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„Basel ist unsere Traumstadt“—Nordstern im Interview

Wenn der Nordstern Ende Jahr schliesst, verliert Basel den einzigen Club, der europaweit mithalten kann. Dan vom Nordstern hat mit uns über Leidenschaft und das Gespenst namens Clubsterben gesprochen.
25 Juni 2015, 10:04am

Foto zur Verfügung gestellt vom Nordstern

Basel ist am Austrocknen. Obwohl das Sommerwetter momentan noch von regelmässigen Stürmen gestreckt wird, erlebt die Stadt eine Dürre. Eine Ausgangsdürre. Zwar wird es auch in Zukunft Orte geben, an denen man sich hoffnungslos besaufen kann, aber das eigentliche Nacht-Leben, die Ausgangskultur ist bedroht. Das „Clubsterben" ist sicher auch ein Schlagwort, aber trotzdem ist es eine Tatsache, dass mit Hinterhof und Nordstern die zwei bedeutendsten Clubs schliessen müssen, welche Leben im „Nachtleben" und Kultur in „Clubkultur" für sich beanspruchen dürfen (zur Schämerecke, in dem nur schon der Begriff „Club" ein Euphemismus ist, gehören Jung, Wild & Sexy-Locations wie das Fame, das Obsession und das A2).

Letzte Woche haben wir mit Lukas vom Hinterhof über sein Leben im und für den Hinterhof gesprochen. Diese Woche erzählt uns Dan vom Nordstern, warum er macht, was er macht und was man von Basels Nachtleben ab dem Jahr 2015 erwarten kann.

NOISEY: Wie lange bist du schon beim Nordstern?
Dan: Ich bin seit acht Jahren dabei. Am Anfang habe ich eigentlich nur die Website gemacht—früher hatte ich eine eigene Webdesign-Firma—aber in den letzten Jahren: Marketing, Bookings, eigentlich bin ich jetzt die rechte Hand der Besitzer. Es ist Arbeit—aber auch eine Passion. Dass wir den Nordstern aufbauen konnten, der mittlerweile eine internationale Marke ist, bei Agenturen und DJs, ist erfüllend. Wir wissen, dass wir etwas richtig gemacht haben und leben das auch. Wir kommen ja auch alle aus dem gleichen Dorf, Agi, Andrea Oliva und ich. Wir kennen uns jetzt 25 Jahre lang.

Also wart ihr schon auf dem Pausenplatz befreundet?
Jooo... Also, ich hatte früher eine Punkband—Blind—und Andrea Oliva kam immer an meine Konzerte. Damals war ich 18 und Andrea 14. So ab 20 habe ich die anderen etwas aus den Augen verloren. Irgendwann bot ich Greg an, dass ich die Nordstern-Website auf einen vernünftigen Stand bringe. So bin ich hierhin gekommen. Und hier machen wir auch nicht einfach unsere Arbeit, sondern sind auch in der Freizeit zusammen.

Was macht ihr so?
Agi und ich gehen einmal pro Jahr nach Asien oder Südamerika. Immer dann, wenn wir das Gefühl haben, dass es uns gerade nicht unbedingt braucht. Wir nehmen schon unsere Laptops mit, aber arbeiten dann vielleicht ein, zwei Stunden pro Tag. Es ist natürlich auch immer eine Gratwanderung zwischen Freundschaft und Business: Er ist mein Buddy, aber auch mein Chef. Privat ist es Freundschaft und im Tagesgeschäft ist es Business. Und das ist kein Kindergeburtstag, der Nordstern ist ein grosses Gebilde aus fünf bis sechs Vollzeitarbeitern und dann alle Leute von Bar über Security, Abräumer, Garderobe ... Der Nordstern ist ein KMU.

Foto von Benjamin von Wyl

Gibt es in der Club-Crowd ein ähnliches Gefühl der Gleichheit wie im Punk zwischen Publikum und einer Band, die ein paar Akkorde schrammelt?
Du musst natürlich schauen, wie sich die Clubkultur in den letzten 20 Jahren entwickelte. Zürich war damals europaweit ein Pionier und immer noch sehr undergroundig und jetzt hat es sich halt schon ... Nicht in den Mainstream, aber in den Nischen-Mainstream bewegt. Das siehst du bei der Entwicklung der Gagen. Der DJ ist heutzutage der Popstar—und hat gegenüber Bands noch Vorteile: Wir mussten immer unsere Sachen schleppen und heute kommt der DJ mit seinem USB-Stick und bekommt Gagen, von denen Bands früher geträumt haben—und dann erst noch durch fünf teilen mussten.

Vom Underground zum Nischen-Mainstream hat es 20 Jahre gedauert. Wie ist das mit dem Älterwerden, wenn man in einem Club arbeitet?
Man wird auf jeden Fall viel schneller älter, wenn man in einem Club arbeitet, als wenn man im Büro arbeitet. Das fängt schon an, wenn du neben dem Daily Business auch noch zwei, drei Abende pro Monat im Club bist. Aber ich muss sagen: Ich bin jetzt 40 und fühle mich nicht wie 40.

Du fühlst dich jünger. Schon, oder?
Nein, ich fühle mich 60! Natürlich fühle ich mich jünger, aber das hat auch damit zu tun, dass man einfach mit jüngeren Leuten zusammen ist. Aber es gibt auch solche, die ich von früher aus der Schule kenne, die kommen immer so „Was machsch du y dym Läbe?" oder „Wieso tuesch di nyt öppis nach Schwiizer Gsiichtspünkt Währschaftem zuewände?" Und die verstehen auch gar nicht, dass es im Endeffekt ein Job ist. Er spielt sich einfach in einem anderen Licht ab, aber Ende Monat bezahlt meine Arbeit beim Nordstern meine Rechnungen und gibt meinem Leben ein Grundgerüst. Bei vielen Leute gilt halt das oberflächliche Prinzip „Club = Droge = Abgfuckt".

So ist es also im Persönlichen, wenn Leute das Gefühl haben, du machst nichts Rechtes in deinem Leben. Wie fühlt sich das gegenüber dem offiziellen Basel an?
Bis vor kurzem war die Wertschätzung nicht vorhanden. Mediensachen wie die Top 3 unter den Club-Städten vom Reiseportal Skyscanner haben einige Leute aufhorchen lassen. Aber es ist schon frustrierend, wenn man es mit anderen Städten vergleicht. Basel betitelt sich immer als Kulturstadt. Darunter versteht man offensichtlich nur das Symphonieorchester und das Stadttheater. Also, wir haben kein Problem damit, denn so müssen wir niemandem Rechenschaft ablegen und können unser Ding machen: Wir zählen in Europa wahrscheinlich zu den besten zehn Clubs. Am Anfang träumten wir nicht mal davon, dass man uns so wahrnimmt wie jetzt. In den nächsten zwei Monaten werden wir von Montreux Jazz Festival über Gurten, Open Air Frauenfeld, dann am Sonar in Barcelona—im August sind wir in Ibiza—überall präsent sein.

Foto von Benjamin von Wyl

Es scheint so, als wäre der Nordstern gar nicht auf Basel angewiesen.
Wir lieben Basel. Es ist unsere Traumstadt. Du hast ja wirklich alles: Du hast einen harten Fussballverein, du hast Kultur—massiv viele Museen. Der Flughafen ist sehr angenehm nah. Ich fahre immer dann, wenn ein Flug gelandet ist, los, um einen Künstler abzuholen.

Ihr wollt in Basel bleiben, wenn der Nordstern Ende Dezember schliessen muss?
Unser Ziel ist auf alle Fälle, in Basel zu bleiben, aber ehrlich gesagt wissen wir noch nichts Konkretes. Jetzt ist es uns noch wichtig, am bestehenden Ort so gut wie möglich weiterzuarbeiten. Das Problem ist halt, dass diese neuen Bass-Regelungen zum Tragen kommen, wenn du jetzt was Neues machen willst. Dazu kommen die üblichen Vorschriften: Feuerschutz, Sicherheit, Baurecht und die bürokratischen Feinheiten im Bewilligungswesen.

Also ist das Clubsterben nicht nur ein Medienhype?
Es ist eine Entwicklung, die es immer gibt. Von einer Stücki, die zugegangen ist, über ein Bimbo-Town, über ein Bell. Aber die Tatsache, dass ausgerechnet der Hinterhof und wir—die im Moment unbestrittenen Clubs in Basel—fast zeitgleich schliessen ... Das Programm, das wir im Nordstern fahren, findest du in der Schweiz sonst nirgends—du findest es auch in fast ganz Europa nicht. Ausser an Orten wie dem Berghain oder der Fabric in London. Und dass diese zwei Aushängeschilder aus ihren Mietverhältnissen raus müssen, löst natürlich Wirbel aus. Denn, beide Vermieter—IWB und Immobilien Basel-Stadt—zur Stadt. Beide hätten die Macht, zu schauen, dass es für die Clubs weitergeht. Wie gesagt: Basel nennt sich ja Kulturstadt und Kultur heisst nicht nur Klassik. Kultur ist das Ganze. Wenn du zusammenrechnest, wie viele Leute pro Wochenende in allen Basler Clubs sind, ist das nicht zu unterschätzen.

Muss denn Untergrundkultur und Klassik unbedingt gegeneinander ausgespielt werden?
Kürzlich hat Julien Quentin, einer der weltbesten Konzertpianisten, für die Leute von Julius Bär im Trois Rois eine Privatvorführung gemacht. Der ist bei uns dann mal vorbeigekommen ...

Als Gast?
Als Gast. Er hat dann auch auf unserem Piano im Backstage gespielt. Und seither sind wir im regen Austausch darüber, wie man Hochkultur und Nachtleben zusammenbringen kann. Und das macht er jetzt auch an der Sonar, wo er mit einem der härtesten Geiger der Welt und zwei elektronischen Musikern auftritt. Und solche Begegnungen passieren immer wieder. Diese Wertschätzung ist grad nochmal Antrieb, um was man macht weiter—und besser zu machen.

Benj auf Twitter: @biofrontsau