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Warum wir aufhören müssen, uns über Pete Doherty lustig zu machen

Und stattdessen wieder anfangen sollten, The Libertines zu vergöttern.
9.10.14

Foto © Beggars

Wenn du ab und zu vor die Tür gehst oder wenigstens einen Internetanschluss hast, ist dir vermutlich nicht entgangen, dass die größte The-Band, die die Indie-Rock-Welle der 00er-Jahre ausgespuckt hat vor wenigen Monaten Reunion gefeiert hat und letztes Wochenende in Deutschland auf Mini-Tour war. Selbst als Libertines-Fan nahm man diese Information mit verschränkten Armen und Stirnrunzeln auf. Genauso wie die Gerüchte um ein neues Album, sofern sich die beiden Frontsäue Pete und Carl bei den Testauftritten nicht gegenseitig eins auf die Rübe geben sollten. Das schien gar nicht so unwahrscheinlich, in Anbetracht der Tatsache, dass für das Tour-Plakat ein zehn Jahre altes Bild herhalten musste, was bestenfalls bedeuten konnte, dass The Libertines jetzt alt und hässlich sind, aber noch eher, dass man sie nicht in einen Raum bekommt, um neue Fotos zu schießen.

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Die Vermutung lag nah, dass sich diese Band-Reunion in die unglückliche Geschichte fast aller Band-Reunions einreiht und dir schmerzhaft vor Augen führt, worum es deinen einstigen Helden wirklich geht, nämlich Geld (vgl.: Pixies), was sich wiederum häufig in deprimierender demonstrativer Lustlosigkeit widerspiegelt (vgl.: Dinosaur Jr.). Und dann waren da noch diese ganzen nervigen Skandälchen mit Crack, Topmodels, Einbrüchen bei Band-Kollegen, Gefängnisaufenthalten, Antiquitätenhandel… Ach, Pete! Kurz gesagt, wir dachten alle, The Libertines seien tot. Aber ich schwöre: SIE SIND ES NICHT. Ganz im Gegenteil.

Es wird Zeit, dass wir unsere Köpfe aus unseren Ärschen ziehen und die unerträgliche Kränkung unseres Besserwisser-Musikkennertums dadurch, dass dank Kate Moss jede 12-Jährige unseren ehemaligen Indie-Gott kennt und sich darüber Gedanken macht, ob sie ihn süß findet, gut sein lassen. Wir müssen unsere Meinung über Pete und The Libertines wieder weniger davon beeinflussen lassen, was wir beim Frisör in der Gala lesen und mehr davon, was wir auf den Platten hören. Dann wirst auch du feststellen, dass The Libertines noch immer die wichtigste Band der letzten zehn Jahre ist und wir alle nicht die Nase rümpfen, sondern auf die Knie fallen sollten, wenn es ein neues Album gibt. Glaubst du nicht? Hier steht warum:

Hits

Fangen wir mit dem Offensichtlichsten an: Auf nur zwei Alben haben uns The Libertines ausschliefllich mit Hits versorgt. Von Saufhymnen über nachdenkliche Selbstfindungsgeschichten bis hin zu Liebesliedern, liefern die Platten den kompletten Soundtrack zu deinem Leben wenn du irgendetwas zwischen 15 und 35 Jahren alt bist. Es hat seinen Grund, warum die Libertines-Platten seit über einem Jahrzehnt konstant auf sämtlichen Hitlisten auftauchen. Auch wenn nicht auszuschließen ist, dass zehn Jahre harter Drogenkonsum bei Pete—in Form einer weichen Birne—seine Spuren hinterlassen hat, bleibt er ein musikalisches Genie. Vor allem in der Kombination mit seiner alkoholgetränkten besseren Hälfte Carl Barat, haben wir ein Songwriter-Dreamteam wie vielleicht seit Lennon/McCartney nicht mehr. Außerdem: Der Motörhead-Lemmy nimmt seit 50 Jahren Drogen und Keith Richards sicher seit 100 Jahren und bei denen zweifelt auch niemand die musikalische Kompetenz an…

Rock-Show

The Libertines sind eine unglaubliche Live-Band. Gerüchten zufolge spielten sie zu Anfang ihrer Karriere einmal in einem Altenheim, woraufhin eine senile Omi im Publikum die feste Überzeugung überkam, sie hätte gerade die Beatles gesehen. Libertines-Auftritte, sofern sie denn stattfinden und nicht „krankheitsbedingt“ ausfallen, sind eine verdammte Erleuchtung. Daran hat sich nichts geändert. Die Befürchtung im Jahr 2014 eine ausgebrannte Truppe, heruntergelebter Mittdreißiger vor sich zu haben, die verzweifelt versuchen, in ausgelutschten Indie-Rock-Posen zu überspielen, dass sie ihre Songs ähnlich hassen, wie Oasis „Wonderwall“, liegt nahe. Aber jeder, der dieses Jahr auf einem ihrer Konzerte war, wird dir sagen: „Ich dachte, es wird jämmerlich, aber es war Magie.“ Die Chemie zwischen den vier Jungs ist immer noch so perfekt, dass es dir Tränen der Glückseligkeit in die Augen treibt und du das dringende Bedürfnis empfindest, auf die Bühne zu springen und eine Gruppenumarmung zu starten. Viele Menschen, die es nicht bis auf die Bühne schaffen, machen das als Übersprunghandlung einfach im Publikum. Das ist auch schön. Diese schräge Mischung aus hippie'esker Weltliebe und dreckiger Punk-Rock-„Fuck 'em“-Attitüde ist ziemlich einzigartig und macht SO VIEL Spaß.

Ikonen

Foto © Beggars

The Libertines sind Ikonen des Indierocks, daran besteht kein Zweifel. Abgesehen davon, dass sie musikalische Ausnahmetalente sind, eine lässige Bühnenshow mit Kippen, Bier, Schweß und Lederjacken liefern und ihre Freizeit ganz glamourös koksend mit den Reichen und Schönen verbringen, werden sie von Millionen Fans angebetet. Gleichzeitig besteht aber einer relativ hohe Wahrscheinlichkeit, dass du die Band nach einem Gig in einer abgefuckten Kneipe triffst und dich einer der Jungs bei ihm pennen lässt, wenn du nett fragst. (Ich alleine kenne schon drei (!) Leute, denen das unabhängig voneinander passiert ist.) Insgeheim träumt doch jeder davon, dass die eigenen Idole irgendwie ein bisschen sind wie man selbst. Die Libertines kannst du paradoxerweise genauso vergöttern wie entspannt mit ihnen einen Heben gehen, ohne eingeschüchtert zu sein, was wahrscheinlich auch ihre inspirierende Wirkung erklärt. Sie sind nämlich eine dieser magischen Bands, die bei Leuten auslösen, dass sie selbst Musik machen wollen. Seit den Libertines gab es keine Indie-Band, die ein derartiges Ausmaß an Euphorie und Fan-Tätowierungen zu verantworten hat. Neben einem neuem Hobby/Berufsziel/Lebenssinn (je nach Commitment), schenken uns die Libertines auch viele gute Zitate und Lebensweisheiten für alle Lebenslagen. The Libertines sind also für viele Menschen sehr, sehr wichtig.

Sexyness und Herz

Du kennst das doch, wenn man etwas super findet, aber nicht genau weiß warum? Wenn etwas einfach eine Saite in dir anschlägt und du kannst dir nicht helfen? Dieses „gewisse Etwas“? The Libertines haben Tonnen davon. Nach den Libertines kamen noch viele gute Gitarren-Bands, die viele gute Songs hatten und viele gute Konzerte gespielt haben, doch keine hat es geschafft, sie vom Thron zu stoßen. Im Popzirkus kommt es nun einmal immer auch auf das Gesamtpaket an und im Fall der Libertines hast du nicht nur gute Musik, sondern ein absolut hinreißendes Beispiel an einerseits spröder, cockney-accent-getränkter Sexyness und andererseits offensiver Sexyness in Form von Körpern in Ekstase, Bierduschen und ganz viel nackter, verschwitzter Haut unter Lederjacken. Menschen mögen so etwas, das nennt man Erotik.

Was Menschen auch mögen, ist, wenn sie das Gefühl haben, dass man es ehrlich mit ihnen meint und ihnen nichts vorspielt, das nennt man Authentizität. Es gibt wenige Bands in der gesamten Musikgeschichte, die es geschafft haben in ihren Songs und auf der Bühne so viel Liebe und Spielfreude zu transportieren wie die Libertines. Du hast quasi das Privileg superbesten Freunden beim Superbeste-Freunde-Sein zu zuhören und zu zuschauen. Wen das kaltlässt, hat kein Herz und/oder keine Freunde.

Es wird also dringend Zeit Pete seine nervige Dauerpräsenz in den Boulevard-Blättchen zu verzeihen und den anderen ihre Fehltritte durch musikalische Mittelmäßigkeiten wie Dirty Pretty Things und Yeti. The Libertines sind zurück und sie sind on fire, also freue dich gefälligst!

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