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Wie Clubs mit den Drogenwünschen von Musikern umgehen

Auf dem Rider einer Band stehen nicht nur Handtuch-Präferenzen.

von Staff Noisey und Daniel Kissling
30 September 2014, 9:30am

Foto von Stewardship – Transforming Generosity via Flickr | CC by 2.0

Ich stehe am Tresen meiner Bar und öffne eine weitere Flasche Bier. Es ist spät, sehr spät, nach Feierabend. Die Türen sind abgeschlossen, die Stühle hochgestapelt und draußen verschwindet langsam die schützende Dunkelheit der Nacht.

Obwohl ich den letzten Gast bereits rausgeschmissen habe, geht es immer noch hoch (oder eher nackt) her, denn soeben kommt der Gitarrist einer amerikanischen Metalcore-Band – wie der liebe Gott ihn besser nicht geschaffen hätte – aus dem Backstage und präsentiert sein bestes Stück, um es dann zwischen seine Beine zu klemmen, verschwinden zu lassen und auf Mädchen zu machen. Ich nehme einen Schluck aus der Flasche und frage mich, ob es doch unklug gewesen war, ihnen von meinem Kumpel Gras geben zu lassen.

Auch heute noch, im Zeitalter von aalglatten U2-Apple-Deals (wobei U2 immer schon aalglatt waren) und in einer Zeit, in der Popmusik an Hochschulen studiert und damit professionalisiert werden kann, hat sie ihre Gültigkeit bewahrt: die heilige Dreifaltigkeit des Exzess' – Sex, Drugs & Rock'n'Roll. Wenn eine junge Band auf Tour geht oder angesagte DJs auflegen, wollen sich nicht nur feiern lassen, sondern sie feiern und zwar so wie die Großen, bevor sie Jack Daniels gegen Evian eingetauscht haben.


VICE-Video: "Wie du auf einem nüchternen Rave richtig feierst"


Und wer muss das Ganze in die Wege leiten? Die Clubs und ihre Veranstalter. Den Bandbetreuern und Caterern wird nämlich nicht nur weitergeleitet, was Gitarrengott oder EDM-Götze futtern und saufen will und ob das Handtuch auf der Bühne nun schwarz oder lachsfarben sein soll (meistens schwarz), sondern hin und wieder eben auch, über welche nicht ganz so legalen Pflänzchen oder Pülverchen man sich freut.

Auch die Wünsche, die sich im Rahmen des Gesetzes bewegen, sind nicht immer einfach zu erfüllen (Schon mal spontan glutenfreies Bier gekauft?), aber der Umgang mit Rauschmittelforderungen ist noch heikler. Fragen drängen sich auf: Soll man darauf überhaupt eingehen? Und wenn ja: Von wem kaufen? Wie viel kaufen? Und am Ende, denn immerhin handelt es sich bei den meisten Clubs um ökonomisch geführte Unternehmen: Wie kann ich das Ganze abrechnen? Ich wage zu bezweifeln, dass es viele Dealer gibt, die Quittungen ausstellen.

Dass man bei diesem Thema nicht einfach so aus dem dem Nähkästchen plaudert, versteht sich von selbst. Die meisten gäben sich mit Alkohol zufrieden, versicherte mir Club-Vertreter um Club-Vertreter.

Foto von pixabay; sammisreachers; CC0 1.0

Und wenn nicht, wenn es dann doch „was zu Rauchen" sein soll, fände sich immer irgendwer unter den Besuchern, der aushelfen könne. „Bei uns erledigt sich das von selber", bestätigt ein Bekannter von mir, der Reggae-Shows organisiert, „Ganja findest du sowieso überall und meistens streckt dir einer auch eine Tüte auf die Bühne."

Das entspricht meinen eigenen Erfahrungen. Die Stammgäste, die man letzte Woche noch hatte zusammenscheißen müssen, weil sie am Tresen Mühle und Papes auspackten, verwandeln sich zu Götterboten, wenn man backstage schwedische Retro-Rock-Musiker hat, von denen sich einer stoned den Bauch krault, der andere konzentriert ein Bild malt und wieder ein anderer sehnsüchtig fragt, ob noch von der Lasagne vom Nachtessen übrig ist. Gutes Essen macht eine Band glücklich, ein gutes Flash macht sie glücklicher.

Während ansässige Musiker oft selbst ausgerüstet sind, sind ausländische Künstler auf lokale Mithilfe angewiesen. Doch gerade dann ist Vorsicht geboten, insbesondere bei US-Amerikanern, denn Gras ist nicht gleich Gras und Haschisch nicht gleich Haschisch.

Vernachlässigt man für einen Moment seine inoffizielle Aufsichtspflicht, so kann es gut sein, dass man zu spät kommt, wie mir ein HC- und Metal-Veranstalter erzählte: „Wir hatten der Band – ihr Altersdurchschnitt war nicht viel höher als 20 – krasses Indoor besorgt. Als ich etwas später wiederkam, standen sie hinter dem Club im Kreis und kifften. Der Blunt, den sie schon halb geraucht hatten, war mit purem Gras gefüllt."

Drogenwünsche werden meist spontan und nach der Show erhoben. Dass die Erfüllung dann nicht gewährleistet ist, leuchtet jedem ein. Doch es geht auch anders: „Enough good quality weed for 4 people before, after and during the show", las ich auf einem „Hospitality Rider" einer New Yorker Psychedelic Rock Band. „Hospitality Rider", diese berühmt berüchtigten Listen, deren Abstrusität mit der Berühmtheit der Band steigen, gelten gemeinhin als Teil des Engagement-Vertrags.

Foto von Wikipedia; Borinot bcr; CC BY-SA 3.0

Wie ernst man die Sache nimmt, ist jedem Veranstalter selber überlassen. Glutenfreies Bier für einen auf Gluten allergischen Drummer macht Sinn, aber eine Schüssel voller M&M's ohne die braunen drin, wie es Van Halen früher forderten, weniger.

„Exotische Wünsche", so gibt auch der Geschäftsführer einer mittelgroßen Booking-Agentur zu, „müssen nicht immer erfüllt werden. Ein gewisser Grundbedarf an Essen, Getränken und einer angemessenen Garderobe müssen sichergestellt werden. Oft geht es aber auch darum zu schauen, wie ernst ein Veranstalter solche Dinge nimmt. Natürlich meinen es manche Bands wirklich ernst, wenn sie Handtücher einer bestimmten Farbe bevorzugen."

Dies gelte auch für Drogen: „Sie sind illegal und demzufolge auch nicht wirklich Teil eines Vertrags." Er fügt an, dass es auch das Umgekehrte gibt: „Manche Tourmanager kennen ihre Schützlinge nur zu gut und verbieten den Clubs, ihnen vor der Show Alkohol, geschweige denn Drogen zu verabreichen."

Wie wir selbst nun die Sache mit der New Yorker Psychedelic-Band gehandhabt haben? Trotz eher mässiger Zuschauerzahlen war die Band mit dem Abend ganz zufrieden.

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