Anzeige
Features

AnnenMayKantereit über die große Liebe, Polyamorie und … Tinder

„Eine Frau, für die ich einen Text geschrieben habe, hat sich beschwert. Sie sagte, es sei ein krass beschissenes Gefühl, wenn ich ihr einen schönen Text schreibe."

von Ivan Markovic
15 März 2016, 6:00am

Alle Fotos von Kamil Biedermann

Die Kölner Band AnnenMayKantereit—deren Namen vermutlich niemand beim ersten Mal richtig aussspricht, geschweige denn richtig schreibt—veröffentlicht am 18. März ihr erstes offizielles Album Alles Nix Konkretes. Ja, du hast richtig gelesen: das erste Album. Und ja, ihre Songs haben auf YouTube bereits X-Millionen Klicks und sind täglich im Radio zu hören. Die vier Jungs mit den Nachnamen Annen, May, Kantereit—macht's Klick?—und seit 2014 auch Huck singen filterlos über persönliche Geschichten, die der Band eine Authentizität fernab von jeglichem Hollywood-Gedöns verleihen. Ich habe die Kölner, die versuchen, die Liebe in Wort und Melodie zu fassen, in einem Zürcher Café getroffen. In unserem Gespräch ging es genau darum: Die (eventuelle) Existenz der großen Liebe und was geschieht, wenn intime Texte der Öffentlichkeit preisgegeben werden. Also um so richtig deepes Zeug—Tinder inklusive.

Noisey: Fangen wir mit etwas Einfachem an: Gibt es die große Liebe noch?
Annen:
Die große Liebe—manchmal klingt das für mich ein bisschen passiv. Als ob man jetzt eine Person gefunden hat und mit der passt es von Anfang an. Dann bekommt man das Gefühl, dass man nichts mehr dafür tun muss, weil man ja zusammengehört. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das mit einer Frau haben werde, dass ich nicht mehr reden muss (lacht). Aber ich kann mir schon vorstellen, dass man sein ganzes Leben mit einer Frau verbringt und dass das dann die große Liebe für einen ist.
Kantereit: Viele warten doch darauf, sich in eine Person zu verlieben und wenn es dann passiert, soll es auch gleich für immer halten. Das ist das, was einem oft vorgegaukelt wird: Man muss nichts mehr dafür tun. Es gibt halt Phasen, da läuft es scheiße und man muss sich hinsetzen und die Freundschaft und die Liebe zwischen beiden bröckelt dann etwas—man muss sich da wieder mit der Beziehung befassen. Natürlich ist das im Album ein recht großes Thema.

Gibt es denn mehrere große Lieben im Leben?
May:
Wir sind sehr junge Menschen. Würdest du jetzt beispielsweise meine Oma fragen, würde sie dir sagen, dass es nur die eine große Liebe gibt. Die hat in ihrem Leben mit einem Mann geschlafen, den hat sie geheiratet und zusammen haben die vier Kinder gemacht. Punkt.

Vielleicht auch, weil sie damals die Wahl nicht hatte?
May:
Nein, die haben sich wirklich geliebt. Natürlich auch aufgrund der Umstände, aber: Liebe entsteht nicht, weil du keine Wahl hast. Nein, Liebe kann nicht entstehen, dadurch dass du keine Wahl hast. Es kann vielleicht Zuneigung und Vertrautheit entstehen, aber Liebe, nur weil du keine Wahl hast, da kann ich nicht daran glauben.

Bei mir ist das schon so, dass ich sage: Ich bin bisher in meinem Leben erst einmal einem Mädchen begegnet, das über allen anderen stand. Wenn ich jetzt meinetwegen 50 bin, kann es sein, dass ich die großen Lieben hatte und es waren halt zwei Frauen oder so. Wahrscheinlich ist es dann schon so, dass man innerlich wieder die Eine vor die Andere stellt. Weil die gleich zu bewerten, wäre auch für die aktuelle Freundin schwierig—und auch die eigene emotionale Lage. Deswegen gibt es meiner Theorie nach immer die größte Liebe. Zwei Menschen gleichzeitig exakt gleich zu lieben, habe ich noch nie gemacht und kann ich mir nicht vorstellen.

Wie steht ihr dann zu Polyamorie, bei der jemand auch mehrere Personen gleichzeitig lieben kann?
Huck:
So etwas sollte man sehr individuell sehen. Ich schließe nicht aus, dass jemand zwei Frauen gleichzeitig liebt.
May: Aber auf die gleiche Art und Weise kann man doch nicht zwei Menschen lieben?
Huck: Das glaube ich auch nicht. Aber dass dieses Modell ins Leben von jemandem passen kann, daran habe ich keinen Zweifel.
May: Ich habe auch schon erlebt, dass jemand in mich verliebt war, aber die hat dann auch noch jemand anderen geliebt. Und da habe ich auch gesagt—ich bin da ein absoluter Typ, ich bin da relativ egozentrisch: Neben mir gibt es da keinen. Das ist meine Regel. Ich finde es gut, wenn man Intimität aufbaut und die Intimität auch etwas Exklusives hat.
Kantereit: Ich finde es super, wenn Leute ihre eigene Definition von Liebe haben. Je krasser man für sich selber definieren kann, was beispielsweise Sex in der Beziehung bedeutet und wann diese Grenze überschritten werden darf. Wenn jemand sagen kann, das ist was, womit ich leben kann und mich wirklich für den Partner freue, wenn es passiert, dann ist das was, was ich supergut finde.
May: Wir urteilen ja nicht über andere Liebeskonzepte. Wir möchten jedem zugestehen, zu lieben wie er möchte. Das ist auch das Schöne an Liebe: Es gibt nicht nur diesen einen Weg.

Ihr gebt mit euren Texten einen ziemlich offenen Einblick in eure Gefühlswelt und die Leute wissen—oder denken das zumindest—was in euch vorgeht. Habt ihr keine Mühe, das vom Privaten zu trennen?
May:
Alle hier haben eine Identifikationsebene mit den Texten, aber wenn jemand unsere Texte hört, dann hört er einen Text über die Frauen, die ich geliebt habe. Eine Frau, für die ich einen Text geschrieben habe, hat sich da enorm darüber beschwert. Sie sagte, es sei ein krass beschissenes Gefühl, wenn ich ihr einen schönen Text schreibe—den sie auch liebt und dankbar dafür ist—und dann sprechen Leute sie im Club an: Bist du „Pocahontas“?

Ich bin da sehr traurig geworden, als sie mir gesagt hat, dass sie deshalb weinen musste. Sie habe den ganzen Tag nicht an mich gedacht und dann kommt da plötzlich jemand und fragt sie sowas. Das ist dann wie ein Schlag ins Gesicht. Es war mir wirklich nicht klar, dass das dann passieren kann. Erst als sie es mir erzählt hat, habe ich es realisiert. Natürlich ist das was sehr Schreckliches, aber das hält mich trotzdem nicht davon ab, es weiterhin zu tun.

Da wir schon beim Thema Liebe und Frauen sind: Seid ihr auch auf Tinder unterwegs? Beispielsweise jetzt in Zürich?
Annen:
Wir waren schon einmal in Zürich, da haben wir in der Bar Rossi gespielt. Anschliessend waren wir im Club Zukunft. Wir fanden den Namen des Clubs übrigens sprachlich sehr witzig, weil die Schweizer ja kein Präteritum haben.
May: Wir haben alle kein Tinder und haben noch nie getindert. Also ich hoffe, ich spreche da für alle. Ich habe nicht vor, je zu tindern. Frauen sollte man nicht über eine App kennenlernen. Severin ist überhaupt der Einzige mit Smartphone [May zückt ein uraltes Handy zum Beweis.]
Kantereit: In unserer aktuellen Situation mangelt es uns auch nicht daran, Leute kennenzulernen. Es geht hier gar nicht darum, mit Leuten zu schlafen, sondern auf Tour zu sein und da triffst du immer wieder neue Gesichter, da braucht es sowas wie Tinder nicht.

Ist euer kommendes Konzert in Zürich ein schöner Ort für ein erstes Date?
Kantereit:
Ich finde Konzert-Dates schön. Man kann vorher etwas Essen gehen und beim anschliessenden Konzert gibt es auch mal Phasen, wo man nebeneinander steht und nichts sagt, sondern die Musik genießt und dann zwischen den Songs mal labern kann.

Besser als Kino, oder?
Kantereit:
Kino find ich ganz schlimm. Gerade so beim ersten Date, da muss man halt labern können. Was willst du da nebeneinander sitzen und einen Film gucken?
May: Ja, wie bringt dich das einander näher?
Alle: Eben!

AnnenMayKantereit veröffentlichen ihr Debüt Alles Nix Konkretes am 18. März.