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Was an der Kantine gut und was nicht so gut war—Ein Resümee

Die Abriss-Party ist ein überzeichneter Abklatsch von der Kantine im Allgemeinen gewesen. Cool und chaotisch also.
18.1.16

Foto von Christoph Liebentritt.

Die Kantine hat sich am Samstag und am Sonntag fulminant von uns verabschiedet. Sechs Floors, zwölf Stunden lang, über 50 DJs—und eine Masse an Menschen. Das birgt so seine Tücken—viele Menschen findet man als Einzelperson eher unleiwand. Als Veranstalter findet man viele Menschen grundsätzlich toll. So lesen sich die Pinnwandeinträge nach der Party wie die nach der Südbahnhof-Abriss-Party: Die Hälfte der Einträge feiern die Party, die andere Hälfte hatet brav. Deshalb wird es jetzt am Montag Zeit, ein Resümee zu ziehen. Vom gesamten Club und von der letzten Abriss-Party—da die Abriss-Party die Kantine in ihrer reinsten und übertriebensten Form dargestellt hat. Wirklich: Alles, was am Samstag und Sonntag passiert ist, ist der Kantine in schwacher Form bei Normalbetrieb passiert. Wir sagen jedenfalls wehmütig Tschüß. Tschüß, Kantine. Danke für gestern.

YEAH—Vielfalt

Normalbetrieb: Dass Techno der zentrale Aspekt der Kantine war, ist nicht zu leugnen. Trotzdem fällt das Tanzlokal nicht unter die Marke „Techno-Schuppen, der merkt, dass er mit Techno alleine nicht reich wird” wie bei vielen anderen, ehemaligen Strictly-Techno-Lokalen. Ganz am Anfang fanden am Donnerstag HipHop-Partys statt. Drum 'n' Bass, Goa und Psy und verschiedenste Schattierungen von Partymusik erbebten in regelmäßiger Abwechslung das alte Zollamt. Von Anfang an. So hat die Kantine mit ihrem Programm-Konzept seit ihrer Eröffnung eine breitere Reichweite gehabt.

Abriss-Party: Auch bei der Abriss-Party wurde geschaut, dass alle Tanztriebe befriedigt werden können—HipHop, Drum and Bass, Goa/Psy und drei Techno-Floors bebten simultan im gesamten Gebäude. So war es eine abwechslungsreiche Feier und jeder Geschmack konnte musikalisch irgendwo befriedigt werden. Die meisten Floors haben ihre Spielzeiten verlängert—die Stimmung war zu gut und es war mehr als genug los.

NEE—Menschenmassen

Normalbetrieb: Die Kantine konnte superchillig sein—kein Anstehen, keine nennenswerten Probleme mit den Securitys, keine Probleme im Allgemeinen. Aber wenn sie mit einem ihrer Riesenbookings ausgeholt hat, hatte man teils mit Securitys zu kämpfen, die ein wenig arrogant und unbeteiligt das Gedränge beobachteten. Man hatte dann auch oft die Frage im Kopf, ob so viele Menschen für den Raum überhaupt zulässig sind. Dieser Frage ist das Amt ein paar Mal nachgegangen und so gab es auf großen Events ein paar Mal Einlassstop und Hass in Richtung Türsteher, die auch wenig bis gar nicht mit den wartenden Gästen kommuniziert haben. Um fair zu sein: Der Club, der diese Probleme mit Menschenmassen nicht hatte, werfe den ersten Stein.

Abriss-Party: Es war wirklich viel los. Im Facebook-Event wird auch ordentlich geraget, was ja schon irgendwie sein muss—man ist hier ja in Österreich. Da wartet man doch nicht zwei Stunden in einer Menschenmasse und ist dann nicht öffentlich entrüstet darüber, dass auch Menschenmassen drinnen sind. Es gibt Einträge, die von Panik-Attacken oder Angstzuständen berichten—weil so viel los war. Ich war dort. Man hatte seine Ecken, um der kommenden Panik-Attacke zu entkommen—aber ich verstehe auch, was gemeint ist. Es war wirklich sehr viel los—vor allem zur Stoßzeit. Die Türsteher verhielten sich, wie sie es immer tun, wenn viel los it. Ein wenig arrogant, langsam und nicht besonders informativ. So gab es am unteren Floor eigentlich kaum Luft zum Atmen, die Gänge waren oft verstopft und die besoffene Schwarmlogik der Masse hat sich selbst ins Aus geschossen. Die Stoßzeit war Horror-Zeit. Sowohl in der Warteschlange, als auch drinnen. Aber: Die Kantine hat schnell reagiert und um sechs Uhr Früh ein Statement gepostet.

Foto via Facebook

YEAH—Drinnen

Mit freundlicher Genehmigung von Dennis Bora via Warda.at

Normalbetrieb: War man erstmal drinnen, gab es kaum eine Nacht, die man ernsthaft scheiße fand. Man war ja in der Kantine, um eine spezielle Party zu besuchen, nicht unbedingt einfach so. Dafür war sie zu weit draußen. Es gab drinnen immer Sitzmöglichkeiten (wichtig), eine tolle Anlage (noch wichtiger) und auch keine großartige Security-Präsenz. So herrschten an manchen Abenden anarchische Zustände, was ich persönlich eher als einen Vorteil sehe. Nichts schreit mehr nach „Rave, heast” als Türsteher, die auch bei der Tür bleiben. Die Musik war immer genau das, was man sich erwartet hat. Oftmals sogar noch viel besser. Auch hat die Kantine sich in etwas geübt, was andere hippe Clubs abstoßend finden: Viele verschiedene Locals und Neulinge zu supporten und spielen zu lassen. Damit hat sie mein Herz gewonnen. Sie hat nie eine so große und eigene Blase geschaffen wie alle anderen Clubs. Auch cool: Die Afterhours. Als ein Club mit Fenstern und einer tollen Anlage regelmäßig Afterhours anzubieten, ist einfach nur klug und gut.

Abriss-Party: Auch bei der Abriss-Party waren Securitys eigentlich unterpräsentiert. Ich erinnere mich zumindest nicht daran, einen Security drinnen gesehen zu haben. Was ich gesehen habe, waren Gegebenheiten, die locker unter „anarchische Zustände” fallen. Das ist nicht nur leiwand—siehe Punkt Garderobe und siehe Angstzustände von Gästen, die sich wohl unter der Anleitung eines Security sicherer gefühlt hätten. Aber es ist auch cool, irgendwo.

Ansonsten wurde das gesamte Gebäude geöffnet—der Plemplem und Hausgemacht-Floor hatte ordentlichen Rave-Swag, genauso wie die Drum and Bass-Stage von Mainframe Recordings oder der etwas kleinere Floor von Cosmic Space Disco. Die Gänge und die halb-offenen kleinen Räume waren ziemlich cool. Die gesamte Location eigentlich. Es gab Licht, die Anlage hat überall gepasst, mit Dixi-Klos hatte man auch zur Stoßzeit eine annehmbare Wartezeit. Die Musik war von Locals und sie war verdammt gut. Jeder einzelne Floor. Wenn man zu der Gattung Mensch gehört, die von dem Andrang draußen auf einen Andrang drinnen schließen konnten und bis nach der Stoßzeit seinen Rausch in verlassenen Ecken des Gebäudes abgesessen hatte, kann man für drinnen schon YEAH sagen. Muss man fast. So eine Location kommt nicht so schnell wieder.

NEE—Garderobe, Bar und Kassa

Normalbetrieb: Die Kantine hat es meiner Meinung nach niemals geschafft, sympathische oder fähige Kassa-Menschen anzustellen. Beziehungsweise: Die Angestellten sind immer nur so drauf, wie die Chef-Etage es vorgibt. Oder eben nicht vorgibt. Manche Veranstaltungen haben ihre eigene Kassa gemacht, was wahrscheinlich die klügste Entscheidung überhaupt war. Die meisten Angestellten der Kantine lassen mich bis heute erschaudern. Nicht alle, aber sehr viele. Auch an der Garderobe oder bei der Bar hat man selten ein Lächeln bekommen. Überhaupt hatte man mehr das Gefühl, dass man den Bar-Menschen für seinen wirklich kleinen Spritzer um drei Euro und fünfzig Cent nervt. Das ist massiv uncool und mit einem Team-Meeting zu beseitigen. Aber hier spricht auch eine Veranstalterin—da achtet man mehr auf den Umgang mit Gästen. Und wird schneller aggressiv, wenn dieser nicht passt.

Abriss-Party: Auch hier waren die Kassa-Damen maßlos überfordert und haben sich auch nicht geschämt, das offen zu zeigen. Stress hatten sie auch weniger als man es sich wünschen würde. Die Bar war wahnsinnig teuer—mein Spritzer war in einer kleinen 0,2 Liter-Plastikflasche und hat wieder über drei Euro gekostet. Wasser gab es auch nur teuer zu kaufen, was meines laienhaften Wissens nach gegen das Gesetz verstößt. Dafür war die Bar aber schnell und kompetent. Auch sehr freundlich. Die Garderobe war eine reine Katastrophe, da die Garderoben-Damen (die zu zweit oder zu dritt für die Menge an Menschen verantwortlich waren) einfach ab irgendwann gegangen sind. Erwartungsgemäß sind alle ausgeflippt und haben sich gegenseitig die Jacken weggestohlen. Das ist eine organisatorische Katastrophe, die man nicht zu beschönigen braucht. Sollte es in Zukunft die Kantine nur woanders geben, biete ich um Gottes Willen gratis ein HR-Coaching an. Zufriedene und motivierte Mitarbeiter sind das A und O—da sollte man vor allem als Club nicht sparen. Auch nicht an der Anzahl der Mitarbeiter.

YEAH & NEE—Publikum

Normalbetrieb: Puh. Es gab ein kleines Stammpublikum in der Kantine. Diese Menschen waren vielleicht nicht unbedingt mein Fall, aber störend waren sie auch nie. Ich habe in der gesamten Zeit eine Schlägerei mitbekommen, was eigentlich wirklich wenig ist. Das Publikum wurde auch nie wirklich selektiert—in Wien ist es ja auch üblich. Das hat man machmal eben bemerkt. Manchmal war es auch wurscht. Jedenfalls hatte man nie ein Problem—die eigenen Leute waren am Start, da ist es doch egal, wer neben dir tanzt. Und um sechs Uhr ist man spätestens ein Herz und eine Seele. Was die Kantine schon im Gegensatz zu den Konkurrenz-Lokalen geschafft hat: Wirklich wenige Kinder. Oder besser gesagt, kaum Minderjährige. Und ein immer anderes Publikum durch die Vielfalt der Veranstaltungsreihen. Die Kantine hat etwas geschafft, woran andere Clubs scheitern—dem abgefuckten Rave-Geist einen edlen Glanz zu verleihen.

Abriss-Party: Es waren alle da. Dadurch war viel los, was uncool für Panik-Attacken und wirklich cool für die Stimmung ist. Die Stimmung war nämlich bombastisch. Und sie hat noch lange gekocht—um 09:00 Uhr früh musste man anstehen und warten, bis man zur Afterhour raufkonnte. Die letzte Party war würdig. Dass große Partys immer ihre Tücken haben und nie alles perfekt sein kann, ist doch irgendwie klar.

Fredi ist auch auf Twitter: @schla_wienerin

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