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Von „212“ bis heute: Wir analysieren, ob Azealia Banks mit ihrem neuen Album erfolgreich war

War ‚Broke With Expensive Taste' die vier Jahre Streiterei und Auseinandersetzung wert?
1.12.14

Vor Kurzem hat Azealia Banks plötzlich ihr lange verschobenes Album Broke With Expensive Taste veröffentlicht—die Platte, auf die viele Leute fast vier Jahre lang gewartet haben. Sie hat nicht so viel Aufsehen erregt, wie vielleicht zu erwarten war—die meisten waren damit beschäftigt, Abhandlungen über die andere Azalea zu schreiben, die sie sowohl in Sachen Aufmerksamkeit als auch Erfolg verdrängt hatte.

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Ein Blick zurück in das Jahr 2011: die 20-jährige Azealia hatte gerade das Ungetüm „212" veröffentlicht, einen derben und obszönen, trotzdem fachmännisch gefertigten Popsong, der ihr Fans von Beyoncé bis Samantha Cameron eingebracht hat.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits einen Plattenvertrag hinter sich; 2008 hatte sie nach ein paar MySpace-Demos einen Development Deal bei XL unterschrieben. Laut einem ihrer sehr öffentlichen Statements war dieser Deal in der Zusammenarbeit mit dem XL-Boss Richard Russell jedoch ein Desaster, da dieser sie kurz nach der Unterschrift auf die lange Bank geschoben hat. Die Version von Russell ist ziemlich anders, aber dies sollte wiederum auch nicht das letzte Mal bleiben, dass Banks Probleme mit einem Plattenlabel hatte.

„212" wurde von einem weltweiten Publikum gierig aufgenommen, das anscheinend kein Problem mit ihren harschen Absichten hatte („I'ma ruin you cunt"). Als Ergebnis dieses Erfolgs hat Azealia bei der Universal-Tochter Interscope unterschrieben. Von da an haben sich die Dinge auf verrückte Weise entwickelt. Über einen Zeitraum von zwei Jahren wurde ihr Album angekündigt, die Veröffentlichung verschoben, Singles wurden angekündigt und dann aufgrund von Sample-Unklarheiten zurückgezogen; es wurden Kollaborationen angekündigt, die nie in die Tat umgesetzt wurden und die Veröffentlichung des Albums wurde immer wieder (und wieder) nach hinten verschoben.

In der Rückschau war sie vielleicht einfach nicht bereit, einen Deal zu unterschreiben, bei dem es in der Theorie darum ging, auf der Welle ihres anfänglichen Erfolgs zu reiten. Wenn man sich die 1991 EP und das Fantasia Mixtape anhört, dann hat sie noch mit Genres, Produzenten und Klängen experimentiert. Tatsächlich hat Banks 2012 behauptet, dass sie aufhören wolle zu rappen, da es „very unladylike" wäre, und dass sie ein „zeitgenössisches Jazzalbum" machen wolle. Es schien ein bisschen so, als hätte Universal einen hyperaktiven Schützling unter Vertrag genommen, der immer noch versuchte, herauszufinden, wer sie ist und worin sie gut ist.

Es gibt noch weitere Beispiele für Azealias musikalisches Mäandern. Ihre Zusammenarbeit mit Pharrell für „ATM JAM" fühlte sich künstlich an und das finale Produkt war ein unfertiges Durcheinander. Banks hat sich später von dem Track distanziert und gesagt: „Ich mochte ATM JAM nicht einmal, als ich diese Version geschrieben habe, das ist einfach das, was mir eingefallen ist". Auf ähnliche Weise hat sie öffentlich Disclosure verunglimpft, nachdem sie verfrüht eine Kollaboration angekündigt hatte und dieses Jahr hat sie gesagt, sie wolle „dem Hässlichen" von ihnen eine reinhauen. Banks hat nicht nur Reise nach Jerusalem gespielt, sondern die Stühle nach jeder Runde in Brand gesetzt.

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Anfang des Jahres war Broke With Expensive Taste noch in Planung. Banks hat dann (natürlich) bei Twitter öffentlich ihr Label verunglimpft, indem sie getwittert hat, dass sie „buchstäblich darum bettelt, aus dem Vertrag entlassen zu werden". Mit der Bitte, dass ein anderes Label sie aus dem Vertrag herauskauft, hat sie gesagt, dass sie „es leid sei, eine Gruppe alter, weißer Typen zu der Kunst eines schwarzen Mädchens konsultieren zu müssen" und „dass sie nicht einmal wüssten, was sie hören".

Es dauerte weitere fünf Monate bis Banks endlich aus dem Vertrag entlassen wurde und sie twitterte:

Ugh, now I get to be the cool indie chick I imagined I would be when I was 14!!!

— AZEALIA ⚓️ BANKS (@AZEALIABANKS) July 10, 2014

Jetzt, da Broke With Expensive Taste erschienen ist, kann ich irgendwie nachvollziehen, in welche Richtung Banks gegangen ist. Die Klänge, die sie mit ihren Mixtapes und Tracks in Projektcharakter angedeutet hat, finden sich hier definitiv wieder: die house-artigen Beats auf „Chasing Time" und das angesagte „Heavy Metal Reflective". Trotzdem, Momente wie „Nude Beach a Go-Go"—eine Kollaboration mit Ariel Pink—sind so eigenwillig und deplatziert, dass es schwer zu sehen war, in welche Richtung sie gehen würde. Die wiederholte Verwendung von 08/15-Trap schien für die Art von Künstlerin, die sie sein möchte, auch nicht angemessen.

Am Anfang übertrifft die Platte die Erwartungen noch. Bei Tracks wie dem poppigen „Gimme A Chance"—mit den bombastischen Bläsern—und dem jazzigen „Desperado"—das mit dem flirtet, was Banks einst so spannend machte— kommen ihr unverkennbarer Rapstil und die heisere Stimme zur Geltung. Selbst bereits veröffentlichte Tracks wie „212", „Yung Rapunxel" und „Luxury", die sich auf dem Album wiederfinden, sind willkommene Zugaben und passen zu dem, was an der Platte stimmt.

Für mich brauchen Alben allerdings ein bestimmtes Level an Zusammenhang und das erreicht Banks mit Broke With Expensive Taste nur beinahe, wobei ich mich frage, ob es so schlau war, alles zusammen als Album zu veröffentlichen. Wenn man die Tatsache berücksichtigt, dass die Fans wussten, dass die Platte vielleicht nie das Licht der Welt erblicken würde, hätte Banks vielleicht mehr Glück gehabt, wenn sie sich auf acht oder neun Songs beschränkt und etwas mehr Fokus an den Tag gelegt hätte. Stattdessen ist es ein klangliches Durcheinander aus experimenteller, abseitiger Produktion, Ausbrüchen von Vintage-House, Trap und ein paar brillanten Pop-Hooks. Die disharmonische Natur des Projekts gibt einem das Gefühl, dass sie einfach einen Track nach dem anderen bei Soundcloud hätte veröffentlichen sollen.

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Nach der Veröffentlichung des Albums hat Banks behauptet, dass dies die Platte war, die sie die ganze Zeit veröffentlichen wollte. Das ist eine plausible, aber unwahrscheinliche Behauptung. Einige der Songs waren der Anfang von etwas, das sie ausprobieren wollte und aus diesen Gründen denke ich, dass Broke With Expensive Taste bezeichnend für die letzten vier Jahre des Ausprobierens und Scheiterns ist, was aber nicht bedeutet, dass sie damit gerechnet hatte, genau so etwas zu veröffentlichen.

Obwohl ich froh bin, dass sie es endlich geschafft hat, eine Platte zu veröffentlichen, entstehen jetzt neue Probleme. Banks ist, obwohl sie jetzt bei einem Indie-Label unter Vertrag steht, wieder da, wo sie angefangen hat. Ihr Album ist draußen, aber als Resultat von vier Jahren Auseinandersetzungen und Streit, hat sie immer noch keinen Platz gefunden, an dem sie sich offensichtlich wohl fühlt. Sie mag bei Twitter vielleicht ruhiger geworden sein, aber das hat sie nicht davon abgehalten, vor Kurzem in einem Interview schlecht über ihre Erzfeindin Azalea zu reden.

Die Geschichte von Azealia sollte als Warnung für Künstler und Labels dienen. Sie mag vielleicht mehr rohes Talent gehabt haben als jeder andere Künstler, der dieses Jahrzehnt unter Vertrag genommen wurde—trotzdem haben schlechte Entscheidungen und verpasste Möglichkeiten zu einer Platte geführt, die es nicht schafft, ihrem Talent gerecht zu werden.

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