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Das Marshall Mathers Dilemma - eine Analyse

Eminem weiß, dass er nicht als Slim Shady weitermachen kann. Auf „Rap God“ bringt er seine Zukunft auf den Punkt.
Ryan Bassil
London, United Kingdom
17.10.13

Eminen, damals

Von allen Rap-Giganten hat es Eminem am schwersten. Anfang der Woche veröffentlichte er „Rap God“, den dritten Track aus einem bevorstehenden Album. Seitens SPIN gab es eine vernichtende Kritik, die besagte, dass Marshall „zwar gut im Rappen ist, aber nicht sonderlich mehr.“

Aber SPIN trifft damit nicht den Punkt. Um „Rap God“ zu verstehen, müssen wir erst einmal das Dilemma begreifen, in dem sich Eminem befindet.

Aus allen Alter Egos von Eminem—Slim Shady, Eminem und Marshall Mathers—ist Marshall am stärksten nach innen gerichtet und stellt eine sehr persönliche und gebrochene Seite von Eminem dar. Auf The Marshall Mathers LP gab es mit Tracks wie „Stan“, „Kim“ oder „The Way I Am“ weniger zu Lachen und viel mehr kalte, direkte und eben sehr persönliche Statements, als auf dem Vorgänger oder den folgenden Platten.

Das neue Album ist eine Fortsetzung, The Marshall Mathers LP 2. Man macht es sich zu einfach, wenn man das einfach als Marketing-Strategie abtut, denn es ist viel mehr als das. In den dreizehn Jahren seit der Veröffentlichung des Originals ist viel passiert. Eminems bester Freund Proof starb, er überwand seine Drogenabhängigkeit und die Musikindustrie, die komplette Medienwelt und das Internet sind nicht mehr wiederzuerkennen. Das hier ist Marshall Mathers 2.0. Es ist nicht Slim Shady und diejenigen, die ein zweites „My Name Is“ erwarten, verwechseln wohl die Alter Egos.

„Rap God“ ist eine Übung in extremen Selbstbewusstsein. Eminems komplette Karriere ist auf der Bewältigung von immensen Herausforderungen aufgebaut. Die ersten Jahre nach dem Millennium war Eminem Herr über die tagesaktuelle Presse. Er wurde von seiner Mutter verklagt, war Zielscheibe von Anti-Homophobie-Gruppen und man beschuldigte ihn der Waffenkriminalität. Für die meisten Künstler hätte das längst das Todesurteil bedeutet, aber Eminem war in der Lage dem standzuhalten wie kein anderer. Statt klein beizugeben, focht er seine Darstellung in den Medien, seine Familie und wirklich jeden Kritikpunkt, der ihm vorgeworfen wurde, an. Als Eltern-Organisationen versuchten, ihn aus dem Radio zu verbannen, sagte er ihren Kindern: if they like violence they should stick nine inch nails into each of their eyelids.

Aber ein Jahrzehnt später, sind seine ehemaligen Herausforderungen zu normalen Konventionen geworden. Wirklich jeder ist Anti-Medien, lehnt sich gegen das System auf oder betreibt kleine Gaunereien im Internet. Eminem hat das begriffen. Auf „Rap God“ parodiert er die neue Generation, die angeblich nur schocken will und behauptet, dass ein Masterplan mehr als nur „fuck being normal“ enthält. Das ist nicht länger ein Alleinstellungsmerkmal.

Eminem hat sich in eine seltsame Situation gebracht. Er wird niemals ein experimentelles Ausrufezeichen wie Yeezus veröffentlichen, aber er wird auch keinen zweiten „Real Slim Shady“ erschaffen, denn dann wäre dieses Format ja nicht mehr einzigartig. Er hat seinen Kampf zurück zur öffentlichen Wichtigkeit einfach verloren.

Im Jahr 2013 ist Eminems Schock-Taktik nahezu nutzlos.

„You get too big and here they come trying to censor you / Like that one line I said on ,I'm Back‘ from the Marshall Mathers LP / One where I tried to say I take seven kids from Columbine / Put 'em all in a line, add an AK-47, a revolver and a nine.“

Zu jener Zeit hat genau diese Zeile Eltern veranlasst, Eminems Musik zu verbannen. Aber jetzt ist er unsterblich, und sich dessen, was er sagt, bewusst. Hinzu kommt, dass, wenn er diese Zeile heute sagen würde, sie niemals die gleiche reflexartige Kurzschlussreaktion bei den Leuten hervorriefe. Man erwartet von Eminem, dass er alle schockt, also ist es ihm inzwischen egal. Leute, die diesen Eminem wollen, hängen in einer Zeitschleife im Jahr 2004 fest, wie er in „Rap God“ rappt.

Eminem hat erkannt, dass er sich ein neues Standbein suchen muss, vielleicht zurück in Richtung des von Rock beeinflussten Raps. In den frühen 00er Jahren wurde Eminems Gesicht auf Hoodies gedruckt—im selben Ausmaß wie das Slipknot- oder Korn-Logo. Zusammen mit Fred Durst verhalf Eminem dem Rap zu einem komplett neuen Publikum. Es ist kein Zufall, dass er dieses Jahr Headliner beim Reading Festival war und ein paar Wochen später die Beastie-Boys-Hommage „Bezerk“ veröffentlicht hat. Der Track wurde von Rick Rubin produziert und zusammen mit seinem „So What Cha Want“-Video zementierte er Eminems Absicht zur etwas härteren Rap-Musik zurückzukehren. Wenn Slim Shady nicht mehr funktioniert, geht er eben zurück zu einem anderen Stil, der das noch tut.

Im Text von „Rap God“ bestätigt er dies und weist gleichzeitig den Vorwurf zurück, er hätte sich dem Pop zugewendet: „Oh, he’s too mainstream… It's not hiphop, it's pop, 'cause I found a hella way to fuse it / With rock, shock rap with Doc.“ Aber selbst wenn die Leute da nicht drauf klarkommen, kann er ihnen noch immer „Lose Yourself“ um die Ohren knallen und sie werden sich selbst verlieren. Das ist an sich ein Dilemma. Eminem ist ein „Rap God“ und obwohl die Leute von der ersten bis zu letzten Reihe nicken, werden wir ihn immer auf Basis seiner Vergangenheit beurteilen. Befriedigung werden wir allerdings nur bekommen, wenn wir diese von der Gegenwart trennen.

In den letzten paar Jahren wirkt es als ob Eminem, genau wie Jay-Z, seinen verblassenden Erfolg zu Geld macht und versucht, sich einem angenehm unkritischen, mainstreamig-kommerziellen Publikum zuzuwenden. Die Liveshow hat primär den Zweck, sein Bankkonto zu füllen, also braucht er Fans, die definitiv kommen und nebenbei auch noch richtig viel fürs Ticket ausgeben. Er hatte eine Kollabo mit Rihanna. Er hat den Typen von Fun. auf seinem neuen Album. Seine seltsamen—aber definitiv durchdachten—Tv-Auftritte haben dazu geführt, dass man Eminem seine Liebe zum HipHop nicht mehr abnimmt. Die Leute glauben, dass all das nur Ems Liebe zum Geld geschuldet ist. Aber es geht ihm nicht gerade dreckig, im Gegenteil, er ist superreich. Und mit „Rap God“ beweist er, dass er noch immer voller Liebe im Rap verwurzelt ist.

Der Track ist mit einer ganzen Reihe unterbewusster Referenzen besprenkelt, von Busta Rhymes und Lakim Shabazz zu The Roots und dem Big Pun Skit. An einem Punkt übernimmt er den Flow von HotStylz „Lookin‘ Boy“, einem Track, der ebenfalls vor Referenzen zu bersten droht. Diese leicht esotherisch-schizophrenen Augenblicke erleuchten Eminems inneres Rap-Genie, aber gleichzeitig betonen die direkten Referenzen das Dilemma nur noch mehr.

In einem Artikel schrieb ich letzte Woche über die Zeitenwende im HipHop. Eminem ist ein Produkt der letzten goldenen Era des HipHop, Mitte der 90er. Er wurde inspiriert von Leuten wir Rakim, N.W.A und Tupac. Jetzt führt er eine neue Gruppe von Schülern und ist für diese Mitglieder von Rap 2.0 das, was Ice Cube und Eazy E für ihn waren. Auf „Rap God“ erklärt er, dass er die Blaupause der „Wut und jugendlicher Ausgelassenheit“ erschaffen hat, auf der meisten im Internet aufgewachsenen Rapper ihre Karriere aufgebaut haben.

Aber für Eminem ist die Ära des Schock-Rap, die er einläutete, vorbei, und sie ist als ein künstlerisches Werkzeug für ihn nicht mehr notwendig—„you're pointless as Rapunzel with fucking cornrows“—womit er zugleich dem Schock-Rap und jeglichen Wünschen, ihn wieder dort haben zu wollen, ein Ende setzt. Er schießt insbesondere in Richtung Waka Flocka Flame—„you fags think it's all a game 'til I walk a flock of flames“—und Mac Miller—„Oy vey, that boy's gay, that's all they say looking boy / You get a thumbs up, pat on the back“.

Eminem möchte das Rap Game auf einen ähnliche Weise herausfordern, wie Kendrick es getan hat. Er besitzt „enough rhymes to maybe to try and help get some people through tough times“ aber auch „a few punchlines just in case you unsigned rappers are hungry looking at me like it's lunchtime“. Der Subtext der Worte „maybe“ und „few“ sollte auf jeden Fall wahrgenommen werden, denn er sagt, dass Eminem—auch wenn er sich als Rap God sieht—sich nicht von der Angst frei machen kann, dass all das irgendwann endet. Er betritt neuen Boden und haut dabei technisch mit das Beeindruckendste raus, was wir je von ihm gehört haben. Aber wenn er es nicht als Slim Shady macht, interessiert es überhaupt jemanden? Er hat noch immer genug Selbstbewusstsein. In seiner „Control“-Strophe ernannte sich Kendrick zum neuen König von New York. Eminem fragt: „Be a king? Think not - why be a king when you can be a God?“

Wenn Gitarrenbands alt werden, hauen sie ein Greatest-Hits-Album raus, lösen sich auf, wiedervereinen sich zwölf Jahre später und stehen auf der Coachella-Bühne. Oder sie vergraben sich in irgendwelchen düsteren Underground-Szenen. HipHop ist noch nicht so weit. Die lebenden Veterane des Genres, wie Snoop Dogg oder Jay Z, veröffentlichen noch immer Platten und sie haben sich ihre Marktlücke erarbeitet. Aber Eminem kann nicht mit Slim Shady weitermachen, weil er weiß, dass es nicht mehr funktioniert und er muss sich auf seine Zukunft festlegen. In die Intro von „Rap God“ sampelt er das „six minutes, Slim Shady, you‘re on“-Zitat aus „Remember Me“. Es erinnert an „Lose Yourself“, im Sinne, dass dies Eminems letzte Chance ist, aufzusteigen. Er hat sich bewusst wiedergeboren, mit einem heftigen Wortspiel, gepaart mit schwerer Musik und der wohl abgespecktesten Seite von Eminem seit Ewigkeiten.

Ich freue mich auf die Marshall Mathers LP 2. Track wie „Stan“, „Kim“ und „The Way I Am“ bleiben bis heute das düsterste, was Eminem jemals produziert hat. Wenn wir Slim vergessen und uns auf Marshall konzentrieren, wird es auf jeden Fall eine fesselnder, nach innen gerichteter Trip durch die Psyche von einer der wichtigsten Figur der modernen Musikgeschichte überhaupt.

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