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Der Echo hat immer noch nichts mit der deutschen Musikszene zu tun

Gestern wurde der Echo verliehen, wie jedes Jahr ein Anlass dafür, sich über den Preis und die Musikszene in Deutschland aufzuregen. Damit sollten wir unbedingt aufhören.

von Viola Funk
27 März 2015, 4:25pm

Zu erst einmal zur nackten Wahrheit: Der deutsche Musikpreis Echo wird niemals eine große, internationale und aufwendig produzierte Award-Show wie die Brit-Awards oder VMAs sein. Trotzdem versucht er verzweifelt, genauso cool zu werden, was ihn auf eine harmlos niedliche und manchmal beschämende Art zu dem kleinen Jungen auf dem Schulhof macht, den man intuitv beschützen möchte. Der Versuch, eine aufregende Awardshow mit spektakulären Liveacts zu inszenieren und den schmalen Grat zwischen Skandalen und gelungener Upper Class-Veranstaltung zu balancieren, ist beim Echo so herzerwärmend wie unangenehm.

Vermutlich gibt es nicht viele, die diese Meinung teilen, da der Echo immer noch die jährliche Selbstbeweihräucherung einer Industrie ist, die davon lebt, geil sein zu müssen auf der sich alle möglichen Schmiertypen und Mainstream-Künstler, die vermutlich wenig mit ihrem Produkt selbst zu tun haben, sich auf sich selbst einen runterholen. Aber so wie wir jedes Jahr an einer Akkreditierung scheitern, scheitert die Veranstaltung jedes Jahr daran, so cool, groß und skandalös wie die internationalen Awardshows zu sein.

Auch dieses Jahr war der Twitter-Feed während der Veranstaltung wieder voll mit „Die deutsche Musikszene ist so traurig“- und „Gute Nacht, Musikgeschmack“-Tweets. Die meisten Zuschauer der Verleihung scheinen wie beim Trash-TV oder Autounfällen der Versuchung verfallen zu sein, trotzdem hingucken zu müssen, obwohl sie es so schrecklich finden. Bei den oben beschriebenen Echo-Versuchen, eine große, relevante Awardshow zu sein, ist das natürlich kein Wunder. Es gehört inzwischen außerdem dazu, dass man sich während der Übertragung kollektiv über die Musik im Lande aufregt. Dabei bildet der Echo keineswegs die Musikszene in Deutschland ab und deswegen ist er auch kein Armutszeugnis für deutsche Musik.

Solange der deutsche Musikpreis in erster Linie Verkaufszahlen als Bewertungskriterium heranzieht, ist er keine gerechte Abbildung dafür, was musikalisch in Deutschland gerade passiert und wo die Musikszene wirklich steht. Wäre eine bewertende Jury die erste Instanz, so wie es bei den meisten internationalen Awardshows ist, wäre vielleicht auch der Echo relevant. Natürlich ist die Auswahl einer Jury ebenso problematisch, aber allein dass zwei Jahre hintereinander das gleiche Album der gleichen Künstlerin den Echo für das „Album des Jahres“ bekommt, zeigt deutlich, wie nichtssagend die Kategorien durch solche Kriterien werden.

Die deutsche Musikszene besteht eben nicht nur aus Helene Fischer, auch wenn der Echo immer wieder die „Helene Fischer-Festspiele“ genannt wird. Die deutsche Musikszene besteht nicht nur aus Majorlabels, auch wenn man sich zeitweise bei der Verleihung fragen musste, ob Universal den Echo aufgekauft hat, so oft wie sie in den Dankesreden genannt wurden. Natürlich sagen immer alle, dass sie den Echo nicht ernst nehmen und er nicht relevant ist, aber trotzdem wird sich jedes Jahr darüber aufgeregt, wie traurig die deutsche Musikszene ist.

Die deutsche Musikszene ist aber nicht traurig und der Echo ist es auch nicht. Man sollte den Echo als ein für sich stehendes, unterhaltsames Medienevent wahrnehmen—wegen mir auch als einen Unfall—aber man sollte sich nicht wegen des Echo über die Musik in Deutschland aufregen. Die Verleihung ist vielleicht etwas bemitleidenswert, ein wenig heuchlerisch oder inkonsequent und verzichtet in der einzigen Kategorie, in der bedenkliche Bands wie Böhse Onkelz oder Frei.Wild nominiert sind, auf die Präsentation der Nominierten, und sie ist ist ohne Frage die pure Selbstbeweihräucherung. Sie ist aber auch der kleine Junge, der so cool sein will wie die anderen Jungs auf dem Pausenhof.

Und genau das muss deutsche Musik eben schon lange nicht mehr. Auch wenn früher mal amerikanische Erfolgsrezepte nachgeahmt wurden, definiert sich die deutsche Musikszene heutzutage größtenteils selbst. Das sieht man nicht nur an der Zunahme der deutschsprachigen Texte und vor allem an ihrem Erfolg, das sieht man auch an der blühenden Rapszene, an der auflebenden Punkszene und selbst an den Wankelmuts, Milky Chances und Robin Schulzen, egal, wie scheiße man sie auch findet. Und ebenso egal ist, wie scheiße man den Echo findet, wir sollten aber aufhören, das an der Musikszene auszulassen. Die hat es nämlich nicht verdient.

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