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Wie die Allianz den ESC kurz zur Todeszone erklärte

Mit dem ESC Werbung zu machen ist teuer. Manche Firmen versuchen es deshalb über Umwege. Das geht manchmal schief.

von Jonas Vogt
13 Mai 2015, 12:45pm

Foto: Andres Putting (EBU)

Dass Großereignisse Trittbrettfahrer auf den Plan rufen, ist jetzt kein besonders neues Phänomen. Die FIFA wacht seit Jahrzehnten darüber, dass kein lokaler Hersteller das Wort World Cup™ ohne ihre Zustimmung auf seine Extrawurst pappt. Die offiziellen Sponsoren haben schließlich ungefähr eine Fantastilliarde Dollar für diesen Status bezahlt, und der muss geschützt werden. Zum Beispiel mit einem 27 Seiten langen Guide, wie man offizielles FIFA-Material zu nutzen hat.

Nächste Woche ist der Eurovision Song Contest in Wien, wie vermutlich jeder weiß, der Augen und/oder Ohren hat. Der öffentlich finanzierte Teil der Stadt—und wer Wien kennt, weiß, wie groß dieser ist—putzt sich heraus. Zum Beispiel mit singenden Kanaldeckeln, Chonchita Wurst-Durchsagen in den U-Bahnen, gleichgeschlechtlichen Ampelmännchen und eher unnötigen „12 Points for Vienna's Parks!“-Schildern in den öffentlichen Grünanlagen. Und natürlich möchten auch die österreichischen Firmen beziehungsweise die internationalen Firmen mit österreichischem Ableger ihr Stück vom ESC-Kuchen haben.

Weil Logos schwierig und teuer sind, versuchen einige Firmen es über die inhaltliche Seite. Bei Fußball-Großereignissen sind es zum Beispiel gerne Laugensemmeln in Fußball-Form. Beim ESC sind meist Pressemitteilungen das Mittel der Wahl. So wie der Verband der Sicherheitsunternehmen vor den Sommermonaten regelmäßig per Aussendung vor erhöhtem Einbruchsaufkommen warnt, tippen gerade fleißige PR-Assistenten Tausende schöner PR-Texte in ihre Mac Book Airs, die den unmündigen Konsumenten daran erinnern, sich schnell noch einen neuen Fernseher zu kaufen oder ein neues Hörgerät zu besorgen. Wie sehr man sich inhaltlich verbiegen muss, um sein Produkt in Verbindung mit dem ESC zu bringen, ist dabei erst mal eher egal und kennt auch keine Grenzen. Man muss dabei auch beachten, dass die APA (die größte Presseagentur, über die der Versand solcher Aussendungen normalerweise läuft) den Unternehmen dabei durchaus keine Steine in den Weg legt. OK, warum sollte sie auch?

Screenshot : VICE Media

Dass es dabei natürlich auch zu Fails kommen kann, ist klar. Einen besonders schönen hat sich die Allianz Elementar-Versicherungs Aktiengesellschaft geleistet. Gestern morgen um 9:00 Uhr ging unter dem etwas sperrigen Titel „Song Contest in Österreich: Zahlreiche Risiken für Event-Besucher“ eine Pressemeldung raus, die ein eher apokylyptisches Bild des ESC zeichnete. „Großveranstaltungen machen nicht nur Spaß, sondern bringen auch Risiken für Besucher mit sich", warnte darin Dr. Christoph Heißenberger, Österreich- und Südosteuropa-Geschäftsführer der Allianz Global Assistance. „Wer nach dem Event kein böses Erwachen erleben will, sollte sich vorher gegen diese spezifischen Risiken absichern." Es wurde—recht abstrakt—vor Taschendiebstählen, Eventstornos und Unfällen im Gedränge gewarnt, vor denen man sich zwar nicht immer schützen, aber gegen die man sich versichern können. Hört, hört.

Man darf davon ausgehen,dass die PR-Meldung in den Redaktionen nicht allzu viel Gehör fand. Zumindest lassen sich bei einer ersten Google-Recherche kaum Artikel finde, die die Meldung aufgegriffen hätten. Woanders aber offensichtlich schon. Denn knapp acht Stunden später kam eine weitere Aussendung der Allianz mit dem etwas sperrigen Titel: „Erklärung zur Aussendung Song Contest in Österreich: Zahlreiche Risiken für Event-Besucher“. In dieser zog man alle Teile, die „inhaltlich auf den Eurovision Song Contest Bezug nehmen oder als bezugnehmend verstanden werden könnten, mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns zurück.“ Darüber hinaus hielt die Allianz Elementar-Versicherungs Aktiengesellschaft fest, „dass der ESC kein Event mit kostspieligen Tickets ist, bei dem sich Menschenmassen drängen und gegenseitig verletzen und auch noch ein hohes Risiko besteht, bestohlen zu werden.“ Wenn das aus dem Mund von Experten kommt, können wir alle beruhigt in die Stadthalle pilgern.

Der letzte Satz der Aussendung lautet: „Weiters erklären wir verbindlich, dass wir keine Absicht hatten, den Eurovision Song Contest ohne jede rechtliche Basis für unser Haus zu nutzen.“ Das glauben wir der Allianz natürlich. Wir haben ja mit diesem Beitrag auch keine Absicht, Klicks zu erzeugen. Was wir ebenfalls glauben: Dass in den 8 Stunden und 38 Minuten zwischen diesen beiden Aussendungen die Telefone der Allianz ziemlich geglüht haben dürften.

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