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Conor O‘Brien von Villagers will über die Scheiße lachen

Conor O'Brien kommt zwar aus Irland, hat aber keinen Sex mit Schafen. Weird.

Foto: Rich (Domino Records)

Villagers sind eine irische Band, bekannt für das, was man sich unter irischen Bands so vorstellt: Melancholische, von der akustischen Gitarre getragene Folksongs, die an neblige Wiesen, Einsamkeit und Meeresrauschen denken lassen. Naja, was man sich halt so aus der Ferne unter Irland vorstellt. Doch Conor O'Brien, Sänger, Songschreiber und letztendlich alleinherrschendes Mastermind der Band hat nicht mehr so richtig Bock auf die Melancholie des ersten Albums, mit dem er immerhin für einen Mercury Prize nominiert wurde. Es ist sogar so schlimm, dass er manche der alten Songs überhaupt nicht mehr spielt, sagt er. Das zweite Album wird also anders klingen müssen.

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Als ich Conor im November zum Interview treffe, stehen die vom Label aufgestellten Spielregeln längst fest: Obwohl wir dieses Interview hier und heute im tiefsten Berliner Herbst führen, soll es erst zum Release von ViIlagers neuem Album {Awayland} im Januar erscheinen. Das bringt mich und Conor in die leicht skurrile Situation, uns in die Zukunft versetzen zu müssen. Es bringt dich gleichzeitig in die leicht skurrile Situation, nun ein Gespräch aus der weiteren Vergangenheit zu lesen. Was dich nicht davon abhalten sollte, es zu tun.

Noisey: Wir führen dieses Interview gerade im November, es soll aber erst zum Release deines Albums im Januar erscheinen. Unsere Leser befinden sich jetzt also in der Zukunft. Beschäftigst du dich viel mit der Zukunft, denkst du darüber nach, was kommen wird?
Conor: Nee, nicht wirklich. Ich finde es schwierig, mich mit der Zukunft zu beschäftigen, ich habe schon genug damit zu tun, was im Alltag passiert. Das hilft mir auch nicht, darüber zu sinnieren, was ich in den nächsten Monaten oder Jahren mache.

Andererseits, wenn du in einer Band bist, weißt du immer, was kommt. Wenn du auf Tour bist, hast du schon Monate vorher einen strikten Ablaufplan, du weißt genau, wann du wo bist.

Das widerspricht eigentlich dem Klischee des Rockmusikers, aber letztlich planst du vermutlich weiter in die Zukunft als Menschen mit einem ganz normalen Job.
Ja und das ist ja auch irgendwie langweilig, immer zu wissen wo man sein wird. Aber ich halte das von mir fern, der Tourmanager ist derjenige, der mir morgens sagt, wo es an dem Tag hingeht.

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Du hast also nicht im Kopf, wo es hingeht?
Nur die wichtigsten Stationen, die behalte ich immer im Kopf. Darin bin ich ganz gut (lacht).

Da wir uns ja noch in 2012 befinden, dieses Interview aber 2013 erscheinen soll, könnte uns die Apokalypse abhalten.
Haha, daran glaube ich nicht.

Bist du denn abergläubisch?
Nein, nicht wirklich, ich bin wohl eher der Realist. Ich habe viel über die Entstehung der Menschheit gelesen und mich mit Astrophysik beschäftigt, das finde ich sehr interessant. Aber ich habe ein furchtbar schlechtes Faktengedächtnis, ich vergesse alles. Trotzdem versuche ich diese Dinge zu lesen, denn ich verarbeite das in meinen Songs. Der Fakt, dass wir Menschen gerade mal seit 200.000 Jahren auf diesem Planeten sind und das Universum seit 14 Milliarden Jahren existiert und die Welt seit drei oder vier Milliarden Jahren und 95 Prozent der Arten, die jemals auf der Erde gelebt haben, sind irgendwann ausgestorben … puh. Wir sind also wahrscheinlich die nächsten. Wir geben uns jedenfalls ziemlich viel Mühe. Aber ich glaube deshalb nicht an einen alten Kalender, der mir sagt, wann die Welt untergeht (lacht).

Dabei könnte dein Albumtitel {Awayland} durchaus auf eine post-apokalyptische Welt hinweisen. Wofür steht {Awayland}?
Ich habe eine Titel gesucht, der wie ein erfundenes Wort klingt, ich hatte die Idee, ein Wort zu finden, das sich ein Kind ausdenken könnte. Naiv, verträumt und zugleich sollte es die Songs darstellen. Für mich repräsentiert das Album die Neugier und dieses Erstaunen, das ein Kind angesichts der Welt empfindet, die es umgibt. Meist wird das ja erdrückt, weil man älter wird und Scheiße passiert und man die Welt nicht mehr bewundert. Deswegen habe ich versucht, dieses Gefühl zu bewahren und mich in mein kindliches, verträumtes ich zu versetzen. Andererseits gefiel es mir, mit Awayland einen Kontrast zum Begriff Homeland zu schaffen. Das repräsentiert für mich das Gegenteil der Grenzen, die wir uns in unserem Leben erschaffen—also Freiheit. Freiheit in einem kindlichen Sinn.

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Ist {Awayland} also auch ein Ort, an dem du der Realität entkommen kannst?
Ich hasse es eigentlich zu sagen, dass Musik die Möglichkeit ist, der Realität oder irgendwas zu entkommen, weil ich immer denke, dass es nicht nur das ist, sondern viel mehr … Aber ich habe es in den letzten Jahren auf jeden Fall genau so genutzt, als Escape. Das ist eine positive Sache, denn je mehr du Musik als Möglichkeit zum Entkommen nutzt, desto besser wird sie. {Awayland} funktioniert so, dass ich alles, was ich in Songs verarbeite von möglichst weit weg beschrieben habe. Ich habe versucht, die größtmögliche Distanz zu den Themen zu schaffen. Ich wollte so schreiben, wie es ein Neugeborenes ausdrücken würde, wenn es sprechen könnte.

Wie hast du diese Perspektive hergestellt?
Als wir mit der letzten Tour fertig waren, haben mich ein paar der Songs vom ersten Album wirklich gelangweilt. Die Traurigkeit, die Melancholie darin—das wollte ich nicht mehr. Ich hatte das Gefühl, dass ich beim Spielen der Songs vor Publikum wollte, dass das Publikum die Traurigkeit ebenfalls empfindet. Und ich begann das zu hassen. Am Anfang habe ich dieses Gefühl geliebt, aber am Ende der Tour wusste ich, welche Songs ich nie wieder schreiben wollte. Also habe ich beim zweiten Album mit einer völlig anderen Perspektive angefangen. Ich wollte Melancholie oder Traurigkeit oder Wut nicht mehr romantisieren. Ich habe zu dem Zeitpunkt verstanden, dass diese Gefühle nicht romantisch sind, sondern schrecklich. Ich wollte Musik eher als uplifting thing benutzen. Also habe ich einen Sampler, ein Synthesizer, ein Drum-Machine und diese Dinge besorgt, einfach um mir eine komplett neue Herangehensweise und damit auch Perspektive zu schaffen.

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Wie gehst du denn an neue Songs ran, gerade mit diesen neuen Instrumenten?

Naja, als ich das letzte Mal von der Tour kam, hatte ich diese Blockade. Ich konnte einfach nicht mehr mit der akustischen Gitarre spielen und dazu singen. Ich wollte das nicht, ich hatte keinen Bock. Ich habe in der Zeit auch angefangen, extrem viel Krautrock und Techno zu hören und ich habe versucht, eigene Tracks zu machen. Sehr schlechte Techno-Tracks. Ich mache einen Haufen instrumentale Musik und irgendwie entwickelte sich daraus dann sehr langsam meine Musik, Texte entstanden … aber sehr, sehr langsam.

Und ist {Awayland} aus deiner Sicht fröhlicher geworden?
(Lacht) Äähm, fröhlicher … ich weiß nicht. Ich denke, es ist vielschichtiger, es gibt mehr Pole, mehr Gegensätze darauf. Eher wie eine Tragikomödie als eine Tragödie. Das Album behandelt schwere Themen, aber irgendwie lacht es auch über die Scheiße. Ein bisschen nach dem Motto, scheiß drauf, lass uns tanzen.

Letzte Frage: Wenn du jetzt wieder auf Tour gehst, wirst du auch die alten Songs spielen, die du nach der letzten Tour nicht mehr mochtest?
(Lacht) Es gibt tatsächlich ein oder zwei, die ich nie spiele, weil ich wirklich körperlich das Gefühl hasse, sie zu spielen. Ich fühle mich dabei wie ein heulender Teenager.

Dann bin ich gespannt auf deine nächste Tour, vielen Dank.
Wie das war`s? Du bist doch von der VICE, oder?

Von Noisey. Aber wir gehören zu VICE, ja.
Seltsam. Ich warte die ganze Zeit darauf, dass du mich fragst, ob ich Schafe ficke oder so …

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Wieso, tust du?
Nein!

Macht dich das zu einem Außenseiter in Irland?
Ääh ..?

War nur ein Scherz, danke nochmal fürs Interview.

Villagers - {Awayland} ist am 11. Januar erschienen.

Villagers live:
23.02.2013 - Köln / Gebäude 9
26.02.2013 - München / Club Strom
27.02.2013 - Berlin / Festsaal Kreuzberg
04.03.2013 - Hamburg / Übel & Gefährlich

Ayke bei Twitter: @tamidemusic

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