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Northern Spy Records – wollen die Leute von Musik herausgefordert werden?

Das experimentelle Label aus Brooklyn fordert Menschen heraus, ob sie wollen oder nicht. Geld verdient auf die Art nicht.
5.6.12

Das Label Northern Spy aus Brooklyn hat das erste Mal meine Aufmerksamkeit erregt, als sie einen Vertrag über mehrere Platten mit der ohrenbetäubenden experimentellen Band Zs unterzeichneten–ein retrospektives CD-Boxset, eine Double 7", ein Remix-Projekt und drei Solo Veröffentlichungen der Bandmitglieder.

Wer macht denn sowas?

Niemand. Nicht mal Beyoncé und vor allem nicht Weirdo Bands, dessen Musik wie Kühlschränke und Mikrowellen klingt, die rammeln und explodieren. Das passiert selten.

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Northern Spy wurde im Oktober 2010 von Tom Abbs und Adam Downey gegründet. Beide waren vorher bei dem ehrwürdigen experimentellen Label ESP-Disk angestellt, das–in seiner Blütezeit–Alben von Sun Ra, den Fugs, Albert Ayler und Ornette Coleman herausbrachte. Mit dem kleinen Team aus Angestellten und Praktikanten wird das Label in Abbs Wohnung am Laufen gehalten, im zweiten Stock eines Sandsteinhauses am Prospect Park. In den letzten eineinhalb Jahren ist ihr 20+ Katalog so gewachsen, dass man in ihm auch Alben von Noise-Rock Bands wie Bird Names und Old Time Relijun, von Anvantgarde Veteranen wie der Boss der Gitarrenarmee Rhys Chatham oder Freejazz Saxophonist Charles Gayle, der sich wie ein Clown anzieht, finden kann. Das alles ist bescheuertes Zeug, die ein ernsthaftes Label niemals anfassen würde.

Am 29. Juni startete Northern Spy das 16-tägige Spy Music Festival. In sieben NYC Locations–285 Kent, The Stone, Union Pool, Death By Audio, usw.–teilen sich jede Menge Spy Künstler die Bühne mit Mitreisenden wie Loren Connors, Magik Markers und Eugene Chadbourne. Ich habe am Samstag unhöflicherweise den Katermorgen des Mitgründers Downey gestört, damit wir über diesen ganzen Dreck mal reden konnten.

Samstag Morgen. Wie fühlst du dich?
Mir tut alles weh, aber ich glaube ich werde versuchen in den Park zu gehen oder so. Gestern nach der Show habe ich viel zu viele Whiskey Stamperl getrunken. Ich habe in der Band eines Freundes namens Permanent Arms in einer verschissenen Bar namens Legion Bass gespielt. Und ich habe noch nie vorher ein Telefon-Interview gemacht, deswegen…

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Ich mache es so kurz und schmerzlos wie möglich.
Wunderbar.

Trägt Charles Gayle sein Clown Kostüm, wenn er ins Büro kommt?
Nein, er trägt normale Klamotten. Er verkleidet sich nur auf der Bühne als Clown. Wir hatten schon einige lange und interessante Gespräche darüber. Sein Held ist Emmett Kelly, der berühmte Pantomime Clown. Von Streets dem Clown, als den er sich verkleidet, spricht er in der dritten Person. Er redet davon, dass Streets mit ihm zusammen in seiner Wohnung lebt, aber nicht in einer psychotischen Art. Es ist einfach ein Charakter, der in seiner Phantasie ist, und er versucht damit klar zu kommen. Er versucht immer die zwei Persönlichkeiten auseinander zu halten, Streets und Charles Gayle.

Photo by Geert Vandepoele

Das ist krass. Mitten in dem ganzen Gejammer, dass niemand mehr Alben kauft, entscheidet ihr euch ein Label aufzuziehen. Nicht nur irgendein Label, sondern eins, das seltsames, experimentelles und Außenseiter-Zeug unterstützt. War das eine kluge Entscheidung?
Wahrscheinlich nicht. Aber wir sind verrückt nach Musik und wir lieben es Platten zu veröffentlichen. Es ist Musik, die wir lieben und von der wir denken, andere Leute sollten sie sich anhören. Wir wollen nur sehr laut sein und unser Ding durchziehen.

Wie entscheidet ihr euch, mit welchen Künstlern ihr zusammen arbeitet?
Wir sehen das Label als Regenschirm, unter den viele verschiedene Musikrichtungen nahtlos nebeneinander passen. Als erstes müssen wir die Musik mögen. Und wir wollen Bands haben, die auf Tour gehen, weil wir ihre Platten verkaufen wollen. Auf unserer Homepage steht, dass wir nur Bands haben wollen, die mindestens 100 Shows spielen.

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Am wichtigsten ist die Performance. Wenn du Zs oder Charles Gayle oder Neptune oder Extra Life auf der Bühne siehst, gibt es einen körperlich sehr wilden Aspekt. Alle haben diesen Vibe in ihren Shows, der einzigartig ist und anders als bei anderen Künstlern.

Wir sind in dieser Szene so verankert und unser Ziel ist es ein lokales Brooklyn Label zu sein. Wir wollen eine Liste von Künstlern haben, die alle Freunde sind und sich alle kennen. Sam Hillmer von Zs hat vorgeschlagen, dass wir uns Extra Life anschauen und Rhys Chatham hat uns auf Neptune aufmerksam gemacht. Jeder ist hier verknüpft und das ist super zum Touren, weil alle zusammen unterwegs sein können. Diese Gemeinschaft aufzubauen ist essentiell für uns.

Anders als fast jedes andere experimentelle Musiklabel hat Northern Spy tatsächlich eine Internetpräsenz und ein PR Team. Jede Woche schickt ihr mir Streams und MP3s für neue Alben. Sonst macht das kein anderes Label und ich denke die Künstler, die dort sind, leiden darunter.
Ja, absolut. Es gibt experimentelle Labels, die großartige Musik herausbringen, aber man bekommt es einfach nicht mit. Und ich denke, dass das so ist, weil viele dieser alten Labels eine Abneigung gegen das Internet haben. Vor allem die Jazz Labels, die großartige Musik rausbringen, aber sich nicht mit Technologie auskennen.

Wir wollen, dass unsere Bands in die Popkultur eingehen. Wir wollen, dass sie alle Platten verkaufen und auf größeren Bühnen stehen können. Wir schicken nicht einfach nur Pressemeldungen für Künstler wie Charles Gayle an Jazz Leute, sondern auch an jeden anderen, weil Leute, die auf Noise-Rock stehen ihn auch hören sollten.

Wir sind nicht zufrieden, wenn nur 500 Leute das Album hören. Diese Musik verdient viel mehr Aufmerksamkeit. Ich meine es ist toll, dass ein Freund aus der Band das Album veröffentlichen will und ein paar Kopien pressen will, aber wir wollen viel mehr anbieten. Wir wollen diese Bands auf die nächste Stufe heben.

Das Spy Festival findet bald statt. Was haben die Leute davon, was sie nicht von Coachella oder Bonnaroo oder anderen langweiligen Festivals bekommen können?
Die Leute werden die beste Musik überhaupt sehen. Unser verdammtes Line-Up ist unglaublich. Es ist groß und krass und es gibt einige seltene Kollaborationen. Rhys Chathams Manager hat uns gebeten eine Band für ihn aufzustellen und jetzt sind 10 Gitarristen, ein Bassist und ein Schlagzeuger dabei. Wir haben also Charlie Looker, die Typen von Neptune, Sarah Lipstate von Noveller und Steve Gunn. Das ist alles ziemlich extreme Musik, die die Leute herausfordern wird.

Glaubst du, Leute wollen von Musik herausgefordert werden?
Nein, das bezweifle ich sehr. Aber, naja, scheiß auf die.

@elliottsharp