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Die neue Producer-Generation ist die Gegenwart der Zukunft

Jeder steht mal am Anfang mit einer Schultüte in der Hand und blickt unschuldig, auch die Zukunft.

von Viola Funk
09 Januar 2015, 1:00pm

Jede musikalische Ära, jedes Genre, jede Legende steht irgendwann mal am Anfang. Mit einer Schultüte und einem unschuldigen Blick bewaffnet beginnt die Laufbahn des jeweiligen, so war das mit Techno, so war das mit Gitarrenmusik, so war das mit D’Angelo. Vor einiger Zeit wurden ein paar neue Gesichter eingeschult, die den Maßstab des „echten Musikers“, der „echte Instrumente“ spielt, über den Haufen warfen und mit ihrem ohnehin viel komplexeren Musiksoftwares und Computern ersetzten. Die Idee, dass es von Nichtkönnen zeugt, wenn jemand mit seinem Computer auf die Bühne tritt oder seine Musik daran erzeugt, ist in etwa so überholt wie die Annahme, Orcas eignen sich als Haustiere.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Producer-Generation, wie sie genannt wird, per se keine Instrumente spielt. Der Begriff „Producer“ ist schlichtum zu einem häufigeren Begriff geworden als etwa Sänger, Schlagzeuger oder Bassist. Deinen Eltern musst du das gar nicht erst erklären, sie werden die Musik sowieso nicht genießen. So wie das eben immer war mit dem Neuen, so war das bei Techno, so war das bei Gitarrenmusik.

Blickt man in die Gesichter der neuen Klasse, sieht man zwar keine Schultüten, dafür aber unschuldige Blicke von Jünglingen, die noch hellgrün hinter den Ohren scheinen. Wie alles in der Musik erstreckt sich diese Generation, die gerade in ihren 20ern blüht, in die verschiedensten Ecken, überschneidet sich mit den unterschiedlichsten Genres und wuchert über Grenzen hinaus. Ein Teil davon, der Bestnote erzielt, ist der Beatmusik-Bereich, in dem HipHop- und R’n’B-Beats in ein elektronisches Gewand und ein Maximum an Clubmusik bishin zur Unkenntlichkeit verwandelt werden.

Es ist ein Spektrum, in dem komplexe Beat-Konstrukte und atmosphärische Klanglandschaften kreiert werden, in denen es—zumindest klanglich—Nintendo-Charaktere oder hängengebliebene Computer-Befehle zu besiegen oder die Umgebung im Halbschlaf zu erkunden gilt. Das Junge und Spielerische kann bei diesen Producern genauso herausgehört werden wie eine scheinbare Ohnmacht oder Lähmung und teilweise den Drang, die Zeit zu verlangsamen.

Es sind Merkmale wie diese, die besonders den Begriff der „Generation“ manifestieren, die ein Muster erkennen lassen und das „Neue“ darin sehen lässt. Nicht zuletzt der Erfolg von Arcas Debütalbum Xen vor ein paar Monaten hat das verdeutlicht. Der 24-jährige Produzent aus Venezuela wurde für seine mechanischen, experimentellen, von TripHop und Dubstep angehauchten Beatkonstrukte beinahe ins Unermessliche gelobt, blieb aber dem Mainstream völlig unbekannt. Es scheint wie ein Höhepunkt, der in seinem Extrem an Massenuntauglichkeit und Hype erreicht wurde, so als würde diese Musik erstmal nur für eine Avantgarde zugänglich bleiben.

Jeder, der das Aufkommen neuer Strömungen auch nur in groben Umzügen verfolgt hat, wird hier Parallelen erkennen. Diese Exklusivität heißt jedoch nicht, dass sie andere Bereiche der zeitgenössischen Musik nicht längst beeinflusst. Arca hat genau wie sein Klassenkamerad Evian Christ an Kanyes Erfolgsalbum Yeezus mitgearbeitet und die neuen Sachen für FKA Twigs oder Björk produziert, die in einen sehr poppigen, eben massentauglicheren Bereich reichen.

Evian Christ aus UK, ebenfalls erst 24 Jahre alt, auch Teil dieser Generation, greift dagegen mehr als andere in HipHop, ist bei Kanyes Label GOOD Music gesignt, hat zu A$AP Rockys Debüt wie zu Yeezus beigetragen und arbeitet jetzt am neuen Album von Kanye. Ob seine Beats nun Prä-HipHop sind oder die regulären Rapbeats längst überrundet haben, bleibt fließend und deutet ob nun rückwärts- oder vorwärtsgewandt an, in welche Richtung sich Rap entwickeln könnte—in eine laute, elektronischere.

Doch auch in die andere Richtung dreht sich die Producer-Generation, in eine melodischere, atmosphärischere Klanglandschaft, wie beispielsweise Koreless, ebenfalls aus UK, dessen 2013-EP Yugen, genau wie sein Feature auf dem neuen SBTRKT-Album den Zuhörer gleichermaßen in eine hypnotische und doch fordernde Beatwelt entführte—eine Kunst, die diese Producer besser beherrschen als so manch alte Hasen. So ist es auch nicht ungewöhnlich, dass AV-Installationen auf Liveshows die Regel sind oder gar ganze visuelle Konzepte für die Musik entwickelt werden (siehe Jesse Kanda und Arca).

Die Wurzeln, aus denen diese Musiker sprießen konnten, sind deutlich in der Riege von Four Tet, Ben Frost oder Hudson Mohawke sowie in der 2step und Dubstep-Szene zu finden, lassen sich aber genauso in den digitalen und künstlichen Sounds vermuten, mit denen diese junge Generation nun mal aufgewachsen ist. Die ständige Konfrontation mit Sound aller Art, eigentlich nervtötende Videogame-Melodien und -Geräusche oder Repetitionen geschuldet durch die anfängliche Simplizität der generischen Sounds, sind keine nervige Erneuerung für sie, sie sind damit aufgewachsen, das gehört zur Lebenswelt, nun also auch zur musikalischen Inspiration.

In Tracks von Producer Daisuke Tanabe aus Japan hört man das deutlicher heraus, was einen lokalen Einfluss natürlich nahelegt. Producer wie der 23-jährige Ryan Hemsworth aus Kanada hingegen orientieren sich viel mehr an zeitgenössischer Musik, Hemsworth produziert für Pop- und R’n’B-Musiker, remixt, kollaboriert oder featuret sie und tastet sich damit immer mehr in einen ruhigeren, sanfteren Bereich vor. In einer viel housigeren, UK-Bass-Schiene lässt sich daneben Jaques Greene verorten, ebenfalls aus Kanada, oder Jamie XX, der zwar schon seit Jahren produziert und mit dem Dreampop-Projekt The XX eine ganze Scharr an Nachahmer heraufbeschworen hat, aber immer noch kein Solo-Album veröffentlichen wollte. Dieses Jahr soll sich das ändern.

Es soll sich dieses Jahr aber noch viel ändern. Die junge Producer-Generation wird produktiv wie eh und je sein, ihre unschuldigen Blicke vielleicht ablegen und ihre Schultüte voller Beats und Tracks vor unseren Augen ausschütten, die nicht nur in einer Szene gefeiert wird, sondern auch Schritt für Schritt andere Genres infiltriert, bis sie nichts Neues mehr ist, sondern eine allumfassende Gegenwart. Jeder steht irgendwann am Anfang, und die Zukunft steht hoffentlich genau an diesem Punkt in den Startlöchern.

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