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pro contra

Taylor Swifts „Shake it Off“-Video ist keineswegs idiotisch

Alles, was sie anfasst, umgibt eine Aura der Kompetenz—als hätte sie am Anfang ihres Lebens eine Regieanweisung mit dem Titel „Durchgeknallt aber bodenständig“ gelesen.

von sam wolfson
20 August 2014, 1:45pm

(Anm. d. Red.: Das neue Taylor Swift-Video „Shake it Off“ und die aktuellen Geschehnisse in Ferguson bringen die Debatte, inwiefern man sich eine fremde Kultur aneignen darf und ob es rassistisch ist, wenn man es denn macht, wieder ins Rollen. Wir haben zwei Beiträge von Autoren, die verschiedene Meinungen haben.)

27 ist vielleicht das schicksalshafte Alter, in dem junge Stars den Löffel abgeben, aber bereits mit 24 lösen sich die ersten Schrauben. 24 war das Alter, in dem Britney die Schere zückte, es war das Alter, in dem Lindsay in den Knast ging, und es war auch das Alter, in dem Rihanna sich einen lukrativen Nebenjob als professionelle Speedboat-Kifferin an Land zog.

Taylor Swift ist jetzt auch 24 Jahre alt und trotzdem geht die Wahrscheinlichkeit, dass sie versehentlich eine Schamlippe blitzen lässt, während sie zugedröhnt auf MDMA und Poppers aus einem Wagen steigt, gegen Null. Sie ist eben weniger unberechenbar hedonistische Popdiva als Kongressabgeordnete in zweiter Legislaturperiode mit Ambitionen auf eine Kabinettsposition. Da ist diese Aura der Kompetenz, die zart alles umhüllt, was sie anfasst—als hätte sie am Anfang ihres Lebens eine Regieanweisung mit dem Titel „Durchgeknallt aber bodenständig“ gelesen und würde nun auf weitere Instruktionen warten. Egal, ob sie sich für einen guten Zweck Wasser über den Kopf kippt, das Fitnessstudio verlässt oder hektoliterweise Zuckerwasser verkauft, bei ihr sieht jeder noch so abgeschmackt-kitschige Look würdevoll aus und jedem noch so oberflächlichen Look verleiht sie Tiefe.

Taylor hat jetzt ihr erstes neues Video seit mehr als einem Jahr veröffentlicht und in einem der in Bezug auf Nachrichtenmeldungen deprimierendsten Monate der jüngeren Vergangenheit, schaffte uns ihre Darbietung zu „Shake It Off“ eine kurze Verschnaufpause von dem Horror unserer Twitterfeets. Menschen auf der ganzen Welt bestaunten Taylors fragwürdige Rapskills und ihren unbeholfenen Tanzstil.

Das, was die Leute an dem Video wirklich überraschte, war die Tatsache, dass Taylor hier nicht in ihrer gewohnt kontrollierten Art zu sehen ist. Sie schneidet unbeholfene Grimassen, kann mit den anderen Tänzern nicht mithalten und die Lyrics sind bewusst dämlich. Taylor ist eine begabte Songwriterin, sie weiß ganz genau, dass Zeilen wie „To the fella over there with the hella good hair“ nicht das Beste sind, was sie zu bieten hat. Was ist hier also los?

Wie wir zuvor schon geschrieben haben, funktioniert das Miley Cyrus-Modell für Popmusik—ein paar gute Songs, einprägsames Auftreten und bei jeder Gelegenheit viel viel Haut zu zeigen—nicht mehr so gut. Die Kauflust der ganzen Perverslinge ist eben auch nicht mehr das, was sie einmal war. Gleichzeitig hat auf Hochglanz polierter Girlpop es ebenfalls nicht leicht. Little Mix schlagen sich in den USA vielleicht gerade ganz gut, aber in über zehn Jahren gab es jetzt schon keine erfolgreichere amerikanische Girlband mehr. Simon Cowells große All-Female-Pophoffnung, Fifth Harmony, schaffen es nicht, größere Charterfolge einzufahren, und auch mustergütige Popsängerinnen wie Kelly Clarkson und Lea Michele haben in dem heutigen Klima ihre Probleme. Letztes Jahr haben es nur drei Alben von weiblichen Künstlern in die Jahres Top 20 der Billboardcharts gemacht: Taylor selber, P!nk und Rihanna—und wenn Taylor nicht gerade damit anfangen möchte, Musik für besoffene Frischgeschiedene oder Stripclubcompilations zu machen, wird sie es nicht schaffen, in ihre Fußstapfen zu treten.

Sie könnte natürlich mit countrylastiger Popmusik weitermachen—dafür gibt es in den USA einen gigantischen Markt—aber nach vier Alben dieser Art ist es klar, dass sie etwas Neues braucht.

Sie hat sich also etwas Zeit genommen und beobachtet, was im Popgeschäft gut läuft: Boybands! Das weltweit am besten verkaufte Album des letzten Jahres war das von One Direction. Unter den Top 10 Alben der Billboardcharts dieser Woche finden sich zwei Bands dieser Richtung: 5 Seconds Of Summer und The Vamps. Natürlich besteht auch ein Teil ihres Erfolgs darin, dass Teenagerinnen niemals müde werden, herausgeputzte Herzensbrecher anzuschmachten. Zum großen Erfolg gehört allerdings noch mehr. One Direction haben ein—inzwischen oft kopiertes—neues Modell für Boybands geschaffen. Anstatt der grüblerischen und launigen Pin-Ups der 90er Jahre haben wir es jetzt mit minutiös durchgeplanten Spaßvögeln zu tun, die sich selbstironisch und selbstbewusst geben, während sie gleichzeitig ihren Fans den letzten Cent aus der Tasche ziehen.

Ein wichtiger Aspekt dieses neuen Typus besteht darin, sich selber als Antithese zu einer fiktionalen Popmaschinerie darzustellen. Im Video zu
„Best Song Ever“ streiten sie sich zum Beispiel mit geldhungrigen Labelbossen und Stylisten (von ihnen selber gespielt), die verlangen, dass sie eine kitschige Choreographie hinlegen und bescheuerte Klamotten anziehen. Ein noch besseres Beispiel sind aber die One Direction-Parfümwerbefilme, die einerseits eine clevere Parodie des Genres darstellen, aber gleichzeitig Unmengen Duftwasser unters Volk bringen. Sie gehen sogar so weit, das Making Of des Videos zu parodieren, um sich dabei auch noch erfolgreich über die Erstellung von Online-Content zum Selbstzweck lustig zu machen.

Die Message dahinter ist immer die gleiche: Wir sind solche Scherzkekse, unterlaufen das System und spielen mit Konventionen. Sie wissen aber einfach ganz genau, dass Subversion besser funktioniert als „das echte Ding“ und so verkaufen sie noch mal eine Millionen Packungen angepriesener Air Wicks mehr an leichtgläubige Tweens.

Was den süß-verwuschelten Look und vorpubertären Sexappeal angeht, kann es Taylor Swift nicht wirklich mit den Boybands aufnehmen. Sie kann sich aber dem neuen Trend anschließen und vermeintliche Konventionen unterlaufen.

Es geht schon in der ersten Zeile los, „I stay out too late, got nothing in my brain, that’s what people say.” Na ja, so wirklich stimmt das jetzt nicht, oder? Taylor bedient bestimmt nicht das Klischee der Partywütigen Popdiva, sondern, wenn überhaupt, das der Verführerin von Männern der oberen Gesellschaftsschichten. Wenn du dir aber einmal dein böse-Schlampe-Konstrukt errichtet hast, ist es ein Leichtes, dies wieder niederzureißen—auch wenn der Großteil davon eh frei erfunden war. Das gilt auch für das Video: Niemand erwartet von Taylor das Grazile einer Ballerina, die Moves einer Twerkerin oder das Frivole einer Cheerleaderin. Hier sehen wir sie aber nun, wie sie sich mit ihrem albernen Verhalten den Regeln widersetzt, von denen niemand je verlangt hat, dass sie ihnen folgt.

Um so zynischer wird die ganze Sache, wenn wir uns vor Augen führen, dass Taylor eigentlich nicht diese Art von Person ist. Würdest du ihr die Aufgabe geben, sich als Ballerina oder Cheerleaderin zu versuchen, sie würde wirklich Alles geben—genau so wie die Kongressabgeordnete für ein gutes Pressefoto. Sie liebt es einfach, mit dem Strom zu schwimmen, und so kommen wir zu einem Pop-Paradoxon: Um so gut dazustehen und erfolgreich zu sein wie nur möglich, muss Taylor sich dümmer stellen, als sie ist—und selbst das meistert sie mit einer sonderbaren und auch irgendwie liebenswürdigen Souveränität.

An dieser Stelle also herzlichen Glückwunsch, Taylor Swift! Du hast es geschafft. Du bist eine Einfrauboyband. Wir können es kaum abwarten, bis du dich in zwei Jahren auflöst und dein linker Arm ein beschissenes Indie-Solo-Album abliefert.

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