Festival Summer

Stadt- oder Wiesenfestivals? Wir haben die Vor- und Nachteile zusammengetragen

Gatsch vs. Beton.

von Isabella Khom
02 September 2016, 5:55am

Foto via Flickr | benchfrooser | CC BY-SA 2.0

Bald haben wir es geschafft: Die Festivalsaison neigt sich dem Ende zu. Das Lighthouse Festival war ereignisreich, zumindest für uns—und wir nehmen uns ein paar Learnings fürs nächste Jahr mit. Beim Rock in Vienna haben viele Leute die Pommesgabel gemacht und unser Autor hat es liebevoll als das Coachella des Gemeindebaus bezeichnet. Beim Nova Rock gab es heuer erstmals das Cashless-System, unsere Kollegen von VICE haben sich zeigen lassen, wie man aufs Gelände einbricht und unlängst wurde das Nova Rock um eine Woche verschoben. Das Frequency hat heute noch Spuren hinterlassen und das Nuke wurde heuer leider trotz aller Bemühungen abgesagt. Als ich angefangen habe, auf Festivals zu gehen, gab es so etwas wie Stadtfestivals noch nicht—zumindest nicht in meinem Bewusstsein. Das Frequency war—für mich drei Mal—am Salzburgring und das Two Days A Week war in Wiesen—zu einer Zeit, in der dort noch Hängematten zwischen den Bäumen auf Alkoholleichen warteten. Nun, das Frequency ist schon seit 2009 in St. Pölten, Österreichs neues Rock-Festival Rock in Vienna hat sich seine Heimat in Wien gesucht. Graz ist zum Beispiel eine Adresse für Stadtfestivals, findet dort doch das Springfestival und das Elevate statt. Wien auf der anderen Seite fährt das Waves Vienna auf. Sowohl die Stadt- als auch die abgelegenen Wiesenfestivals haben ihre guten und schlechten Seiten. Wir haben uns die Unterschiede mal genauer angesehen.

Foto: Christopher Glanzl

Wald- und Wiesenfestivals

Festivals wie beispielsweise das Nova Rock, das Acoustic Lakeside aber auch die Festivals in Wiesen sind alle mehr oder weniger weit von einer Stadt entfernt. Schon im Vorhinein muss man sich viel mehr Gedanken dazu machen, mehr organisieren. In den meisten Fällen kommst du bei irgendeinem Bahnhof an und musst dann zusehen, wie du überhaupt zum Gelände kommst. Das bedeutet, dass die Anreise schon mal die erste Hürde ist. Wenn du jemanden in deinem Freundeskreis hast, der wahnsinnig genug ist, sein Auto in die Gefahrenzone Festival zu bringen, kannst du dich glücklich schätzen. So eine Anreise kann zu beiden Teilen mühsam oder ganz gut werden. Ganz klar, nur weil ein Festival in einer Stadt ist, heißt das nicht, dass man dort nicht hinreisen muss. Meist (immer) ist es aber einfacher, eine Direktverbindung zu finden und nicht früher oder später durch Gatsch waten zu müssen. Wald- und Wiesenfestival-Anreisen sind auf jeden Fall abenteuerlicher. Wo du dann gelandet bist, weißt du dann meist selbst nicht so ganz genau. Auf jeden Fall hat es etwas mit Pampa, Gelsen und Natur zu tun, was im Großen und Ganzen nett ist. Der nächste logische Schritt ist, sich sein Zelt aufzubauen. Wenn man irgendwo am Arsch ist, fällt es auch schwerer einfach abzuhauen. Ein Zelt, dein derzeitiger Manchmal-Lieblingsmensch und ein Haufen betrunkener Idioten können durchaus eine gewisse Romantik haben. Vor allem weil man wohl oder übel zusammenhalten muss. Niemand kann einfach heim fahren oder beleidigt das Zelt wechseln. Gemeinsam im Dreck zu liegen, sich zwischen halbleeren Bierdosen und ein paar Kotzespuren zu halten, schweißt zusammen. Außerdem: Ihr werdet Sterne sehen.

Foto: Christopher Glanzl

Wenn du schon an einen Ort fährst, der in der Pampa liegt und an dem du wahlweise von Gatsch oder Staub umgeben bist, dann wirst du aus zwei Gründen hingefahren sein: Entweder, du bist einer der wenigen (lobenswerten) Menschen, die sich tatsächlich für die Musik interessieren, oder—viel wahrscheinlicher—bist du wegen der Party und dem Gesamterlebnis (Viel Alkohol, viel Party und ein bisschen Musik) dorthin gefahren. Dieser Situation bist du dann ausgeliefert. Wenn du einmal auf den Rausch-Zug aufgestiegen bist, dann wirst du dich damit auch recht bald wohl fühlen. Der Gedanke, dass du da jetzt schwer wegkommst, wird dir auch egal sein. So ein Wald- und Wiesenfestival ist ein kompletter Ausstieg aus dem Alltag, eine Auszeit. Manche würden es auch Eskapismus nennen. Du bist in einem Ausnahmezustand: Du scheißt auf deinen Körper, weil du konstant saufen wirst, weil du dich sehr viel weniger als sonst um deine Körperhygiene kümmern wirst und weil du dich sehr sicher ungesund ernähren wirst. Du wirst stinken und es wird dir egal sein. Es ist eine Reise zu einem anderen Planeten, der keinen Platz für die alltäglichen Dinge hat—hinter dir die Sintflut. In aller Feierlichkeit möchte ich euch nun den allergrößten Pluspunkt präsentieren: Dein Karma muss sehr gefickt sein, damit du bei einem Festival im Nimmerleinsland irgendjemanden triffst, den du so gut kennst, wie das Keks, dass seit einem halben Jahr in der Sofaritze liegt und komplett ignoriert wird. Und selbst wenn du jemanden treffen solltest, ist er mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit so besoffen, dass es auch schon wieder wurscht ist.

Stadtfestivals

Foto via Flickr | derÄsthet | CC BY 2.0


Wie eingangs schon erwähnt, erfreuen sich Festivals in dem, was Österreicher eine Stadt nennen, an immer größerer Beliebtheit. Das Rock in Vienna auf der Donauinsel hat man in ganz Wien gehört. Und wenn man sich an den Festivaltagen an die Donau gesetzt hat, konnte man so gut wie alles hören und hat sich das (recht teure) Ticket erspart. Genau genommen, ist das Rock in Vienna irgendwo Stadt und Wiese. Es ist wie das Nova Rock, aber mit dem Unterschied, dass du danach heimfahren kannst und nicht besoffen noch dein Zelt aufbauen musst. Das Waves Vienna ist seit 2011 das (zumindest für mich) wichtigste internationale Festival Wiens. Aus der Wohnung nur eine Straßenbahnlänge von einem Festival entfernt zu sein, hat definitv Vorteile. Man ist einfach viel flexibler—die allgegenwärtige Möglickeit heim zu fahren macht alles gleich viel entspannter. Anders als bei den Festivals, in denen du in einem Zelt überleben musst, kannst du Heim fahren, dich duschen, dir frisches Gewand anziehen und dir einen frisch gepressten Orangensaft zum Frühstück gönnen. Den Kater am nächsten Tag in der eigenen—oder wahlweise in der Hotel-—Badewanne auskurieren zu können, ist doch ein Luxus.

Wenn du nicht in der Stadt wohnst, dann kannst du das Festival mit einem Städtetrip verbinden. Während du tagsüber mit leichten Kopfschmerzen ins Museum gehst, hast du dich um dieselbe Zeit bei einem Nova Rock gerade schon selbst angekotzt. die Die Wahrscheinlichkeit, dass du um 14 Uhr schon einen Becher weißen Spritzer in der Hand hast, ist auch sehr unwahrscheinlich. Auf Stadtfestivals wird einfach nicht so sehr gesoffen. Die Party ist eine andere—quasi die erwachsene Version des Wiesenfestivals. Sie geht später los, ist entschleunigter und endet sehr sicher erst morgens in irgendeinem Club und nicht um zwei Uhr morgens in einem Erdloch am Campingplatz. Ich hab das alles zum Beispiel letztens erst wieder beim Popfest gehabt. „Aus der Arbeit zum Konzert" war zumindest an den ersten beiden Tagen des Events Programm. Kommenden Samstag wird das NUKE das erste Mal in Graz stattfinden und hat sich somit auch vom eher abgelegenen Zwentendorf in das Freigelände der Messe Graz verlegt. Das Festival bringt auch frischen Wind in die steirische Hauptstadt. Wobei man an dieser Stelle auch dem Elevate Dank aussprechen darf. Ein weiterer Vorteil der Stadtfestivals ist—zumindest in der Regel—, dass die Lokalitäten schon gegeben sind. Ein solches Festival belebt die Stadt.

Persönlich bevorzuge ich das Festival in der Stadt gegenüber der Wiesenfestivals. Für mich liegt darin viel mehr Freiheit, als an einem Ort festzusitzen und Bedingungen „ausgeliefert" zu sein. Aber ich verstehe auch, warum man lieber mal aus der Stadt rausfährt, in die Natur und sich eben mit den Gegebenheiten arrangiert. Es wäre auch schade, wenn Festivals nur noch in der Stadt stattfinden würden. Aber ich male hier Szenarien aus, die so sehr sicher nicht eintreffen werden. Wer die Wahl hat, lebt wohl in einem Land, das versucht, alle Bedürfnisse zu decken.

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Isabella auf Twitter: @isaykah

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