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Wer ist der größere Hipster? Helge vs. Fitti

Dieser alte Mann ein Hipster? Helge war schon immer ein Revolutionär im Musikgeschäft. Kann es sein, dass er die Ziele unserer Jugendkultur bereits abgesteckt hat?

von Christian Rößler
15 Juli 2013, 12:30pm

Zwei Männer mit Bart kämpfen in den Charts: MC Fitti hat gerade sein Debütalbum #Geilon veröffentlicht und schickt sich an, unter die Top 5 der Albencharts zu kommen. Helge Schneider bringt Anfang August sein erstes Musikalbum seit Ewigkeiten heraus. Die erste Single „Sommer, Sonne, Kaktus“ ist nicht unbedingt wie eine Bombe eingeschlagen, doch Helge war schon immer ein Revolutionär im Musikgeschäft und verkörpert als Künstler die fleischgewordene Freiheit. Kann es sein, dass er die Ziele unserer Jugendkultur bereits abgesteckt hat? Das gilt es zu untersuchen und wer könnte im Kampf um die Hipsterkrone besser als Repräsentant unserer Generation herhalten als MC Fitti, der fleischgewordene Hipster-Rapper, die Verkörperung eines Großstadt-Klischees.

Wer ist der größere Hipster, Fitti oder Helge? Lasset die Spiele beginnen.


STYLE: Fitti 5/5 - Helge 5/5

Fittis Markenzeichen sind Vollbart, Sonnenbrille und Base-Cap. Da ist Helge doch um einiges wandelbarer. Er hat in der Geschichte schon so manchen Modepreis verdient, auf seinem ganz eigenen Laufsteg. Wenn er sich fein rausputzt, trägt er diesen Ganzkörper-Strampler. Kann man nicht toppen. Fitti dagegen wirft zwar mit haufenweise Konfetti um sich und baut Teile alter Kult-Sendungen in seine Videos ein, doch ein Blick auf die Wurstfachverkäuferin lässt ihn wieder alt aussehen. (Also neu. Ihr versteht schon...) Mehr retro kann man es sich zuhause auch nach noch so vielen Flohmarktbesuchen nicht einrichten. Dafür ist Fittis Designauswahl, daran erkennt man seine Anfänge in der Streetart-Szene, viel zeitgemäßer und immer sehr stylisch. Schon sein Albumcover verspricht Urlaub. Dennoch kommt Helge unheimlich lässig daher in seinen Landstreicherklamotten, Gitarre um den Hals, schnell gekämmt, ja, das ist the way. OK, einigen wir uns auf unentschieden.


FRAUEN: Fitti 4/5 - Helge 3/5

In den Berliner Clubs fliegen „Schöne Mädchen“ sicher auf die vollbärtige Frohnatur. Der Partylöwe ist in seinen Videos immer von hübschen Frauen umgeben, womit er den Sieg in dieser Rubrik einfährt. Doch Helges viele Kinder (nicht alle selbstgezeugt) beweisen, dass schon so manch feine Dame bei seinem Bonbon aus Wurst angebissen hat. Zumal es in der Hippiezeit mindestens genauso wild zuging wie heute, selbst wenn er 1969 erst 14 Jahre alt war.


ATTITUDE: Fitti 5/5 - Helge 5/5

Sowohl Fitti als auch Helge unterstelle ich, bewusst banale und fröhliche Themen zu wählen, die keine kritische Haltung implizieren. Was bei Fitti etwa die allseits beliebte Elektroparty, ist bei Helge das Katzenklo—beides Metaphern für eine langersehnte Befreiung unterdrückter Bedürfnisse. Das machen sie mit so viel Witz und Coolness, dass sie trotz alltäglichem Inhalt Begeisterung wecken. Es ist eben Aufgabe der Kunst, den fast automatisierten Vorgängen wie der Wochenendfeierei oder dem Toilettengang des Haustiers wieder die ursprüngliche Intensität zu verleihen.


STREBEN NACH FREIHEIT: Fitti 3/5 - Helge 5/5

Wie auch Helge hat Fitti erst in der herkömmlichen Arbeitswelt versucht, Fuß zu fassen. Doch früher oder später widerstrebte bei beiden diese oder jene Tätigkeit dem künstlerischen Entwurf. Helge, schon als Kind Musiker, zieht es zuerst als Jazz-Trio auf die Bühne, Fitti vom Kulissenbau verschiedener Fernsehproduktionen vor die Kamera. Von da an lebt Helge von und für sein Gesamtkunstwerk und hat sich in in so ziemlich jedem kulturellen Medium unserer Zeit seinen Raum geschaffen, wobei er auch einige Jährchen Vorsprung hat, und Fitti Nachholbedarf.

ALLEIN-UNTERHALTSAMKEIT: Fitti 4/5 - Helge 6/5

Fitti beschränkt seine Kunstwirksamkeit noch auf Youtube und recht unspektakuläre Liveauftritte bei denen die Texthänger und das vierfache Abfeiern desselben Songs wohl zu den Höhepunkten gehören. Doch beide haben diesen gewissen Dilettanten-Charme, der ihnen erlaubt, alles zu tun und zu lassen, was sie wollen. Helge hat das in seinem Eduscho-Studium, einer selbst-organisierten Studie der Menschen und ihrer Verhaltensweisen in Eduscho-Cafés, „den Oppas, die trotz all ihrer Unzulänglichkeiten immer souverän blieben“, abgeschaut. Auch Fitti lebt diese unkaputtbare Souveränität. Da kann man während der Hook mal eben den Backup fragen, wann der Parteinstieg kommt, alles kein Problem. Helge jedoch übersteigt diese etwas banale Überzeugungskraft mit seiner durchaus virtuosen Musikalität, die ihn im einen Moment das Katzenklo trällern und im anderen Moment wie einen vollblutigen Latino singen wie zupfen, vom Flavour erfüllt Vibraphon und Klavier spielen oder täuschend echt wie Udo Lindenberg singen lässt.


MASSEN-KONSUMGÜTER WERDEN ABGELEHNT: Fitti 1/5 - Helge 5/5

Helge hat es irgendwie geschafft, Massen zu bewegen, ohne selbst Mainstream zu sein. MC Fitti scheint schon eher dem Mainstream verfallen, gibt er sich selbst doch gerne und wierderholt als Konsument modischer und technischer Neuerungen. Da kommen mir die beiden Sommerhits „30 Grad“ und „Sommer, Sonne, Kaktus“ gerade recht für einen Vergleich. Helge sitzt mit Gitarre, Strohhut und Sonnenschirm an einem menschenleeren Strand. Fitti hingegen besingt neben den vorangestellten 30 Grad eine ganze Reihe von Muntermachern wie leuchtende G-Shock-Uhren, Bordcomputer im Cabriolet, kolumbianischen Schnee und ein Schnellboot von VW. Helge zahlt nicht einmal Rundfunkgebühren und hatte nun mal die Chance, sich Jahrzehnte ohne diesen Schnickschnack zu sozialisieren. Er singt mich mit weniger Attributen in den Urlaub.


FAZIT: Fitti 22/30 - Helge 29/30 - HELGE IST DER HIPSTER-KÖNIG

Helge hat Fitti also in seiner Königsdisziplin zum Knappen gemacht. Wir sehen nochmal, dass der Hipster schon lange vor unserer Generation da war und jetzt eine Renaissance erfährt, die sicher zum Teil auch von Helge inspiriert ist. Alles also gar nicht so neu. Ich meide weiterhin MC Fitti-Veranstaltungen und warte bis Helge im September nach Berlin kommt, um einen kräftigen Zug Freiheit zu nehmen. Good Fight, Good Night.

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