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Rudis Brille

Rudis Brille: Gedanken über den Ricardo Villalobos-Shitstorm

Sommerlöcher bergen so in sich, dass sie mit Inhalt befüllt werden müssen. Diese Woche musste Ricardo Villalobos daran glauben und als Befüller herhalten.
17 Juli 2015, 11:33am

Screenshot via YouTube

Am Anfang dachte ich, es sei wieder ein Rad in China ungefallen, als die erste Shitstormwelle zu uns hinüberschwappte. Nach anfänglichem Zögern warf ich dann doch auch einen Blick auf das berühmte „Video“, das um die Welt ging. Was ich sah, amüsierte mich gewaltig und brachte mich auf ein paar Gedanken.

Der Reihe nach: Beim Cocoon in the Park legten Carl Cox, Ricardo Villalobos und Sven Väth im englischen Leeds auf. Die Partys sind ja „Eigenveranstaltungen“, das heißt Sven Väth entscheidet am Ende wo und wie die Großevents stattfinden und wer dort spielen soll. Ricardo war nach Carl Cox an der Reihe und dürfte wohl in andere Sphären abgetaucht sein. Man sieht ihn verträumt lächeln, entrückt gen Himmel blicken, lasziv umhertänzeln und edle Getränke mixen. Der Musik widmet er sich nur kurz, es war eine seiner endlosen Nummern, so schien es und er dürfte diesmal mit seinem Set, so es denn eines war, nicht ganz den „Geschmack“ des englischen Publikums getroffen haben. Denn nachdem nach einiger Zeit—so ganz kommt das nicht raus—Sven Väth das Steuer selbst in die Hand nahm, lächelte und tänzelte Ricardo milde weiter und es ergoss sich ein Shitstorm über das Idol der Minimalbewegung, der sich gewaschen hatte. Und wie es bei Shitstorms üblich ist, ist die Niveaugrenze schnell nach unten geschossen. In den Diskussionen hierzulande schieden sich die Geister.

Für die Einen ist und bleibt Ricardo Villalobos ein Gott hinter den Turntables, einer, der stets „etwas anderes“ gemacht hat, der seine Fans durch exorbitant lange Sets in wahre Rauschzustände versetzen konnte. Er gilt als Ikone der Minimalbewegung, als einer, der auf soziale Medien verzichtet, dem alles wurscht ist, was über ihn gesagt wird. Einer, der immer noch Platten—ja Platten—spielt (er hat zumeist auch genügend Träger dafür) ist einfach cool.

Für die Anderen ist sein Sound unverständlich und seine Attitude manchmal erschreckend. Zweifelsohne hat der Mann seinen Platz in der Hall of Fame verdient. Sein Frühwerk Alcachofa war bahnbrechend, seine frühen Hymen gelten als Klassiker und sein Produktionsstil war einzigartig. Auch seine Art aufzulegen, seine Ideen und sein stets freundliches, amikales Wesen brachten ihm weltweit hunderttausende Fans ein und das ganz ohne Facebookseiten. Für einige wird er immer ein Genie bleiben, die „Anderen“ verstehen seine Musik einfach nicht. Doch kann man Musik in diesem schmalen Kontext auch „nicht verstehen“? Manchmal habe ich auch etwas das Gefühl, er genießt es, der Reibebaum zu sein. Es ist eine Art Konzept, mal ein Set absichtlich so richtig zu vergeigen und die Leute anrennen zu lassen. Bei seinem Status kann er sich es erlauben. Würde uns das freilich passieren, wir wären schnell viele Jobs los—oder anders formuliert: Hätte Mozart auch nur ein Werk „daneben“ komponiert, wäre der Status „Genie“ schnell abgesprochen.

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Man kann einen schlechten Tag haben, hat jeder. Wenn man aber durch Einflüsse von außen nicht mehr performen kann, und das war wohl einzig und alleine der Grund, dann muss man auch Kritik üben dürfen. Manche meinten auch: „Wie kann man Ricardo nach Carl Cox spielen lassen?“ Nun, man weiß, dass sich die oberen Zehntausend der DJ-Szene bestens kennen, seit Jahren in Ibiza in den diversen Villen zusammen feiern und sich—trotz total unterschiedlichem Sound—am Ende respektieren. Das Polarisieren wird den jeweiligen Fangruppen überlassen. Ein Ricardo in Hochform hätte das locker gemeistert. Man muss und darf aber auch feststellen, dass das englische Rave-Publikum wohl zum schwierigsten und mitunter prolligsten gehört, das die Welt zu bieten hat. Wer schon einmal in San Antonio/Ibiza war, kann davon Lieder singen—oder besser nicht. Musikalisches Feingefühl und Verständnis für die Sache fehlen da oft zu 100 Prozent.

2015 geht es aber—auch das zeigte das berühmte Video—längst auch um andere Dinge. Man tut sich schwer aus den verschiedenen Eiskübeln—befüllt mit den besten Drinks—auszusuchen, der Blick schweift über Whiskey, Vodka, Gin, Schampus. Alles Topmarken. Der Künstler muss sich wohlfühlen (vor 15 Jahren hieß das noch „DJ“. Nun reichen 2 USB Sticks schon, um „Künstler“ zu sein. Von den Platten war nämlich nicht viel zu sehen). Da kann man schon einmal in die Versuchung kommen, die Musik Musik sein zu lassen. Auch wenn man einst als Ikone der elektronischen Undergroundbewegung galt. Das Ganze ist mittlerweile nur mehr eine abgedroschene Phrase in Zeiten der 5-stelligen Gagen, Privatjets, Limousinen und drei Gigs pro Abend. Am Ende bleibt es ein kleine amüsante Sommerstory über das DJ-Business, das sich heutzutage in keinster Weise vom klassischen Showbiz unterscheidet. Auch dort haben schon viele ihre Auftritte versungen, weil sie zu druff waren, bloß steht da nicht ein anderer parat um schnell zu übernehmen—„SOS Papa“ quasi.

Das nächste starke Set und der nächste verzwirbelte Podcast von Ricardo und schon ist Leeds vergessen. Als Popstar braucht man kleine Skandälchen. Und vielleicht achtet er in Zukunft mehr auf die Videokiebize, die alles und jeden Move aufzeichnen und für die Ewigkeit bannen. Nichts bleibt mehr im Verborgenen, selbst die gute Laune nicht. Und in Wien? Herrscht sommerliche Ruhe, das dachten sich wohl auch die Behörden als sie unlängst wieder ausflogen um einigen Gärten das Leben schwer zu machen. So musste die Endstation Prater vorübergehend den Musikbetrieb einstellen, nächste Woche soll es hier aber weitergehen. Auch hier hat sich eine Prophezeiung von mir bewahrheitet—leider. Am Anfang der Saison geht immer einiges, spätestens ab Mitte des Sommers hat aber die Behörde wieder alles niedergedrückt, Freiräume interessieren wieder einmal keinen, es sei denn, man driftet in die Illegalität ab. Herr und Frau Anrainer dürfen in Wien ohnehin wüten wie sie wollen, selbst wenn kilometerweit niemand wohnt. Vielleicht bräuchte es da auch einmal einmal einen kleinen Shitstorm. GEGEN das Dagegensein!

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