Leben und Sterben einer mittelmäßigen Band: Das Ende von The Swellers

Manchmal kommen Bands nicht ganz groß raus. Und das ist OK.

|
01 August 2014, 11:00am

Kennst du das, wenn jemand einen Bandnamen erwähnt, der irgendwie bekannt klingt und du daraufhin höflich sagst, dass du die Band kennst? Ich bin in einer dieser Bands. Wir waren nie ein großer Name oder eine Band, deren Konzerte ausverkauft waren, aber vielleicht eine dieser Bands, die du aus Versehen als Vorband für eine Band, die du wirklich magst, gesehen hast. Wir haben als Kinder angefangen, Musik zu machen, weil es Spaß gemacht hat und wir nicht anderes zu tun hatten. Zwölf Jahre später sitze ich nun an meinem Computer, nachdem ich von meinem Halbtagsjob im Einzelhandel zurückgekommen bin, und schreibe über das Leben und Sterben meiner mittelmäßigen Band The Swellers.

Im Sommer nach der achten Klasse habe ich mit meinem Bruder Nick eine Band gegründet. Wie alle jungen Musiker hatten wir keinen wirklichen klanglichen Fokus, also haben wir einfach Pop-Punk-Nummern wie „Zombie Pirates From Outer Space“ und „I Wanna Be In The Mob“ gespielt und Sachen wie die Mario Brothers-Melodie gecovert. Wir waren nicht nur die einzige Punkband in unserer Gegend, wir waren auch die jüngste. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir während der Mittagspause in unserer Schule gespielt haben und die anderen Schüler uns mit Brot beworfen haben, weil wir ihrer Meinung nach Weicheier waren. Wir brauchten also eine neues Umfeld und haben angefangen, in einem lokalen Club auszuhelfen und uns um den Sound, die Bühne und den Eintritt zu kümmern. Dadurch, dass wir dort gearbeitet und so viele neue Leute kennengelernt haben, wurden die Shows, auf denen wir spielen konnten, immer größer und besser, bis Mustard Plug und die Suicide Machines, beides Helden aus Michigan, uns als ihre Vorband haben spielen lassen. Unser Publikum wuchs innerhalb von ein paar Jahren von einem Dutzend auf ein paar Hundert an. Endlich waren wir ein lokaler Headliner und das fühlte sich großartig an.

Die Dinge schienen sich zu entwickeln und wir waren eine der wenigen Bands, die es aus unserer Heimatstadt raus geschafft hat. Wir haben bei einem lokalen Label unterschrieben, gerade rechtzeitig, um eine Woche auf der Warped Tour zu spielen, und haben das veröffentlicht, was für uns unsere erste richtige EP ist. Wir haben Bands, die auf Tour waren, in den Häusern unserer Eltern übernachten lassen und dadurch, ohne es zu merken, lebenslange Freundschaften geschlossen. Eine dieser Bands, A Wilhelm Scream, hat unsere EP Nitro Records vorgespielt und sie hatten Interesse, uns unter Vertrag zu nehmen. Wir sind gelegentlich nach Kalifornien gefahren und haben uns mit dem Inhaber des Labels, Dexter Holland von The Offspring, getroffen, um im Gedächtnis zu bleiben. Jedes Mal, wenn wir im Lager des Labels waren, fanden sich dort weniger Platten und irgendwann nur noch Vorräte für seine Firma für scharfe Sauce, Gringo Bandito. Ein paar Monate später bekamen wir einen Anruf und uns wurde gesagt, dass sie pleite sind und fast alle ihre Bands gehen lassen müssen, sodass sie uns nicht mehr unter Vertrag nehmen können. Das war eine schlimme Nachricht für eine Band, die vielleicht ihren ersten Durchbruch gehabt hätte. Wir mussten in frühen Jahren feststellen, dass die Musikindustrie ihre Versprechen nicht immer hält.

Eine Woche nachdem ich meinen High School-Abschluss gemacht habe, sind wir auf eine fünfwöchige Tour gegangen, die uns bis nach Kalifornien und zurück führte. Wir haben auf der Tour sowohl vor 50 Leuten als Vorband gespielt als auch als Headliner nur für den Barkeeper eines Ladens. Wir haben uns an bizarre Umstände gewöhnt, auf Fußböden geschlafen und ganze Tage im Van verbracht. Nachdem wir jahrelang unsere eigenen Touren gebucht hatten, sind Bands wie A Wilhelm Scream, Streetlight Manifesto und Less Than Jake auf uns aufmerksam geworden und haben angefangen, uns auf unsere ersten großen Touren mitzunehmen. So ging es eine Weile, doch wir wollten nicht für immer die Vorband sein. Wir haben ein paar Demos aufgenommen und sie per Mail an Unmengen von Labels geschickt, nur mit ein paar Sätzen und einer Übersicht über unsere umfangreichen Tour-Erfahrungen. Fueled By Ramen war das erste Label, das Interesse gezeigt hat, was uns total von den Socken gehauen hat. Auf FBR waren damals Bands wie Paramore, Panic! At The Disco, Gym Class Heroes usw. Vor dem Hintergrund, dass diese Neuigkeiten umherschwirrten, hat uns ein Freund eines Freundes kontaktiert, der uns managen wollte. Er war einverstanden, umsonst zu arbeiten, bis er sich bewiesen hatte. Er hat ein Label-Showcase mit Vertretern von mehreren großen Indie- und Majorlabels in einem kleinen Raum in Manhattan veranstaltet. Nach Unmengen von Emails, Anrufen und halben Nervenzusammenbrüchen, haben wir uns für Fueled By Ramen und einen Agenten entschieden und haben unseren Manager behalten. Wir haben einen Vertrag unterschrieben und den Vorschuss dazu benutzt, unseren Van abzubezahlen, uns besseres Equipment zuzulegen und haben uns für den nächsten Schritt bereit gemacht.

2009 hat sich für uns eine neue Welt eröffnet, als wir mit Paramore auf Tour gegangen sind. Unsere beiden Alben kamen am selben Tag raus und die Tour war größer als alles, was wir jemals vorher gemacht haben. Unglücklicherweise wurden die Verkaufszahlen der ersten Woche nicht richtig an SoundScan übermittelt und die erste Woche der Tour wurde verschoben, also war es nicht so erfolgreich wie es hätte sein können, aber wir haben das wieder wettgemacht, indem wir persönlich nach den Shows herumgegangen sind und jeden Abend ungefähr hundert Alben verkauft haben. Die Vorstellung von Catering, Tourbussen, einer großen Crew und ausverkauften Shows war neu für uns. Jede Tour, die wir wollten, haben wir bekommen. Wir haben sogar einen Deal bei einem Verlag bekommen und ein Song von uns hat es in ein Tony Hawk-Videospiel geschafft. In typischer Swellers-Manier bedeutete das allerdings nicht den großen Geldsegen. In den Augen der Leute zu Hause hatten wir es endlich geschafft. Aber in Wahrheit konnten wir uns damit gerade unsere bereits günstigen Mieten leisten. Da ich technisch gesehen unter der Armutsgrenze lebte, habe ich mit Essensmarken eingekauft. Stell dir das vor, eine Band, die auf einem großen Indie-Label ist und trotzdem von Essensmarken lebt. Wir waren natürlich nicht am Verhungern, wir konnten von dem Geld aber gerade so leben, da wir keine Zeit hatten, um zwischen den Touren zu arbeiten. Das passiert, wenn du beschließt, dein ganzes Leben deiner Band zu widmen und es sich nicht auszahlt.

Für unsere zweite Platte haben wir unser Label überzeugt, im Blasting Room mit Produzent Bill Stevenson aufzunehmen. Bill war nicht nur der Schlagzeuger von den Descendents, ALL und Black Flag, er war auch für die Produktion von den meisten unserer Lieblingsplatten auf Fat Wreck und die neueste Mainstream-Crossover-Band Rise Against verantwortlich. Wir haben pausenlos Foo Fighters und Jimmy Eat World gehört und wollten endlich eine große Rockplatte ohne schnelle Punkbeats machen. Für uns war das eine natürliche Entwicklung, aber für den Rest unserer Punk-Fanbase war das quasi Verrat. Wir haben nicht nur fast das komplette Budget für das Album aufgebraucht, sondern hatten auch keine neuen Touren anstehen. Außerdem hielt es das Label für eine gute Idee, das Album einen Monat früher zu veröffentlichen. Ohne eine wirkliche Veröffentlichungsstrategie oder große Tour hat sich das Album schlecht verkauft. Der einzige große Erfolg für uns war, dass unser Video zu „The Best I Ever Had“ bei YouTube direkt nach dem neuen Video von Paramore lief, was uns Unmengen an Traffic beschert hat. Näher sind wir so etwas wie einem Hit nie gekommen. Das Video hat über eine Million Views und ist bis jetzt unser größter Song, befindet sich aber auf einem Album, das sich schlechter verkauft hat als das, was wir selbst finanziert haben. Das verstehe, wer wolle. Frustriert mit dieser Entwicklung, haben wir das Label gebeten, uns gehen zu lassen. Wir waren gesegnet mit tollen Möglichkeiten, aber gleichzeitig verflucht, da wir nicht sofort die große Masse angezogen haben. Die Major-Seite des Labels hat große Veränderungen durchgemacht und wir haben es gerade rechtzeitig raus geschafft. Wir waren im Land der mittelmäßigen Bands gefangen.

Jede wirtschaftliche Entscheidung kann den Rest eines Bandlebens komplett verändern und unsere war dabei, uns in den Arsch zu treten. Die Sache mit dem Label funktionierte nicht, also haben wir es auf die „coole“ Weise versucht und eine EP in Eigenregie veröffentlicht. Für eine Zeit lang war das OK, aber wir brauchten auch den finanziellen und politischen Push eines Labels. Die schlechten Neuigkeiten fingen damit an, dass unser Manager einen Job bei einem der Labels bekam, das versuchte uns unter Vertrag zu nehmen, was zu einem ziemlich großen Interessenskonflikt führte. Ich habe ihn auf die Situation angesprochen und widerwillig zugestimmt, dass es OK ist, solange wir uns auch noch nach anderen Labels umsehen können. Unglücklicherweise wird zwischen den Labels viel geredet und so dachten die anderen Labels, dass wir schon vom Markt wären. Kommunikationsschwierigkeiten zwischen uns und unserem Manager wurden ein alltägliches Problem. Schlampige Steuererklärungen fingen an, zum Problem zu werden und wir standen mit Tausenden Dollars in der Kreide. Irgendwie schaffte er es, uns von einer großen internationalen Tour werfen zu lassen, ohne dass wir davon wussten. Wir haben einige größere Möglichkeit zu touren verpasst, da wir uns schon früh auf kleinere Touren festgelegt hatten. Das war nicht zwingend alles seine Schuld, aber wir haben uns notwendigerweise von ihm getrennt. Es war keine große Überraschung, dass das Label, für das er arbeitete, anschließend davon Abstand nahm, uns unter Vertrag zu nehmen. Wir hingen in der Luft. Ich habe spontan meinem Freund Chris von No Sleep Records geschrieben und ein paar Stunden später hatten wir einen Vertrag. Nick und ich haben beschlossen, unsere Band selbst zu managen und so fanden wir uns in einem weiteren, merkwürdigen Kapitel unserer Bandgeschichte wieder. Von unserem Ex-Manager habe ich seit dem Vorfall vor ein paar Jahren nichts gehört.

Als Menschen haben wir uns mit einer Menge cooler Musiker und einflussreichen Leuten aus der Musikindustrie angefreundet, aber als Band waren wir ein bisschen zu lange unterwegs, ohne den großen Durchbruch geschafft zu haben. Unsere erste große Diskussion innerhalb der Band fand nach der letzten Show unserer Brasilien-Tour statt. Zwei der Jungs waren gerade Anfang 30, mein Bruder würde bald heiraten und obwohl mir die Vorstellung nicht gefiel, haben wir beschlossen, es ruhiger angehen zu lassen. Dieses Gespräch in einem Land zu haben, das die meisten Leute nie in ihrem Leben sehen werden können, ist für mich immer noch verrückt, aber ich wusste, dass es so kommen musste. Das Album erschien und wieder waren wir auf keiner Tour mit großen Namen vertreten, um es zu promoten. Wir haben unsere eigene Tour durch kleinere Läden im ganzen Land gebucht, die am Ende einer der rentabelsten Touren überhaupt für uns war und viele Leute haben sich wieder für uns interessiert. Die Moral der Band schoss förmlich durch die Decke, bis wir einen Monat später ein paar Rechnungen bekamen und uns klar wurde, dass wir fast 8.000 Dollar Schulden hatten. Die geschäftliche Seite fing an, uns umzubringen und die Realität wurde uns immer mehr bewusst, je länger wir zuhause waren. Meine Bandkollegen haben durch ihre Jobs mehr Geld verdient als durch das Touren. Ich habe einen Teilzeitjob angenommen, der es mir zwar erlaubte zu touren, dadurch, dass ich nicht unterwegs war, habe ich aber weniger Geld verdient. Wir wollten die Band wirklich am Leben erhalten, aber wir wussten, dass es auf kleinerem Level weitergehen würde. Wenn wir es jetzt beenden würden, dann würde zumindest so etwas wie ein Erbe hinterlassen. Auf unserer letzten Tour habe ich die Idee, ein paar letzte Shows zu spielen und dann aufzuhören zur Sprache gebracht. Die anderen Jungs haben zunächst gezögert, aber letztendlich haben alle zugestimmt, dass es das Beste wäre. Ich wollte wieder durchgängig auf Tour sein und neue Musik schreiben, da ich noch viel Energie und nicht viel Geld in der Tasche hatte. Letztendlich hatten wir nie den vorübergehenden großen Erfolg, wie viele unserer Freunde, auf den wir zurückgreifen konnten. Wir haben nur als Vorband für sie gespielt.

Vielleicht haben wir unseren großen Wurf verpasst, weil wir uns nicht zur richtigen Zeit für das Geld entschieden haben. Vielleicht hätten wir unseren künstlerischen Stolz beiseite lassen und die gleiche Platte mehrmals veröffentlichen sollen. Vielleicht haben wir zu viel Musik veröffentlicht. Vielleicht hätten wir für unsere Fanbase nicht so zugänglich sein sollen. Vielleicht hätten wir uns für ein anderes Plattenlabel oder einen anderen Manager entscheiden oder unseren Bandnamen vor ein paar Jahren ändern sollen. Du kannst dich das die ganze Zeit weiter fragen, aber das wird nichts ändern. Ich mag die Entscheidungen, die wir getroffen haben. Ich finde, wir sind Risiken eingegangen und uns treu geblieben. Wir haben mehr als 18 Länder auf fünf Kontinenten bereist und hatten die Möglichkeit, dort Musik zu spielen, die wir mögen und an die wir geglaubt haben. Jetzt buchen wir unsere letzten Shows für den Herbst. Vielleicht werden wir im Nachhinein zu einer großen Sache, vielleicht geraten wir aber auch in Vergessenheit. Rückblickend ist es egal, ob du von uns gehört hast oder nicht. Niemand hat jemals gesagt, dass du ein bekannter Name sein musst, um erfolgreich zu sein. Egal, ob wir eine kleine, mittelmäßige Band waren, wir haben die Dinge auf unsere Weise gemacht und darauf werde ich immer stolz sein.

Jonathan Diener ist bald Ex-Schlagzeuger von The Swellers. Folgt ihm bei Twitter - @jonodiener

**

Folgt Noisey bei Facebook und Twitter.


MEHR VON NOISEY

Der A-bis-Z-Guide, wie deine Indieband nicht beschissen wird
Es gibt schon genug furchtbare Bands auf der Welt.Warum du auf Tour niemals gebumst wirst
Ein Kasten Oettinger ist kein Lottogewinn, Freunde. Wie man als Band im Van überlebt
Hier erfährst du, wie du am besten in eine Flasche pisst und wann du die Musik aussuchen darfst.