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Zu Besuch im Altersheim—Wie reagieren alte Menschen auf aktuelle Musikvideos?

Von Xatar bis Feine Sahne Fischfilet: Wir waren in einem Berliner Altersheim und haben drei Bewohnern einige Musikvideos vorgespielt.

von Julius Wußmann
02 Juli 2015, 1:04pm

Hast du in letzter Zeit deinen Großeltern Musik gezeigt, die du momentan gerne hörst? Hat es ihnen gefallen, was du ihnen da mit erwartungsfrohen Gesicht und schepperndem Smartphone vors Ohr gehalten hast? Hatten sie vielleicht sogar Lust, sich mit dir hinzusetzen, um auch noch die entsprechenden Musikvideos anzuschauen? Wäre ja schließlich interessant herauszufinden, wie denn die ältere Generation auf die künstlerischen Produkte der Jungen reagiert, ob sie diese wertzuschätzen weiß oder doch nur als „Krach“ ablehnt. Immerhin dienten Musikvideos schon immer als Refklektionen der aktuellen Modetrends, gesellschaftlichen Konflikte und Szenen- und Pop-Kultur. Umso spannender die Frage, wie denn Bewohner eines Altersheims—eben jene, die selten Kontakt mit der Jugend haben—reagieren, wenn sie mit aktuellen Musikvideos abseits der Radiocharts konfrontiert werden. Also haben wir in einem Berliner Heim angerufen, einen Termin mit drei Bewohnern vereinbart und ihnen einige Videos vorgespielt. Zugegeben, wir hatten vorher einige Vorurteile. Die haben sich dann aber überraschenderweise alle als komplett falsch herausgestellt.

Hallo Manni, was hörst du denn eigentlich so für Musik?
Manni:
Och, alles Neue, was so in den Charts kommt. Aber auch alte Sachen, so Oldies. Ist gemischt. Ich höre sehr viel, ob nun durch Fernsehen oder Radio.

Kriegst du auch mit, was dein Enkel so hört?
Ach ja, aber der hört eher so House-Musik. Aber das find ich schwierig.

Und du Heidi, hörst du viel Musik?
Heidi:
Ich bin mit der Musik groß geworden. Früher habe ich in Diskotheken als Serviererin gearbeitet. Mein erster Star war Elvis Presley und dann ging es mit dem Alter entsprechend weiter.

Du, Ari?
Ari:
Ich habe in einer Musikbibliothek gearbeitet, da habe ich gerade die ganzen 70er Jahre mitgekriegt. Die 80er und 90er habe ich dann nicht mehr so verfolgt, aber alles davor, seit den 30ern, all die Schlager habe ich gekannt.

Habt ihr beiden denn einen Bezug zu aktueller Musik, über Enkel oder so?
Ari:
Nö, gar nicht.

Okay, dann bin ich mal gespannt, wie ihr die heutige deutschsprachige Musik so findet.
Heidi:
Kommt jetzt hier Scorpions und alles, wa?

Der erste Song kommt von zwei jungen HipHoppern, die nach Berlin gezogen sind und sich passenderweise auch Zugezogen Maskulin nennen. Der Track heißt „Plattenbau OST“.
Heidi:
Ui! Ich find ja die Böhsen Onkelz und Die Ärzte gut.
Ari: 1990 wohnten junge Leute unter mir, die immer Ärzte gehört haben und die haben mir immer die Texte vorgelesen und wir haben zusammen Ärzte gehört. Da waren aber auch Texte bei, da kam ich mir so blöd vor. Und jetzt sind die so groß.

[Das Video beginnt]

Ari: Wie von ‘nem Liedermacher, die Texte.
Manni: Das kenne ich, das habe ich doch schonmal gehört.
Ari: Schön, dass man den Text so gut verstehen kann, früher haben die ja nur Englisch gesungen.
Heidi: Die Musik ist einwandfrei, aber mir gibt es das Gefühl, dass sich die Jugendlichen damit mächtig aufladen: Leute anpöbeln, Bierflaschen durch die Gegend schmeißen, gerade bei den Diskotheken bei uns hier. Ich wollte ja mal in die eine rein, aber da haben die mich nicht reingelassen. Ich wollte dem Rausschmeißer auch einen Zehner geben, das ging ja früher, aber da hat er keinen Spaß verstanden. Aber eines Tages gehe ich da rein, das weiß ich. Vorher ein Glas Sekt trinken und dann habe ich Bock.

Was sagt ihr zum ersten Video?
Heidi:
Sehr gut. Aber wie gesagt, die Jugendlichen werden sich bei diesem Lied besonders aufheizen
Ari: Damit kann man gut auskommen. Gibt ja auch neue Gruppen, die ganz anständig sind.

Wobei der Song ja ziemlich melancholisch ist.
Heidi:
Ja, aber ich bin ganz aufgeregt, weil ihr ja plötzlich hier wartet.

Kommen wir zum Sänger von Rammstein. Der hat ein neues Projekt: Lindemann.
Heidi:
Ach, einwandfrei, Rammstein. Vor allem, sind die alle nicht so abhängig von Drogen. Bier trinken die nur.

[Das Video beginnt]

Ari: [als Tägtgren in die Kamera spuckt] Puh!
Heidi: Auf dem Handy habe ich alles von Rammstein. Wenn ich schlechte Laune habe, drehe ich mir das Ding auf und dann denke ich: „Was wollt ihr!“
Ari: (lacht) Wenn das sein eigenes Kind ist, lieber erstmal einen Schnaps trinken.
Heidi: Sieht schon hübsch aus (lacht)… Der Po war jetzt aber schön... Ach, das war jetzt schöne Musik. Herrlich.

Weiter geht’s mit Xatar.
Heidi:
Wer?

Ccchrrratar.
Ari:
Nächstes Mal, wenn im Fernsehen Katar kommt, wissen wir dann also, wer das ist.
Fotofraf Joschi: Xatar ist gerade aus dem Knast gekommen, der hatte einen Geldtransporter überfallen.
Heidi: Ja schön!

[Das Video beginnt]

Ari: Na, jetzt geht’s ihm aber gut.
Manni: [bei der Line: „Sexy Arsch, rasierte Arme“] Sexy Arsch, hehe (grinst).
Ari: Mit Wüstenaufnahmen.
Heidi: Das sieht gut aus.

Ist das eine gute Regel: Wer mit mir auf dem Teppich stehen will, muss die Schuhe ausziehen?
Heidi:
(lacht) Ja.

Er besteht auch auf seinen Mantel.
Heidi:
Das finde ich ja schau! Große Männer mit schwarzen Ledermäntel finde ich affengeil.
Manni: Hast ja schöne Sachen dabei, du.

Kennt ihr denn die Kinderserie Spongebob?
Heidi:
Den Schwamm kenne ich.

Es gibt einen HipHopper, der hat sich als Spongebob verkleidet und nennt sich Spongebozz. Eher so Gangsta-Rap.
Heidi:
Ah, da bin ich gespannt…

[Das Video beginnt]

Manni: (schaut erstmalig auf seine Uhr)
Heidi: Bei Rappen finde ich das eher von den Schwarzen gut. Das ist zwar Englisch, aber die kommen viel härter rüber. Wenn ich das höre, reiße ich volle Pulle das Radio auf. Ich habe extra für so eine 7.1-Anlage gespart. Ist ja gar nicht so einfach als Rentner.

Habt ihr jetzt Lust auf Punk?
Heidi:
Ja! ich hatte auch mal einen Freund, der war Punk.

Die Band heißt Feine Sahne Fischfilet und der Song „Komplett im Arsch“.
(alle lachen)
Heidi: Das brauchen wir ab und zu mal.


Ari: [wenn alle Instrumente einsteigen] Wuhu, jetzt geht es aber los. Dann noch dazu Motorrad fahren… Sieht mal natürlich aus, nicht so ganz crazy Kram.
Heidi: Die Musik finde ich jetzt am Besten.
Manni: Komplett im Arsch, hehe (grinst).
Heidi: Hoffentlich bin ich nachher nicht zu angeheizt.
Ari: (singt mit) Ich bin komplett im Arsch… Da kann man schon mitgehen, wa.
Heidi: Herrlich.

Welches Video war euer Favorit?
Heidi:
Also von allen, die wir jetzt durchgezogen haben, war das der beste Titel.
Ari: Würde ich auch sagen, weil da so richtig Schwung drinne ist. Auch das ganze Video.
Manni: Ich fand den ersten Song richtig gut.
Heidi: Ich fand das Rammstein-Ding und jetzt das Deutschpunk-Ding richtig gut. Wenn du schlechte Laune hast, hörst du das und lässt alles am Schrubber aus.
Manni: Kann man das käuflich erwerben? Bei Mediamarkt?

Julius ist auch bei Twitter: @Bedtime_Paradox

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