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You Need to Hear This

Danny Brown: Das Schwergewicht

Wir haben einen Tag mit Danny Brown verbracht und die dunklen Seiten seines hedonistischen Daseins herausgefunden.

von Tyler Trykowski
01 Oktober 2013, 4:40pm

Danny Brown hält einen doppelten Hennessy Whiskey in der Hand, während er in einem Golfmobil zu seinem Auftritt auf dem Rock the Bells Festival vor den Toren von Los Angeles fährt. Er springt raus, als wir an der Bühne ankommen, und betont, dass er nicht einen Tropfen verschüttet hat. „Rockstar Shit“, murmelt er. Mit einer Größe von über 1,80 Meter, seinem unbändigen Haar, das kraus und zackig ist, und der Zahnlücke, fällt es schwer, diesen Kerl zu übersehen. Andere Rapper gehen mit geschwollener Brust und entschlossen durch's Leben, so als müssten sie etwas beweisen. Aber Danny streckt seinen langen Arm aus und klatscht jeden ab, den er lässig passiert.

Bevor er auf die Bühne geht, schreitet er auf und ab. Ich frage seinen Manager, ob er nervös ist, aber er versichert mir, dass er das nicht ist, und zieht als Beweis hunderte Shows heran, die er alleine schon dieses Jahr überall in der Welt gespielt hat. Ich frage ihn, wie er seine Energie dafür aufbringt, und er entgegnet mir, dass dies eine gute Frage sei. Danny starrt ins Publikum, während sein Auftritt immer näher rückt und Tausende sich versammeln. Er nimmt einen Schluck aus seinem Becher, geht raus, öffnet seinen Mund—und alle drehen durch.

Er springt von einer Seite zur anderen, sein Haar bounct mit ihm mit. Er tritt mit den Beinen und wackelt mit seinem Kopf, und als ob er Gitarre spielen würde, zerstört er sie. Die Menge singt mit: „What she won’t do / BITCH I WILL.“ Ein pummeliger, weißer Junge schreit: „Don’t let me into my zone“, während er in dem Moshpit abtaucht. Nach „Blunt After Blunt“, einer Single vom 2011er Album XXX, dreht er sich zu Skywlkr, seinem DJ, verdreht die Augen und trinkt noch einen Schluck von seinem Whiskey.

Er reißt sich sein Shirt vom Leib und kippt sich danach ein Wasser runter. Lange Arme und schwarzes Leder waren eine unpraktische Wahl. Im Auto, auf dem Weg zurück zu seinem Trailer, spricht jemand über die Energie der Menge. „So ist das mit Danny Brown.“, erzählt er uns, „es gibt keine Mitte. Entweder du liebst ihn oder du hasst ihn. So ist das einfach.“

Dies ist die Geschichte von Danny‘s Karriere bis heute: In seinen Zwanzigern veröffentlichte er eine Mixtape-Serie mit dem Titel Detroit State of Mind, allerdings mit wenig Erfolg. Er flirtete mit Roc-A-Fella und G-Unit. Er war 2006 im Knast, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte, wodurch er acht Monate Zeit hatte, Texte zu schreiben. Obwohl er sich vom Dealen losgesagt hatte, vertickte er auch nachdem er aus dem Gefängnis kam, Gras, um Hot Soup zu finanzieren—das 2008er Album, dass seine Karriere ins Rollen brachte. 2010 veröffentlichte er dann The Hybrid, sein erstes richtiges Studioalbum, und unterschrieb einen Vertrag bei Fool‘s Gold Records über den Release des nächsten Albums XXX.

Er benötigte also acht Jahre an Fehlstarts, aber XXX war das Album, das ihn von einem regionalen Detroit-Phänomen zu einem international bekannten Rapper machte. SPIN nannte es eines der besten HipHop-Alben des Jahres 2011 und Pitchfork schrieb, es sei besser als Watch The Throne. Danny Browns Aufstieg verlief zuletzt rapide, in diesem Jahr bekam er eine eigene Modestrecke im GQ Magazin, tourte ohne Ende und unterschrieb einen Management-Vertrag bei der Agentur von Eminem und Blink-182.

XXX‘s fanatische, Amphetamin-gepushte Energie und seine hochfrequentierten Punchlines sind Teil seines Aufstiegs: Niemand stellt die Kraft seiner Lyrics infrage, aber manche Songs wie „Blunt After Blunt“, die Single, die ihm selbst offensichtlich selbst ziemlich raushängt, lässt das Publikum durchdrehen. Die Hook ist dabei äußerst simpel: „I smoke blunt after blunt after blunt“.

Das Album hatte durchaus auch ein paar Detroit-Geschichten zu erzählen, ein Markenzeichen von Dannys Arbeit—so wie „Scrap or Die“, das Lied über Kupfer-Diebstahl in leerstehenden Häusern, nur um sich was zu essen kaufen zu können. Es war einfach, die Storys neben den ganzen Witzen und dem Sex zu ignorieren. Aber Danny kann damit umgehen. Er will, dass wir die Wahrheit kennenlernen—es gibt Dinge, die er in Detroit gesehen hat und er wird sie nicht vergessen. Zwei Menschen, die er mehr liebt als alles andere, seine Tochter und seine Mutter, sitzen in der höllengleichen Armut seiner Heimatstadt fest, während er rund um die Welt Party macht. Er grölt nicht mehr über Blunts. Auf Old macht er diese Dinge zum ersten und zentralen Thema und sie sind nahezu quälend direkt.

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Das Album trägt den Namen Old, weil ständig Leute nach dem „alten Danny Brown” fragen, vor XXX. Was sie bekamen, war ein Exorzismus voller qualvoller Erinnerungen und Schuldgefühle. Um den Unterschied noch mal deutlich zu machen: Auf XXX ging es einen ganzen Song lang über Oralsex. Auf Old rappt er darüber, wie er einem Hund dabei zu sieht, wie er auf Befehl am besten Stück eines Drogendealers schleckt. Er rappt darüber, dass er Leute gesehen hat, die aus nächster Nähe erschossen wurden, darüber, dass er im Alter von sieben Jahren erlebt hat, wie sich ein Mann die Oberlippe verbrannte, während er Crack vom Herd rauchte.

„Ich habe ständig Albträume“, erzählt er mir. „Träume, in denen ich wieder zurück bin, es ist 1999 und nicht mal ein schlechter Tag, als jemand auf mich schießt oder ich ins Gefängnis muss. Nur ein ganz normaler Tag im Block. Ich bediene, versuche herauszukriegen, wie ich etwas zu essen bekomme, rauche, hetze umher. Dann wache ich auf und mein Bett ist verdammt nochmal klatschnass vom Scheiß, mein Kopf rast und ich rauche eine Million Blunts, um wieder runter zu kommen, und trinke. Völlig verängstigt. Und dann fällt mir ein: „Scheiße. Ich bin Danny Brown.“

Auf „Clean Up“ macht er die Distanz zu seiner Familie für all den Stress verantwortlich, und spricht von Drogen und Sex auf dem Hotelzimmer, während seine Tochter ihm eine SMS schreibt, wie sehr sie ihn vermisst. Er redet davon, Shirts zu kaufen, die seinen Neffen einen ganzen Monat ernähren könnten, und erzählt, er könnte seiner Mutter 20,000 Dollar auf einmal schicken. Am Ende des Tages ist es trotzdem so, als wäre er nicht da. Doch wenn er seine Mutter nicht selbst aus diesem Viertel rausholt und ihr ein Haus kauft, wird sie niemals gehen. Das ist sein Ziel: seiner kompletten Familie das zu geben, was sie verdienen. Aber seine Familie ist kompliziert, das war sie schon immer.

„Detroit bedeutet Überlebenskampf”, sagt er mir. „Mein Bruder ist eigentlich Friseur, er schneidet meine Haare, er ist aber zusätzlich Krankenpfleger. Mein anderer Bruder ging—als ich in meinen Zwanzigern war—als schlauestes Kind der Familie auf's College. Wir haben ihn behütet, aber er ist durchgedreht. Er hat jetzt einen kleinen Sohn und führt sein eigenes Leben. Bei meiner Schwester war es genau dasselbe, sie bekam ziemlich früh ein Kind. Meine älteste Schwester hat sieben Kinder, sie ist nicht meine richtige Schwester, aber meine Mutter passte früher auf sie auf, während ihre Mutter Drogen verkaufte. Dann wurden ihre Eltern beide beim Drogen verkaufen getötet und meine Mutter nahm sie. Deswegen habe ich sieben Nichten und Neffen. Meine älteste Nichte hat jetzt ein Baby mit 14 Jahren. Der älteste der Neffen ist 13 Jahre alt und seit einem Jahr im Gefängnis.

Kennen sie seine Musik? „Sie wissen einen Scheiß über meine Musik“, sagt er und schüttelt seinen Kopf. „Es gibt kein Internet im Viertel.“ Will er das? Er zögert. „Ich meine, es ist…“, sagt er. „Ich mache mir nichts daraus.“

Auf Old erwähnt er wiederholt, dass er einen Therapeuten braucht und dass der Stress seiner Berühmtheit ihn in die Depression treibt—und dass niemand ihn versteht. Aber Rap ist seine Therapie und Drogen sind seine Medizin. Er sagt ganz moderat: „Drogen haben auf mich nicht die Wirkung, die sie auf andere Menschen haben“. Sowohl Lil Wayne als auch Gucci Mane nehmen Codeine. Aber genau wie sie wird Danny, egal wie viel er nimmt, seine Erinnerungen wohl nie vergessen. Das weiß er auch.

Old und Dannys Leben allgemein, ist von der Gegenwart geprägt und dem Gebrauch von Drogen—sie waren schon immer ein Teil von ihm, er verkaufte sie in seinen 20ern, er nimmt sie heute, um zu verdrängen und mit seiner Vergangenheit umzugehen. Als ich ihn frage ob sein Drogenkonsum ein Problem ist, ist er ehrlich. „Ja, natürlich“, antwortet er.

Die A-Seite des Albums Old (es ist wie eine Vinyl-Platte aufgebaut, ein Zeichen seiner Leidenschaft für Tradition) ist sein Illmatic erzählt er mir, die B-Seite ist ein Hommage daran. Der Vergleich spricht für sich. Nas bediente sich am Mystischen, wie es nur ging, und veröffentlichte alle zwei Jahre ein Album. Illmatic skizziert Geschichten vom Aufwachsen in New York, vom Briefe schreiben an Freunde, die im Knast sitzen, und dem Alltagsleben, dem er so dringend entkommen wollte.

Danny arbeitete zwei Jahre an Old und war mit den Beats nicht weniger wählerisch als mit den Worten. Auf XXX schrieb er die Songs noch in 15 Minuten runter, meinte er, aber für Old arbeitete er mehrere Monate an einem Stück. Es ist sein präzisestes und sein persönlichstes Album bisher und wird zweifellos auch auf Kritik stoßen—es wird seine Fangemeinde spalten. Er erzählte mir, dass es die Stärke seiner Karriere unter Beweis stellen wird. „Wenn es den Leuten nicht gefällt, dann ist es vorbei,“ sagt er, „es ist wie bei einem Profiboxer. Wenn du einmal K.O. gehst, kannst du's vergessen. Ich werde wieder aufstehen und weiter boxen, aber alle wissen dann, dass ich schon einmal ausgeknockt wurde.“

Oft gibt er seinen Vater, der ihm A Tribe Called Quest und Wu-Tang Clan zeigte, als seinen wichtigsten Einfluss an. Er begann mit dem Rappen, als er zu sprechen begann. Es ist eine Gabe. Und harte Arbeit. Vor allem die Probleme, mit denen er in seinen 20ern konfrontiert wurde und die seine Leidenschaft zum Handwerk beflügelten, brachten ihn dort hin, wo er jetzt ist. Auch wenn er die höllischen Tiefen der Armut in Detroit überlebt hat, wird er sein Leben lang mit den Nachwirkungen zu kämpfen haben.

„Ich glaube an Gott“, sagt er, „Ich bete, wenn ich in Schwierigkeiten bin, und ich habe auch für dieses Album gebetet. Jeden Abend, bevor ich schlafen gehe, bitte ich Gott darum, dass es den Leuten gefallen wird.“

Wir haben über eine Stunde auf einer Bank vor seinem Trailer gesprochen. Freddie Gibbs kommt und gibt ihm eine Ecstacy-Pille, die Danny mit seinem Whiskey runterspült. Er ist immer noch oben ohne und schwitzt.

„Drogen haben einen Zweck.“ sagt er, „alles hat einen Zweck.“

Ich frage ihn, was der schönste Moment seines Lebens ist oder sein wird.

„Ich weiß es nicht,“ sagt er. „Jetzt weißt du, was für eine traurige Person ich bin, weil ich mir nicht einmal das Schönste vorstellen kann.“

„Was ist, wenn deine Mom ausgesorgt hat, und du auf alles zurückblicken kannst, was du erreicht hast?“, frage ich.

„Ja, das ist cool“, sagt er. „Aber es ist auch nur das Mindeste, was ich tun kann. Dafür wurde ich in die Welt gesetzt.“

Er schaut weg. Skywlkr raucht an dem zweiten Blunt, den sie zusammen rauchen, seit wir angefangen haben zu reden. „Ich glaube wirklich, dass ich den schönsten Moment meines Lebens noch nicht erlebt habe“, sagt er zu mir. „Verrückt, oder?“

Tyler Trykowski ist ein Journalist aus Los Angeles. Folgt ihm bei Twitter—@tylertry

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