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Taylor Swift ist eine Heuchlerin und das hat nichts mit der Ablehnung erfolgreicher Frauen zu tun

Kim Kardashians große Enthüllung befreit Kanye von den Anfeindungen, auf denen Taylor Swift ihre Karriere aufgebaut hat.

von Grace Medford
21 Juli 2016, 9:41am

Zwischen Kanye West und Taylor Swift gibt es Streit, das wissen wir alle. Die neuste Episode im Streit Kanye vs. Taylor Swift—der bis zu den MTV Music Video Awards 2009 zurückgeht—zusammenzufassen, fühlt sich daher eigentlich an wie eine Verschwendung von Wörtern. Wenn du das hier liest, dann weißt du bereits, was vorgefallen ist. Aber um es für die Nachwelt festzuhalten und um später einige Punkte aufzeigen zu können, werde ich die neuesten Ereignisse trotzdem zusammenfassen.

Im Februar sorgte ein Track von Kanyes The Life Of Pablo für Kontroversen. Der Song „Famous“ eröffnete mit der Zeile „For all my Southside niggas that know me best / I feel like me and Taylor might still have sex / Why? I made that bitch famous“. Kanye behauptet, dass Taylor ihm in einem einstündigen Telefonat ihre Zustimmung zu dieser Zeile gegeben habe.

Als Antwort auf die darauf folgende und verständliche Aufregung, veröffentlichte Taylor Swift ein Statement über ihren Presseagenten, in dem es hieß, sie habe dem Song nicht zugestimmt und ihn nicht einmal gehört, stattdessen sei sie gebeten worden, ihn über ihre Twitter-Seite zu veröffentlichen, wogegen sie sich weigerte. Darüber hinaus, so Taylors Sprecher, habe sie Kanye sogar gewarnt, solch einen frauenverachtenden Track zu veröffentlichen. In ihrer Rede bei den Grammy Awards erlaubte sie sich—nachdem sie als erste weibliche Künstlerin zum zweiten Mal den „Album of the Year“-Award gewann—einen recht offensichtlichen Seitenhieb und sagte: „Es wird auf dem Weg Leute geben, die versuchen, deinen Erfolg zu untergraben, oder die deine Errungenschaften oder deinen Ruhm als ihren Verdienst ansehen werden.“

Aber Kanye und die Leute um ihn herum—inklusive seiner Frau Kim Kardashian West, The Breakfast Club Radio-DJ und Labertasche Charlamagne Tha God und sogar Ken Erlich, ausführender Produzent der Grammy Awards—haben irgendwann behauptet, dass Taylor dem Track nicht nur zugestimmt, sondern sogar dabei geholfen habe, ihn zu schreiben. Und dass es ein Video des Anrufs gebe, um dies zu beweisen. Sollte sich das, was sie sagen, als wahr herausstellen, wäre das Ausmaß der Empörung kaum vorstellbar: Taylor Swift, die jahrelang sehr erfolgreich Kanye als Gegenspieler genutzt hat, um den Underdog zu spielen, gibt den mühsam erarbeiteten Frieden auf, um den selben Mist wieder abzuziehen.

Nachdem sich das Ganze etwas abgekühlt hatte, kochte die Geschichte wieder hoch, als Kim sich an GQ wandte, um zu bekräftigen, dass die Videoaufnahmen existieren, in denen Taylor den Track absegnet und sich einverstanden zeigt, bei dem „Spaß“ mitzumachen und anschließend öffentlich gelogen habe. Taylors Antwort, die wieder über ihren Presseagenten kam, war, Kim herablassend abzuweisen, da sie nur wüsste, was Kanye ihr gesagt hat, und zu behaupten, dass sie „nicht verstehen kann, warum Kanye West und jetzt Kim Kardashian sie nicht in Ruhe lassen“.

Aber jetzt zu den Ereignissen von Sonntagabend: In einer perfekt inszenierten Bloßstellung hat Kim das Videomaterial des Anrufs über Snapchat verbreitet, als sie gerade darauf wartete, dass eine neue Folge von Keeping With The Kardashians lief. Twitter explodierte, #KimExposedTaylorParty trendete und Taylor war in etwas gefangen, das eine komplexe und miese Lüge zu sein schien. Und das auch noch am Weltschlangentag. Was für ein Finale. Es war das große Staffelende, nach dem viele Musikfans sich gesehnt hatten.

Taylor postete schnell, beinahe zu schnell, ein Statement auf ihrer Instagram-Seite, in dem es hieß: „Dieser Moment, in dem Kanye heimlich deinen Anruf aufnimmt und Kim ihn im Internet postet.“ Dadurch, dass sie erneut versicherte, sie habe den Song nie gehört—besonders die Textzeile „I made that bitch famous“—beschuldigte sie Kim des Rufmords und bat darum, aus der Geschichte rausgenommen zu werden, deren Teil sie nie sein wollte.

Die Verwendung des Wortes „Bitch“ im Text zu „Famous“ ist der umstrittenste Punkt, besonders vor dem Hintergrund des neuen Videobeweises. Es lohnt sich, hier zu erwähnen, dass das Wort Kanye oft beschäftigt hat, was auf das Jahr 2012 zurück geht, als er dessen Verwendung im HipHop in einem langen Twitter-Post offen diskutierte und fragte: „Ist es für einen Mann akzeptabel, eine Frau eine Bitch zu nennen, auch wenn es nett gemeint ist?“ Er kam zu dem Schluss, dass das Wort mittlerweile weder positiv noch negativ ist. Als TLOP dieses Jahr im Februar erschien, wehrte er sich erneut gegen aufkommende Kritik und schrieb bei Twitter: „Bitch ist ein anhaltender Begriff im HipHop wie das Wort Nigga“.

Niemand kann es Taylor Swift übel nehmen, dass sie verärgert ist, weil sie eine „Bitch“ genannt wird, ob es nun nett gemeint ist oder nicht. Auch wenn es nach dem Anschauen des Videomaterials ein wenig schwer ist, zu verstehen, dass sie nur mit „Bitch“ Probleme hat—jedoch nicht mit der Zeile, dass sie vielleicht noch Sex mit Kanye haben wird. Aber das sind alles nur Spekulationen. Was wir allerdings nach Kim Ks großer Enthüllung analysieren können, ist die Art, mit der Taylors Team immer wieder jegliche Behauptungen zurückgewiesen hat, dass sie in irgendeine Form um Zustimmung zu „Famous“ gebeten wurde.

Im Zuge von Kims Snapchat-Enthüllung sind tausende Twitter-Nutzer und verschiedene #squad-Mitglieder Taylor zu Hilfe gekommen. „Gibt es keine besseren Dinge, für die wir unsere Stimmen erheben können?“, klagte Selena Gomez. „Sicher, was ist mit Black Lives Matter?“ fragte ein Fan. „Wenn ich also einen Hashtag poste, rette ich Leben? Ich kümmere mich nicht um Seiten“, antwortete Selena in einem mittlerweile gelöschten Tweet.

„Warum müssen wir erfolgreiche Frauen immer fertig machen?“, war die Frage in einem sehr beliebten Guardian-Artikel, in dem angemerkt wurde, dass jegliche Kritik an Swift sich auf „Themen, die so alt sind wie die Bibel“ herunterbrechen lasse: „Misstrauen gegenüber erfolgreichen Frauen, Ressentiments gegen Frauen, die sich nicht für ihr Verhalten entschuldigen, das Bedürfnis, dass Frauen wissen sollen, wo sie hingehören“. Doch der reduktionistische Eindruck, dass es nur darum geht, dass Taylor eine Frau ist—und nicht, dass sie manipulativ oder in einer Lüge gefangen ist—unterstreicht einfach die faule und vorverurteilende „Opfer und Aggressor“-Erzählung, die schon immer die Darstellung des Mainstreams der Kanye- und Taylor-Geschichte war.

Gehen wir zurück ins Jahr 2009 und zu dem Moment, als alles anfing—als bei den VMAs der Award für das „Beste Popvideo“ nicht an Beyoncé, sondern an Taylor Swift und ihren Teeniefilm in Musikvideolänge zu „You Belong With Me“ ging. Schon wieder war schwarzes Ausnahmekönnen von weißer Mittelmäßigkeit ausgestochen worden, wie Kanye später festhalten sollte: Wenn „ihr Beyoncé in Absätzen und so tanzen seht“ und ihr immer noch nicht den Award gebt, dann wird er den Leuten einfach egal sein. (Wir leben mittlerweile in einer Welt, in der Meghan Trainor einen Grammy hat, du kannst also deine eigenen Schlüsse ziehen, ob die Musikindustrie in dieser Nacht kollektiv beschlossen hat, die Messlatte tiefer zu legen.)

Wie auch immer, Kanye, der—im empörter-schwarzer-Kanye-Modus—an diesem Abend auf der Bühne stand, überschwänglich, mit Mikrofon in der Hand, während eine kleinlaute, blonde und weißer als weiße Taylor Swift im Hintergrund zitterte, ist ein Bild, das sich seit mittlerweile fast einem Jahrzehnt in den Kern ihrer beiden Karrieren eingebrannt hat: Die Geschichte von Taylor, dem unschuldigen weißen Mädchen, und Kanye, dem mobbenden schwarzen Dämon.

Kims Enthüllung hat nicht unbedingt dazu geführt, dass Taylor an die Darstellung gebunden wird, vielmehr hat sie Kanye von der Antipathie befreit, auf deren Rücken Taylor ihre Karriere aufgebaut hat. Als es passte, war Taylor ein Opfer Kanyes. Als das nicht länger passte, hat sie sich bemüht, sich bei ihm einzuschmeicheln. Sie hat ihn zum Essen eingeladen, sie hat sich öffentlich bei ihm für ein Blumengesteck bedankt, sie stand neben seiner Frau, als er bei den BRIT Awards aufgetreten ist. Und als er bei der gleichen Award-Show, bei der ihr Drama begann, einen Vanguard bekam, wurde ihm dieser nicht von einem seiner vielen Freunde oder Begleiter überreicht, sondern von Taylor Swift. Taylor hat bei dieser Veränderung der Erzählung aktiv mitgewirkt, sie hat sie zu ihrem persönlichen Vorteil aufrechterhalten und genutzt. Und das ist vielleicht der Grund, warum die rückwirkende Darstellung als ungewollte Beteiligte im Zusammenhang mit der „Famous“-Zeile im Internet-Zeitalter mit seinem ewigen Gedächtnis nicht glaubwürdig ist.

In dem Statement, das sie veröffentlichte, nachdem ihr Telefongespräch mit Kanye öffentlich wurde, behauptet sie, sie sei das Opfer von „ungewollten Erzählungen“ und „Rufmord“. Wenn es aber um diese beide Begriffe geht, dann beherrscht dies keiner besser als Taylor selbst. Tatsächlich haben „Rufmord“ und „Erzählungen“ den Grundstein für ihre Karriere gelegt. Nimm zum Beispiel Joe Jonas—den sie in der The Ellen Show vorführte weil er in einem 27-sekündigen Telefongespräch mit ihr Schluss gemacht hat (Jonas’ Reaktion: „Anrufe können nur so lange dauern, wie die andere Person bereit ist zu sprechen“). Anschließend war Styles nächste Freundin, Camilla Belle, das Ziel von Taylors Slut-Shaming-Song „Better Than Revenge“. John Mayer wurde von ihrem Track „Dear John“ „gedemütigt“, Harry Styles war Gegenstand von Sticheleien, die mit der Grammy-Performance zu „We Are Never Ever Getting Back Together“ begannen (bei der sie Styles imitierte) und mit dem Track namens „Style“ auf offensichtliche Weise weiter ging; und im Song „Bad Blood“ wurde Katy Perry angegiftet. Swift hat also selbst immer andere Künstler ohne Zustimmung in ihre Erzählung eingebaut.

Als das Blatt sich wendete, hat Kanye Taylor als „eine gute Person und Freundin“ angerufen, um ihre Zustimmung zu der Textzeile in „Famous“ zu bitten. Taylor schien ihre Zustimmung gegeben zu haben, hat sich dann aber gegen Kanye und ihr Wort gewendet und die Geschichte wieder zu ihren Gunsten abgeändert. Seit sieben Jahren vertraut sie auf die Tatsache, dass historisch gesehen einer weißen Frau gegenüber einem schwarzen Mann immer geglaubt wird. Man könnte also sagen, dass sie auch darauf vertraute, um sich aus der „Famous“-Kontroverse zu befreien, und bis Kim die Beweise erbracht hatte, funktionierte dies auch. Versteh mich nicht falsch, ich habe keine Freude daran, wenn Frauen gestürzt werden, aber es gibt ein wenig Genugtuung, zu sehen, wie jemand—der mindestens hinterhältig und heuchlerisch, wenn nicht gar manipulativ war—mit seinen eigenen Waffen geschlagen wird.

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