dein sound andere ära

00er–Das unsichtbare Jahrzehnt

Mit dem Eroberungszug des Internet schien es, als würde jedes halbe Jahr wieder eine neue Sau durchs digitale Trend-Dorf getrieben.

von Andreas Richter
02 Juli 2015, 1:51pm

Gelegentlich habe ich das Gefühl zu den Synästhetikern zu gehören. Also zu der Sorte Mensch, die verschiedene Wahrnehmungsebenen miteinander verknüpfen. Die also zum Beispiel einen Geschmack für ziemlich quadratisch halten oder einen sich in eine Ecke übergebenden Menschen für blauer als er ohnehin schon ist. Mich überkommt der synästhetische Flash, wenn ich an die für mich wahrnehmbaren Jahrzehnte meines Lebens denke. Die Achtziger wirken immer blaugrau in meiner Erinnerung. Die Neunziger haben dagegen etwas erdig-ockerfarbenes. Die Jahre vom Jahrtausendwechsel bis zum Jahr 2010 haben aber keine Farbe, sie sind geradezu transparent, unsichtbar. Unheimlich!

Schlimmer wird es noch, wenn ich versuche, mich an die musikalische Tönung der so genannten Nuller Jahre zu erinnern. In den Achtzigern hatte die Welt noch Struktur. Es gab Ost und West und Dank tendenziöser Berichterstattung in den Medien und System-konformer Schulbildung die Gewissheit, dass du definitiv auf der richtigen Seite stehst (unabhängig davon, auf welcher Seite du bist). Es gab Kalten Krieg, warmen Kaffee von Jacobs - manchmal, aus dem West-Paket. Die popkulturellen Entscheidungen, die es zu treffen galt, passten auf eine Zauberwürfelseite. Entweder hast du Depeche Mode gehört ... obwohl, Depeche Mode haben eigentlich alle gehört. Du siehst, die Entscheidungen waren wirklich SEHR einfach. Dann in den Neunzigern ist das Land auf einmal größer geworden, Vollidioten zündeten Asylbewerberheime an, andere Vollidioten klatschten Beifall. Auch hier wieder einfache Entscheidungen – entweder warst du rechts oder links. Naheliegenderweise hätte man sich da wohl entsprechend zwischen Onkelz und Brieftauben entscheiden müssen. Aber mit der ideologischen Trennschärfe wurde es da oftmals nicht so genau genommen. Man war ja jung, hörte, was so auf dem Schulhof zirkulierte und Hauptsache, man kam irgendwie durch diese Pubertät durch. Auf dem Weg landete man garantiert in irgendeiner Subkultur, man war HardcorePunk, Metaller, Britpop, Goth, Grunge oder Backpack-HipHop. Oder eins nach dem anderen. Die wirklich brennenden Entscheidungen waren allesamt Szene-immanent zu treffen. Also entweder Blur ODER Oasis. Entweder Metallica ODER Slayer. Alles überschaubar, alles schön geordnet.

Mit dem Millennium (übrigens Wort des Jahres 1999) begann dann die Unordnung. Aber nicht, weil die auf sämtlichen Titelseiten befürchteten Computerbugs ein heilloses Chaos ausbrechen ließen, nein, die Unordnung kam eher schleichend. Dann ein weiteres Ereignis, nach dem alles anders sein sollte. Der 11. September 2001 rückte ins Bewusstsein, dass du jederzeit dafür drauf gehen kannst, dass dich irgendjemand mal in ein Wertesystem hinein geboren hat, mit dem du selber noch nicht mal einverstanden sein musst. Die Welt wurde kleiner, das so genannte Global Village schließlich real. Das Internet veränderte alles. Die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren. Die Art und Weise, wie wir denken. Die Art und Weise, wie wir unsere geschmäcklerischen Spleens ausleben und eben auch die Art und Weise, wie wir mit Musik umgehen. Napster erreichte Anfang 2001 seinen Nutzer-Peak und ließ bei Lars Ulrich den Wutschaum auf die Snaredrum tropfen. Die gesamte Tonträgerindustrie bekam einen massiven Tritt in die Kniekehle. Majorlabels, die behäbigen Riesendampfer der Musikindustrie wankten erst mal orientierungslos durch die beginnende Krise. Kleine Labels starben einfach oder positionierten sich in dieser Situation irgendwie neu.

Erinnern wir uns an die ersten Jahre, in denen sich das Internet im Alltag breit machte. Man traf sich in Chatrooms, man schüttete sein Tagebuch ins Netz und pflegte einen LiveJournal-Blog, man war natürlich bei MySpace. Durch die rasante Entwicklung des Mediums wirkt diese Zeit heute wie in einem vergilbten Fotoalbum ausgestellt. Man begegnete dem Internet mit Neugier und Arglosigkeit, von Datenschutz wollte niemand etwas wissen. NSA-Kraken lauerten in weiter Ferne. Bestimmte Szenen nutzten das Netz für sich und errichteten teilweise sehr erfolgreiche Communities. Mit MySpace trat dann der erste richtig große global player auf dem Markt, der auch den Zugang zu neuer Musik verändern sollte. Das lange Zeit nur auf Musikrezensionen spezialisierte Portal Pitchfork Media, bereits Mitte der 90er gegründet, schwang sich in den 2000er Jahren zum Musiknerd-Leitmedium auf und schrieb 2004 das kanadische Bombastensemble Arcade Fire in den Indie-Olymp.

Inmitten der digitalen Allverfügbarkeit von Informationen und Daten standen nur die über Jahre und Jahrzehnte gewachsenen Genres und Szenen fest wie Wellenbrecher. Metal zum Beispiel. Lars Ulrich hätte sich damals seinen halben Herzinfarkt sparen können, Metalfans gehören bis heute zu der seltenen Spezies Musiknutzer, die noch Tonträger kauft. Rap war die Jugendkultur schlechthin. Eminem sollte der erfolgreichste Solokünstler des Jahrzehnts werden, in Deutschland kehrte das Genre nach seinem kommerziellen Höhenflug in den 90ern zurück auf die Straße und erlebte dann dort seinen zweiten kommerziellen Durchbruch. Im alternativen Gitarrensektor blieb das angesagt, was die 90er überlebt hatte und mit der Indie- und Postpunk-Renaissance konnten sich einige neue Bands wie Interpol, The Killers, The Kills, The Strokes oder The White Stripes über längere Zeit etablieren. Indie-Disse und Röhrenjeans-Hersteller hatten Hochkonjunktur. DIY-Szenen wie Hardcore erwiesen sich sowieso als unkaputtbar. Die Skepsis gegenüber der digitalen Welt war hier vielleicht noch am größten, das Festhalten an den eigenen, mehr oder weniger selbsterrichteten und kontrollierten Strukturen, Vertriebs- und Absatzwegen nur schwer zu erschüttern.

Ansonsten, so scheint es, wurde jedes halbe Jahr wieder eine neue Sau durchs digitale Trend-Dorf getrieben. Der große Rave schien nach dem 11. September erstmal vorbei zu sein. Techno wurde minimal, nur um dann einige Jahre später, als auch noch das beste MDMA nichts mehr gegen den einschläfernden Reduktionswahn auszurichten wusste, umso stärker aufzudrehen. Trotzdem waren Ereignisse wie New Rave, der brachial gedachte Frenchhouse, der von Ed Banger Records und Kitsuné auf die Floors geschickt wurde oder solche Stil-Amalgame wie Electroclash oder DancePunk eher kurzlebig. Auf Szenen wie die so genannte New Garage Explosion um Acts wie The Black Lips, Thee Oh Sees, Jay Reatard oder Ty Segall oder das zwischen Folk, Pop und Noise mäandernde New Weird America um Devendra Banhart, Coco Rosie, Animal Collective oder Ariel Pink, wurde durch die digitalen Hypemaschinen ein flüchtiger Spot gerichtet.

Und auch wenn die Szenen danach weiter existierten, es scheint so als musste, um der Schnelligkeit des digitalen Alltags zuvor zu kommen, immer wieder ein neues heißes Distinktions-Eisen aus dem Feuer gezogen werden, um als junger Musikhörer im öffentlichen Coolness-Duell überhaupt satisfaktionsfähig zu sein. Heute ist es Chillwave, morgen ist es Witch House, übermorgen hole ich der Königin ihr Hipster-Kind. Die Möglichkeit, noch den krudesten Lärm ohne eine Kontrollinstanz ins Netz zu stellen, ist auf der einen Seite ein höchst demokratisches Befreiungsspektakel, auf der anderen Seite führte der musikalische Reizstrom des Internets in den 2000er Jahren zu einem medialen Grundrauschen, aus dem es schwer fällt, noch eine dominierende Klangfarbe herauszufiltern. There you have it, die Nuller, das unsichtbare Jahrzehnt.

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