diesen Skandal aufgedeckt hätten, nichts über Dreams Worth More Than Money—ist das denn zu glauben?—getwittert hätte. Was dann folgte, war ein aufgeregtes Geschnatter, in dessen Verlauf sich Rick Ross auf die Seite von Drake schlug, seinen Tweet aber wieder löschte, während Chris Brown sich glücklich zeigte, einmal nicht die Skandalnudel zu sein und OG Mago den Namen Quentin Miller ins Spiel brachte.

Tatsächlich war der junge Mann auf den Songs „6 Man“, „10 Bands“ und „Know Yourself“ als Songwriter angegeben und tatsächlich spielte Funkmaster Flex den angeblichen „10 Bands“-Ghosttrack von Quentin Miller in seiner Radioshow. Sichtlich unbeeindruckt feuerte Drake in seiner „OVO Sound“-Radioshow ein Warnschüsschen in Form des Songs „Charged Up“ ab. Meek Mill nahm das wiederum zum Anlass, live erneut gegen Drake zu sticheln, kündigte einen Disstrack an, veröffentlichte dann aber nur einen Fake und während man sich noch fragte, ob mit Meek Mill alles okay sei…

…droppte Drake gänzlich unbeeindruckt in der nächsten OVO-Radioshow seines neuen Arbeitgebers Apple den nächsten Song. Während „Charged Up“ tatsächlich noch den Eindruck erweckte, Drake würde ganz entspannt im Hier und Jetzt weilen und sich einen feuchten Kehricht um Meek Mills Anschuldigungen kümmern, war „Back 2 Back“ ein Disstrack, wie er im Buche steht. Funny und fies zu gleichen Teilen, schonungslos ehrlich und augenzwinkernd, garniert mit Shots gegen Meek, seine hektischen Twitterfingerchen und seine Lebensabschnittsgefährtin Nicki Minaj.

Die erneuten Sticheleien von Meek Mill und ein nicht weiter nennenswerter Disstrack gingen in dem Spektakel unter, was nicht wenige als HipHop-Hinrichtung bezeichneten. Drake nutzte nämlich sein jährlich in der Heimatstadt abgehaltenes OVO-Fest, um Meek Mill ein für alle mal den Gar auszumachen. Schon am Vortag seiner Performance steppte Drizzy sein Shirt-Game up und war Backstage erst in einem „Charged Up“-Laibchen zu sehen und streifte sich wenig später ein „Free Meek Mill“-Shirt über, ehe er am zweiten Tag den Beamer anschmiss und zu „Back 2 Back“ zig Meek-Mill-Memes an die Rückwand der Stage projizierte, anschließend Hochkaräter wie Kanye West und Pharrell Williams auf die Bühne holte, um nach der Show nochmal gemeinsam mit den beiden und Will Smith über ein paar witzige Internet-Bildchen seines Gegners zu lachen.

Dass nach dem Opferfest Stimmen laut wurden, die Drake vorwarfen, den Beef mit Meek Mill zu weit getrieben zu haben: geschenkt. Aber dass während der alljährlichen Aftershow-Party zwei Menschen bei einer Schießerei ums Leben kamen, verlieh dem spektakulärsten Rap-Beef des Jahres oder vielleicht sogar Jahrzehnts einen faden Beigeschmack.

Fast so fad wie What A Time To Be Alive, das gemeinsame Mixtape von Drake und Future, das im Frühherbst recht spontan das Licht der Welt erblickte. Zwar las sich das Gipfeltreffen von zwei der derzeit interessantesten Rapper und Produzenten wie Metro Boomin, Noah „40“ Shebib und Boi-1da mehr als spannend—aber das 11-Track-starke Endergebnis kam nicht über uninspiriertes Mixtape-Material hinaus. Vielleicht der Grund dafür, dass Future das Mixtape in einem Interview mit Vibe leugnet. What A Time To Be Alive chartete dennoch auf Platz 1 der Billboard-Charts und bescherte Drake als erstem Rapper seit Jay Z im Jahr 2004 zwei Nummer-1-Alben in einer Spielzeit.

Eigentlich eine ganz gute Jahresbilanz, die man getrost hätte stehen lassen können. Aber Drake setzte noch einen drauf und veröffentlichte im Oktober ein Video zu „Hotline Bling“. Jenem Song, der im Beef mit Meek Mill und dem zeitgleich in der OVO-Radioshow veröffentlichten Disstrack „Back 2 Back“, beinahe untergegangen war. Als Drake das dazugehörige Video veröffentlichte, drehte das Internet dank ihm in diesem Jahr zum gefühlt achtzigsten Mal durch. Aubrey beamte sich in eine James-Turell-Ausstellung, führte in Sachen Tanzmoves einen hyperaktiven Hybriden aus Carlton Banks, Steve Urkel und Elaine Benes vor, machte die ACG-Boots von Nike cool, kurbelte den Verkauf von Canada-Goose-Mikrodaunen-Jacken an und lieferte so dermaßen viel Meme-Material, dass der Nachhall auch noch gut zwei Monate später spürbar ist.

Das Interessante: „Hotline Bling“ war eine fruchtig-groovende, passiv-aggressive Post-Booty-Call-Ballade, die auf dem 70er-Song „Why Can’t We Live Together“ von Timmy Thomas basierte und vielleicht nicht ganz zufällig an D.R.A.M.s Nintendo-Schunkler „Cha Cha“ erinnerte. Denn wenngleich 2015 definitiv das Jahr von Drake war, muss Aubrey Graham sich ein oder zwei Sachen dann doch gefallen lassen.

Zuletzt war es Earl Sweatshirt, der seinem Ärger über Drakes early adopterism Luft machte. Grund war, dass man Drake in einem Instagram-Video dabei zusehen konnte, wie er gepflegt zum Song „SKRT“ des Nachwuchsrappers Kodack Black abswervte. Earls Kritik: Drake würde jungen Rappern mit seinen Geheimtipp-Gesten keinen Gefallen tun, sondern sie lediglich für seine eigenen Zwecke ausnutzen. Wenn man sich den ausbleibenden Erfolg von „Tuesday“-Urheber ILoveMakonnen oder Drakes Remixe von WizKids „Ojuelegba“ so wie anderen Songs von up’n’coming-Künstlern ansieht, könnte da sogar etwas dran sein. Vielleicht nimmt Drake sich diese Kritik—genau wie die der lauter werdenden Stimmen ob seiner als Schmusemusik getarnten Sexismen—ja zu Herzen.

Dem Erfolg im Jahr 2015 tat das keinen Abbruch. Auf das eigene Air-Jordan-Modell folgte die Eröffnung seines eigenen Restaurants und ein ausverkaufter Tom-Ford-Lippenstift. Ein Mixtape mit Craig David und ein eventueller „Hotline Bling“-Remix mit Adele sind in Aussicht und seitens Spotify hat Aubrey mittlerweile auch bestätigt bekommen, dass er der meistgestreamte Künstler der vergangenen 12 Monate war. Dass er auch noch für vier Grammy’s nominiert war, aber keinen einzigen gewonnen hat, ist da noch das kleinste Übel. Im nächsten Jahr wird er sicherlich wieder einen einheimsen. Denn bald ist Januar—und da soll bekanntlich Drakes neues Soloalbum Views From The 6 erscheinen.

Deinen persönlicher Jahresrückblick 2015 auf Spotify gibt es hier.