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Wie ich beim Zürich Open Air eingebrochen bin

„Ich habe meine ganze kriminelle Energie mit Alkohol gebündelt, um mich den tausenden Open Air-Securities entgegenzustellen.“
31.8.15
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„Das heute wird ganz easy, nichts Spektakuläres. Einfach Bändchen tauschen und dann sind wir drinnen“, stimmten mich meine Kumpanen auf den Abend ein. Obwohl das nicht mein erster Open Air-Einbruch war, hatte ich Angst. Bisher konnten wir uns immer entweder durch einen Hintereingang hineinschleichen oder das altbewährte Päckchensystem (zwei gehen ins Gelände rein, einer zieht sein Bändchen aus, der andere läuft raus und bringt den Dritten rein) anwenden. Dieses Mal aber, an Zürichs Hipster-Treffen Nummer 1, war alles anders, wie die fiesen Kratzer auf meiner Backe (nein, nicht auf meiner Arschbacke), immer noch verkünden.

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Ich hatte mich entschieden—nicht gerade die glorreichste Idee, muss ich sagen—mein Abendessen durch Bier zu ersetzen (andere Substanzen schienen mir weniger hilfreich). Schliesslich weiss der Volksmund, dass zwei Bier gleichwertig wie eine Mahlzeit sind. Um 19:45 Uhr wurde ich mit schon etwas flüssigem Mut im Blut abgeholt. Einer meiner zwei Begleiter (und Open Air-Einbrecher mit sehr viel mehr Erfahrung als ich) hatte sich dazu bereit erklärt, zu fahren. Im Auto offenbarte uns dann mein zweiter Jedi-Meister des Einbruchs, dass er bereits ein Helfer-T-Shirt und ein Openair-Bändchen besitze. Das beruhigte mich: Die wussten, was sie taten.

Plan A: Die Verkleidung

Auf dem Parkplatz angekommen, zog sich einer von ihnen das Helfer-Shirt über und wollte gerade das Bändchen ums Handgelenk legen, als er bemerkte, dass unser Stoff gewordener Schlüssel verschwunden war. Nach einer kurzen Suchaktion gaben wir die Hoffnung, das Bändchen zu finden auf und machten uns nur mit dem einen T-Shirt auf den Weg zum Eingang. „Wird schon schief gehen“, dachten wir—ich wohl wörtlicher als die anderen.

Bei dem ersten Durchgang warteten unsere heutigen Erzfeinde, die Securitys, schon auf uns. Während ich schlicht meine weichen Knie strapazierte und unser Fahrer (um nicht so auffällig zu wirken) einen Anruf vortäuschte, lief der Dritte, Obi Wan Open Air, einfach durch und lächelte den Schlafzimmerschränken mit glatt polierten Glatzen sogar ins Gesicht. „Der Trick ist, so zu tun, als würdest du dazugehören“, sagte er. Die Hauptprobe, das Betreten des freien Festivalareals, hatten wir geschafft.

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Diffiziler, das wussten wir, war der Einlass aufs Konzertgelände. In den letzten Jahren hatte das Zürich Open Air in Sachen Sicherheit scheinbar ganz schön aufgerüstet. Das Festivalgelände befand sich, wie das Loch im Donut, in der Mitte. Rund um das Loch herum war der Teig alias Backstagebereich alias Sammelbecken unserer Erzfeinde. Wir konnten also nirgends einfach rüberklettern, ohne einen noch geschützteren Abschnitt, auf noch mehr Securitys im Backstage zu treffen.

Plan B: Im Schatten der Bäume

Unüberwindbare Mauern aus bunten Klötzen waren vor dem Haupteingang der nicht-kriminellen Besucher aufgestellt worden. Das sah zwar hübsch aus, machte einen Kletterweg aber unmöglich. Zusätzlich mussten die Einlass-Bändchen sogar noch gescannt werden, womit wir wirklich nicht gerechnet hatten. Die Schleuse war für uns unpassierbar.

So standen wir also da, mit Bier und dem blauen T-Shirt in der Hand und unzähligen Muskelmännern mit wachsamen Augen um uns herum. Langsam wurde uns bewusst, dass das Ganze vielleicht gar nicht mal so einfach sein würde, dass es neben einem reinen Gewissen auch noch andere Gründe gibt, sich sein Ticket einfach zu kaufen. Doch irgendwann kann man nicht mehr aufgeben, dann wird sowas zur ganz persönlichen Mission Impossible.

Es war Zeit für Plan B. „Wir müssen durch den Wald“, beschloss einer meiner Guides und wir schlenderten los. Erst als wir schon im Wald waren, bemerkte, besser gesagt fühlte ich, dass das das kein normaler Wald war, sondern einer voller Dornen. Ich fühlte mich wie Indiana Jones, als wir uns durch Gestrüpp und Unterholz kämpften und dabei versuchten, so wenig Lärm wie möglich zu machen. Trotz langen Hosen und soliden Old-Skool-Vans kam ich nicht umhin, mir ein paar herzhafte Kratzer zu holen.

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Plötzlich war in der Ferne das Bellen von Hunden zu hören. Ein Licht flackerte auf und ich dachte schon unser letztes Stündlein hätte geschlagen. Meine zwei Begleiter waren sofort verschwunden. Ich wagte nicht, einen Finger zu rühren, stand da wie versteinert, als ich in der Ferne ein irgendwie vertrautes Vogelgezwitscher hörte. Ich erkannte das improvisierte Signal meines Kumpanen und folgte seinem Ruf. „Falscher Alarm“, sagte er, „war nur ein Auto.“

Plan C: Unten durch und los!

Ein Sprint duch den Backstage schien immer alternativloser. Mittlerweile schon eine Stunde Kriminelle in spe, liefen wir also den Zaun entlang und schielten durch jeden Spalt, um den kürzesten Weg durch Artist- und Stuff-Area ins Gelände zu finden. Zwischen den Essensständen entdeckten wir die meisten Lücken und am wenigsten Wachpersonal.

„Über den Zaun können wir nicht, das ist zu auffällig. Wir müssen unten durch“, lautete die Anweisung. Mein von Bier und Adrenalin beschwipstes Ich kam natürlich nicht auf die Idee, diesen Vorschlag zu hinterfragen. So warf ich mich sofort auf den Boden, quetschte Kopf und Brüste durch den 30 Zentimeter hohen Spalt und hoffte—mein Gesicht ins Gras gepresst—, dass noch nicht allzu viele Lebewesen an genau diesem Ort Wasser gelassen hatten. Nass war der Boden zwar nicht, aber was auch immer sich an dieser Stelle seine Wurzeln geschlagen hatte—den restlichen Abend über war die Hälfte meines Gesichts rot, zerkratzt und biss ganz schön.

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Aber was scherte mich das? Wir waren auf der anderen Seite, ja schafften es langsam und gemütlich spazierend—wir gehörten schliesslich dazu!—sogar souverän aus dem Backstagebereich hinaus. Was uns im Rausch der Euphorie und Glückseligkeit gar nicht aufgefallen war: Unser Fahrer war verloren gegangen. „Dude, bin zu fett für den Spalt, ich probiers mit einem Bändchen“, schrieb er per SMS. Wir entschieden uns danach für die letzte halbe Stunde des Bastille-Gigs.

Nachos als Beute

Während sich mein Adrenalin-Spiegel wieder auf ein erträgliches Niveau senkte, bemerkte ich, dass die Menge vor der Bühne doch recht überschaubar war. Auch sonst konnte man sich frei bewegen, ja, sogar ein Rad schlagen—für ein Openair ganz schön unüblich. Ich war froh (auch wenn als Lohn dafür mein Gesicht glühte und biss) für diese mittelmässige Party nichts gezahlt zu haben.

Unser verloren gegangener Freund, der Fahrer, litt derweil nicht nur unter einem langweiligen Open Air: Er wurde von den Securitys geschnappt. Sie wollten ihn zuerst anzeigen, liessen ihn dann aber doch laufen. Da er danach verständlicherweise keinen Bock mehr auf Rumhängen hatte und heimgehen wollte, ich keinen Schimmer vom Line-up hatte und meinen Höhepunkt in Sachen Adrenalin mit dem Einsteigen schon erlebt hatte, schloss ich mich ihm an.

Wir überquerten das Festivalgelände—und entgegen der Bier-Mahlzeit-Weisheit machte sich mein fehlendes Abendessen bemerkbar. Ohne Bändchen konnten wir aber nichts kaufen (Fuck you, bargeldloses Bezahlen!), also musste ich mir wiederum anders zu helfen wissen und zögerte nicht, als ich einen halb aufgegessenen Teller Nachos mit Guacamole stehen sah. Sie schmeckten hervorragend.

Noisey Alps darf eigentlich immer in den Backstage und berichtet darüber auf Twitter.

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