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Noisey Blog

Scheitern, Streiten, Träumen—40 Jahre Arena Wien

Es gibt Geschichten, die lassen sich nur über das Scheitern erzählen. Das ist eine davon.

von Jonas Vogt
19 Mai 2016, 8:00am

Alle Fotos mit der freundlichen Genehmigung der Arena Wien.

Es gibt Geschichten, die lassen sich nur über das Scheitern erzählen. Das hier ist eine dieser Geschichten. Eine Story von einem ehrgeizigen Plan, der in den Niederungen der Realität ins Schlingern kommt, adaptiert werden muss, um sich am Ende noch ins Ziel zu retten. Nicht ganz am erhofften Punkt, aber irgendwie auch deutlich klüger als vorher.

Die Arena Wien feiert heuer ihren 40. Geburtstag. Damit hat der ehemalige Schlachthof in Wien-Landstraße mittlerweile mindestens zweieinhalb Generationen von Bewohnern der Bundeshauptstadt begleitet. Mal näher, mal ferner. Bevor die ganzen Feierlichkeiten richtig losgehen, hatten wir uns Anfang des Jahres einen Plan gefasst. Das Ziel war eine Oral History der Arena. Mit allen Obleuten des Vereins reden, sie erzählen lassen, einen Text verfassen, der die gesamte Geschichte von Tag eins bis Tag 14.610 erzählt. Die ganze, wenn auch geschminkte Wahrheit.

Im Nachhinein basierte dieser Plan vielleicht auf einem fundamentalen Missverständnis, wie die Arena funktioniert. Auf dem Gedanken, dass sie einen stringenten Weg von Zeitpunkt A nach Zeitpunkt B ging, mit universell anerkannten Handlungssträngen. Das ist aber nicht so. Die Arena ist eher eine Matrix, ein Gebilde aus Hunderten Menschen, Aktionen, Meinungen, Erwartungen und Kontroversen, die dort in den letzten Jahrzehnten eine unterschiedlich lange existiert haben und weiter existieren. Es ist ein bisschen wie in der Quantenmechanik: Viele „Wahrheiten" werden erst dadurch bestimmt, dass man eine Position in dem Gebilde einnimmt. Stellt man zwei Menschen dieselbe Frage, bekommt man drei Antworten. Die alle nicht falsch sind und es auch nicht sein können.

Die Arena ist auf jeweils sehr individuelle Art ein Teil vieler Wiener Biographien, aber wie fast überall sind Leute unterschiedlich bereit, über Teile ihrer Vergangenheit zu reden. Aus sehr unterschiedlichen Gründen. Manche haben damit gebrochen, manche haben private Gründe, bei manchen ist ganz einfach kein Kontakt mehr da. Manche haben auch einfach keine Lust. Wer Anfang der 80er mit Mitte 20 in der Arena aktiv war, geht heute auf die 60 zu. Es ist völlig legitim, dass nicht jeder dieses Kapitel wieder aufmachen will.

Die Informationen in diesem Text stammen von einigen Menschen, aber vor allem aus den Gesprächen (ehemaligen beziehungsweise aktuellen) Menschen, die dem Verein hinter der Arena seit Anfang der 90er unterschiedlich lange als Obleute vorstanden. Die Geschlechterverteilung ist sehr schade und liegt—selbstkritisch gesagt—mehr an der Obleute-Konzeption der Geschichte als an der Arena selbst. Nicht dass die Arena frei von Sexismus war. Aber sie war immer auch von Frauen wie Gabi Radinger, die als einzige Obfrau den Verein in den 80ern und frühen 90ern leitetet, geprägt. Die Geschichte macht die Arena männlicher als sie eigentlich ist.

Dieser Text liefert also Wahrheiten. Aber eben nicht DIE Wahrheit. Nach vielen Gesprächen scheint es auch so, als sei das nicht möglich.


Es gibt Geschichten, die lassen sich nur über den Blick zurück erzählen. Die Arena, wie wir sie heute kennen, ist ja eigentlich ein Ersatzobjekt. Die Geschichte der Arena-Besetzung ist oft erzählt worden. Deshalb hier nur kurz: 1976 wurde der ehemalige Auslandsschlachthof in St. Marx, der ein paar Jahre als Kulturzentrum für die Wiener Festwochen gedient hatte, besetzt. Das entwickelte sich zu einer großen Sache, Bevölkerung und sogar die Krone sprach sich für die Erhaltung aus. Musiker wie Georg Danzer, Wolfgang Ambros und Leonard Cohen (den man einer der zahlreichen Legenden nach am Flughafen abpasste und in die Arena statt in die vorgesehene Venue brachte) spielten Solidaritäts-Konzerte.

Lösungsversuche scheiterten, und ein Teil der ursprünglichen Besetzer nahm nach drei Monaten Besetzung das Angebot der Stadt an, vom Auslands- in den benachbarten Inlandschlachthof umzuziehen. Von anderen Teilen wurde das als klarer Verrat angesehen. Es war ein Kompromiss. Man beschloss, an dieser Stelle an einer neuen, vielleicht kleineren Utopie zu arbeiten. Die Stadt Wien machte allerdings eine Vorgabe, die alles ein wenig einschränkte und Konflikte auslöste, die sich bis in die 90er hineinzogen: Wohnen sollte auf dem Gelände nicht möglich sein. Die Arena war dadurch ein autonomer Kulturort, aber eben auch kein Staat im Staate.

Nicht jede Phase der Arena ist gleich gut ausgeleuchtet. Während die Besetzung selbst mittlerweile sehr gut historisiert ist, sind vor allem die 80er Jahre ein wenig im Dunkeln. Es gab durchaus Konzerte von großen Bands wie Black Flag, Partys, Aktionen, Theater. Aber die Arena rückte aus einer ganzen Reihe von Gründen ein wenig aus dem Fokus der Wiener Linken. Für Teile galt sie eben immer noch als Ort des Verrats, aber neben diesen ideologischen Grabenkämpfen gab es auch sehr pragmatische Gründe. Die Arena lag damals noch viel mehr in Randlage als heute. Die U3 in Erdberg wurde erst 1991 eröffnet, davor gab es nur eine Bim-Strecke. Daneben wurden auch andere Orte wichtiger: Anfang der 80er entwickelte sich das WUK, in der Aegidigasse und der benachbarten Spalowskygasse wurden Häuser besetzt, woran auch Leute beteiligt waren, die den Inlandsschlachthof als Ausweichlocation abgelehnt hatten. Ganz ökonomisch könnte man von einer Diversifizierung des Angebots sprechen. Es gab einen Austausch zwischen den verschiedenen Orten, aber die Arena war nicht mehr der unbestreitbare Mittelpunkt.

1988 wurden die besetzen Häuser in der Aegidigasse/Spalowskygasse in einer zweitägigen, gewaltsamen Aktion geräumt, und es geriet Bewegung in Wiens Linke. Die Vertriebenden versuchten zusammenzubleiben, was sich letztlich als unmöglich erwiese. Es entstanden daraus neue Orte: das alte Flex in der Arndtstraße, wenig später das Ernst-Kirchweger-Haus (EKH) in Favoriten. Und eben auch neue Impulse für die Arena.

Thomas Thaler war einer von diesen Leuten, die Ende der 80er/Anfang der 90er über die Aegidigasse/Spalowskygasse in die Arena kam. Wie die meisten anderen ging er durch einige Stationen und stand dem Verein Mitt der 90er als Obmann vor. Er erzählt von den frühen 90ern, wo neue Leute und neue Feinde der Arena Auftrieb gaben. „Die Arena war damals etwas, was es heute gar nicht mehr gibt: ein proletarischer, linker Raum. Außerdem autonom. Das heißt, laut unserem Selbstverständnis durfte die Polizei nicht aufs Gelände. Wenn sie sich angekündigt haben, hat es Telefonketten gegeben". Der Aufstieg Jörg Haiders vereinte die Linke zusätzlich. „Es gab damals von Seiten der rechten Stadtpolitik auch ernsthafte Berstrebungen, die Arena—die ja bis heute keinen Mietvertrag hat—zu schließen. Das kann man sich in der Intensität gar nicht mehr vorstellen."

Mitte der 90er kündigten sich Veränderungen an, die von innen heraus notwendig, aber teilweise auch von außen erzwungen wurden. An einem Wintermorgen fand die Polizei zwei junge Menschen, die an einer Überdosis gestorben waren, in Einkaufswägen in der Nähe der Arena. Die Spuren führten sie direkt zur kleinen Halle, die zu dem Zeitpunkt als Notunterkunft für Jugendliche mit schweren Drogenproblemen diente. Nicht jede Geschichte aus 40 Jahren Arena ist romantisch. Der autonome Raum war daraufhin nicht mehr aufrechtzuerhalten, und die Polizei durfte das Arena-Gelände ab da an unter Einschränkungen betreten. Der Widerstand dagegen erlosch trotzdem nicht vollständig: Auf Konzerten ging oft jemand mit einem großen Schild hinter den Zivilpolizisten her.

Gemeinsam mit seiner Vorgängerin Gabi Radinger setzte Thaler Vereinsstatuten auf. Dazu muss man wissen, dass „die Arena" bis heute eigentlich aus drei Vereinen besteht. Der Verein „Forum Wien Arena" ist der größte, der jetzt auch seinen 40. Geburtstag feiert. Daneben gibt es noch den Verein „Black Box", der die Gastro abwickelt, und den Verein „Terra X", der das Arena-Beisl betreibt. Statuten waren notwenidg geworden, um in der größeren Gruppe an Menschen—die trotzdem noch deutlich unter der Zahl an Menschen lag, die heute in der Arena tätig ist—zu halbwegs effektiven Entscheidungen zu kommen. „Niemand von uns hatte Lust, wie im EKH dauernd stundenlang im Plenum zu sitzen", erzählt Thaler. „Deshalb haben wir versucht, Strukturen zu etablieren." Zum Beispiel das System der autonomen Arbeitsgruppen (von der Technik über das Booking bis zur Geländereinigung), das in Abwandlungen heute noch besteht. Die Arbeitsgruppen schicken einen Vertreter in den Vorstand. Es gab natürlich Entscheidungen, die im Plenum gefällt wurden, aber eben nicht alle. Die etwas einfacheren Entscheidungswege waren nichts, was man nach außen sofort sah. Aber nach innen veränderten sie sehr viel.

Auch das Verhältnis zur Stadt besserte sich. Die Obmänner zeigten sich auf viele Jugendveranstaltungen und luden Gruppen wie die Pfadfinder ein. Die SPÖ akzeptierte irgendwann, dass sie keinen direkten Zugriff auf die Arena bekommen würde, und die weitgehende Autonomie wurde nicht mehr in Frage gestellt. Die Arena geriet in den 90ern auch aus der Rolle des reinen Empfängers/Bittstellers heraus, wie Christan Tesar, der auf Thaler als Obmann folgte, erzählt. „Die Arena hat im Laufe der Zeit gelernt, gegenüber der Stadt zu formulieren, was diese durch die Arena gewinnt." Das erschöpfe sich keineswegs in den Fremdenverkehrsbroschüren. „Die Arena ist in der Lage, junge Menschen, die aus verschiedensten Gründen nicht in die Schemata der Gesellschaft passen, aufzufangen. Und ihnen abseits der Konventionen die Möglichkeit zu geben, Fähigkeiten zu erwerben." Man habe der Stadt freundlich gesagt: Wenn wir morgen zusperren, habt ihr 100 bis 120 Sozialhilfefälle. Rechnet das mal durch. Man wissen, dass die Subventionen der Arena aus dem Topf der MA13 (Bildung und außerschulische Betreuung) kommen, nicht aus dem der MA7 (Kultur) kommen. Das hat natürlich auch Auswirkungen darauf, was man dafür leisten muss. Seit knapp 20 Jahren wird die Arena nicht mehr in Frage gestellt und eher wie eine Grundsatzeinrichtung finanziert. Man muss also nicht mehr ständig ansuchen und zittern.

Die 90er waren aber durchaus auch eine Zeit der Konflikte. Menschen aus dem Aegidigasse/Spalowskygassen-Umfeld übernahmen das Beisl, und es gab neue, offene Clashes um verschiedenen Auffassungen von Regeln und Freiheit. „In der Verwaltung gab es ein paar Leute, die lieber Kulturmanager mit Visitenkarte geworden wären. Für viele andere war das nicht tragbar", erzählt Thaler. Tesar bestätigt ihn darin. „Es war eine konfliktreiche Zeit. Es ging um das Selbstverständnis der Arena, aber das war keine Besonderheit Mitte der 90er." Das stimmt zwar, aber doch da mehr als sonst. Aus Gründen, die später noch ausführlicher erklärt werden.

Es gibt Geschichten, die lassen sich nur als Widerspruch erzählen. Die Geschichte der Arena ist eine Geschichte von Streit, Ausgleich und wiederholtem Streit. In den 90ern gab es unter der Punk/Hardcore-Belegschaft noch massive Vorbehalte gegenüber elektronischer Musik. Es war eine Zeit, in der es noch massenhaft Travelling Sound Systems gab, also quasi Techno-Karawanen, die mit Trucks von Stadt zu Stadt reisten, vor Ort ihre Sound Systems aufbauten und loslegten. Das war ein Riesen-Thema, auch weil es gewisse Grundfragen aufwarf: Wie viel bin ich bereit von außen zuzulassen? Wie sehr darf ich Kontrolle behalten—oder auch die Gegenfrage: Wie sehr darf ich als selbstverwalteter Kulturraum die Kontrolle behalten? Ebenso wie bei den beginnenden Drum'n'Bass-Partys drehte der damalige Security-Chef gerne um sechs Uhr morgens das Licht auf und schrie „Schleicht's Euch!". In langen Verhandlungen wurden Regeln aufgestellt, mit denen die Bedürfnisse der Techno-Gemeinde und der Arena gleichsam bedient werden sollten. Eine davon: Partys nur, wenn es außerhalb der Arena eine geplante After Hour gab, damit man nicht bis drei Uhr nachmittags die Leichen herumliegen hatte.

Im Marxismus gibt es die Begriffe Haupt- und Nebenwiderspruch: Die kleineren gesellschaftlichen Konflikte sind auf der großen Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zurückführbar. In der Arena könnte man von einem ähnlich großen Hauptwiderspruch sprechen. Seit jeher zieht sich der Gegensatz zwischen denen, die ihre Arbeit dort primär als Job sehen, und denen, die darin unbedingt mehr sehen wollen, durch alle Aspekte des Arena-Diskurses hindurch.

In dem Jahrzehnt zwischen 1995 und 2005 sollte dieser Konflikt mit dem Sanierungsplan eine sicht- und streitbare Ausformung bekommen. Es war schon länger klar, dass gewisse Umbauten notwendig waren. Die große Halle war damals offiziell nur für 499 Menschen zugelassen (bewusst, weil man ab 500 Besuchern nach dem Veranstaltungsgesetz einen Polizisten vor Ort hätte haben müssen), das Open-Air-Gelände für 1500 Leute. Da kamen irgendwann auch grobe Sicherheitsbedenken ins Spiel. Und die Sicherheit ihrer teils jugendlichen Gäste war der Arena immer wichtig, da konnte alles noch so abgerissen ausschauen. Die Pläne namen langsam Gestalt an. Das Außengelände brauchte dringend einen weiteren Notausgang, außerdem sollte die Bühne abgesenkt werden, um den Lärm (das Gebiet um die Arena herum wurde damals langsam in die Stadtentwicklung mit einbezogen) einzudämmen. In der großen Halle wurde als sichtbarste Maßnahme die Bühne auf die andere Seite verlegt. Das Ganze war Teil eines vierstufigen Umbauplanes. Das hatte Budgetgründe, aber auch eine zugrundeliegende Angst, dass eine temporäre Vollschließung das Ende der Arena hätte bedeuten können.

Mehr Kapazität bedeutet mehr Möglichkeiten Geld einzunehmen, um mit den Einnahmen aus den großen Konzerten andere, defizitäre Kulturprojekte zu finanzieren. Mehr Kapazität bedeutet aber auch mehr Kosten, mehr Druck und mehr notwenige Professionalität. Die große Frage war also: Will man das?

Christian Tesar erinnert sich an die damaligen Diskussionen, die im Plenum, an der Bar und überall geführt wurden. „Die Frage war ja: Als was sehen wir uns selbst? Sind wir ein soziales Experiment, wo wir ausprobieren und lernen, möglichst ohne Hierarchien gemeinsam zu leben und zu arbeiten? Der Gegenpart dazu war: Die Voraussetzungen sind da, wir müssen auf Auslastung gehen, am besten Tag 100%. Weil das sind unsere Jobs." Oder wie es sein Vorgänger ausdrückt: Es hat immer die gegeben, die ein sicheren Job haben wollten. Und die, die leiwande Kultur wollten.

Jetzt wäre es zu einfach, die Job-Fraktion zu bashen. Ein „sicherer Job", das klingt natürlich nach dem Gegenteil von der Freiheit, die man von Wien-Neubau in die Arena hineinprojiziert. Redet man mit Rainer Krispel, dem aktuellen Obmann der Arena, merkt man aber schnell, dass es ganz so einfach nicht ist. „Der Punk, der als Tontechniker einen guten Job bekommt, ist ja durchaus im Sinne der Selbstermächtigung." Das Erwerben von Kenntnissen, ein Ort zu sein, wo auch Alkoholiker eine Hacke hatten, wenn sie sich zusammenrissen—das war ja auch immer ein Teil der DNA der Arena. Diesen Grundwiderspruch, also das Problem, dass die Arena immer beides war und sein wird—ein Ort, wo Menschen arbeiten, und ein Ort, wo Menschen eine kleine Utopie verwirklichen wollen—den muss man aushalten.

Es gibt Geschichten, die lassen sich nur aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Die Zeit vor dem Umbau war ein neuralgischer Punkt. Wurde damals ausreichend über die Frage geredet, was man sein wollte? Das hängt ein bisschen davon ab, wen man fragt.

Nein, sagt Tesar. „Das war schade. Ich unterstelle uns, das wir uns nie gemeinsam klar geworden sind, was die Arena eigentlich ist. Da sind viele Bilder in den Köpfen herumgespukt. Je klarer ich bestimmte Dinge mache, desto mehr sind es ja auch Einschränkungen. In so einem als Kompromiss verhandelten Arena-Bild kann ja auch Verluste für einzelne drin stecken." Er habe damals eine Klausur angedacht. Sich ein Wochenende zurückzuziehen, um die Widersprüche sichtbarer zu machen. Er scheiterte aber an den Widerständen. „Die freundlichsten Reaktionen waren noch ,So ein Blödsinn, was für ein Schaas'. Ich hab es dann aufgegeben." Die Macht des Arena-Obmanns ist beschränkt. Niemand kann da da was erzwingen.

Malus Oralek, der 2004 auf Christian Tesar folgte und wie alle auch schon vorher aktiv war, sieht das anders. „Wir saßen tagelang mit 80 bis 100 Punks am Tisch und haben das sehr intensiv diskutiert. Das war eines der Highlights meiner Zeit in der Arena." Dass man fünf Jahre später feststellt, dass gewisse Dinge anders hätten laufen können sei klar. „Ich hab die Haltung ,Wir haben nicht genug...' immer abgelehnt. Wir haben meiner Meinung sehr viel getan und das Beste daraus gemacht."

Zu diesen Punkt in der Geschichte der Arena gibt es wahrscheinlich so viele Sichtweisen wie Teilnehmer. Wenig umstritten ist, dass der 2004 begonnende Umbau der großen Halle ein Turning Point war. Ein Schritt in die große Popkultur, aber eben auch ein Schritt in die notwenige Professionalisierung. Mit allen positiven und negativen Folgen. „Wir haben einen wirtschaftlichen Angelpunkt geschaffen", erzählt Oralek. „Die Nebenerwerbstätigkeit war plötzlich nicht mehr nur für ein paar Studenten möglich, sondern auch für die alleinerziehende Mutter." 2000/2001 waren nur wenige Menschen Vollzeit in der Arena beschäftigt, das ändert nach dem Umbau. „Das heißt aber auf der anderen Seite auch, dass man die Verantwortung für diese Menschen hat. Sie begeben sich ja in ein Abhängigkeitsverhältnis, damit darf man nicht leichfertig spielen."

Die Jahre, die auf 2004 folgten, waren Lehrjahre, vor allem was die Verwaltung betraf. Der Höhepunkt war das Jahr 2008 mit 482 öffentlichen Veranstaltungen. Oralek erinnert sich: „Man hat dann schnell gemerkt, dass das negative Auswirkungen hat. Konflikte sind entstanden, weil man nur noch gearbeitet hat und sich nicht mehr gekannt hat.". Aber mit der Zeit pendelte sich das alles ein. Auf einem Niveau, auf dem man sich heute noch ungefähr bewegt. Trotz der Professionalisierung hat die Arena bis heute übrigens keine Struktur hochgezogen wie vergleichbare Häuser. Sie hat keinen Geschäftsführer, und der Obmann ist auch keine geschäftsführender Obmann.

Klar ist heute wie damals: Es gibt Grenzen. Man macht nicht alles, nicht jeder darf auftreten. Oft sind die Fragen aber ja leider komplizierter zu beantworten als es auf den ersten Blick scheint. Gerade im Metal. Inwieweit ist das einfach nur doofes Gepose mit nordischen Göttern, inwieweit sind das wirklich Faschos? Es gab in der Vergangenheit immer wieder Diskussionen im Plenum, wo Konzerte—auch mit finanziellen Nachteilen, weil Verträge schon abgeschlossen waren—abgesagt oder Acts ausgeladen wurden. Rund im die Jahrtausendwende war es vor allem die Diskussion um Homophobie im Ragga/Dancehall und den Wiener Kodak, bei dessen Partys bei entsprechenden Äußerungen auch rigoros das Licht an- und der Ton abgedreht wurde. Eine Diskussion, die sich durch den Siegeszug des HipHop und Deutschrap in den letzten Jahren wiederholt.

Allerdings entstehen auch hier wieder aus den kontroversen Konzerten die interessantesten Diskussion. „Wir haben im April ein kontroverses Konzert, den Blutharsch", erzählt Krispel. „Da merke ich, wie groß die Sehnsucht nach einem Diskurs ist." Die alte Diskussion, was Kunst darf und was nicht. Dem Blutharsch wird immer wieder vorgeworfen, Nazi gewesen zu sein oder zumindest damit gespielt zu haben. „Das ist aber genau das Konzert, das wir machen müssen. Wenn sich linke Kulturarbeit nur noch dadurch definiert, was wir alles nicht machen, dann sind wir echt am Ende. Dann können wir es auch lassen. Das ist eine öde Welt."

In der Frage, ob die Arena heute noch so politisch ist, wie früher, gehen die Meinungen auseinander. Auch weil das Wort eben zuerst einmal ein Buzzword ist. Jeder Obmann erzählt dasselbe: Es gab zu jedem Zeitpunkt der Arena immer den Anspruch, politischer zu werden. Aber das Verständnis von Politik verändert sich ja auch mit den Jahren und den Personen. „Nur weil man sich früher nach dem dritten Bier gerne über Politik gestritten hat, war die Arena früher nicht politischer." So sieht es zumindest Oralek. „1998 hat man zu 20 Leuten vor dem Rathaus demonstriert. Heute geht man dort zu 20 Leuten zu einer Diskussion hinein. Damit bewegt damit mehr." Natürlich ist auch das nicht unproblematisch. Ein selbstbestimmer Ort, der im Grunde aber vom Goodwill der Stadt abhängig ist—das ist, man ahnt es bereits, ein Widerspruch. „Man muss sich natürlich immer fragen, ob man nicht auch Erfüllungsgehilfe einer Politik ist, die man nur noch so gerade mit sich vereinbaren kann", formuliert es Krispel. „Aber auf der anderen Seite ist so etwas, wenn man es als Dialog gestaltet, ja durchaus auch positiv."

Was klar ist: Das Publikum ist nicht mehr so politisch wie früher. Das hat auch den einfachen Grund, dass es größer geworden ist. Bei größeren Mengen vor der Bühne hat man einfach einen Querschnitt durch die Wiener Bevölkerung. Auch das sieht der aktuelle Obmann nicht nur negativ. „Bei Social Distortion waren 3000 Menschen auf dem Gelände. Da ist es schon OK, dass das nicht alles linke Feministen sind, die ihren Marx auswendig kennen. Da geht es auch um den gemeinsamen Austausch und das gemeinsame Erleben." Nein, es ist nicht schlimm, wenn sehr viele Leute die Arena nur als Konsumenten betreten. Es wäre nur schade, wenn es irgendwann alle tun würden.


Es gibt Geschichten, die lassen sich nur als Sieg erzählen. Der 40. Geburtstag der Arena ist zweifelos so einer. Gegenüber allen Widerständen gibt es den Verein, das Gelände, die Idee noch. Und dass keiner der ehemaligen Obleute ein schlechtes Wort über die Arena verliert, spricht da schon Bände. Wie alle Menschen in so einem schwierigen Kollektiv haben sie alle selbstverständlich Enttäuschungen erlebt, menschlicher, politischer und professioneller Art. Aber niemand blickt mit Groll zurück, auch weil die Arena ihren Mitgliedern und Obleuten immer die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Ausstieg gegeben hat und gibt. „Ich war sehr gerne und intensiv Teil der Arena. Ich hab dort gerne mit gestaltet", sagt Christian Tesar. „Nicht alles war super, aber sehr vieles. Die eigentliche Herausforderung war aber wirklich wieder loszulassen."

Inwieweit der berühmte „Geist der Besetzung" in der heutigen Arena weiterlebt, lässt sich gar nicht so einfach zu beantworten. Große Utopien sterben und werden als mehrere kleine wiedergeboren. Das muss nichts Schlechtes sein. Malus Oralek sieht klar den die direkte Linie von der Besetzung 1976 bis heute. „Es hießt schon 1990 hieß es immer: Das ist ja nicht mehr die alte Arena! Ich denke, dass man immer mehr dahin gekommen ist, wo man hinwollte. Ich stehe 100% hinter der Struktur und ihrer Aussage."

Auch wenn die Arena genauso einfach als geiler Kulturraum funktioniert, ist sie bis heute mehr als.
In ihr wird Geld verdient, aber sie ist eben letztlich auch immer noch ein großes Gruppenexperiment. Ein Abwägen der Partikularinteressen und die tägliche, gemeinsame Suche einem Punkt, an dem man als Gesamtarena funktionieren kann. Mit allen Reibereien, Streitigkeiten und Versöhnungen, die das ebenso mit sich bringt. Das unterscheidet sie von einem reinen Veranstaltungsbetrieb. Das Beharren auf der Gruppe ist eine Konstante, die sich durch die gesamte Geschichte zieht. „Es gab in der Geschichte der Arena immer ein paar gemeinsame Werte, auf die sich alle einigen konnten", fasst es Thomas Thaler zusammen. „In manchen Zeiten war das radikaler, in manchen gemäßigter; in manchen sehr klar und offen, in anderen eher verwaschen. Aber wenn ich heute in die Arena gehe, treffe ich dort Menschen, die ich dort 1998 getroffen habe. Das hat seine Gründe."

Es ist gut, dass es solche Orte mit all ihren Widersprüchen heute noch in Wien geben kann. Die Arena hat in auch nach 40 Jahren mit ihrem ständigen, utopischem Scheitern ihre volle Berechtigung. Auch aus einem Grund, den Rainer Krispel anführt. „Wo sind denn die Freiräume, wo die jungen Menschen solche Teilhabe noch miterleben können? Ich will meine eigenen Jugend nicht glorifizieren, aber wo gibt es diese Bereich heute noch?"

Es gibt Geschichten, von denen man am Ende nicht weiß, ob man sie richtig erzählt hat. Die es aber wert waren, es zumindest zu versuchen.

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