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Noisey Blog

Ich habe es immer noch nicht geschafft, U2 von meinem Handy zu löschen

Ein ziemlich simples Tech-Ärgernis hat mich dazu gebracht, meine ganze Auf- und Ab-Beziehung zu dieser irischen Band zu überdenken.

von Josef Zorn
28 Januar 2015, 9:30am

Das letzte Maulwurf-Album von U2 ist immer noch auf meinem iTunes und lässt mich des öfteren verunsichert hochschrecken, wenn ich wieder einmal eine Slayer-, Django Reinhardt- oder ASAP-Phase habe und plötzlich generisches Gejaule und Pop-Synths meine Schizo-Playlists unterbrechen. Ich weiß, dass es nicht einmal einer einminütigen Google-Recherche bedarf, mein Handy von den lästigen Iren zu befreien, aber abgesehen davon, dass ich ein fauler Idiot bin und ich das bis heute nicht geschafft habe, ist es einfach schon eine Frechheit, überhaupt eine technische Expertise vorauszusetzen, damit ich meinen Player—der eben gerade aufgrund der Möglichkeit zur Individualisierung meines Musikkonsumverhaltens so toll ist—von etwas zu befreien, was nicht meinem Geschmack entspricht.

Ganz ehrlich, ich mochte und mag U2 eigentlich. Ich fand die Tendenz, U2 zu hassen, die sich seit Mitte der 2000er eingestellt hat, immer ein bisschen blöd. Genauso wie, dass es mittlerweile zum guten Ton gehört, Bono für ein arrogantes Arschloch zu halten. Das ist irgendwie so eine prollige Haltung im Sinne von: „Ja, unterstütz nur deine Hilfswerke und die karitativen Einrichtungen. Du glaubst wohl, du bist was Besseres!?“ Justin Hawkins, Sänger und Fingerpornostar an der Gitarre bei The Darkness, hat die Hate-Lawine damals losgetreten und mit seinen Anti-Bono-Meldungen einen Präzedenzfall geliefert, der bis heute nachhallt.

Ich unterstütze zwar jedes „Vom hohen Ross“-Holen, aber verstehe den modisch gewordenen Hass gegen das Quartett in gewissen elitären Musikliebhaberkreisen nicht. Leute, die mir vor zehn Jahren noch von ihrem lebensverändernden, hirnschwängernd geilen U2-Konzerterlebnis erzählt haben, finden heute, dass The Edge mit seiner DJ Ötzi-Haube doch scheißen gehen soll.

Aber ganz ehrlich, U2 sind eine der coolsten Alternative- und Pop-Bands der letzten drei Dekaden. Und auch wenn sie in letzter Zeit qualitativ Sterbehilfe hinlegen, muss ich doch auch auf das Window in the Skies-Video aus 2010 verweisen und das wohlige Kribbeln mit Gänsehaut, das es immer noch in mir auslöst. Auch wenn sie großkotzig rüberkommen,waren die Jungs echt relevant und einflussreich. Gerade im Bereich des Postrock und Post-Postrocks haben die Gitarrenpedal-Arrangements von The Edge eine technische Sound-Finesse und zukunftsweisende Fettheit bewiesen, die Tausende vom untalentierten Gitarristen heute noch unbewusst nachahmen, indem sie statt ihr Können auszubauen weiterhin extra Effektpedale an ihre E-Gitarre ranstecken.

Ich habe vor einigen Jahren eine befreundeten Band auf Tour durch die Staaten begleitet und die Highways boten viel Zeit zum Musikhören. Ich hatte U2s Album Achtung Baby aus 1991 dabei und auch wenn ich von der Abneigung der Bandmitglieder gegenüber U2s zu sauberen, aalglatten und etwas veralteten Lebensretter-Attittüde wusste, legte ich Achtung Baby ein, als ich mit Fahren dran war. Shuffle half, und als das Intro von dem über 20 Jahre alten Acrobat langsam reinwummerte, wurden die Postrocker im Bus kopfnickend aufmerksam und fanden den Sound spitze. Sie haben es für eine Nummer von Genre-Kollegen gehalten—natürlich nur bis dann Bonos Stimme einsetzte. Keine Ahnung, U2 haben vieles revolutioniert, und wenn manche den Kitsch von Powerpop nicht aushalten, ist das deren Problem. Ich behalte mir die paar Alben, die ich von ihnen habe, sicher weiterhin.

Leider ist diese neue Album von U2 ziemlich mies. Und selbst, wenn es das nicht wäre, muss man alleine aus Trotz gegenüber dieser fiesen „Einschleichtaktik“ das Album ablehnen. Da geht es ums Prinzip und so hat sich mit einer offensichtlich fragwürdigen Marketing-Taktik eine gern gehasste Band komplett ins Aus geschossen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Sleep-Rape und: „Ganz ruhig, alles ist okay. Ich bin’s, Bono.“ Wünscht mir Glück beim Herumdoktern im iTunes. Ich werde dabei vielleicht Pop von U2 hören, aber nur weil ICH mich dazu entscheide, freiwillig. Old man, out.

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