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Warum Enissa Amani euren Hass nicht verdient hat

Wo früher Stefan Raab war, gibt es heute Piepsstimme, Kardashian-Look und Deutschrapper. Wo ist das Problem?

von Noisey Staff und Tamara Güclü
25 März 2016, 10:50am

Shit just got real...Ab 7.März jeden Montag um 23.15 auf Pro7 > Studio Amani <#latenightseinvaterpluszuckerwattefüralle #ehrlichkeitseskapaden <="" p="">Posted by Enissa Amani on Sunday, January 31, 2016

Wer in den vergangenen drei Wochen montags gegen 23.15 Uhr den Fernseher eingeschaltet hat, wird bemerkt haben, dass es da auf Stefan Raabs altem TV Total-Sendeplatz bei ProSieben ein neues Gesicht gibt. Diese kleine, süße Frau mit unverschämt hohen Absätzen (unverschämt, weil sie darauf laufen kann und ich nicht), Kim Kardashian-Püppi-Look und einer sehr, sehr piepsigen Stimme ist Enissa Amani. Die Perserin (Iranerin mag sie nicht so gern, weil Perserin schöner und weniger nach Sprengstoffgürtel klingt, findet sie) moderiert seit dem 7. März ihre erste eigene Sendung im deutschen Privatfernsehen namens Studio Amani. Jeden Montag empfängt sie eine gute Dreiviertelstunde lang Gäste, macht Witze und quatscht über alles, worauf sie thematisch gerade so Bock hat. Seit 2014 hat sie vor allem als Stand-Up-Comedian im TV auf sich aufmerksam gemacht, war bei Nightwash zu Gast und ist als einzige Frau Teil der Rebell Comedy, einem Verbund von Comedy-Künstlern mit verschiedensten kulturellen Wurzeln (im WDR immer freitags auf Sendung).

Der Grund wieso wir Amani als Musikredaktion auf dem Zettel haben: Im Vergleich zu anderen Moderatorinnen und Moderatoren im deutschen Mainstream-TV, pflegt sie nach außen sichtbar eine enge Verbindung zu deutschen Rappern. Schon in ihren Stand-Up-Comedy-Nummern sprach sie davon, dass sie—um mit Hass-Posts in sozialen Netzen umzugehen—gerne Rap hört. Denn dort wird ja auch so gern gedisst, da lerne man, wie das Hate-Game läuft. Unlängst moderierte sie in Berlin ein großes Charity-Konzert zugunsten eines Heimaufbaus für Waisen im Nordirak. Dort trat die halbe Deutschrap-A-Liga auf, angeführt von „Alles oder nix“-Boss Xatar. Und nun lud Enissa ihrerseits Xatar zu ihrer dritten Sendung ein. Dort saß der Gute vergangenen Montag auf ihrer Couch im Tussihaft-dekorierten Studio Amani und aß persische Süßigkeiten.

Alles tutti, könnte man denken, doch als Person der Öffentlichkeit polarisiert Enissa Amani sehr. Auf ihrer Facebook-Seite, die aktuell über 500.000 Gefällt mir-Angaben zählt, wechseln sich Hass-und Lob-Kommentare regelmäßig ab. Den einen ist sie zu persisch, den anderen zu deutsch. Viele nervt ihre Stimme oder der Look. Wiederum andere feiern sie genau dafür. Man kann Amani mögen, es ist aber eben auch sehr leicht, sie zu hassen. Aber da es uns zu leicht wär, es uns leicht zu machen, sind wir dem Phänomen Enissa mal tief auf den Grund gegangen.

Sie ist klüger als ihr Look vermuten lässt

A photo posted by Enissa Amani (@enissa_amani) on


Wer sich Fotos von Enissa auf Instagram oder Facebook reinzieht, merkt schnell: diese Frau liebt Make-Up und Tussi-Kleider. Aber: Nur weil eine Frau eben wie eine geschminkte Barbie-Puppe (eine hübsche, allerdings!) aussieht, muss das, was sie sagt, noch nicht gleich scheiße sein. Den größten Fehler, den man bei Enissa machen könnte, wäre sich anhand ihres Äußeren direkt in die Irre führen zu lassen. Sie stammt aus einer Teheraner Akademiker-Familie, der Papa ist Literaturprofessor, die Mutter laut Enissa eine Hardcore-Feministin. Beide Eltern sind sozialistisch/kommunistisch geprägt, weshalb die ganze Familie vor politischer Verfolgung in den 80er-Jahren nach Frankfurt am Main fliehen musste. Und selbst wenn das alles nicht der Fall wäre, erkennt man anhand dessen, was sie in ihren Programmen erzählt, wie viel Klugheit und Witz in ihr steckt. Was uns direkt zum nächsten Punkt führt.


Sie ist selbstironisch und nimmt sich nicht zu ernst

Ja, Enissa Amani hat offensichtlich eine operierte Nase, findet eine dicke Schicht Schminke im Gesicht schön und ja, ihre Stimme ist verdammt piepsig und damit auch etwas anstregender als der gefühlte Bass-Bariton einer Judith Rakers. Doch all das weiß Enissa. Und sie weiß auch, damit scherzhaft umzugehen. Wenn sie sich über all diese Attribute in ihren Stand-Ups lustig macht, dann kann man kaum anders, als über genau diese Eigenschaften mit ihr mitzulachen. Denn sie hat sich bewusst so in Szene gesetzt, doch sie verdonnert keinen dazu, es ihr gleichzutun. Sie weiß sich eben geschickt und voller Selbstironie in Szene zu setzen. Seht selbst:

Sie lädt sich DJs in die Sendung

Für jede ihrer bisher drei Sendungen war ein anderer bekannter HipHop-oder Bass-DJ bei ihr im Studio. In der ersten Sendung war Cros DJ Psaiko Dino da, über den wir vor kurzem auch schon schrieben. In der zweiten Folge kam DJ Dan Gerous (German Red Bull Thre3style-Champ und Teilhaber am Münchner HipHop-Club Crux). Und in der letzten Ausgabe von vergangener Woche beehrte DJ Rafik aus Düsseldorf, ebenfalls ein bekannter Vertreter seiner Zunft. Ein bisschen fühlt man sich da wie bei MTV Urban. Nur, dass die Gäste eben nicht allesamt Musiker sind, sondern auch aus anderen Bereichen der Öffentlichkeit stammen (siehe Schauspieler Peter Lohemeier oder Autor und Comedian Serdar Somuncu).

Ich freu mich so unnormal, dass drei der heftigsten DJs Deutschlands meine Show-DJs werden bei Studio Amani!!!

Posted by Enissa Amani on Friday, March 4, 2016


Sie erreicht ein anderes Publikum

Deutschland als Land der ewig Kritischen und der Nörgler (vor allem wenn's um TV geht), bietet oft nicht gerade das dankbarste Publikum. Und zugegeben: Manche Witze, die sie sonst in fünf- bis siebenminütigen Stand-Ups verpacken konnte, mögen nicht nicht mehr ganz so leichtfüßig wirken, wie jetzt in einem 45 Minuten TV-Format. Dennoch ist Enissa genau das, was sie selbstironisch immer als „erfrischend” bezeichnet. Genau dadurch spricht sie eine überwiegend sehr junge Zielgruppe an, die Bock auf Themen wie Instagram, lustige Jokes übers Schminken als Perserin und Gespräche mit Rappern hat. Zudem repräsentiert Enissa Amani, so platt das klingen mag, auch den Teil der deutschen Gesellschaft, dessen kulturelle Wurzeln eben nicht hier liegen, die aber dennoch mit Deutschland verbunden sind (bzw. auch dem Pass nach Deutsche sind). Und die sich optisch, vom Erfahrungshorizont und vom Humor her in Enissa wiedererkennen können. Genau das braucht unsere noch immer unheimlich homogene Gesellschaft doch, verdammt nochmal!

Rapper wie Mantel-Baba Xatar sind down mit ihr

Um wieder auf die Musik zurück zu kommen: Wenn da in der letzten Sendung der Baba aller Babas alias Rapper Xatar sitzt und stolz wie Bolle sagt: Enissa „Iz da“, dann darf man sich ruhig mal eine Runde mitfreuen. Denn erstens kann nicht jeder von sich behaupten, dass ein gestandener und vom Leben geprägter Typ wie Xatar einen abfeiert. Und zweitens bringt auch nicht jeder Gast anlässlich des persischen Neujahrsfest ein Bündel Kohle zum Verteilen an die Jüngeren mit. Weil: alter persischer Brauch. Nur Xatars vor Schweiß glänzende Stirn plus Glatze hätte man ihm durchaus mal abpudern können. Just sayin.

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Fazit:

Enissa Amani hat zu fast allen Themen eine starke Meinung und die teilt sie auch mit. Trump-Jokes, AfD-Jokes, Jokes über sich, ihre operierte Nase, ihre Piepsstimme, Stereotypen—all diese Themen und Enissas Art, sie anzusprechen könnten bewirken, dass Menschen ihre eigene Haltung und auch ihre Vorurteile hinterfragen. Egal welcher Kultur oder Religion sie angehören mögen.

Und am Ende ist es tatsächlich wurscht, ob Enissa eine nervige Stimme hat. Ob Enissas Röcke ihre Kurven vorteilhaft oder unvorteilhaft betonen. Oder ob sie sich gerne schminkt. Endlich gibt es im Mainstream-Fernsehen eine Frau, die es schafft, dass ein Eko Fresh im Publikum sitzt, ein Xatar mit einem Peter Lohmaier auf der Couch chillt und Selfies macht. Geil so! Und wenn sie jetzt noch den ein oder anderen billigen Joke (wie Tortenwerfen ins Gesicht) gegen mehr Stand-Up-Gags austauscht und noch ein paar weitere Rapper in die Sendung einlädt, kann man ihr eine gute Quote wirklich wünschen.