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You Need to Hear This

So war das With Full Force 2014

Ich war auf dem „härtesten Acker Deutschlands“ und habe mich drei Tage lang Blastbeats und Breakdowns ausgesetzt.
8.7.14

Foto: Flickr | Peter Amende | CC By 2.0

Nach einer scheinbar endlosen, aber eigentlich nur halbstündigen Fahrt durchs sächsische Hinterland erblicke ich endlich die weißen Spitzen der With Full Force-Tentstage am Horizont. Wir fahren über ein Feld, vorbei an armen Gestalten, deren Körper in der brütenden Mittagshitze mit ihren Rucksäcken verschmelzen. Immerhin werden sie im unregelmäßigen Takt von „FULL FORCE!!!!“-Rufen der vorbeifahrenden Autos motiviert. Selbst die Security am Eingang ist nicht mehr wirklich Herr ihrer Sinne und durchsucht unser Auto recht oberflächlich nach Glasflaschen. Kann mir nur recht sein, schließlich will ich endlich aufs Gelände!

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Das With Full Force war ursprünglich einmal ein Ein-Tages-Festival, welches 1994 im Stadtpark von Werdau (bei Zwickau) zelebriert wurde. Da aber bereits nach zwei Jahren die Besucheranzahl die Kapazität des Gelände überstieg, zog das Fest erst nach Zwickau und schließlich auf den Segelflugplatz Roitzschjora bei Leipzig. Dieses Jahr gab es also bereits zum 21. Mal musikalisch drei Tage lang volles Pfund aufs Maul. Obwohl mir persönlich dabei ein wenig zu oft auf die gleiche Stelle geschlagen wurde, doch dazu später mehr.

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Freitag

Den ersten Stimmungsdämpfer bekomme ich, als ich erfahre, wo meine Gruppe ihr Premiumzelt aufgeschlagen hat: Am fucking Ende des Geländes. Was bedeutet, dass ich die nächsten Tage jedes Mal ewig durch die Hitze latschen darf, um mir Bands anzusehen oder aus Faulheit einfach im Campingstuhl versacke. Stolz berichten sie, dass sie schon eine halbnackte Frau gesehen haben, die auf die „Intimität“ eines Zeltes verzichtete und lieber am Wegesrand Sex mit ihrem Freund hatte. Mir entweicht ein blitziges „Aw määän”. Egal, erstmal mein Festivalbändchen holen. Leider bekomme ich dieses nicht wie all die anderen Glücklichen in den gut platzierten Containern auf dem Weg zu den Bühnen, sondern muss durch den Backstage-Zeltplatz zum Rand des Feldes trotten. Genau dieser Rückweg wird mir dann aber verwehrt, weil ich dazu nicht befugt bin. Dafür darf ich die komplette Länge des Geländes zurücklaufen und bin jetzt eine dieser traurigen Gestalten, denen die Rufe entgegenschmettern. Mit jedem Schritt steigt mein Hass auf diese fragwürdige Organisation und würde am liebsten den nächsten Security, den ich sehe, anrotzen. Hitze macht eben aus den friedlichsten Menschen tobsüchtige Assis. Stundenlang durch die Hitze zu latschen ist überraschenderweise kein Garant für gute Laune.

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Dank meiner Hobbit-mäßigen Wanderung verpasse ich The Black Dahlia Murder und so sind Stick To Your Guns die erste Band, die ich sehe. Leider kann ich mich an absolut nichts mehr von ihrem Auftritt erinnern. Lediglich das mitreißende „Ohohoh“ von ihrem Hit „Against Them All“, das mir das ganze Wochenende im Ohr hängt, ist der Beweis, dass ich tatsächlich körperlich anwesend war. Die Hitze hat mir wohl das ein wenig zu sehr das Gehirn gekocht. Bewaffnet mit einem kühlem Bier schaue ich die letzten Songs von Skindred, bevor das Deutschlandspiel neben der Hauptbühne übertragen wird. Die Reggae-Metaler wagen es sieben Minuten zu überziehen, was für einigen Missmut im Publikum sorgt. Inzwischen sind eine Menge Menschen vor die Bühne gezogen, um sich das Spiel anzuschauen, das seit immerhin schon zwei Minuten läuft. Auch auf dem WFF regiert König Fußball und so spielen während des gesamten Spiels keine Bands. Der angepriesene „riesige Bildschirm“ ist allerdings ein schlechter Witz. Bei einer optischen Auflösung von 240x360 Pixeln ist es verdammt schwer, den winzigen weißen Ball zu erkennen. Plötzlich jubeln tausende Menschen und ich weiß, dass wohl ein Tor gefallen ist, schätzungsweise für Deutschland.

Nach deren Sieg geht es direkt weiter mit Callejon, die spätestens mit dem zweiten Song „Schwule Mädchen“ das Publikum voll in ihrer Hand haben. Zwar bin ich ein wenig irritiert, dass Sänger Bastian die cleanen Gesangspart maximal anschneidet und lieber das Mikro in diesen Momenten zum Publikum richtet, aber an sich ist die Show sehr routiniert und drückt ordentlich. Weil ich aber schon viel zu lange alleine rumstolpere, verzichte ich auf Hatebreed, sacke lieber am Zelt meine Gruppe ein und wir sehen uns in der Tentstage Emmure an. Die Band kommt unter Jubelschreien auf die Bühne und startet einen Breakdown, der die nächsten 50 Minuten die jugendliche Meute in den Moshpit zwingt. Als Basser von Emmure braucht man wirklich nur eine E-Seite und kann einhändig Gitarre spielen.

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Während Volbeat ordentlichen Altherren-Rock abliefert, klappere ich die unzähligen Fressbuden ab. Die Auswahl ist wirklich riesig, selbst Veganer können sich Soja-Burger und Seitan-Bratwürsten in den gierigen Schlund schieben. Der Abend verschwimmt dank diverser Spirituosen zusehends, bis mich nachts um halb drei die Black Metaler Der Weg einer Freiheit mit endlosen Blastbeats wohlig hypnotiseren. Leider scheint es dem wild tanzenden Typen neben mir nicht so zu gehen, dessen untere Gesichtspartie und die Hände komplett mit Blut verschmiert sind. Ob das sein eigenes Blut ist oder ob er gerade sehr intensives Petting mit einer menstruierenden Bekanntschaft hatte, ist mir egal. Ich will die klebrige Paste nicht an mir haben und stelle mich lieber zu zwei Corpsepaint-Gesellen. DWEF hat in der elitären Black Metal-Gemeinde nicht den besten Stand. Ist den beiden angesichts der mitreißend arrangierten Musik aber sichtlich schnuppe. Zurück beim Zelt schlafen manche schon auf ihren Stühlen, der Rest hat es immerhin noch ins Zelt geschafft. Aftershow sieht anders aus.

Samstag

Der Morgen beginnt damit, dass ich schwitzend in meinem Mikrowellensimulator aka Zelt aufwache. Der Vormittag verschwimmt in Schweiß, Urin und warmen Bier. Gegen 14 Uhr stehe ich wieder in der Tentstage, denn hier spielen Hundredth. Wie Emmure eröffnen auch sie ihr Set mit einem Breakdown. Scheint hier ein ungeschriebenes Gesetz zu sein. Den Leuten gefällt's und so gehen sie dementsprechend ab. Nicht nur mir fällt dabei auf, dass die Security die Stagediver unverhältnismäßig ruppig aus der Menge in den Graben ziehen, auch Sänger Chadwick Johnson wird immer angepisster von diesen Aktionen. Erst fordert er die Meute auf, mehr zu stagediven, „damit die Jungs mal was zu tun haben“, dann sagt er, dass sie sich nicht von dem Graben abhalten lassen sollen, klettert schließlich selbst von der Bühne und stellt sich demonstrativ zwischen zwei besonders große Exemplare der Gattung Security und singt den restlichen Song von da aus. Jedoch nicht ohne dem einen Typen einen herzlichen Fuck-Finger zu zeigen. Sympathische Band, bekommen einen Ehrenplatz in meinem Gedächtnis.

Beim Schlendern über den Zeltplatz stoßen wir auf ein kleines Fußballfeld auf dem Leute in überdimensionalen Grummibällen mal so richtig die angestaute Energie ablassen. Da meine Wut vom Vortag noch nicht ganz verflogen ist, klettere ich kurzerhand auch in so einen Gummiball und suchte mir mein erstes Opfer aus. Der eigentliche Plan war, ihn mit vollen Anlauf über die Absprerrung zu stoßen. In der harten Realität bin ich aber einfach von ihm abgeprallt und flog selbst ein paar Meter in die Gegenrichtung. Irgendwann hab auch ich gecheckt, dass der Trick bei der ganzen Sache ist, beim Zusammenstoß in die Knie zu gehen. Die Befriedigung wahllos Leute durch die Luft zu schleudern war ungefähr so groß wie das Vorfinden eines halbwegs sauberen Dixiklos.

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Weiter gehts auf der Hauptbühne mit Carnifex, die ihrem Namen wieder alle Ehre machen und sich abgrundtief hasserfüllt durch ihr Set prügeln. Würden sie tatsächlich Verbrecher durch Köpfung hinrichten, dürftest du dich nicht auf einen schnellen Tod durch ein frischgeschliffenes Schwert freuen. Vielmehr wäre so angerostet und stumpf, wie die Stimme von Sänger Scott Lewis, der solange keift und grunzt, bis auch du „Hell chose me“ schreist. Selbst der Himmel scheint von der schieren Bösartigkeit beeindruckt und pünktlich zum folgenden Auftritt Walls of Jericho’s beginnt es zu regnen. Bereits bei den ersten Tönen des Openers „All Hail the Dead“ gibt es auch für mich kein Halten mehr und ich stürmte in den Pit. Hier humpeln immer wieder Leute mit schmerzverzerrten Gesichtern an mir vorbei. Weiter vorne sackt ein Typ von einem verirrten Schlag getroffen zu Boden, steht aber schnell wieder auf und rennt kurze Zeit später wieder fröhlich den nächsten Circle Pit mit. Wenn es jemand schafft, Leute zum Tanzen zu animieren, dann ist es Candace Kucsulain. Immer wieder beeindruckend zu erleben, wie viel ansteckende Energie die inzwischen sichtlich muskulöse Frontfrau freisetzt. Ich habe dieses Wochenende wirklich viele lahmarschige Breakdowns irgendwelcher Möchtegern-Tough-Guy-Bands hören müssen. Wenn aber Walls of Jericho zum Mosh-Soundtrack ansetzen, ballert das allen die New-Era-Caps vom Kopf. Definitiv mein Highlight des Festivals.

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Danach setzt sich langsam ein Musik-Sättigungsgefühl ein. Ignite sind ganz nett, We Came As Romans (Tentstage, deswegen auch Breakdown-Intro) belanglos, Amon Amarth visuell sehr überzeugend. Zurück beim Zeltplatz machen wir Bekanntschaft mit unseren Nachbarn und ihrem sehr speziellen Drogenkonsum. Mir sind die ganze Zeit schon seltsame, kleine Silberkapsel aufgefallen, die in der Nähe unserer Zelte überall im Gras verstreut liegen. Jetzt wird das Mysterium gelöst: Die Jungs ziehen sich Lachgas rein. Soll wohl der Shit sein, ich bleibe beim Altbekannten und lande irgendwann im von der Morgensonne schon erhitzten Zelt.

Sonntag

Langsam quäle ich mich nach guten zwei Stunden Schlaf aus dem Zelt und verfluche die unbarmherzige Sonne. Sie ist auch der Grund, warum ich mir heute bis zum Abend ausschließlich Bands im schattigen Zelt anschaue. Memphis May Fire, His Statue Falls und For The Fallen Dreams scheinen alle in die gleiche Musikschule gegangen zu sein. Sie alle beginnen ihre Sets mit einem Breakdown, nutzen mal mehr, mal weniger Elektro-Samples und Cleangesang. Sie in der Retroperspektive auseinander zu halten ist schlicht unmöglich. Den besagten Schlag in die Fresse gab es da einfach zu oft und ohne wirkliche Kraft dahinter.

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Eine Sache fällt mir bei der Show irgendeiner dieser drei Bands auf: Auf einem Festival gibt es ja immer viele Karneval-Fans, die in die absonderlichsten Kostüme schlüpfen oder durch die Gegend morphsuiten. Doch der Preis des größten Idiotens geht an einen ganz besonderen Typen. Stell dir vor, die Sonne lacht, erwärmt die Luft auf 30°C und du kommst wirklich auf die mit rationalen Gedanken nicht nachvollziehbare Idee, dir eine Gasmaske aufzusetzen, dein Outfit mit dem dazugehörigen ABC-Schutzmantel und Inline Skates zu komplettieren, um so im Pit zu tanzen. Warum zu Hölle du das tun solltest? Ich habe absolut keine Ahnung.

Dann heißt es schon wieder Zelte abbauen, bevor Architects spielen. Die Jungs zeigen, dass sie nicht nur auf Platte gut klingen und heizen die Leute ordentlich an. Natürlich darf der Einsatz von Oli Sykes bei „Even If You Win, You’re Still A Rat“ nicht fehlen, wenn Bring Me The Horizon doch schon mal hier sind. Danach ein letztes Mal eine Saitanwurst genießen und schon laden Behemoth zur schwarzen Messe. Das ist kein Konzert mehr, das ist ein Aufführung. Von den Kostümen, den Nebel-und Feuereffekten bis zum Bühnenbild ist alles detailliert durchchoreografiert. Ganz großes Kino und perfekter Abschluss für ein spaßiges Wochenende. Wie sehr ich eigentlich stinke, bemerke ich erst, als ich in dem frischen BMW meiner Mitfahrgelegenheit sitze und der Fahrer regelmäßig das Fenster zur Stoßlüftung öffnet. Kann ich ja nichts für, ist halt Full Force!

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