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Ist Wien reif für den schönen Lärm?

Was können Partyveranstalter tun, damit Lärm, Pausen und Missklänge plötzlich Spaß machen? Neue Partyreihen in Wien probieren herum.
13.2.15

Um 2 Uhr morgens auf der Tanzfläche eines x-beliebigen Techno-Clubs passieren merkwürdige Dinge. Halbstarke Testosteronbündel pflügen mit nacktem Oberkörper durch die Menge, verirrte Reisegruppen von Vollzeitstudentinnen spielen Mosh-Pit, während eingefleischte Raverinnen zwischen Ekstase und Kollaps pendeln. Wenn aber plötzlich der gesamte Floor zu stolpern beginnt und schließlich ganz einfriert, die sehnenden Blicke der Besucherinnen nicht mehr durch die Menge sondern Richtung DJ-Pult wandern, gibt es entweder ein technisches Problem oder eine ambitionierte Veranstalterin erfüllt sich wieder mal einen Traum.

Innerhalb weniger Minuten leert sich die Tanzfläche, bis nur ein Häuflein von extra angereisten Liebhaberinnen zurück bleibt, oder der Verursacherin dieser Störung gelingt der Spagat aus Verwirklichung und Verzauberung und alle Beteiligten werden von der Musik verschlungen.

In diesem Augenblick lässt der Schnösel nicht sein Hemd, sondern alle Hemmungen fallen, weil er das erste Mal ACID hört—wandelt sich der Gruppentanz partyhungriger Büromenschen unter stampfenden Synthiewellen und schmerzhaften Pausen zu einer kollektiven Trance. Zwischen dem Publikum, den Musikerinnen und der Location entsteht plötzlich eine Verbindung.

Helena Hauff war schon beim Homewerk und Hart aber Herzlich

Doch allzu oft zerbricht der Abend an diesem Punkt in viele kleine Teile. Die geteilte Erfahrung, Aufhebung aller Unterschiede in dieser Suppe aus Bass, Nebel, Blitzen und Schweiß, Kosename „Techno“, flockt aus. Zurück bleibt ein Bodensatz zufriedener Gestalten, während das Gros der „unvorbereiteten“ Besucherinnen enttäuscht abzieht.
Als leidenschaftlicher Clubbesucher, aber auch Bekannter/Bewunderer diverser Veranstalterinnen, frage ich mich an diesem Punkt immer, ob es keine andere Lösung gibt. Ob es nicht auch den Kompromiss gibt, einen Höhepunkt aus Dissonanz, eingebettet in ein größeres, leichter zugängliches Ganzes.

Musikalische Bildung, Aufgeschlossenheit, Experimentierfreude und Drogen aller Couleur sind nunmal nicht gleichmäßig über die Besucherinnen eines Clubs verteilt und trotzdem braucht das Erlebnis „Club“ sowohl die Vinyl-Sammlerin und den Mode-Blogger als auch Anna&Otto, damit Magie passiert. Wie schafft man es also, dass Lärm, Pausen und Missklänge plötzlich Spaß machen? Wie erzeugt man einen Rahmen in dem Wirtschaftlichkeit und Zugänglichkeit, ungewöhnliche und sehr anspruchsvolle Zugänge zu Musik sich nicht ausschließen, ohne am Ende mit leeren Taschen oder verärgerten Besucherinnen dazustehen?

Ohne Rauschen geht heute gar nichts. Ob die Pomeranze es mit Ausstellungen und Konzerten erzeugt, V ARE dafür in verlassenen Kinos und Ämtern aufspielt, BLISS ein ganzes Festival daraus macht oder Sexy Deutsch Chartshits darüber legt. Stets baut der Erfolg auf Neugier und Experimentierfreude. Leider nutzt sich eine Antwort auf diese Frage gar schnell ab und der Lärm der letzten Jahre plätschert bereits gemütlich im Hintergrund dahin, während wir uns schon nach der nächsten Aufregung sehnen. Wie lang kann also etwas laut und unangenehm sein, bevor es gezähmt und Alltag wird.

Ein Problem, dem sich gerade Bookerinnen stets aufs Neue stellen müssen. Weshalb es umso schöner ist, dass gerade im letzten Jahr mit der Verkehrten Welt und Ascending Waves sowohl Pratersauna als auch Grelle Forelle zwei neue Formate ins Leben gerufen haben, die das Experiment wieder ins Rampenlicht rücken.

Und trotzdem stehe ich noch immer viel zu oft inmitten einer kleinen, vertrauten Meute, die sich mit einem glückseligen Grinsen die Vorstellung einer Künstlerin von Musik ins Gesicht blasen lässt, während das restliche Publikum sein Glück in anderen Clubs, Bewusstseinszuständen oder den Armen einer neuen Lebensabschnittspartnerin sucht. Wahrscheinlich weil ein kuscheliger Elektro-Erklärbär fehlt, der uns verständlich macht, warum wir uns jetzt eigentlich freuen und nicht fürchten sollen. Über das unverständliche, holprige Zeug zu dem die dunklen Gestalten neben uns zappeln.

Vielleicht fehlt uns aber auch einfach die Geduld.

Julian Steindorfer schreibt OHNE und lebt in Wien. Er ist auf Twitter: @j_steindorfer

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