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Wir haben Flüchtlinge gefragt, welche Musik sie hören

Wir waren am Hauptbahnhof in Wien und haben mit den Menschen mal über schönere Dinge gesprochen.

von Isabella Khom & Mario Graf, Isabella Khom, Isabella Khom en Mario Graf, und Mario Graf (Interviews)
07 September 2015, 10:31am

Ich weiß, was ihr jetzt denkt: „Was ist mit diesen Leuten von Noisey los?“ Das oder etwas Ähnliches wird euch beim Lesen der Überschrift durch den Kopf gegangen sein. Aber wir wollten wissen, was diese Menschen, von denen wir jeden Tag hören, interessiert, was ihnen Freude bereitet. Es steht außer Frage, dass diese Menschen etwas durchmachen und durchgemacht haben, das wir uns nicht mal vorstellen können, aber warum nicht mal Ablenkung schaffen? Warum sollte man mit ihnen zur Abwechslung nicht mal über etwas Schönes reden?

Vor allem unsere Kollegen von VICE haben in der letzten Woche sehr, sehr viel mit den flüchtenden Menschen geredet, ihnen geholfen und über sie berichtet. In ihren Berichterstattungen ist man neben der harten Realität aber auch immer wieder auf Hoffnung gestoßen. Genau hier lässt sich eine Brücke zur Musik schlagen. Musik kann Stärke geben, Ablenkung schaffen und ja, auch Hoffnung. Außerdem ist sie eine universelle Sprache und etwas, das uns alle verbindet. Also sind wir losgezogen und sind zuerst zum Westbahnhof in Wien gefahren. Dort ist die Stimmung etwas aufgebrachter—die Leute wollten in den Zug nach München und waren mit der Weiterreise beschäftigt. Also sind wir zum Hauptbahnhof gefahren. Hier sind die Leute entspannter, da sie eine vorrübergehende Bleibe haben und endlich etwas Schlaf nachholen können. Hier waren dann die ersten lachenden Gesichter zu finden.

Wir haben natürlich viel Rücksicht auf die Situation dieser Menschen genommen und uns ausnahmslos mit Leuten unterhalten, die nicht müde, erschöpft oder ängstlich wirkten—schließlich wollen wir keine Last sein. Den Jungs machte es Spaß, von ihrer Lieblingsmusik zu erzählen. Dass wir keine Mädchen gefragt haben, hat den Grund, dass wir nur kleine Mädchen vor Ort gesehen haben.

Mahdii

Noisey: Welche Art von Musik gefällt dir am besten? Hast du einen Lieblingskünstler?
Mahdii: Ich mag alles, wozu ich einfach relaxen kann. Persischen Pop finde ich toll. Meine zwei Lieblingssänger sind Ahmad Saidi und Ali Ashabi.

Gibt es denn auch westliche Musik, die dir gefällt?
Ich mag Pitbull.

Was gefällt dir an ihm?
Einfach die Art, wie er performt.

Was hörst du denn in Zeiten wie diesen?
Traditionelle Sachen, eigentlich hauptsächlich persische Musik. Da höre ich Armin 2 afm und Hossein Eblis.

Abdollah. Das ist der sympathische Typ in der Mitte.

Noisey: Was hörst du denn am liebsten?
Abdollah: Ich mag traditionelle, afghanische Musik. Safdar Tawakoli finde ich toll.

Gibt es spezielle Musik, die du in traurigen Zeiten hörst?
Ja, vor allem Künstler wie Mahasti, Hayedeh, Ahmad Zaher und Moien.

Adel

Was ist dein Lieblingsgenre?
Ich mag hauptsächlich Progressive und Metal.

Was ist deine Lieblingsband?
Opeth, Dream Theater Riverside, Haken, Leprous.

Oh, Leprous haben dieses Jahr ein neues Album rausgebracht.
Riverside haben auch gerade ein neues rausgebracht.

Habt ihr eine Progressive Metal- oder Rockszene in Syrien?
Ja, Nein, ja... nein. Ich weiß nicht. Ich habe eine Band, es ist eigentlich ein Solo-Projekt, ich habe alle Instrumente alleine aufgenommen. Ambrotype, ich habe mein Debutalbum am 8. Juni rausgebracht. Es heißt The Revelations. Ich arbeite gerade an einem neuen Album, das davon inspiriert ist, wie ich hierher gekommen bin. Revelations war inspiriert von der Siatuation in Syrien und meinem Leben dort. Für das neue Album habe ich bis jetzt drei Songs geschrieben. Einer heißt „Hiraith“ (Anm. d. Red.: Wir sind uns leider nicht sicher, ob wir das ganz richtig verstanden haben.) Das bedeutet soviel wie „longing for a home that never existed“. Das ist einer der Songs und das ganze Album wird sich darum drehen, wie ich hierher gekommen bin. Wir sind auf dem Weg nach Österreich fast gestorben. Wir wurden richtig beschissen behandelt, es war echt hart hier nach Österreich zu kommen.

Das tut mir wirklich sehr leid. Aber schön, dass die Musik dir hilft. Wie schreibst du die Songs, hast du Instrumente mit?
Nicht hier, ich habe sie in der Türkei gelassen. Ich habe einen Laptop und ein Keyboard.

Gibt es Musik, die dir in dieser Situation hilft?
Ich habe mir Riversides neues Album angehört und natürlich viel Opeth, viel Steven Wilson und Porcupine Tree.

Hilft es dir, deine Erfahrung in Songs zu verarbeiten?
Ja, ich mache das so. Ich hatte Knochenkrebs und mein Bruder starb in einem Feuer. Das hat mir geholfen, Songs zu schreiben. Der Song „The Ambrotype" behandelt die Situation in Syrien und er ist der beste, den ich je geschrieben habe.

Wie sieht dein Plan aus?
Ich fahre nach Holland. Mein Vater ist Brite und ich bin in England geboren, aber ich habe keinen englischen Pass. Deshalb fahre ich nach Holland, dort kann ich sagen, dass sie mich einfach zu meinem Vater bringen sollen, ich habe Kopien von all den notwendigen Dokumenten. Wenn das nicht klappt, suche ich einfach in Holland Asyl und mache weiter mit meiner Musik.

Holland ist ein ziemlich feines Land.
Ja, aber ich will nach England. Ich spreche die Sprache, mein Vater ist dort und der Rest meiner Familie wird bald dort sein.

Ihr reist also getrennt?
Ja, weil sie können legal einreisen, sie können sich den [englischen] Pass besorgen. Ich kann das nicht, ich bin 22, also über 18. Aber für sie ist es kein Problem, sie warten nur darauf, dass die Anträge abgearbeitet werden.

Wir wünschen dir alles Gute, vielen Dank für das Gespräch.

Muhammad (rechts)

Welche Musik gefällt dir am besten?
Alte, klassische, arabische Musik. Einer meiner Lieblingssänger ist Abdelhalim-Hafez.

Hörst du auch westliche Musik?
Ja, besonders Rap und HipHop finde ich toll, vor allem 50 Cent und Eminem.

Hörst du in den letzten Wochen bestimmte Musik?
Ich habe leider schon zwei Wochen keine Musik mehr gehört. Ich komme durch den ganzen Stress einfach nicht dazu.

Auf welche Musik freust du dich am meisten, wenn du endlich dazu kommst?
Ehrlich gesagt, würde ich sehr gerne Deutsch lernen und deutschen HipHop hören. Das würde mich interessieren.

Ahmed

Gibt es ein Genre, das du bevorzugst? Wer ist denn dein Lieblingssänger?
Also ich mag hartes Zeug wie Death Metal. Ich steh auf Metallica, Opeth und Iced Earth. Mein absoluter Lieblingssänger ist James Hetfield.

Wow, das war jetzt überraschend. Was gefällt dir denn daran?
Ja, Musik wie Hard Rock hat extrem viel Energie. Es hilft vor allem, die ganze Wut rauszulassen.

Was hört man denn in Syrien am meisten?
Es gibt viele, die Rap hören, Eminem ist eigentlich sehr beliebt.

Anas, Nour, Mohammad

Welche Genres mögt ihr?
Anas: Ich mag Rock'n´Roll, Metal.
Mohammad: Klassik, so Bach, Beethoven, Barock.
Nour: Pop.

Ein Syrer hat uns erzählt, dass er Eminem mag.
Anas: Ja, das stimmt allerdings.

Hast du Lieblingsbands oder Lieblingssänger?
Anas: Sicher, Iron Maiden, Metallica, Linkin Park.
Nour: One Direction.
Mohammad: Ich liebe Bach.
Anas: Wie ich gesagt habe, wir mögen westliche Musik, aber die meisten hören nur traditionelle Musik.

Spielen sie westliche Popmusik auch im Radio?
Anas: Wir hören hauptsächlich CDs. Im Radio in Syrien laufen nur Nachrichten.

Gibt es eine spezielle Musik, die euch durch die letzten Wochen geholfen hat?
Anas: Kennst du „One“?

Der Song von Metallica?
Anas: Ja, ich liebe ihn. Er hat einfach das perfekte Solo.

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