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Paris XY wollen, dass du dich bei ihren Konzerten unwohl fühlst

Das Duo aus Leeds sprengt Genre-Grenzen, um elektronische Musik wieder Interessant zu machen.
11.8.14

Foto: Justin Gardner

Es ist für eine Band schon ein Glücksmoment, wenn ihr Name in einem Atemzug mit dem ihrer Idole genannt wird. Wenn ein solches Idol dann auch noch anfragt, ob sie nicht Lust hätten, als Toursupport einzuspringen, ist der Endorphinrausch perfekt. Als das Duo Paris XY aus Leeds erfahren hatte, dass sie die GusGus-Tour in Polen supporten können, sind sie sicher kreischend im Quadrat gehüpft. Dass sie mit nur zwei EPs die Aufmerksamkeit der Isländer Elektro-Urgesteine erregt haben, sagt einiges über die Sogkraft ihrer Musik aus. Trockene Elektrobeats, wabernde Synthies und tiefer, weiblicher Gesang erzeugen einen Mix, der genreübergreifend für gespitzte Ohren sorgt.

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Ich treffe die beiden in einem Berliner Straßencafé an der Spree. Wie sich das für echte Engländer nunmal gehört, reden sie erstmal über das Wetter. Sommerlich warm, aber windig. Doch Jim und Alice haben noch viel mehr zu erzählen. Wie ihr beeindruckendes Video zu „The Return“ schon erahnen lässt, sind die Beiden fasziniert von den düsteren Seiten des Lebens.

Noisey: Wie habt ihr beiden euch getroffen, um Paris XY zu gründen?
Alice: Ich habe als Blues-Sängerin gearbeitet und zusammen mit einem Beatboxer Dubstep gemacht. Das war aber Müll. Dann habe ich Jim auf Facebook gefunden und daraus wurde dann Paris XY.
Jim: Sie brauchte für ihr Projekt jemanden, der Synthies spielen konnte. Ich habe nach Leuten gesucht, die irgendwas mit elektronischer Musik machen wollen. Jeder wollte nur DJ sein, nur produzieren oder in einer Rock- oder Indieband spielen. Deswegen war es für mich ziemlich schwierig. Bis ich auf Alice gestoßen bin. Wir haben unsere Ideen geteilt, hatten die gleichen Einflüsse.

Was ist dann die Geschichte hinter euren Namen?
Alice: So richtig gibt es da keine. Nur einen betrunkenen Abend, an dem wir uns den Namen ausgedacht hatten.
Jim: Wir mochten das XY einfach. Es könnte für die X -und Y-Chromosomen stehen. Klingt ein bisschen blöd, aber wir waren nunmal betrunken. Ich weiß gar nicht mehr, woher das Paris kam.
Alice: Ich spreche französisch und würde wohl insgeheim gerne Französin sein. Vielleicht deswegen.

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Trotzdem wohnt ihr in Leeds. Wie hat euch die dortige Musikszene geholfen?
Alice: Ich stamme eigentlich aus Cambridge, da gab es keine echte Szene für elektronische Musik. In Jims Heimatstadt auch nicht. Also kamen wir beide nach Leeds, liebten dieses Genre und entschieden, zu bleiben. Dort gibt es viel Tanzmusik, wie Deep House, Minimal, Techno und so'n Kram.
Jim: Für uns ist es immer noch schwierig, in die Clubszene einzudringen. Einfach, weil wir ein wenig anders sind. Die Leute geben uns schon die Chance, aufzutreten, aber trotzdem sind DJs und deren Sound beliebter. Wir passen eben nicht in eine Techno- oder Hard Tech-Night. Wir können da von den Veranstaltern nicht zugeordnet werden.

Dagegen habt ihr als Vorband von Chelsea Wolfe gespielt. Das passt ziemlich gut, finde ich.
Jim: Ich war geschockt, weil ich dachte, dass wir da nicht reinpassen würden. Aber die Leute haben es genossen. Wir haben auch mit einer Band namens Sunwølf gespielt, die ziemlich ausgeflippten Ambient Rock machen. Aber das ist cool.

Aber euer Herz gehört der elektronischen Musik.
Alice: Klar. Wir haben die letzten zwei Jahre damit verbracht, unseren Sound zu finden. Jetzt können wir etablieren, wie wir klingen. Eben wie elektronisch beeinflusster, filmischer Live-Stuff.
Jim: Elektronische Musik ist aufregend, weil du verschiedene Stile kombinieren kannst. Bei Rockmusik bist du eingeschränkter.
Alice: Jetzt bekommen wir sogar Unterstützung von GusGus. Das ist eine große Inspiration. Wir lieben GusGus.

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Eure Texte und das Artwork eurer CD sind ziemlich düster. Woher kommt diese Faszination für die dunklen Seiten des Lebens?
Alice: Von mir. Ich habe Chemie studiert. Ich bin sehr von Gehirnforschung, psychiatrischen Dingen und Psychologie fasziniert. Deswegen habe ich einen Hang dazu, düstere Texte zu schreiben. Ich kann einfach keinen fröhlichen Song schreiben. Dafür lese ich zu viele Gothic-Romane und düstere Literatur. Die Idee der Dunkelheit ist einfach romantisch.
Jim: Auch musikalisch steht dieser düstere Style gut im Gegensatz zu den vielen Dingen, die andere machen. Die Artworks sind meist ziemlich bunt. So etwas ist gerade trendy, aber wir machen da einen Schritt zurück, haben vielleicht ein paar Ideen aus der Metalszene übernommen. Ein Freund von uns spielt in einer Metalband. Wir hören uns oft seine Musik an und das beeinflusst uns auch.
Alice: Wir geben uns dem Hass und der Depression hin.

Haben finstere Filme, Bücher oder Songs einen starken Einfluss auf die Texte?
Alice: Oh ja. Mein Stil ist eher klassische Poetik, die Prosa ist sehr altmodisch, die Wörter Referenzen zu Shakespeare, Dickenson und griechischer Mythologie. Es ist eben viel verlockender, mich aus 3000 Jahren Geschichte zu bedienen, als davon zu singen, dass mein Herz gebrochen wurde. Okay, es ist leicht, das zu sagen, ich habs ja nie versucht.

Nachdem ich mir das Video zu „The Return“ angeschaut hatte, habe ich mich gefragt, ob ihr auf Horrorfilme steht?
Alice: Ja! Horrorfilme und Thriller wie Stanley Kubricks Shining.

Habe ihn das erste Mal vor einem Jahr gesehen und er funktioniert immer noch super.
Jim: Ja, er spielt viel mit deiner Psyche. Da rennt nicht einfach nur ein Typ mit einem Messer rum. Es ist dadurch sehr gruselig und unheimlich, weil jeder schon einmal ein einer ähnlichen Situation war.
Alice: Das Konzept hinter dem „The Return“-Video war, dass es anfangs sehr abstrakt ist, du weißt nicht, was passiert. Erst am Ende macht alles Sinn. Die Person scheint sehr normal, aber er hat diese Triebe, denen er schließlich nachgibt und die Lady umbringt. Wir lachen, aber es ist eigentlich nicht lustig.
Jim: Ich hatte anfangs Sorgen, dass es vielleicht zu unheimlich sein könnte.
Alice: Oder zu intensiv, um sich beim Schauen noch wirklich wohlzufühlen. Aber schlussendlich passt es ja zum Song.

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In Horrorfilmen werden oft Sounds und Musikstücke eingesetzt, um das Geschehen noch weiter zu intensivieren. Zieht ihr daraus auch Ideen? Am Ende von „The Return“ gibt es ja auch dieses ansteigende Geräusch.
Alice: Wir mögen viele Film-Soundtracks. Nicht nur die spannungserzeugenden Stücke, sondern auch sowas wie Dredd, Drive oder The Raid. Diese schweren Industrial-Bass-Sounds. Was dich beim Hören einschüchtert, du dich unwohl fühlst. Wir wollen, dass sich die Leute unwohl fühlen.

Das erste Mal, dass ich wirklich bewusst elektronische Musik gehört habe, war im Film Blade. In der Anfangssequenz wird ein altes Schlachthaus gezeigt, aus dessen Sprinkleranlage Blut auf die ravende Masse regnet. Was wäre die Traum-Location für eure Show?
Jim: Berghain. Ein großes Industriegebäude, schön düster.
Alice: Wir sagen ganz schön oft „düster“.
Jim: Ein cooles Setting, wie ein Bordell, ein altes Hostel. Die Tonanlage sollte natürlich gut sein, das ist echt wichtig.

Versucht ihr, durch eure Live-Shows eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen?
Jim: Wir wollen, dass sich die Zuschauer alles um sich rum vergessen und tief in die Musik abtauchen.
Alice: Es sollte eine intensive, fast hypnotische Erfahrung sein. Wir haben unser Set so geformt, dass es sich immer weiter entwickelt, bis es fast zu einem richtigen DJ-Set mutiert. Die Leute sollen Teil dieses Prozesses werden, sie sollen mit der Musik verschmelzen.
Jim: Wir könnten einfach fette Beats einbauen und die Leute tanzen lassen, aber wir finden es schöner, dass sie sich fallen lassen, sich emotional binden und sich dann deswegen bewegen.
Alice: Es ist mir sehr wichtig, dass die Leute die Lyrics verstehen, wenn ich sie live singe. Bei elektronischer Musik ist der Text oft nicht zu verstehen oder er geht einfach unter, ist nebensächlich. Als Songwriterin ist es aber mein Anspruch, dass die Leute wissen, worum es in den Songs geht.

Ihr arbeitet gerade an einem Album, das 2015 erscheinen wird?
Alice: Ja, hoffentlich. Wahrscheinlich werden wir es durch Kickstarter crowdfounden, weil unsere Jobs nicht so gut bezahlt sind. Wir wollen es nämlich selbst veröffentlichen.
Jim: Die Branche hat sich verändert und das ist aufregend. Das Coole am Crowdfounding ist, dass du dich viel stärker mit deinen Fans verbunden fühlst.

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Die Berliner Band CHILDREN crowdfounden zurzeit auch ihr Album. Für eine Spende von 200€ kannst du dir dann deinen persönlichen Coversong aussuchen.
Alice: Ja, es gibt da wirklich viele lustige Sachen. Vielleicht machen wir so etwas auch. Dann darfst du eine Nacht in unserem Haus schlafen und ich bringe dir morgens das Frühstück und singe dir ein Lied vor.
Jim: Wäre sehr seltsam, wenn du das machen würdest. Bisschen unheimlich.
Alice: Keine Sorge, solange es uns hilft.

Wird das Album vom Sound her einen Schritt weg von den EPs machen?
Alice: Das Album wird wahrscheinlich ein wenig härter, langsamer und atmosphärischer als das, was wir in unseren Sets spielen. Wir würden gerne ein Konzeptalbum machen, zu welchem du dich hinsetzt und eine Stunde zuhören kannst. Es soll auch mehr filmische und orchestrale Stücke geben.
Jim: Wir hatten überlegt, eine Doppel-LP zu machen, die den Tag-Nacht-Rhytmus darstellen soll. Klingt ein bisschen cheesy, aber die Idee gefiel uns. Davon sind wir jetzt aber weg, würde zu lange dauern. Wir sind gerade dabei, alles miteinander zu verbinden, zu schauen, wo was passt.
Alice: Ich glaube, das zweite Album wird viel tanzbarer. Das Debüt wird die Einleitung zu allem, was in unseren Köpfen rumspukt.
Jim: Wir wollen auch alternative Versionen von Songs machen. Wie bei „Panic Attack“.
Alice: Mein Gesang variiert ja auch von Gig zu Gig. Die gesamte Performance hängt vom Publikum und von der persönlichen Gemütsstimmung ab, zum Beispiel wie wütend ich bin.
Jim: Das ist wichtig. Elektronische Musik ist sehr starr, du weißt, was dich erwartet. Wir wollen es wieder interessant machen, wie eine Band improvisieren.

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