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Interviews

Als Motörheads Lemmy nach drei aufeinanderfolgenden Blowjobs ohnmächtig wurde

Lemmy hat in seinen 69 Lebensjahren einiges erlebt. Jetzt kann jeder von ihm lernen, wie man einen Sack voll Tranquilizer und Amphetamine einwirft, ohne daran zu verrecken.

von Iago Fernández
23 März 2015, 12:13pm

Ein Mann—weit in seinen Sechzigern—winkt fröhlich und raucht in aller Seelenruhe, während er mit einem deutschen Panzer über ein Feld heizt. Es ist Lemmy Kilmister, Motörhead-Frontmann und allseits geliebte Rockikone, der Julio Iglesias wie einen Messdiener und Keith Richards wie einen Leistungssportler aussehen lässt. Seine große Sammlung an Nazi-Devotionalien, seine Zeit als Roadie für Hendrix, sein Rausschmiss bei Hawkwind, das eine Mal, als er sich einen ganzen Sack voller Tranquilizer und Amphetamine einwarf, damit sie nicht konfisziert wurden und man ihn schon für tot erklärt hatte, das alles und noch viele andere Exzesse sind in aller Ausführlichkeit und gespickt mit englischem Humor in seiner Autobiographie festgehalten. Leider waren einem beachtlichen Teil der Weltbevölkerung, genauer 345 Millionen Menschen, die lehrreichen Lebensweisheiten des umtriebigen Briten bislang vorenthalten. Jetzt hat sich Oscar Palmer vom Verlag Es Pop daran gemacht, diesen unhaltbaren Zustand zu ändern. Dort wird das Buch nun endlich auf Spanisch erscheinen. Anlass genug, um mit Oscar eine Runde über Lemmy und darüber zu reden, warum es ganze 12 Jahre bis zu einer spanischen Übersetzung gedauert hat:

Noisey: Wann hast du Lemmys Autobiographie zum ersten Mal gelesen?
Oscar Palmer: Das Original ist 2003 erschienen und ich glaube, ich habe es mir besorgt, kurz nachdem die Taschenbuchausgabe in England rausgekommen ist. Es war einer der ersten Titel, die wir ins Spanische übersetzten wollten, leider ging das damals nicht. Wir versuchten bei mehreren Gelegenheiten, die Rechte dafür zu bekommen, konnten uns aber nie einigen. Letztes Jahr versuchten wir es dann noch einmal und siehe da, anscheinend sind wirklich alle guten Dinge drei.

Was ist bei euren vorherigen Versuchen schiefgelaufen?
Das erste Mal waren sie einfach nicht an unserem Vorschlag interessiert. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran lag, dass wir damals einfach noch nicht genug Bücher verlegt hatten, um in ihren Augen würdig zu sein oder so. Beim zweiten Mal sagte uns seine Agentin, dass—wäre es nach ihr gegangen—sie das Angebot angenommen hätte, aber für Lemmy wäre es nicht genug gewesen. Da das zeitlich gerade mit dem Start des Dokumentarfilms Lemmy zusammenfiel, dachte er vielleicht einfach, dass der Streifen den Buch des Wertes noch einmal steigern würde. Vielleicht waren wir deswegen in seinen Augen auch einfach kühl berechnende Opportunisten—wer weiß.

Gut, dass ihr nicht aufgegeben habt.
Sie wollten mehr Geld, als wir zahlen konnten. Drei Jahre später haben wir es dann aber einfach mit dem gleichen Angebot noch mal versucht und sie schlugen ein. Ich schätze mal, dass uns unsere Hartnäckigkeit dabei geholfen hat—außerdem war unser Katalog in der Zwischenzeit gewachsen und anscheinend zeigte sonst niemand ernsthaftes Interesse. Es ist unglaublich, dass es zehn Jahre gedauert hat, bis Bücher wie The Dirt oder Lords of Chaos ins Spanische übersetzt worden sind.

Die Illustration von Ian Jepson passt einfach perfekt.
Ich kann diese ganzen typischen Cover von Biographien nicht mehr sehen—immer das gleiche Bild des Autors, der direkt in die Kamera schaut. Ian ist ein genialer Illustrator aus Südafrika, der sich auf Konzertposter spezialisiert hat—wie es scheint, auch ein toller Typ. Er schafft es richtig gut, die Persönlichkeit eines Künstlers in einem einzigen Bild einzufangen. Ich dachte, ich frag einfach mal vorsichtig nach, um zu schauen, was dabei rumkommt. Wie sich herausstellte, ist er ein großer Motörhead-Fan. Er sagte sofort zu.

Bist du auch ein großer Motörhead Fan?
Ich habe sie durch eine Kassette kennengelernt, die mir damals ein Freund gegeben hat. Auf einer Seite war Ace of Spades und auf der anderen Ride the Lightning von Metallica. Seitdem habe ich die Band immer wieder phasenweise verfolgt—ich bin jetzt also kein Die-Hard-Fan, aber ich habe einige ihrer Platten zuhause rumstehen. Ich hatte sie schon eine Weile nicht mehr gehört, als dann vor ein paar Jahren The World is Yours erschien und sie mich wieder packten. Das Album brachte mich dann auch dazu, noch einmal zu versuchen, das Buch rausbringen.

Es ist voll mit denkwürdigen Anekdoten wie der, als er bewusstlos wurde, nachdem er drei Blowjobs nacheinander bekommen hatte.
Das war an dem Tag, als sie die silberne Schallplatte für Bomber bekommen hatten. Lemmy verlor backstage, direkt nachdem sie von der Bühne gekommen waren, das Bewusstsein. Sie mussten ihn dann aufwecken, damit er wieder raus auf die Bühne geht und die Zugabe spielt. Er kann sich nach eigener Aussage nicht mehr an den eigentlichen Grund dafür erinnern. Den Journalisten erzählte er aber, dass er an diesem Nachmitttag ohnmächtig geworden war, weil er drei Blowjobs nacheinander bekommen hatte.

Oder die Geschichte, dass sein Blut so verunreinigt ist, dass er keins spenden darf.
Ich glaube, in dem Buch wird keine der legendären Geschichten ausgelassen: Seine Zeit als Roadie für Hendrix, wie er bei Hawkwind geschmissen wurde, das eine Mal, als er eine ganze Ladung Tranquilizer mit Amphetaminen einwarf, damit diese nicht von der Polizei konfisziert wurden, woraufhin er in eine Art Koma fiel und schon fast für tot erklärt wurde ... Alle Exzesse, die man von einem Lemmy erwartet, findet man in diesem Buch. Erzählt wird das alles mit einer ordentlichen Prise britischen Humors und Entmystifizierung. Lemmy ist sich bewusst darüber, dass viel von Motörheads Anreiz in seiner Person liegt. Er hat erkannt, dass Rock einen gewissen Grad an Posing beinhaltet—dass das einfach dazugehört. Er hat mal gesagt: „Was zur Hölle hast du in diesem Business verloren, wenn du nicht wenigstens ein bisschen Poser bist?"

Er hat es geschafft, dem Rock'n'Roll Klischee treu zu bleiben, ohne es ins Lächerliche zu ziehen.
Da stimme ich dir zu. Und das Geheimnis dahinter ist tatsächlich, sich seiner eigenen Persona bewusst zu sein und das Ganze mit etwas Humor zu nehmen—sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Ich sehe Motörhead als die wahren Handwerker des Rock. Lemmy sagte mal, dass der Misserfolg von Iron Fist und Another Perfect Day auf lange Sicht gut gewesen sei. Hätte sich der Erfolg von Ace of Spades und No Sleep `til Hammersmith ungebrochen fortgeführt, wäre die Gruppe wahrscheinlich implodiert.

Sie wären Vollidioten geworden, wie alle Rockstars.
Ja, sie wären abgedreht. Die Band bewegt sich auf einem relativ bescheidenen Verkaufslevel, was sie dazu zwingt, ständig zu touren. Eine der Sachen, die Lemmy in seinem Buch beichtet, ist, dass er mehr an den Tantiemen für vier Songs verdient, die er für Ozzy geschrieben hat, als für den ganzen Motörhead-Katalog. Er führt nicht das Leben eines Millionärs. Er hat ein relativ bescheidenes Haus und sein größter Zeitvertreib sind Spielautomaten. Er hat kein großes Anwesen oder sammelt Kunst wie andere Rockstars, die höher hinaus wollen. Er ist noch nicht ausgebrannt, weil er unermüdlich weitermacht und in direktem Kontakt mit seinem Publikum geblieben ist.

Vielleicht sammelt er keine Kunst, aber er sammelt auf jeden Fall Militär- und Nazi-Devotionalien.
Kurioserweise schreibt er seine Vorliebe für Militär-Utensilien seinem Alter zu. Er wurde 1945 geboren und erzählt, dass er sich noch daran erinnert, wie normal es für die Veteranen des zweiten Weltkriegs war, Andenken und Trophäen aus Nazideutschland in ihren Häusern zu haben.

Bis vor Kurzem war sein guter Gesundheitszustand so ziemlich das Gegenteil von dem, was du von jemandem erwarten würdest, der seinen Körper derartig strapaziert. Mittlerweile wirkt er aber etwas verschrumpelt.
Er wirkt jetzt schon, als hätte er viel hinter sich. Ich glaube auch, dass wir ständig vergessen, dass er mittlerweile 69 Jahre alt ist. Als er mit Motörhead loslegte, hatte er schon eine ordentliche Karriere hinter sich. Freunde von mir haben ihn letztens gesehen und sie sagten, dass er geradezu fragil erscheint—wahrscheinlich so, wie es seinem Alter und seinem Lebensstil angemessen ist. Letztendlich ist es nach all den Jahren, in denen man ihn kräftig wie ein Stier gesehen hat, vielleicht auch einfach noch ein wenig erschreckender.

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