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Interviews

„Das schockt mich nicht, wenn du es Hipster Black Metal nennst“—Behemoth im Interview

Black Metal predigte Elitismus und übte Extremismus, um dem Mainstream fernzubleiben. Behemoths Nergal gibt darauf einen Fick.

von Vincent Grundke
17 Februar 2016, 9:58am

Black Metal, das finsterste aller Metal-Genres, lebt von seinem Ruf, hasserfüllte Botschaften zu verbreiten. Es lebt von unfassbaren Schreckenstaten, begangen mit satanischer Inbrunst und totaler Antipathie. Kurze Geschichtsstunde: Euronymous gründete 1984 Mayhem. Ihr Sänger Dead schoss sich 1991 den Kopf weg. Euronymous knipste ein Foto von dem, was übrig war und verschickte herumliegende Schädelteile. Auch an Burzum-Kopf Varg Vikernes, der 1993 bei Mayhem einsteigen sollte, stattedessn aber lieber Euronymous ermordete und im Knast landete. 16 Jahre lang, weil er nebenher auch noch ein paar norwegische Kirchen in Brand gesteckt hatte.

Satanischer Terrorismus, der als Abschreckung gelten sollte. Nicht nur für Christen, sondern auch—ironischerweise—für potientielle Anhänger. Also alle Menschen. Black Metal predigte Elitismus und übte Extremismus, um einen Trend zu vermeiden und den Mainstream fernzuhalten. Natürlich zog genau das aber Heerscharen an Fans an—verlorene Seelen, die sich in der radikalen Antihaltung wiederfanden.

Mittlerweile hat die Moderne so ziemlich alles plattgewalzt, was sich Euronymous damals als Ideal für seine kleine Nische gesteckt hat. Corpsepaint wird von Internet-Memes ins Lächerliche gezogen und ausgeweidet; Szene-Größen wie Immortal geben sich als zutrauliche Witzfiguren, die in komischen Posen über die Bühne hampeln, und neue Black Metal-Bands machen einfach, was sie wollen.

Inoffiziell zählen die Frischlinge zur dritten Welle des Black Metal, Blackgaze oder Transcendental Black Metal genannt. Liturgy machen verqueren Ambient-Folk-Metal, Alcest einen Mix aus wohlwollendem Shoegaze und Indie mit Klargesang (!) und Wolves In The Throne Room treten als lebensbejahende Umweltaktivisten auf, die auf einem Bauernhof in Nordamerikas Wäldern als Selbstversorger ihr Dasein fristen. Heute dreht sich im Black Metal nicht mehr alles um Tod, Satan, Hass und Entsagung. Leben und Toleranz werden von den neuen Vertretern befürwortet und gehuldigt.

Gleichzeitig sind all die Elitisten der 80er und 90er natürlich nicht ausgestorben. Sie wettern mit zitternden Zeigefingern gegen die Saat, die ihr stark reglementiertes Gedankengut verunreinigt und Veränderungen vornimmt. Selbstverliebtheit und Ignoranz trifft hier auf offene Arme und Experimentierfreudigkeit. Ist das noch Einheit? Kann Black Metal mit solch verweichlichten Genregrenzen überhaupt noch provozieren? Behemoth-Gitarrist und Sänger Adam "Nergal" Darski muss es wissen, immerhin stand er schon vor Gericht, weil er mal auf der Bühne eine Bibel zerrissen hat. Und als Juror darf er sich auch nicht mehr bei der Castingshow The Voice Of Poland blicken lassen, dafür haben kirchliche Proteste gesorgt.

Dass Nergal allerdings die Hüter des heiligen Grals nicht in Schutz nimmt, sondern einen Fick auf sie gibt, schockiert. Er entsagt den Wurzeln des Black Metal, entkräftigt seine Regeln und erzählt seine Wahrheit über die Kultfigur Euronymous. Naja, man hätte es ahnen können: Selbst Behemoth schießen Selfies, bevor sie auf die Bühne gehen.

So ziemlich jeder Headbanger hat ein anderes Verständnis vom Black Metal. Was ist deins?
Nergal:
Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht mehr. Ich bin nicht gerade ein Fan strenger Definitionen. Die Dinge sind im Fluss—"panta rhei"—das passt auf alles, auch Genres. Black Metal entwickelt sich, er kann zu Teilen in der Musik und in Künstlern stecken, die nicht der Post-Darkthrone-Welle angehören. Manche Bands nutzen nicht mal mehr Gitarren oder Geschrei. Ich versuche, nichts einseitig zu sehen. Black Metal steckt in Diamanda Galás, in Danzig, in Fields Of The Nephilim, ich kann das fühlen.

Heute gehört Corpsepaint nicht mehr zwingend zum Black Metal. Behemoth bleibt der Tradition aber treu—ist dieses grimmige Image noch wichtig?
Für mich ja. Aber ich bin keiner, der für die ursprüngliche Ordnung des Black Metal einstehen würde, für mich ist das dumm. Wir sind schließlich hier, weil wir Kunst erschaffen und umarmen. Kunst handelt von Freiheit. Es wäre doch ein riesiges Paradoxon, Kunst anzubeten, aber dies oder das nicht machen zu können. Nur wegen der Regeln—welche Regeln? Die Regeln erschaffen wir selbst und es liegt an dir, ob du ihnen folgst oder nicht. So einfach ist das. Fick die Regeln! Lass Freiheit regieren! Und das gilt auf alles in meinem Leben, eingeschlossen Black Metal.

Ist Black Metal etwa toleranter geworden?
Vielleicht nicht unbedingt toleranter, aber zugänglicher. Ich will nicht über Menschen urteilen. Deswegen will ich auch niemand sein, der sagt: „Black Metal darf nicht mehr als 10.000 Leute erreichen.“ Regeln? Nein! Wenn wir eines Tages mehr Platten verkaufen, dann ist das fantastisch. Das bedeutet, wir verstoßen gegen die Regeln. Und dieses Überschreiten ist der Fingerzeig, der zu verstehen gibt, was Kunst ist.

Ich weiß, da gibt es intern Hass und Krieger, die die Reinheit vom Black Metal beschützen wollen. Offenbar haben die aber keine Ahnung von den Erfindern des Genres: Venom und Bathory. Würden die Cronos 1985 erzählen, er sollte seinen Sinngehalt beschränken und nur vor den trven Fans spielen, würde er sich vor Gelächter nicht mehr einkriegen. Bathory und Venom sind die Gründer des Black-Metal-Sounds. Da drehte sich alles um Erweiterung und verdammt nochmal Wachstum. Ich kannte Øystein Aarseth [aka Euronymous, Gründer von Mayhem und des Labels Deathlike Silence] nicht persönlich, aber ich weiß mit Sicherheit, dass er es satt hatte, arm zu sein. Er wollte Mayhem ernsthaft auf die nächste Stufe bringen. Er wollte seinen Lebensunterhalt mit Musik bestreiten. Und daran ist nichts falsch, ehrlich mit sich und seinem Anspruch zu sein. Scheiß auf die Meinung anderer. Eines Tages wird jeder sterben. Würdet ihr euch dann noch um die Urteile anderer sorgen? Nein, verdammt. Alles, was dich bewegt, sind deine eigenen Emotionen.


Foto: Vincent Grundke

Denkst du, Ex-Gorgoroth-Sänger Gaahl hat dem Black Metal neue Türen geöffnet, als er sich 2008 als homosexuell outete?
Heavy Metal ist an sich ein sehr ungelenkes Genre. Es gibt viele Klischees und die Leute tun vieles, um diese zu beschützen. Ich frage mich, wofür? Wie der Kult um lange Haare: Dann sind da Rob Halford und Bruce Dickinson—die wohl berühmtesten Ikonen im Heavy Metal—die ihren Mittelfinger gegen all das strecken, von dem Hippies annehmen, dass das Metal sei. Das kannst du auf jedes verfickte Genre ableiten. Ich sehe Dinge global, insofern ich kann. Ich bin natürlich begrenzt, in vielerlei Hinsicht. Aber ich versuche, es nicht zu sein, will mich von Einschränkungen lösen. Weil sie mir nicht gut tun. Besonders für die Person auf der Bühne, die sich gänzlich entfalten will.

Seit wann akzeptiert Black Metal Humor?
An Humor gibt es nichts auszusetzen. Ich habe eine lebensverändernde Erfahrung gemacht, als ich gegen Krebs ankämpfte. Selbst da habe ich noch Witze über den Tod und den Kampf gegen Krebs gemacht. Und ich schätze Filme sehr, die Witze über Konzentrationslager machen. Das ist wunderbar, weil: Selbst wenn die Situationen extrem radikal und unmenschlich auf jede erdenkliche Weise waren, leben die Menschen weiter. Sie werden lachen und spielen wollen, selbst unter inhumanen Bedingungen. Das Meiste ihrer Menschlichkeit wird ihnen genommen, aber nicht das Bedürfnis nach Liebe und nach Humor. Ich meine das ernst, ich nehme Black Metal auch sehr ernst. Aber ich kann gleichzeitig auch über viele Aspekte davon lachen. Da gibt es genug Bands, die einfach so verdammt witzig sind, haha.

Wie deine Social-Media-Präsenz. Die ist so grundsätzlich verschieden von der Vorstellung, die man vom Black Metal hat. Du bist ständig auf Partys, lachend mit Schweinemaske, oder im polnischen Fernsehen...
Vieles hat sich geändert, seit ich das Krankenhaus verlassen habe. Ich habe erkannt, dass ich mein Leben so leben muss, wie ich es will. Ich kenne meinen Weg und weiß, wo ich ankomme. Ich weiß zwar nicht, wie lange mein Leben noch andauern wird. Aber ich habe Einfluss auf die Qualität. Darauf achte ich ununterbrochen.

Ist Black Metal innovativ und experimentell?
Ich mag, dass er in so viele verschiedene Richtungen ausbricht. Ich mag, dass er so viel auskundschaftet. Black Metal kann mit Ambient, Folk und Klassik und vieles mehr flirten und dennoch Black Metal bleiben. Das unterscheidet ihn von den meisten anderen Genres. Vielleicht liege ich falsch, aber das würde Black Metal zu dem grenzüberschreitendsten Genre machen, das jemals existiert hat. Top 3, vielleicht Top 5? Kann Reggae das schaffen? Blues? Nicht wirklich. Black Metal kann sich mit Blues verbinden aber Blues nicht mit Black Metal. Selbst wenn Black Metal aus Blues entstanden ist.

Stehst du hinter den neuen Spielarten, dem sogenannten Blackgaze oder Transcendental Black Metal von Bands wie Liturgy, Alcest, Wolves In The Throne Room?
Ja, manches davon ist cool. Ich bin kein Die-Hard-Fan, aber ich höre mir alles mal an. Frag mich nochmal in fünf bis zehn Jahren. Wenn die Bands dann immer noch existieren, die Welt betouren und ihr fünftes oder siebtes Album rausbringen, dann bin ich der Erste, der Ihnen Respekt zollt. Ich will darüber nicht richten, das entscheidet die Zeit.

Manche nennen das ja Hipster Black Metal...
Hipster ist nur eine weitere Definition, um das Leben leichter zu machen. Fick drauf, das ist mir egal.

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Also stört dich nichts an diesen neuen, alternativen Spielweisen?
Ich bin cool mit allem, dem Qualität innewohnt und was ehrlich ist. Ich muss es aber nicht notwendigerweise mögen. Das schockt mich nicht, wenn du es Hipster Black Metal nennst. Wir haben für unsere US-Tour eine Band aus Dänemark eingeladen: Myrkur. Dafür haben wir uns eine Menge Scheiß anhören müssen, auch die Frage, warum wir diese Hipster Black Metal-Band mitnehmen. Leute fühlen sich angegeriffen davon, dass wir eine Band mit einer Lady mitnehmen, die wie ein Model aussieht. Aber weißt du was? Bei dieser Reaktion weiß ich, dass meine Entscheidung richtig war.

Im Internet gibt es Kommentare, die Black-Metal-Fans als die Weinerlichsten überhaupt darstellen. Kannst du das nachempfinden?
Die verbringen zu viel Zeit im Internet. Sie sollten sich lieber die Shows angucken, Bands supporten und Merchandise kaufen. Weniger reden, mehr handeln. Aber ich finde nicht, dass dies nur den Black-Metal-Leuten gilt. Das betrifft alle Leute heutzutage.

Du hast auf Instagram geschrieben, dass du nicht überrascht wärst, wenn das neue Behemoth-Album auch einen Touch Post Punk abbekommen würde.
Das, Blues und noch mehr will ich in unsere Musik einbinden. Für mich macht das Sinn. Ich bin von so vielen Dingen inspiriert und das will ich alles wertschätzen. Also mal schauen, was passiert. Gerade jammen wir noch so rum.

Das Problem vieler Blackgaze-Hater ist, dass er den eigentlich düster-satanischen Black Metal mit lebensspendenden Themen füllt. Also Bejahung statt Nihilismus.
Ich weiß, was du meinst. Aber ich stoße mich nicht an Lebensfreude im Black Metal oder in extremen Metal-Genres. Was wir machen, ist auch ziemlich lebendig und kraftvoll. Klar ist da viel Negatives, aber ausbalanciert. Das fühlt sich für mich beim Schreiben natürlich an, beide Seiten zu beachten.

Watain-Sänger Erik Danielsson kritisiert, dass solche Bands Black Metal in die Wohnzimmer zivilisierter Bürger bringe. Wo er wohl nicht hingehöre.
Das ist mir egal, ich würde keinem vorschreiben: „Das gehört in den dunklen Raum, bringt das bloß nicht ins Wohnzimmer. Ihr solltet in eurem Zimmer hocken und euch nur auf die ersten drei Bathory-Alben einen abwichsen.“ Nein, Black Metal ist Kunst. Sie ist da, um auszubrechen—keine Einschränkungen.

Und dann werden Blackgaze-Bands auch noch reichlich mit Mainstream-Erfolg beschert! Black Metal war die Gegenbewegung zur Moderne. Plötzlich findet er im Feuilleton und alternativen Musikmagazinen statt. Deafheaven haben mit New Bermuda das Prädikat „Album des Jahres“ abgestaubt. Wie findest du das?
Das ist fantastisch. Mehr Leute erreichen, das ist gut. Selbst dann wirst du noch Leute abschrecken, allein aufgrund der Musik.

Black Metal ist heute aber sogar Fashion geworden. Genre-fremde Leute tragen eure Shirts, nur um cool zu sein. Stört dich das?
Das ist Gepose. Ich will meine Energie nicht damit verschwenden, über andere Menschen zu grübeln. Es ist ihre Entscheidung, nicht meine. Jeder ist zuständig für sein eigenes Handeln und ich bin nicht hier, um sie in den Dreck zu ziehen. Ich kenne sie ja nicht mal.

Es kann ja auch was Gutes haben, wenn H&M-Läden Black-Metal-Shirts verkaufen und damit neue Fans generieren.
Wir sollten jedem eine Chance geben. Ich denke zurück, wie ich mit 14 oder 15 Jahren zum extremen Metal kam. Ich wurde zum riesigen Blasphemy-Fan und ein 20-Jähriger kam zu mir und meinte, ich sei zu jung dafür. Hätte ich auf ihn gehört, würde ich heute hier nicht sitzen. Wer gab diesen Leuten also das Recht zu entscheiden, wer welchen Zugang zu welcher Musik bekommen sollte? Ich will nicht dieser Typ sein. Wenn ich etwas hören will, verspüre ich den Drang danach, mich mit gewissen Emotionen auseinanderzusetzen. Alter, Rasse und politische Gesinnung sollten nichts damit zu tun haben. Weil es nur um Gefühle geht.