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You Need to Hear This

Captain Capa auf großer Amerika-Tour—Das Tagebuch, Letzter Teil

Vor ein paar Wochen wäre Captain Capa das ein oder andere auf der Warped Tour noch peinlich gewesen, inzwischen schämen sie sich für nix mehr.

22 August 2014, 10:00am

Was bisher geschah:

Eine Million Euro Gage verloren, für zwei Millionen Euro Flüge umgebucht— Captain Capa sind etwas verspätet in die legendäre Warped Tour durch die US of A gestartet—Teil 1

Dann drohten sie ihrem Publikum, sich auf der Bühne zu erhängen und schmierten 80 Sandwiches für die Busfahrer—Teil 2

Langsam neigt sich Captain Capas Reise mit der Warped Tour dem Ende zu. Grund genug, die verbleibenden Tage in vollen Zügen zu genießen—Teil 3


WEST PALM BEACH // DAY 35

Gestern Abend hat die Chefetage mal wieder einen springen lassen—gratis Kinovorstellung vom Turtles-Reboot, vier Wochen bevor das Ding offiziell in die Kinos kommt. Lustiges Bild: 240 Warped-Mucker, Stagehands und sonstiges Crewpersonal, teilweise zugehackt bis unters Kinn, teilweise mit Corpsepaint im Gesicht, laufen ordentlich in Zweiergruppen ins Kino—Ninja Turtles gucken. Hauptsache raus aus dem Touralltag zwischen Parkplatz, Amphitheater und Merchandise-Zelt. So ganz harmonisch läuft der Spaziergang dann doch nicht ab. Ein besoffener Juggalo, der gerade von seinem Festivaltag nach Hause fährt, kommt mit seinem Auto nicht durch die VIP Menge und hält es für eine gute Idee, wahllos in die Meute zu schreien: „Yo, you assholes better get the fuck away from my car!“ Kurz bevor er seine Bierdose auf den ohnehin schon gefährlich anmutenden Ronnie Radke schmeißen kann, langt ihm ein Roadie ins Gesicht, ein Cop erscheint wie von Geisterhand aus dem Nichts und drückt den armen Bengel zu Boden. Mindestens 200 Leute applaudieren, auch Ronnie und seine mafiös anmutende, brutal durchgestylte Gang muss lachen. Team Capa schüttelt verwirrt mit den Köpfen. Ninja Turtles!

Einen Tag später wird’s noch einen Tick bekloppter. Ein nahegelegenes Tierheim bringt Katzen- und Hundebabys in die Catering-Area, damit herunter gerockte Bandmenschen und von Heimweh geplagtes Tourpersonal mal was Flauschiges zwischen die Finger kriegt. Ein paar Tiere werden an Ort und Stelle adoptiert, der Rest darf für ein paar Stunden mit den Shooting Stars der amerikanischen Metalcore-Szene kuscheln. Wir kommen eine Minute zu spät und erwischen nur noch das bereits genervte Hausschwein.

Aber was auch immer die heiligen Warped-Götter aus den Produktionsbüros sich einfallen lassen, um uns die Zeit hier zu verschönern—der ein oder andere ist in diesen letzten Tagen der Tour einfach nicht mehr zu retten. Kollege N. Ist inzwischen völlig seinen Bus-Depressionen erlegen. Die Idee, ihn an den Bilderbuchstrand von West Palm Beach zu zwingen, um seine Laune wieder zu kitten, wird schon im Keim erstickt: „You damn Germans and your fucking beaches. What is it with you guys, don't you have beaches back home? I just wanna drink.“ Der manische Blick in den roten Plastikbecher verrät—der geht heut nirgendwo mehr hin. Auch MC Chris kann es kaum erwarten, endlich nach Hause zu kommen. Durchschnittlich 16 Stunden am Tag verbringen er und seine Frau hier mit Ackern. Verkaufsstand aufbauen, Merchandise schleppen, verkaufen, signieren, verkaufen, signieren, Konzert spielen, noch mehr verkaufen, noch mehr signieren, Merchandise schleppen, Verkaufsstand abbauen. Geld zählen. Wir sind ein bisschen neidisch auf das viele Gold, können aber das Gefühl, dieses Jahr eben keines dieser beschissenen Verkaufszelte zu haben, mit keinem Geld der Welt aufwiegen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum alle anderen langsam die Schnauze voll vom Warped-Rummel haben und uns der Gedanke an das Tourende eher quält als freut. Dafür lebt es sich hier draußen in der Parallelwelt zwischen Lieblingsbands und Aftershow-Freundschaften einfach zu sorglos.

NASHVILLE // DAY 38

Der sonnige Tag im wundervollen Nashville startet mit einer gewagten Aktion: Gruppenfoto auf der Beatport-Stage. Unfassbar, aber alle die auch nur im Entferntesten etwas mit dieser Bühne zu tun haben, stehen Punkt 09:00 Uhr auf der Matte und warten auf den Fotografen. Während der Wartezeit bricht dann plötzlich ein magic moment über die verschlafenen Band-Kerle, Merch-Girls und Stagehands. Irgendjemand wirft eine Frisbee-Scheibe in die Luft und das größte Frisbee-Spiel der Welt beginnt. Nach wenigen Minuten fliegen auch Schuhe, Bälle und Menschen herum. 50 Leute stehen in einem riesigen Kreis, lachen sich kaputt und schmeißen sich Müll zu. Soundmann Nick setzt dem Moment das i-Tüpfelchen auf und schickt „(I've Had) The Time of My Life“ durch die Boxen. Völlige Eskalation! Bevor sich die Meute um Watsky, Kflay, Wax, Pacific Dub, Crizzly, etc. allerdings komplett ihren überquellenden End-of-Tour Emotionen hingeben kann, indem sie sich ihre Klamotten vom Leib reißt und sich gegenseitig nackt und weinend in die Arme springt, kommt der Fotograf und ruft zum Familienfoto.

Was unsere Shows angeht, haben wir inzwischen jeglichen Respekt vor unseren daheim gepflegten Bühnenprinzipien über Bord geworfen. Und es fühlt sich fantastisch an. Vor einigen Wochen habe ich noch über das „Ansagentrommelfeuer“ amerikanischer Pop-Punk-Bands geschimpft und proklamiert, dass wir uns von jenem Zirkus-Attraktions-Mist distanzieren würden. Heute bin ich morgens um elf schon während des Intros auf die Speaker geklettert, um aggressiv Leute an die Bühne zu schreien: „OK guys, I know it's early as fuck, but we didn't come aaall the way from Germany to play in front of 20 people, ok!? I need YOU back there with the red shirt and YOU girls have to STOP right there, turn around and join our fucking crowd! WE COULD TURN OUT TO BE YOUR NEW FAVORITE BAND SO GET YOUR ASSES IN HERE!“ So schlimm sich das im Nachhinein auch liest, wünschte ich, genau dieser Knoten wäre bei uns schon in der ersten Woche geplatzt. Seit wir uns dem blanken Sensations-Entertainment hingeben und jede freie Sekunde unserer 30 Minuten Stagetime mit jenem halb ironischen Anheizen stopfen, macht das Konzert allen Beteiligten sichtbar noch mehr Spaß als vorher. Wir bringen den Kids deutsche Schimpfwörter bei, betonen, wie schrecklich es zuhause ist und fordern vehement Spontan-Raves ein. „Germany is a cold, dark and horrible place. We wanna immigrate to the land of the free and TAKE YOUR FUCKING JOBS. Is that OK with you guys!?“ Der zieht besonders. Funktioniert in wenigen Wochen zuhause auf deutsch wohl nur noch halb so gut.

Das Show-Sahnehäubchen setzen uns auf einem der letzten Konzerte aber die Bühnen-Kollegen der anderen Bands auf. Bei den dauerpumpenden Trap-Beats der EDM-Fraktion wird heimlich ein Tisch neben dem DJ-Pult aufgeklappt, um Crizzlys Tourmanager zum Magic Karten-Duell herauszufordern—vor 200 feiernden Teenagern. K.Flay gibt noch ein letztes Überraschungs-Duett mit dem Saves The Day-Sänger zum Besten und auch während unseres Gigs wird hinter dem Captain Capa-Banner getuschelt. Gerüchte von diversen „Stage-Pranks“ sind seit Tagen in Umlauf, jetzt sollte es halt uns erwischen. Gerade als wir zum Refrain losbrettern wollen, wird das Banner weggerissen. Als wir uns umdrehen, um zu schauen, was da schief läuft, können wir uns den Instant-Lachkrampf nicht verkneifen. Speedo-Spencer und Bühnen-Chef Myles haben eine kleine Mannschaft enthusiastischer Bierpong-Spieler zusammengetrommelt und direkt hinter uns ein einwandfreies Spielfeld aufgebaut. Wir singen weiter von gebrochenen Herzen und bissigen Füchsen, während hinter uns Tischtennisbälle in Bierbecher fliegen und sich die halbnackte Belegschaft betrinkt. Sieht aus der Zuschauerperspektive völlig bekloppt aus, weshalb drei Songs später auch die Hälfte des Publikums oben steht und mitspielt.

Wir haben einen unserer letzten Termine vor dem Warped Pressebanner und freuen uns, dass er nicht halb so schlimm ist wie die meisten anderen Interviews, die wir hier erleben. Der lustige, bereits angetrunkene Glatzkopf will zwar, dass wir unsere Mützen in die Kamera schmeißen, um dann über unser „Hat-Hair“ zu lachen, wir sind inzwischen aber Schlimmeres gewöhnt. Zum Beispiel 17-jährige YouTube-Gören, die uns nach zwanzig Minuten Kamera-Aufbauen und Mikrofon-Ausrichten endlich mit „Enter Shikari“ oder „Chunk, No, Captain Chunk“ ansprechen und dann enttäuscht einpacken, wenn wir ihnen erzählen, dass sie die Falschen erwischt haben. Oder kanadische Alt-Rocker, die uns begrüßen mit: „Sorry, uuum, I lost my notebook so I'm going to do this on the fly. So who are you guys again? Please don't speak about USA. Only Canada.“ Auch sehr düster war die zerpflückte Lady mit Whiskey-Fahne, die uns vor dem Interview ausführlich über ihre desaströse Lebenssituation aufklärte und zu spät kam, weil sie ihr Auto frisch geschrottet hatte. Lieblingsfrage von allen Warped-Interviews: „Your favorite serial killer?“ Antwort: Maik, wenn das so weiter geht.

Beim finalen, offiziellen Barbecue dreht die 800 Mann starke Warped-Saubande endgültig völlig ab. Im Grillzelt gibt es zu einer 90'ies Punk-Playlist Circle Pits und Prügeleien im Mosh, hinter den Bussen haben die Bands ein Wrestling Match organisiert, bei dem sich zwei Tourmanager die Fresse einschlagen und sich mit Stühlen und Zeltstangen kloppen. What the fuck.

CHEYENNE // DAY 40

„Wake up, Hannes, we're parked right in front of a comic shop“, weckt mich Kollege C. und läutet damit den letzten Offday des Sommers ein. Dieser eine Tag in Freiheit und zwei Tage Tour trennen uns jetzt noch von Zuhause. In Cheyenne, Wyoming, gibt es grundsätzlich nicht viel zu tun, weshalb wir uns die freie Zeit tatsächlich mit Comicshop, Kneipe, Sushi und Kino vertreiben. Im Hotel hält man es auch nicht lange aus – die Toilette ist kaputt, das Zimmer zu klein, die Dusche verstopft und überhaupt soll es im Haus wohl spuken. Sagen zumindest Speedo-Spencer und das Internet. Gruselig.

Ähnlich gruselig geht es in einem kleinen Laden zu, der auf der Fensterscheibe mit „WEAPONS AND T-SHIRTS“ wirbt. Tatsächlich gibt es drinnen nur bunte Angry Birds T-Shirts für Kinder und zwei Wandschränke voller Knarren. Von kleinen, auf Hochglanz polierten Pistolen bis zur 30 Kilo Sturm-Wumme ist alles dabei. Mir entfährt ein leises „hoooly shit“ der Verwirrung. Kollege Cameron kann die Frage nach „einem Foto für den Deutschen“ gar nicht zu Ende stellen, da drückt mir der entzückte Verkäufer schon das größte Maschinengewehr in die Hand. „OF COURSE YOU CAN TAKE A PICTURE! HAHA! STRIKE A POSE!“ Ich entschuldige mich in Gedanken bei meinen Pazifisten-Eltern und bin kurz verstört über ein Land, in dem Kinderklamotten neben Schusswaffen verkauft werden, grinse dann aber blöd ins iPhone und leg mir die Wumme an die Schulter. Die „DON'T TOUCH THE TRIGGER PLEASE!“ Ansage ist mir dann doch zu viel, raus hier.

Kontrastprogramm: Beim letzten, gemeinsamen Abendmahl in der Sushibar wird’s schon wieder sentimental. „Okay, favourite Warped memory!“ Jeder packt noch mal seinen Lieblings-Tour-Anekdote aus. Alle lachen noch mal über Normans Bierdusche, Spencers Ausraster, bei denen der ein oder andere Campingstuhl zu Bruch ging, Busfahrer Scotts lustigen Südstaaten-Akzent, die verdammte Eichhörnchen-Geschichte, die Legende von der Hot Bag, den „You're a Thot“-Song, die schönsten Abstürze, MC Chris Mini-Türknall-Rampage und den Tag, an dem ich Crizzlys Dolmetscher spielen und für seine französischen Fans Fantasie-Spanisch übersetzen durfte.

Der rohe Fisch wird in einer Bar um die Ecke runter gespült, die amerikanischer nicht sein könnte. An den Wänden hängen Stierköpfe und Banjos, auf einer improvisierten Bühne spielt ein angetrunkener Opa „American Pie“ und auf dem Teller liegen frittierte Appetizer. Es wird noch schlimmer. Der Rock-Opa wird unterstützt von einem menschlichen Mikrofonständer—sein „Assistent“ flüstert benommen die Lyrics mit und schließt emotional geladen die Augen, während er eisern das Mikrofon in Mundhöhe des Opas hält. Das muss Liebe sein.

Lieben tut uns auch Speedo-Spencer, weshalb er uns an die Bar ruft und meint, wir „müssten da dringend mal was kosten!“ Irgendjemand hatte mich einst vor Rocky Mountain Oisters gewarnt, aber ich wusste nicht mehr genau weshalb und war zu dem Zeitpunkt auch schon zu angetrunken, um mir darüber Gedanken zu machen. Mund auf, Augen zu. Als wir die kleinen, frittierten Bällchen zerkauen ist schon alles zu spät. „Congratulations, you just ate bull testicles.“

DENVER // DAY 42

Die letzte Nacht im Bus ist eine merkwürdige. Drei Jungs haben das Schiff bereits verlassen—einer der Djs lässt den letzten Tourtag ausfallen, um auf einem riesigen Festival zu spielen, wo er wahrscheinlich mehr verdient als in den letzten drei Wochen zusammen. Dafür haben wir einen Schlafgast dazu bekommen. Das arme Mädchen arbeitet für eine der 20 Benefiz-Unternehmen, die die Tour nutzen, um auf Brustkrebs, Kinderarmut, Depression oder Safer Sex aufmerksam zu machen. In der allerletzten Nacht wird sie frisch aus dem Truck einer Teenie-Band geschmissen, die von ihren Eltern gemanagt werden, die wiederum keinen Alkohol an Bord dulden. Sie wurde besoffen beim Kotzen erwischt und als „horrible, disgusting person!“ vom Bandwagon gekickt, weshalb sie heute bei uns Unterschlupf sucht. Hier ist sie gut aufgehoben, denn Tourmanagerin K. begrüßt sie mit einer Kiste Schnapsreste, die vernichtet werden soll. Kurze Zeit später wischen wir die Busküche aus, nachdem K. In einen viel zu kleinen Plastikbecher bricht und ihn galant am Mülleimer vorbei wirft. Aua.

Bei Sonnenaufgang sitze ich neben Busfahrer Scott und drücke ihm die Daumen. Ausgrechnet in dieser letzten Nacht gab es einen Knall im Motorgehäuse und die Karre fing an zu qualmen. Scotty sitzt angespannt am Steuer und hofft, dass er die Kiste noch heil zur Konzertvenue bringen kann. Als ihm dann noch ein Penner im SUV beim Überholen schneidet, fürchte ich, Scotty doch endlich ein mal wütend, angepisst oder wenigstens irgendwie erbost zu sehen. Fehlanzeige. „Of course buddy, cut me off while I'm trying to drive a broken bus to the last day of Warped tour.“ schüttelt er den Kopf und lächelt. Immer noch unglaublich, dass diesmal sogar der verdammte Fahrer kein Arschloch, sondern ein Engel im Körper eines Wrestling-Veterans ist. Eigentlich noch viel unglaublicher, dass hier NIEMAND in einem Bus von 13 Personen ein Arschloch war!? Und das in sieben Wochen Extremzustand.

Auf dem Warped-Gelände sieht man heute Mitarbeiter und Bandmitglieder gleichermaßen heulen, sich in den Armen liegen, Kontakte austauschen und Verabschiedungen zelebrieren. Tourchef Kevin Lyman wandert noch einmal von Bühne zu Bühne. Das ist unser Moment, endlich die Hand vom Chef schütteln und danke sagen! Maik und ich staksen nervös auf den Endboss zu, doch ehe wir ihm ehrfürchtig die braun gebrannten Hände patschen können, schiebt sich eine ganze Traube von Musikern zwischen uns und den Erfinder der Warped Tour. Am Ende bringen wir nur ein hastiges „Thankyousomuch, Kevin, you really made our summer!“ hervor und fragen uns, ob er sich das jetzt noch von den 79 anderen Acts anhören muss. Sicher nicht seine schlimmste Aufgabe. Immerhin hält er seit 20 Jahren den Laden am rollen und immer noch strömen die Kids auf der Suche nach dem Alternative-Pop-Punk-Emo-Olymp auf die heißesten Parkplatzflächen des Landes.

So hart es hier manchmal auch ist—sich bei 50 Grad im Schatten morgens aus dem Bett schälen, um Instrumente auf die Bühne zu schleppen und Vollgas zu geben, danach in eine dreckige Dusche steigen, Cup Noodles warm machen und letztlich in stinkenden Klamotten besorgt Geld zählen und rechnen, ob überhaupt was am Ende übrig bleibt—andere haben es hier wesentlich härter. Es gibt hier eine junge Punkband, die jeden Tag im Catering aushilft und Teller spült, damit sie ein mal die Woche auf der winzigen Ernie Ball Stage eine halbe Stunde spielen dürfen. Von den CDs, die sie an Kids in der Einlass-Schlange verkaufen, bezahlen sie den Sprit für ihren rostigen Van. Wenn man die Jungs fragt, wie sie das durchhalten, sagen sie mit leuchtenden Augen, dass Kevin Lyman der geilste Typ der Welt ist, weil er ihnen die Chance gibt, ihre Musik unter die Leute zu bringen, wenn sie nur hart genug dafür arbeiten. Das Mantra dieser Tour, vielleicht sogar das Mantra dieses Landes: Wer schuftet und anpackt, wird belohnt. Ich denke an unsere Sandwich-Aktion zurück und frage mich, ob wir deshalb in den letzten Wochen so gute Slots auf der Bühne abbekommen haben und ob wir nicht mehr Sandwiches hätten schmieren sollen!?

Als die Sonne langsam untergeht sind die meisten Zelte schon abgerissen und einige Busse schon am ausparken. Auf einem großen Schrotthaufen liegen Camping-Utensilien, Gitarrenkoffer, Skateboards, Keyboardständer und schmutzige Bandshirts. Das letzte Konzert der Tour spielen Anberlin, in Würde alternde Emo-Helden, die noch dieses Jahr ihren Laden dicht machen. Wir stellen uns mitten ins Getümmel und können inzwischen mitbrüllen. „Take what you waaant from me, it means nothing now!“ Und auf die Brust klopfen, TO THE HEART! Peinlich wäre uns das vielleicht vor ein paar Wochen gewesen, inzwischen schämen wir uns für nix mehr. Wir nehmen einen großen Schluck Fireball, Zimt-Whiskey, den es zuhause nicht gibt, und sagen mit feuchten Umarmungen auf Wiedersehen zu allem und jedem, der uns in den letzten Monaten irgendwas bedeutet hat. Einen aus der Familie packt die After-Tour-Depression schon jetzt—auf den letzten Meter. Er zerschlägt schreiend seine gesamte Camping-Ausrüstung und schließt sich panisch in der Backlounge ein. Später müssen wir ihn, zehn Minuten vor dem finalen Buscall, von einem Mädchen trennen. Sein letztes, kleines Abenteuer auf diesem abgefahrenen Höllenritt.

Bei der Fahrt in die Hotels schauen sich die Verbliebenen aus Bus 17 an. Den meisten steht ein zweimonatiges Bootcamp ins Gesicht geschrieben, bei dem die eigenen körperlichen, seelischen und moralischen Grenzen nach Lust und Laune gedehnt, getestet und gesprengt wurden. Team Captain Capa glänzt mit einer Mischung aus debilem Grinsen und echter Traurigkeit. Als wir aussteigen wollen, gibt uns MC Chris noch was mit auf den Weg: „America is a drug, you know. You will come back.“ Wir hören uns selber ein mal laut schlucken, Klopfen auf Schultern und ziehen unsere Koffer aus dem Bus.

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Captain Capa sind momentan auf der Warped-Tour in Amerika und schreiben ihre Sauf-, Klo-, Catering- und Bus-Geschichten für uns in ihr Tagebuch.
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