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„Selbst Superman hat seine Schwäche”—Manillio im Interview

Heute releast Manillio sein neues Album Kryptonit—ein von Zweifel und Weltflucht geprägter Episodenfilm.

von Ugur Gültekin
15 April 2016, 9:20am

Alle Fotos von Benjamin Widmer

Alle Fotos entstanden an Manillios exklusivem Konzert vor dem Album-Release im Solothurner Kofmehl.

Manillio hat sich in den letzten Jahren vom jungen Talent aus Solothurn zu einem der grossen Aushängeschilder des Schweizer Mundart-Raps gemausert. Nachdem er vor fast zehn Jahren mit der Mixtape-Serie Jurassic Parts ankündigte, bald Großes zu vollbringen, erschuf er mit seinem Debütalbum Jede Tag Superstar einen Klassiker des Genres und landete mit dem Song „Stärne” gar einen kleinen Hit. 2013 folgte das Album Irgendwo, mit dem er erneut großen Zuspruch aus der Szene erntete und auf Platz 6 der Schweizer Album Charts einstieg, um sich danach fast zwei Monate in den Top 100 zu halten.

Parallel zu seinen Arbeiten als Solokünstler releaste er mit der Rap-Supergroup Eldorado FM fünf Gratis-Alben, die Kultstatus genießen. 2015 veröffentlichte das Kollektiv, bestehend aus Manillio, Tommy Vercetti, Dezmond Dez und CBN, ihr erstes offizielles gemeinsames Album, das alle vier Mitglieder auf der Höhe ihres Schaffens dokumentiert.

Überraschenderweise steckt hinter dem Rapper Manillio ein eher introvertierter Mensch, der gerne beobachtet, leise beschreibt und großen Wert auf Ästhetik legt. Sein heute erscheinendes Album Kryptonit könnte der Soundtrack zu einem Episodenfilm sein. Ein Episodenfilm, der sich unter anderem mit menschlichen Schwächen, mit dem Zyklus des Lebens, dessen Vergänglichkeit und dem Tod beschäftigt. Manillio schafft es, verschiedene Alltagssituationen, eigene Erlebnisse und Beobachtungen, die parallel geschehen, zu einer großen Story zu verknüpfen, ohne sich dabei in das Korsett eines erzwungenen Konzepts zu zwängen. Kryptonit ist eine Aneinanderreihung von Erfahrungsberichten, die sich wie von selbst zu einer übergeordneten Rahmenhandlung bündeln.

Ich habe Manillio in Zürich zum Mittagessen getroffen und mit ihm gequatscht. Ich wollte von ihm erfahren, wie sich die teils schwermütigen Themen zum Album ergeben haben, was seine ganz persönlichen Ängste als Mensch sind und ob es nicht Tage gibt, an denen an seinem Lebensentwurf als Künstler Zweifel aufkommen.

Dein neues Album Kryptonit erscheint in diesen Tagen—es ist zwar kein Konzeptalbum im klassischen Sinn, aber es gibt definitiv Themen, die dem Album ihren Stempel aufdrücken. Wie haben sich diese doch eher schwermütigen textlichen Inhalte zum Leitfaden des Albums herauskristallisiert?
Auf meinem letzten Album Irgendwo hatte ich einen sehr konkreten Film im Kopf, zu dem ich einen Soundtrack schaffen wollte. Das war sozusagen die Vertonung eines Lebensgefühls. Kryponit hingegen ist nicht so fest an ein Konzept gebunden. Ich habe versucht, verschiedene Erfahrungen, Situationen und Beobachtungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, episodenartig aneinanderzureihen.

Trotzdem ist ein thematischer roter Faden zu erkennen, der sich durch das Album durchzieht. Steckt da keine Absicht dahinter?
Mir ist während der Produktion des Albums aufgefallen, dass ich mich immer wieder in irgendeiner Form mit dem Älterwerden, der Vergänglichkeit des Lebens und dem Tod beschäftigt habe. Bemerkenswert ist, dass ich das nicht als Konzept oder Leitfaden für das Album vorgegeben hatte. Das Thema tauchte einfach hier und da wieder auf. Der Albumtitel Kryptonit fasst diese Ideen in einem schönen Bild zusammen: Kryptonit ist in der Welt der Superman-Comics ein fiktives Mineral, dem Superman hilflos ausgeliefert ist. Er kann nichts dagegen machen.

Ich gehe davon aus, dass dieses Bild ein Äquivalent in deinem eigenen Erfahrungsschatz hat, oder? Welcher Schwäche bist du ausgeliefert?
Bezogen auf mein reales Leben ist das eine schöne Metapher für die Zeit, finde ich. Unsere Zeit auf diesem Planeten ist begrenzt, wir können vieles in Angriff nehmen, uns entwickeln und verändern, aber die Zeit die wir haben, können wir nicht verlängern.

Mir ist das zentrale Motive der Vergänglichkeit beim Durchhören des Albums aufgefallen und auch dass du die Themen auf andere Weise angehst als auf den vorgegangenen Alben. Ich dachte mir: Manillio beobachtet nun noch genauer und subtiler. Was hat sich bei dir getan, dass deine Antennen nun noch empfänglicher sind?
Der Hauptunterschied liegt wohl daran, dass es mir immer öfter genügt, im engen Kreis meiner Freunde zu sein. Partys machen selbstverständlich immer noch Spaß, aber sie haben ganz einfach nicht mehr einen so hohen Stellenwert, wie vor einigen Jahren noch. Durch all die Konzerte bin ich oft unterwegs und wenn ich dann zu Hause bin, gehe ich es automatisch eher ruhig an.
Nach den Festivalgigs, die ich letztes Jahr mit Eldorado FM gespielt habe, war es ein wunderschöner Ausgleich am nächsten Tag zu Hause zu sein, etwas zu kochen und einfach die Ruhe zu genießen. Es ist auch möglich, dass dieses Bedürfnis eine Folge davon ist, dass die Welt draussen schwierig einzuordnen ist und man ihr in gewissen Situationen fast ohnmächtig gegenüber steht. Vielleicht ist es auch eine Form von Rückzug. Ein Rückzug vom Lärm der Welt, sozusagen.

Was meinst du explizit mit dem Lärm der Welt? Meinst du den Überfluss von Eindrücken, die Reizüberflutung und die Schnelllebigkeit unserer Zeit oder sind es die weltpolitischen Schreckensnachrichten, das aufgeheizte politische Klima, die dich zu einem Rückzug bewegen?
Im Grunde genommen ist es ein bisschen von allem. Ich habe manchmal das Gefühl, die Zeit läuft schneller. Klar, das ist nicht Realität und nur mein eigenes subjektives Empfinden, aber doch wird es ausgelöst von einigen objektiven Fakten. Zum Beispiel der unglaublich grossen Flut von Information, Sinneseindrücken und Wahrnehmungen. Alles hat an Langlebigkeit verloren. Genau dies macht es schwierig, die Dinge einzuordnen. Natürlich beschäftigen auch mich welt- und lokalpolitische Ereignisse und lösen Ängste in mir aus.

Macht es Dir keine Sorgen, dass diese Ängste überhand nehmen und zu einer persönlichen Krise wachsen könnten? Hast Du manchmal Existenzängste?
Nicht gerade Existenzängste, nein. Aber auch ich habe meine Issues, die mich persönlich beschäftigen. Sie sind im globalen Zusammenhang gesehen als Luxusprobleme einzustufen, aber sie sind nunmal meine Probleme. Ich habe beispielsweise keine krasse berufliche Laufbahn vorzuweisen. Ich habe mich vor drei Jahren als Musiker selbständig gemacht und seither liegt mein Hauptfokus auf Rap.
Klar gibt es Momente, in denen ich mich frage, ob das gut geht und wie lange ich das in dieser Form durchziehen kann. Ich habe aber in den letzten Jahren einen Optimismus entwickelt, den man vielleicht als naiv bezeichnen könnte. Ich glaube ein Stück weit an ein Karma-Konzept: Ich versuche, ein guter Mensch zu sein und die Dinge positiv zu sehen. Wenn alle Stricke reißen würden, hätte ich bestimmt ein paar Leute die mir zur Seite stehen würden, hoffe ich zumindest.

Ja, man hört es dem Album an, dass du ein gesundes Urvertrauen entwickelt hast. Aber Hand aufs Herz—gibt es nicht auch Augenblicke, in denen du an deinem momentanen Lebensentwurf zweifelst?
Immer. Während der Produktion des neuen Albums gab es Momente, in denen ich alles anzweifelte. Ich denke dann beispielsweise: „Das wird nichts, das interessiert doch niemanden.“ Aber das ist in einem gesunden Ausmaß ganz normal und hilft schlussendlich eventuell sogar der Qualität. Auch sehr zentral für mich als Künstler ist Geduld. Ich will auf keinen Hype aufspringen. Was zählt ist doch in erster Linie, was man längerfristig macht, dass man auf eine Historie zurückblicken und kann und immer wieder etwas kreiert, das von Dauer ist. Zu Zweifeln und Schwäche zu zeigen, gehört dazu. Selbst Superman hat ja seine eine Schwäche, gegen die er nie ankommen wird.

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