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Meine Mutter

Meine Mutter hat sich Yung Hurn-Videos angesehen und bewertet

Mama, hör bitte auf Yung Hurn „behindert“ zu nennen!

von Nina Damsch
21 Januar 2016, 11:24am

Mama ist die Beste. Selbst wenn sie uns mit 13 ein Bauchnabelpiercing verboten hat—am Ende müssen wir zugeben, dass sie halt meistens auch damit recht hatte. Und weil sie die Beste ist und wir sehr großen Wert auf ihre Meinung legen, reden wir mit ihr über alles. In unserer Serie „Meine Mutter“ eben auch über Deutschrap—auch wenn sie wenig bis gar keine Ahnung davon hat. Denn gerade das ist es ja, was ihre Meinung so interessant macht. Sie eröffnet uns bisher verborgen gebliebene Blickwinkel, Ideen und Schlussfolgerungen, von denen wir—wie immer—mal wieder was von ihr lernen können.

Yung Hurn ist eines der beliebtesten Paradebeispiele, wenn das unsägliche Wort „Cloud Rap“ in den Mund genommen wird. Wenige Themen haben die deutsche Raplandschaft im letzten Jahr so sehr beschäftigt—und gespalten—wie der vermeintliche Gaga-Rap um LGoony und Konsorten. Höchste Zeit also, meine Lebensrat-gebende Mutter nach ihrer Meinung zu fragen. Nach einem abgestaubten Abendessen setzte ich mich mit meiner Mama auf die Couch, zeigte ihr Yung Hurn-Videos und beantwortete irritierte Fragen.

Ich werde dir jetzt nichts groß zu Yung Hurn im vorhinein sagen oder erklären, außer, dass er aus Österreich ist, okay? Lass es einfach auf dich wirken.
Warte, ich muss noch meine Brille holen. Wir gucken doch Videos oder? Sonst sehe ich nichts. (Verlässt den Raum, kommt nach wenigen Sekunden wieder.) So, also was ist mit diesem österreichischen Young Hurensohn?

(Lache) Mama! Das sagt man aber nicht!
Wie? Ich dachte der heißt so?

Der heißt Yung Hurn.
Komischer Name.

Lass dich nicht davon irritieren und genieße das Video:

Also ich habe ein wenig Schwierigkeiten mit dem Dialekt. Es klingt nicht so richtig österreichisch wie bei Falco. Da hat das diesen Charme, das Österreichische. Bei ihm wirkt das irgendwie, als hätte er eine leichte Behinderung. Hat der eine Behinderung?

Nein, der hat keine Behinderung! Aber dir ist klar, dass die Stimme auch verzerrt wurde? Das nennt man Autotune.
Ja schon, aber ich meine, wie er die Worte ausspricht. Aber das Lied an sich: Wenn sowas jemand in der Schulklasse macht, um einem Mädchen zu schmeicheln, dann fände ich das absolut niedlich und süß. Aber so als Lied, mit dem jemand ja wohl irgendwie professionell auftreten will ... Also auf mich wirkt das total unprofessionell.

Aber vielleicht will er ja auch nicht professionell im herkömmlichen Sinn auftreten.
Also es gibt ja oft in der Kunst eine gewollte Diletanz, aber das sehe ich bei ihm jetzt nicht. Es braucht trotzdem immer was Überzeugendes. Und das überzeugt mich jetzt nicht, weil es sowohl vom Gesanglichen und der Sprache—und ich denke mal, beim Rap geht es ja um Sprache—wirkt das auf mich wie kurz vor der Behinderung.

Mama jetzt hör doch mal auf, Yung Hurn behindert zu nennen!
Entschuldigung, ich meine ja nur das Lied. Er ist aber noch sehr jung, oder? Er wirkt auf mich sehr schülerhaft. Das ist wohl dem Alter geschuldet. Wobei ... Mozart stand schon mit acht auf der Bühne.

Ist Yung Hurn also kein Mozart in deinen Augen oder was?
Nein. Aber er ist schon charmant. Niedlich. Aber irgendwie nicht richtig ernstzunehmen.

Naan? Meint er das indische Brot?

Nein, er meint „Na“ also österreichisch für nein.
Ich sage es ja: Ich verstehe ihn nicht! Aber das finde ich lustig. Da spielt er mit dieser Schlichtheit, die ich beim Ersten so schülerhaft fand. Da steht er zu dieser Schlichtheit, das bleibt ja auch die ganze Zeit dasselbe, reduziert sich auf dieses eine Wort und bringt dieses Wort zu einem Sound. Jetzt ist auch gar nicht so schlimm, dass seine Sprache so dialektgefärbt ist. Das erinnert mich ein bisschen an Meinrad Jungblut.

Meinrad Youngblood würde er sich heute nennen.
Das war einer im Rahmen der neuen deutschen Welle. Da hatten die ja auch diese Schlichtheit und Nonsense-Texte. Aber eben Schlichtheit muss auch gekonnt sein. Es darf nicht an Spannung verlieren. Nur schlicht alleine ist zu wenig. Das muss schon einen Bogen haben, der sich hinwegzieht. Bei Schlichtheit probiert man ja all das, was überflüssig ist, wegzulassen und wenn dann die Reduktion der Reduktion der Reduktion funktioniert, dann ist es gut. Und da ist das gelungen. Die Stimmung, die er erschafft, diese Verweigerungshaltung, die setzt sich auch in der Musik durch, das passt zusammen. Das finde ich ganz schön. Bei Opernsänger ging mir das auf den Keks.

Das Lied war auch so ziemlich sein „Hit“. Mal gucken was du vom dritten hälst.
(Erschrocken) Was noch eins? Das ist dann aber das letzte, oder?

Hast du jetzt schon genug? Kannst du nicht mehr?
Doch, aber es ist so schlicht. Da mochte ich Kollegah das letzte Mal lieber. [Anm. d. Redaktion: Beim letzten Mal hat meine Mutter ihre lyrische Vorliebe zu Kollegah entdeckt]

Was ist Stoli?

Ein Wodkamarke.
Achso, ich dachte, das wäre Smirnoff. Joa, ist doch eine nette kleine Miniatur über das Trinken.

Findest du es Alkohol verherrlichend? Eine Gefährdung für die Jugend?
Nein, eher das Gegenteil. Ich glaube, so ist das doch auch gemeint!

Da bin ich mir jetzt nicht so sicher.
Das sind einfach Jungs, die sich mit diesem Fusel zudröhnen und er beschreibt das ja auch, dass er dann nicht mehr richtig reden und stehen kann. Durch die Musik wird das dann auch nochmal ganz gut unterstrichen. Da kommt ihm jetzt seine Sprache zugute. Er klingt ja auch so, als wäre er ein wenig ...

Sag jetzt nicht wieder behindert!
... abgebremst. Lallig. Ist so ein bisschen Dada, aber halt natürlich reduziert, wie immer.

Ist Yung Hurn Dadaist?
Uh, das ist ein ganz vermintes Feld. Das ist schwierig. Das war ja eine ganz kurze Periode, die ja auch extrem reingehauen hat. Das ist wie bei Beuys. Jeder beruft sich auf Beuys, das ist halt schade. Dada ist so von seinem eigenen Erfolg erschlagen, dass man heute eigentlich gar nicht mehr weiß, was Dada ist. Es geht schon in diese Richtung, hört man sich seine Texte an, die ja wie lautmalerische Gedichte sind. Die waren ja damals auch „In“. Ich sage, es erinnert daran. Aber deswegen ist es noch lang nicht Dada.

Und warum ist er kein Dada?
Weil Dada nur sein kann, wer Dada ist.

Ich denke, es ist wohl nur konsequent, dass ein Gespräch über Dada so unverständlich ist, wie das Gespräch, das wir gerade führen.
Man kann nur Dadaist sein, wenn man zu der Zeit gelebt hat, Punkt. Man könnte sagen, er macht Musik im dadaistischen Stil.

Damals haben viele Leute die dadaistische Kunst auch für Blödsinn gehalten und ihr den künstlerischen Aspekt abgesprochen. Das passiert bei Yung Hurn auch teilweise.
Ja, aber man muss ja auch nicht von allen verstanden werden müssen. Applaus von der falschen Seite ist ja manchmal sogar eher beleidigend. Ich finde das sehr in Ordnung, wenn man nicht von allen verstanden wird. Das ist sogar fast bei den meisten guten Sachen so.

Kannst du verstehen, dass HipHop-Realkeeper sagen, das sei kein HipHop?
Naja, das ist doch immer so. Aber das ist doch dann ein Problem von denen, dann sollen die sich einfach mal ein bisschen locker machen. Es gibt immer verschiedene Auspägungen. Das ist so, wie wenn jemand sagt, deutscher Schlager ist keine Musik, das ist nur Produkt, das ist nur kommerzielle Scheiße. Es gibt ganz wunderbare Schlager, so wie es auch schreckliche Schlager gibt. Trotzdem ist es jeweils Musik. Und bei Rap wird es ja genauso sein. Da gibt es welchen, der dem einen nicht gefällt und dem anderen schon. Musik ist ja etwas Dynamisches, das wird sich immer weiterentwickeln und da wird es immer was Neues geben. Und das, was der da macht, ist eben eine neue Ausbuchtung. Ob die jetzt erfolgreich sein wird oder nicht, wird man sehen.

Aber du kannst jetzt nicht so viel damit anfangen?
Doch, also die letzten Beiden würde ich mir schon anhören, wenn es im Radio laufen würde. „Naaan“ war doch lustig. Ich denke zwar an das indische Brot, aber der Inhalt ist da ja eh egal, wie es scheint.