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Warum du als DJ das Fortgehen lieben solltest

Dieser DJ ist der Meinung, dass Feiern ein integraler Bestandteil des DJ-Daseins ist.

von Chris Hinger
07 Oktober 2015, 7:23am

Foto vom Autor

Letzte Woche hat uns ein Wiener DJ an anderer Stelle erklärt, warum er das Fortgehen in Wien hasst und der Clubkultur nichts abgewinnen kann. Er ist (nicht ganz zu unrecht) der Meinung, dass die Leute nur zum Vögeln, zum Saufen und um Freunde zu treffen ausgehen. Den Wenigsten gehe es dabei um Musik. Wie es nunmal so ist, gab es Menschen, die ihm Recht gaben und auf der anderen Seite Menschen, die nicht verstehen, was der Typ als DJ in Clubs zu suchen hat. Einer davon ist Chris, den ihr wahrscheinlich schon kennt, wenn ihr öfters auf Goa-Partys geht. Hier hat er uns erklärt, warum man als DJ schon auch gerne in Clubs gehen sollte und warum Fortgehen und DJ sein Hand in Hand gehen.

Ich sehe unsere moderne Gesellschaft tragisch eingezwängt in dem viel zu engem Korsett der Realität. Die meisten von uns durchleben jeden Tag aufs Neue denselben anödenden Rhythmus zwischen Schlaf, Arbeit, irgendeinem Bildschirm und dem bisschen Zeit, die vorm Neustart des Zyklus noch bleibt. Wir sind unter der Woche konforme Getriebene des Alltags, hetzen von Termin zu Termin, das passgenaue Zahnrad in dem Getriebe der Gesellschaft, in der Individualismus zum Lebenserhalt nicht vorgesehen ist.

Freitag- und Samstagabend können wir aber abschalten. Aus dem introvertierten Spießer im Anzug, der den ganzen Tag Aufträge aus Katalogbestellungen in den Computer überträgt, wird ein bunt bemalter Goahosen-Träger, der die nächsten Stunden zusammen mit vier anderen in der Ecke steht und ausführlich Vorteile von Endlospapier gegenüber Longpapes analysiert. Aus dem braven Studenten, der seinen Kalender in fünf Minuten Einheiten eingeteilt hat, um sein Leben zwischen Studium und drei Jobs irgendwie zu managen, wird ein zeitbefreiter Hedonist, der serotonindurchflutet auf bassgeladenen Floors tanzt.

Ich selbst habe, als ich begonnen habe fortzugehen, gleich mal viele sympathische Leute kennen gelernt. Ich habe betrunken den größten Stuss gelabert, habe gelacht, getanzt, gefeiert und bin dabei stets mit einem guten Gefühl im Bauch ins Bett gefallen. In den Tagen danach fühlte ich mich in etwa so, wie wenn du in dein frisch getanktes Auto einsteigst und den Kilometerzähler auf Null stellst: Aufgeladen und bereit für das nächste Abenteuer.

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Nicht nur das, es hat auch nicht lange gedauert, bis sich aus den anfänglichen, zufälligen Treffen auf den Partys bald ein Freundeskreis gebildet hat, von dem ich mit Fug und Recht behaupte, dass es der beste Haufen ist, zu dem ich mich je zugehörig fühlen durften. Das Fortgehen wurde zu einem ausgelassenen Beisammensein und die Clubs zum erweiterten Wohnzimmer mit Rauch- und Tanzerlaubnis, ohne, dass der Nachbar unter dir entzürnt mit dem Besenstil ein Loch in den Plafond sticht. Ich habe sogar meine große Liebe und jetzige Partnerin an einem Samstagabend zwischen Schwarzlichtflutern und überdimensionierten Subwoofern kennengelernt. Kurz gesagt, meine Landung in der Szene fühlte sich an, als hätte ich das Ziel einer Reise entdeckt, von dem ich selbst gar nicht wusste, dass ich es überhaupt suchen würde.

Nun abgesehen davon, dass ich das Feiern grundsätzlich mag, bin ich der Meinung, dass es ebenso ein integraler Bestandteil des DJ-Daseins ist. Genauso wie ein guter Koch gutes Essen schätzen sollte, sollte ein DJ seine Szene mögen. Dazu gehört auch das Fortgehen.

Dies hat gleich mehrere Gründe: Du bekommst grundsätzlich ein Gefühl für die Leute, für die du die Ehre hast, sie zwei Stunden lang auf dem Klangteppich in magische Welten zu entführen. Auch entwickelt jede Veranstaltungsserie ihren eigenen Charme. Ein paar Mal im Publikum dabei gewesen zu sein, hat es mir recht einfach gemacht, mich dann bei Bookings dieses Veranstalters in das Konzept einzufügen. Am wunderbarsten aber finde ich es, wenn ich während meines Sets ein Meer bekannter Gesichter sehe, die komplett in der Musik aufgelöst zu sein scheinen und dabei einfach happy sind.

Foto: Leonardo Ramirez Photography

Das für mich aber gravierendste Argument, warum ein DJ auch gern zu seiner Musikrichtung fortgehen sollte ist folgendes: Wenn du dich nur auf einer Seite des Mischpultes wohl fühlst, abgeschottet von denen, die dir erst die Überlebensberechtigung als DJ geben, ausschließlich gleich danach nach Hause fährst oder dich Backstage mit deinem Koks vergräbst, dann hast du dir das falsche Hobby (als Beruf) ausgewählt. Die Gäste sind die Könige an diesen Abenden. Sie ermöglichen diese Party, sie zahlen deine Gage und sie sind es, die die Stimmung auf der Party erst kreieren.

Damit meine ich aber auch nicht, dass du den ganzen Abend inmitten der Menschenmassen verbringen musst. Ich selbst bin etwa eine Stunde vor meinem Set backstage, um mich in Ruhe in mein Set einzustimmen und vorzubereiten. Meistens stecke ich dann nach dem Auflegen immer noch tief in der Musik und bin kommunikativ verpeilt, weswegen man mir wahrscheinlich vom Fachmann sofort Autismus mit Inselbegabung fürs Plattendrehen attestieren würde. Da nehme ich mir dann gerne noch ein paar Minuten, um auf der Couch backstage, bei einer Zigarette und einem Radler, zurück in die Realität zu finden.

DJ zu sein ist deswegen für mich ein Stück weit auch Lebenseinstellung. Es geht nicht darum, den Raum mit meiner Mucke zu „kontrollieren“, sondern viel mehr fühle ich mich immer noch aufrichtig geehrt, meine Lieblingsplatten mit den Gästen zu teilen und sie zu unterhalten oder sogar ein Kompliment für mein Set zu bekommen. Das spiegelt sich auch in der Tatsache wieder, dass ich auch heute noch um Gratisbookings bitte, einfach um Teil des Ganzen sein zu können. Mit Sicherheit wird man ein wählerischer Gast. Das liegt zum einen daran, dass sich, wenn man schon länger dabei ist, sich der eigene, bevorzugte Stil schon hinauskristallisiert hat: Man weiß halt, was man gerne hört. Andererseits hört das fachkundige Ohr sehr leicht technische Unsauberkeiten, wie zum Beispiel Lautstärkedifferenzen, unharmonische Trackwahl, unschöne Übergänge, wenn der DJ nicht genau am richtigen Downbeat die Bassline wechselt oder vor allem wenn zwei Tracks länger als ein paar Sekunden um eine Promille verschieden schnell laufen. So etwas resultiert schnell in einem leicht unzufrieden verzerrten Gesicht und bringt mich beim Tanzen aus dem Flow. Diese Dinge passieren aber vergleichsweise selten und selbst dann lasse ich mich, gerne bereitwillig in höhere Sphären katapultieren, wenn der DJ Liebe für Musik und Publikum ausstrahlt.

Schlussendlich habe ich mir von meinem ersten Gig an allerdings etwas geschworen, zu dem ich auch heute noch zu 100 Prozent stehe: Wenn mir das Fortgehen irgendwann keinen Spaß mehr machen sollte, höre ich gleich auch noch mit dem Auflegen auf. Als Gast verdiene ich mir um mein hart verdientes Eintrittsgeld und teilweise überzogenen Getränkepreise einen Act, der sein Handwerk mit Liebe und Gespür für die Gäste beherrscht und mir und meinen Freunden so einen wunderbaren Abend fernab von Verpflichtung und Alltag ermöglicht.

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