Ich spiele in einer Band und ich hasse es

Sie lässt sich aushalten, ist mir peinlich, verschwendet meine Zeit und ist schlecht im Bett. Gestatten: Meine Band.

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12 Juni 2015, 3:40pm

Irgendwann lernt jeder jemanden kennen, der auf die ehrlich uninteressierte Frage: „Und, was machst du so?“ ein stolzes „Ich spiele in einer Band!“ zu hören bekommt. Und seltsamerweise fragen wir dann alle ein bisschen interessierter nach. Weil uns unsere durch Dokus, Musikvideos und natürlich Almost Famous angeregte Fantasie glauben lässt, dass es großartig sei, in einer Band zu spielen. Nun, ich spiele in einer Band. Und ich hasse es.

Lass dir nicht einreden, dass das Innenleben einer Band cool sei. Ignoriere das Rumgeschwärme über jubelnde Fans, tolle Reisen, willige Frauen und natürlich die Auslebung deiner Kreativität. Es werden sich keine Frauen für dich interessieren, nur weil du einmal im Monat vor ein paar Leuten im Jugendhaus spielst. Und auch deine ach so unterforderte kreative Ader wird nicht zum Vorschein kommen, geschweige denn befriedigt werden. Das Einzige, was befriedigt wird, ist dein Bedürfnis, dir selbst das Leben noch ein bisschen beschissener zu machen. Du sagst dir, dass es doch so schlimm gar nicht sein kann? Stell dir einfach vor, du führst eine Liebesbeziehung mit einer Person, die du hasst. Du kannst sie aber nicht verlassen, aus Angst, dass sie sich dann selbst verstümmeln würde.

Sie lässt sich aushalten

Das Martyrium fängt schon damit an, dass die Person darauf besteht, dass du ihr alles bezahlst. Denn um zu proben, brauchst du natürlich Equipment. Während Sänger den Kauf der Gesangsanlage noch recht kostengünstig auf die gesamte Band umlagern können („Ihr singt doch auch mal!“), greifen Gitarristen beim Instrumentenkauf tief in die Tasche und plündern für ihren Verstärker nebst Box ihr Konto. Und Drummer? Die bekommen nicht ohne Grund ein neckisches „Dispo“ vor ihren Vornamen geschoben. Egal ob Becken, Snare, Drumsticks, Fußmaschine, Felle, Tom oder Hardware, immer wieder sind sie gezwungen, mitleidslos in ihr am Boden liegendes Konto zu treten, um auch das letzte bisschen Geld rauszuprügeln und in neue Verschleißteile zu investieren.

Damit nicht genug, erwartet sie auch Geschenke und beweist dabei einen außergewöhnlich beschissenen Geschmack. Dass sich in einer Band vier oder fünf Leute darauf einigen, welches Design denn nun als geeignete Repräsentation ihrer Musik geeignet wäre, ist leider selten. Schneller, als dir lieb ist, sitzt du nach dem Konzert an dem menschenverlassenem Merch-Tisch und starrst auf all die Sticker, Shirts und CDs mit dem gleichen dämlichen Design. Glückwunsch, dafür musstest du schmerzhaft viel Geld investieren. Wobei „Investition“ hier ein kleines bisschen blauäugig ist: Die Dinger wirst du noch in den nächstes Jahren immer und immer wieder auspacken, einpacken nach Hause schleppen und lagern. Bis zum letzten Gig, wo du sie schließlich einfach verschenkst. „Money well spend“ sieht anders aus. Bezahlte Liebe auch.


Sie ist dir peinlich

Dein Partner hat einen komplett bescheuerten Namen, den alle anderen zum Brüllen, aber den ausgerechnet du zum Kotzen findest. Dass du von nun an jedem halbwegs interessierten Fragenden erklären müsst, warum deine Band denn nun gerade „Heartbreak Holocaust“ heißt, lässt dich jedes einzelne euer frisch gedruckten Shirts verfluchen. Außerdem ist alles, was aus ihrem Mund kommt, totaler Schwachsinn, völlig konträr mit deiner Meinung und die Tatsache, dass dir ihre Fistelstimme unfassbar auf den Sack geht, macht es nicht leichter, Freunde dazu einzuladen, doch mal gemeinsam Zeit zu verbringen. Lieber verleugnest du ihre Existenz. Muss ja nicht jeder von ihr wissen.

Sie verschwendet deine Zeit

Während deine Freunde abends fröhlich durch die Bars ziehen, Spaß haben und das Leben genießen, sitzt du mit deiner „großen Liebe“ in einem gammligen Drecksloch namens Proberaum. Was gibt es auch Schöneres, als sich im Winter die Fingerkippen abzufrieren und im Sommer totzuschwitzen? Da der Sound noch nicht optimal genug für euren Drei-Akkorde-Rotzepunk ist, besteht sie auf abertausende Eier-Pappschalen, dir ihr in mühseliger Kleinsarbeit an die Wände klebt. Du verbringst ja nicht sowieso schon viel zu viel Zeit in dieser Wichshöhle der akustischen Selbstpenetration. Jede verdammte Woche heißt es wieder: Mindestens einmal das verfluchte Set durchspielen, rauchen, Bier trinken, auf's Handy starren, an dem immergleichen neuem Song arbeiten (also rumsitzen) und nochmal dieses verkackte Set durchspielen.

Doch selbst wenn du nicht bei ihr abhängen musst, lässt sie dich nicht aus ihrer Dementoren-artigen Umklammerung. Dann schreibst du Songtexte, die sowieso keinen interessieren außer den neurotischen Gitarristen, der seine heiligen Riffs nicht durch schlampig hingerotzte Sätze beschmutzt sehen möchte. Oder werkelst stundenlang an einem Riff, um dieses dann in freudiger Erwartung bei der Probe vorzuspielen und als Lohn ein vernichtendes „Fetzt nicht“ vom besagten Gitarren zu ernten, gefolgt von einem „Klingt eh voll nach Band XY“. Du könntest deine Zeit nur noch sinnfreier investieren, wenn du YouTube-Kommentare unter Farid Bang-Videos lesen würdest.


Und sie ist schlecht im Bett

Wenn deine Band wie ein Liebesbeziehung ist, sind Konzerte der wohlverdiente Sex. Eine gute halbe Stunde im Monat lohnt sich endlich all das investierte Geld, die unzähligen Stunden der Langeweile, die Demütigungen, der Schweiß, die Tränen. Endlich weißt du wieder, warum du dir die ganze Scheiße eigentlich antust. Ziemlich schade, wenn dann nur fünf Leute vor der Bühne stehen, dich desinteressiert anschauen und halbherzig klatschen oder apathisch durch Instagram scrollen. Obwohl es natürlich nett ist, dass du kostenlos auf ein Konzert gehen kannst und dir andere Bands anschauen kannst. Leider spielst du nur mit Bands zusammen, für die du sowieso niemals Geld bezahlen würdest, um sie dir anzutun. Und dafür durftest du euer Equipment aus dem Proberaum in das Auto stapeln, eine lange Autofahrt auf dich nehmen, dann stundenlang in der Venue warten? Um danach wieder alles ins Auto und den Proberaum zu tragen und mit offenen Augen im Bett zu liegen und dich zu fragen, was zum Teufel eigentlich gerade falsch läuft. Und dann schaust du zur Seite und siehst du sie dort liegen, die Person, die dir das Leben zur Hölle macht. Trete sie doch einfach aus dem Bett.

Julius ist bei Twitter und liebt es: @Bedtime_Paradox

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