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Du willst dich für immer von deiner Vinylsammlung trennen? Hier ist ein Keks.

Vinyl ist vielleicht ein Trend, für manche ist es aber noch viel mehr.
29.5.15

Der Autor dieses Textes, Neill Jameson, ist der Frontmann der Black Metal-Band Krieg.

Es tauchen immer mehr so genannte „Thinkpieces“ über physische Medien, in erster Linie Vinyl, auf, in denen Menschen ankündigen, diese loswerden zu wollen, um nur noch digital zu streamen. Natürlich kannst du tun und lassen, was du willst, um mehr Platz für deine Bio-Wildtomaten und ungelesenen Bataille-Bücher in deinem Zimmer zu schaffen. Aber lass mich mal erklären, was falsch daran ist und wie deine Einstellung den Musikern schadet, die du angeblich so magst.

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Der jüngste dieser Artikel über das Loswerden von Vinyl und darüber, wie Platten immer mehr zu einem fetischisierten Sammlerstück werden, erschien bei Metalsucks (komischerweise geht es darin allerdings hauptsächlich um CDs). Der Autor schreibt, dass er die Künstler natürlich weiterhin unterstützen möchte und daher Streamingdienste wie Spotify nutzt, mit der Überspitzung, dass alles, was jemals aufgenommen wurde, irgendwo im Internet zu finden sei. Diese Aussage basiert durchaus auf der Wahrheit, aber auf so einem kleinen Teil der Wahrheit, dass selbst Politiker sich schämen würden, sie als Argument anzuführen. Du erinnerst dich an Pharrell Williams nervtötenden Ohrwurm „Happy“? Dieser Song dominierte eine gewisse Zeit so ziemlich jeden Bereich, in den er mit seiner schmalzigen und unausstehlichen Notenfolge eindringen konnte. Allein auf dem Streamingdienst Pandora generierte dieses auditive Kampfmittel 43 Millionen Plays. Jetzt rate mal, wie viel Pharrell mit diesen Pandora-Plays verdient hat? 3.000 US-Dollar. Jetzt zieh bitte in Betracht, dass so ziemlich jeder andere Song, an den du denken kannst, eine wesentlich kleinere Fanbase hat: Was glaubst du wohl, wie viel deine Lieblingsband an deinen sechs Plays auf Spotify verdient?

Klar, Streamingdienste machen das Leben für Fans angenehmer und du hast nicht so ein schlechtes Gewissen, wie wenn du dir auf irgendwelchen zwielichtigen Seiten, auf denen es auch ethisch fragwürdige Pornos gibt, das geleakte Album runterlädst. Letztendlich machst du trotzdem nichts, was irgendwelche Bands weiterbringen würde. Bandcamp bietet eigentlich ein ziemlich gutes Modell für diejenigen unter euch, die sich total der digitalen Welt verschrieben haben und tatsächlich die Bands unterstützen wollen. Das wird in diesen Artikeln aber natürlich kaum erwähnt, weil dort zwischen den Zeilen immer eine subtile Stimmung gegen das Bezahlen für irgendwas mitschwingt—auch bekannt als egoistische Selbstermächtigung.

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Bands haben es in den kleineren Szenen aber schon schwer genug. Um die Welt regelmäßig mit neuer Musik beglücken zu können, braucht es einen endlosen Tourkreislauf, gute Merchverkäufe und seelenzerstörende Jobs, um sich den Unterhalt zu finanzieren. Ich würde niemals sagen, dass jede Band da draußen dein Geld verdient hat, weil sie sich selbst für ihre Kunst zu Tode schuftet—vor allem weil harte Arbeit nicht automatisch gute Musik bedeutet, bzw. Musik, die dir überhaupt zusagt. Ich möchte dir aber dringend raten, dass du, wenn du das nächste Mal in aller Öffentlichkeit behauptest, diese Band oder jenes Label zu unterstützen, aber trotzdem ihre Musik streamst oder illegal runterlädst, einen kurzen Moment in dich gehst und in Erwägung ziehst, die Fresse zu halten. Methan setzt der Ozonschicht schon genug zu, auch ohne dass dein geistiger Durchfall ein weiteres Loch reinreißt.

Wir alle erwerben Musik aus verschiedenen Gründen in verschiedenen Formaten. Ich werde jetzt bestimmt nicht anfangen, ein Format über ein anderes zu stellen, denn, hey, zum Glück muss ich nicht dein Leben leben. Ein Statement zu veröffentlichen, in dem Vinyl nur als unnützer Staubfänger bezeichnet wird, ist allerdings beleidigend und unverantwortlich. Glaubt jeder, der behauptet, Vinyl wegen seines wärmeren Klangs zu bevorzugen, auch wirklich daran? Hört sich jeder Vinylkäufer seine Platten auch an? Natürlich nicht. Aber du hast einfach kein Recht, Menschen zurechtzuweisen, nur weil du dich und das Vorhaben, deine Vinylsammlung loszuwerden, für so wichtig nimmst. Das Gleiche gilt für die dramatisch zur Schau gestellte Verblüffung darüber, dass Menschen noch immer CDs veröffentlichen und andere sie kaufen. Sich überlegen vorzukommen, nur weil andere Menschen noch Formate nutzen, die du aufgegeben hast, ist komplett idiotisch. Sich von irgendetwas in seinem Leben zu trennen, ist keine Meisterleistung—es sei denn es ist Krebs oder eine 200 Kilo schwere Leiche, die du endlich aus deinem Keller getragen hast. Niemand wird dir dafür auf die Schulter klopfen.

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Natürlich ist Vinyl nervig. Du musst aufstehen und dein Gesicht vom Laptop lösen, um die Platte umzudrehen, und ich verstehe, dass dir das wirklich den Tag versauen kann. Aber was ist mit den Labels, die Platten veröffentlichen, und den Läden, die durch den Verkauf ihre Existenz sichern und dadurch eine Kultur erschaffen? Die durchschnittliche Wartezeit für die Pressung einer Platte ist mittlerweile von ungefähr sechs Wochen auf ein paar Monate gestiegen, seit die Majors auf den Zug aufgesprungen sind und der Record Store Day groß geworden ist. Das ist für ein kleines Label eine lange Wartezeit, in der es die Platten nicht verkaufen und die hohen Ausgaben nicht wieder einnehmen kann, besonders wenn die Liebe zur Musik die Grundlage ist und nicht die Tatsache, dass jemand im Fernsehen gesagt hat, dass „Vinyl zurück“ sei.

Und was ist mit den Indie-Plattenläden? Dir ist klar, dass sie zunächst einmal zur lokalen Wirtschaft beitragen, indem sie Jobs und Ressourcen bieten, richtig? Und nicht nur das. Sie sind ein Ort, an dem sich Leute treffen und, durch echte verbale Kommunikation, neue Bands kennenlernen und von Konzerten erfahren? Der Indie-Plattenladen ist deshalb so wertvoll, weil er reale Kommunikation ermöglicht. Es gibt einen Grund, warum 100 Leute bei deinem Facebook-Event zugesagt haben, aber nur 35 aufgetaucht sind. Es ist eine Kultur, die du in keinem Forum oder Chat findest. Vielleicht funktioniert sie für die weniger Introvertierten unter euch sogar besser als OkCupid.

Ich bin froh, dass du dein Leben vereinfachst. Was auch immer dich glücklich macht, sei dir gegönnt. Aber sitz nicht da und gib selbstgefällig Halbwahrheiten von dir, um dein Gewissen zu beruhigen. Das gilt auch für jeden, der sich mit einer schönen Tasse gewaltfreiem Fair-Trade-Kräutertee hinsetzt, um etwas Ähnliches zu verfassen. Ich will dich nicht davon abhalten, aber ich will dich davon abhalten, so zu tun, als würdest du durch deinen minimalen Aufwand trotzdem Künstler und Labels unterstützen.

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