Dinge, die wir heimlich tun, wenn wir Musik hören

Der Unterschied zwischen dem privaten und dem öffentlichen Menschen ist so groß wie zwischen dem Darknet und dem Internet.

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16 Mai 2014, 8:00am

Alle Fotos und Illustrationen von Sebastian Rossböck

Die meisten Menschen benehmen sich nicht anormal auffällig wenn man ihnen (tagsüber) in der Öffentlichkeit begegnet. In der Bim lesen sie keine Pornomagazine und sie richten sich außerhalb des 16. Bezirks nicht ständig die Eier. Eigentlich benehmen sich die meisten Menschen sogar so durchschnittlich, dass es schon wieder auffällig ist. Der Unterschied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Menschen ist so groß wie zwischen dem Internet und dem Darknet. Wenn alle deine Freunde wissen würden was du so treibst, wärst du vermutlich instantly ziemlich verlassen (außer du hast wirklich, wirklich gute Freunde). Niemand weiß, dass du zu Hause heimlich Bollywood-Soundtracks zum Duschen hörst und du deinen Pissestrahl in indischer Rhythmik auf die bewässerte Email-Oberfläche plätschern lässt? Dass du deinen Penis als Aktionfiguren verkleidest, fotografierst, ausdruckst um dann Aktion-Penis-Patience zu spielen hast du auch noch niemanden erzählt? Macht nichts, merk dir nur, dass alle Menschen heimlich Dinge tun, wenn sie alleine sind – zum Beispiel wenn sie Musik hören.

Einen auf Ballerina machen

Mami hat dir niemals einen Balletkurs gezahlt und nun bist du eigentlich a) zu alt um damit zu beginnen und b) wäre es dir ohnehin zu peinlich beim Tutu-Kauf erwischt zu werden. Deshalb legst du heimlich Lana Del Rey auf, die du gegenüber deinen Freunden natürlich auf den Tod nicht ausstehen kannst. Vier Sekunden nach den ersten Takten von "West Coast" verwandelst du dich in eine echte Pop-Ballerina und denkst, dass du wie die berühmte anorektische Radiohead-Feder durch den Raum schwebst. Falsch. Viel eher gleichst du einer Steve Urkel/Valium Kreuzung, die so unbeholfene Schritte macht wie ein neugeborenes Fohlen. Aber wir wissen schon, es macht Spaß.

Air Instrumente spielen

Ja, tief in dir schlummert ein kleiner Colin Stetson, ein Glenn Kotche oder eine Vanessa Mae. Jedes Mal, wenn du die Gittarensaiten schwingen hörst, schnellen deine Arme in die Höhe und deine Finger bekommen kleine, zuckende Krämpfe und du siehst aus, als würdest du ein gigantisches Baby halten und am Bauch kitzeln. Du bist ein Air-Guitar-Hero, eine Legende, du bist der Song. Nach dreißig Minuten musst du deine, der Luft gewidmeten, Performance allerdings abbrechen, weil du in einer Lacke Schweiß stehst. Du warst so gut, dass du dir schwörst darauf zu achten, dass deine Luft-Show das nächste Mal auch von deinen Freunden gesehen wird.

Einen auf Netrebko machen

Yeah, Baby! Du bist der Star, auf den wir alle gewartet haben. Deine Energiesparlampe ist dein Schweinwerferlicht, der Wohnzimmertisch deine Bühne und deine Faust ist dein AKG DMS70 QRVI (whatever). Es wird mitgesungen was das Zeug hält—scheißegal, ob du alle Lyrics kennst. Immer wieder merkst du: ich singe genau wie Lykke Li!! Ja, Baby, ja. Bis der Strom plötzlich ausfällt und du dich vor deiner eigenen Stimme erschreckst. Eine halbe Minute später stehen auch schon die Nachbarn vor der Tür und machen dir klar, dass sie den Tierschutz anrufen, bis du ihnen fünf schweißtreibende Minuten später endlich beigebracht hast, dass Murli schon seit zehn Jahren tot ist.

Den Boden wischen

Du spürst es schon seit dem Frühstück: Heute muss wieder mal Bon Iver gespielt werden. Du bist traurig, der Weltschmerz hat deine Fröhlichkeit versteckt und ach, scheiß drauf, heute wird wieder mal eine ordentliche Runde geheult. Nach vier Gläsern Wein, maximalen Volume und einer Tempo-Packung später begibst du dich in die Horizontale. Der Parkett ist deine kleine Oase, der Staub kitzelt dein Näschen und du bist der Trauer so nah, so nah. Auf dem Boden bist du eins mit der Welt. Du heulst, kreischst mit Justin (Vernon, natürlich) und bist auf dich selbst böse, weil so viele Bäume für dein Wohnzimmer sterben mussten.

Strippen

Gib's doch einfach zu. Seit ein paar Wochen überlegst du dir, ob du deinen Freund nicht "überraschen" solltest. Du stellst sicher, dass auch wirklich alle Jalousien unten sind und dass sich mindestens ein Spiegel in deiner unmittelbaren Nähe befindet. Du entschließt dich zu "Bloodsport" von den Sneaker Pimps zu strippen, weil der Song einen trivialen Auszieh-Beat hat und im Song, OMG, ein bisschen gestöhnt wird—es kann losgehen. Du manövrierst dich so sexy wie möglich aus deinem Monki-Pullover, wirst kurz von deinen statischen Haaren abgelenkt und als es ums Ausziehen der Jeans geht, merkst du, dass es einfach keinen Sinn macht. Du schämst dich kurz und machst mit dir selbst aus, dass das niemals passiert ist.

Kreativ sein

Nichts belebt deinen inneren Basquiat mehr als Musik. Musik und deine Kreativität ist die allerschönste Symbiose, die du dir nur vorstellen kannst. Das ist in dein Element—das ist dein WAHRES zu Hause. Du hast deine Staffelei schön ins Sonnenlicht gerückt, deine Farben im Takt der Musik auf die Mischpalette getupft und dir deinen Fake-Dalí Bart aufgeklebt (keine halben Sachen). Du spürst, dass gleich etwas ganz großes aus dir raus kommt (Kunst, um Himmels Willen!). Du wirst eins mit deiner jungfräulichen Leinwand, den weichen Borsten deines Pinsels, den Farben und irgendeiner regenbogenfarbenen Dreampop Nummer, die nach Zuckerwatte und Ingwer schmeckt. Ach fuck it: Du bist einfach ein Kreativ-Hippie und Musik redet dir ein, dass du es echt drauf hast.

Über denn Sinn des Lebens nachdenken

Du bist davon überzeugt, dass die Uni es auf dein Leben abgesehen hat, die Arbeit dich in die Geschlossene bringen möchte und dein bester Freund auf dein Mädchen steht. Mit so vielen Problemen kann man natürlich schwer auf einmal dealen. Du willst mal zu dir kommen, dir ganz nah sein (haha) und erhoffst von den Lyrics deiner Lieblingslieder Antworten auf essentielle Fragen deines Lebens zu bekommen: "Musik rein und Welt raus". Ja, der Satz ist so uncool wie der Akt selbst. Nachdenken ist wichtig, keine Frage. Aber sich stundenlang auf einen Stuhl zu setzen, sich zu bemitleiden und dabei wie das Mädchen mit dem Perlenohrring auszusehen, bringt dich am Ende auch nicht weiter.

Zocken

Hier sind wir ganz klassisch unterwegs. Du hörst Musik und machst, was du auch sonst machst wenn du alleine bist: vorm PC abhängen, wenns die Zeit verlangt einen fahren lassen und irgendwann machst du dir ganz casual ein Bier auf. Zwinschendurch legst du die Console zur Seite, checkst Instagram, Facebook und schickste deinen Freunden eine SMS, dass du heute doch nicht mehr raus gehen wirst. Nach der zehnten Runde FIFA, wachst du plötztlich zu "Nothing Compares To You" aus deiner Gamer-Trance auf, drehst iTunes-Shuffle ab, um dir ENDLICH die neueste Episode von Game of Thrones anzusehen. Carpe diem, Alter.

Will mag es alleine Musik zu hören.

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