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Scheiß auf reich, ihr seid schön—Interview mit Nina von Reich & Föhn

"Uns wurde auch mal vorgeworfen, Konzerte zu veranstalten, um Musiker zu bumsen."

von Lisa Schneider
22 Juli 2016, 10:33am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Reich & Föhn

Eine Konzertreihe, die sich jetzt auch immer mehr im Label-Bereich sieht: Reich & Föhn wirbelt seit vier Jahren die Wiener Underground-Szene auf, bringt psychedelischen Garagerock, Postpunk und gern auch ein bisschen Elektro in die Clubs. Jetzt steht natürlich eine fette Geburtstagsparty an—und ich habe mich im Zuge dessen mit Nina getroffen, um ein bisschen über das Business, die Zukunft und ihre Libido gesprochen.

Noisey: Hey Nina, cool, dass wirs zum Interview schaffen. Erstmal: Happy, happy 4th anniversary. Fühlst du dich jetzt alt?
Nina: Hallo Lisa—danke dir! Ich fühl mich nicht alt, bin ja Teenie im Herz.

Wenn du jetzt nostalgisch auf die letzten vier Jahre Reich & Föhn zurückschaust—hättest du dir gedacht, dass sich das Ganze so entwickelt?
Nein, ich glaube nicht. Anfänglich ging es ja mehr um "Zur Hertha". Das war unser Kulturverein, den wir gegründet haben, um einen Vorwand für Partys und umfangreiche Merchandise-Produktion zu haben. Reich & Föhn hat sich dann daraus entwickelt. Partys feiern wir immer noch gern, aber im Mittelpunkt stehen nun eben Konzerte und weniger die Unterhosen, Schnapsflaschen und Nudeln, die wir früher als Zur Hertha-Merch gebastelt haben. Für alle Kaufwütigen: Wir haben trotzdem noch die Unterhosen!

Was hättest du dir vielleicht anderes gewünscht, erwartet?
Geil fände ich es, wenn man nicht immer so lange warten müsste, bis die Leute zu den Shows kommen. Am Anfang waren wir immer sehr nervös, ob wohl genug Leute kommen, sodass es nicht in einem finanziellen Desaster endet. Also finanzielle Debakel hatten wir schon einige, lustig war es trotzdem immer.



Frauen im (in diesem) Business: Erzähl mir da mal von deinen—positiven und negativen—Erfahrungen.
Prinzipiell sind die Reaktionen auf uns als Veranstalterinnen, speziell seitens der Bookingagenturen, aber auch der meisten Bands, sehr gut. Die Leute vom rhiz, fluc, Chelsea, Arena und so weiter sind wirklich wahnsinnig hilfreich und lieb. Ich habe auch den Eindruck, dass die uns sehr unterstützten und sich freuen, mit Veranstalterinnen zusammenzuarbeiten.

Negative Vorfälle gab es aber leider auch. Bei einem Konzert im letzten Jahr gab es ziemliche Probleme mit dem Sound. Die Band war dann nach der Show dementsprechend geknickt, worauf hin ich mich bei einem Bandmitglied entschuldigt und versucht habe, die Situation zu erklären. Währenddessen hab ich dann bemerkt, dass seine Hand mittlerweile auf meinen Hintern gewandert ist. Ich war in dem Moment so geschockt, dass ich anstatt ihm eine reinzuhauen einfach weggegangen bin. Dafür ärgere ich mich heute noch voll.

Oftmals kommt mir auch vor, als würde ich von Tourmanagern mit Samthandschuhen angegriffen werden, das ist halt auch zach. Uns wurde auch mal vorgeworfen, Konzerte zu veranstalten, um Musiker zu bumsen. Dieser Vorwurf ist so geil dumm, das ist eigentlich auch schon fast wieder unterhaltsam. Ich mein, 2016 und jemand erklärt sich die Motivation von veranstaltenden Frauen mit deren Libido? Das ist schon arg. Und ich mein, selbst wenn ich mit allen von uns veranstalteten MusikerInnen Sex gehabt hätte, wäre das ja auch perfetctly fine. Dass sich jemand überhaupt über so etwas Gedanken macht und Leute über deren vermeintliches Sexualleben bewertet, erstaunt mich schon. Ich muss mal den Booker von der Arena fragen, ob ihm das auch schon mal vorgeworfen wurde. I doubt it.

Euer Baby Reich & Föhn ist jetzt also schon im reiferen Kindergartenalter. Was plant ihr für die Volksschule, also sprich, für die nächsten vier Jahre?
Auf jeden Fall weiter machen! Da wir aber mittlerweile alle richtige Jobs haben, wollen oder müssen wir uns auf weniger, aber dafür besondere Konzerte konzentrieren. Folgende Fixtermine kann man sich aber schon eintragen: Am 8. September im Fluc findet ein Tanzabend mit dem New Yorker DJ Jonathan Toubin und der hervorragenden Ana Threat statt. Und Acid Mothers Temple machen wir am 24. November im fluc. Crocodiles beehren bald das Chelsea und in Kooperation mit der Arena veranstalten wir WYRD #2. Das wird alles wunderbar.

Abgesehen vom Live Booking möchte ich in Zukunft aber mehr im Bereich Label tätig sein. Nachdem wir letztes Jahr eine 7’’ von Crocodiles und Dum Dum Girls veröffentlicht haben, erscheint im Oktober das zweite Studioalbum des Wiener Post-Punk Elektrokünstlers Gran auf Reich & Föhn. Das finde ich sehr aufregend, da freu ich mich besonders darüber, auch weil das neue Album einfach so gut ist, aber mehr darf ich jetzt nicht spoilern. Man darf gespannt sein!

Du kommst ja ursprünglich aus Wels. Reich & Föhn betreibt ihr aber nur in Wien, richtig? Wäre es für dich eine Option, auch in ein Bundesland auszuweichen?
Ja! Im Oktober werden wir auch zum ersten Mal was außerhalb Wiens machen. Nämlich einen Reich & Föhn Label Abend mit Gran in der Linzer Kapu. Wels ist und bleibt natürlich ein eigenartiger Fleck, den man lieben und definitiv auch hassen kann. Es wäre schon lustig, da mal ein Konzert zu veranstalten, schauen wir mal.

Oder sind die Bands, die ihr bucht und betreut, doch zu nischenlastig?
Österreich ist grundsätzlich ein schwieriges Pflaster für die meisten Bands mit denen wir arbeiten. Im Vergleich zu vielen anderen europäischen Hauptstädten kommen selbst in Wien oft weniger Leute als z.B. in Budapest oder Prag. Mittlerweile konnten wir uns aber schon ein schönes Stammpublikum aufbauen. An dieser Stelle wäre auch ein großes danke angebracht. DANKE!

Woher kommen eure Inputs, woher schnappt ihr euch die neuen Acts? Weil ihr ja doch ein ziemlich unusual Programm fahrt, das zwar großartig, aber eben, doch eher die Ausnahme darstellt.
Die Auswahl erfolgt eigentlich nur aufgrund unseres eigenen Geschmacks. Sprich wir buchen Bands, die wir gerne mögen und in Wien sehen möchten. Vieles ergibt sich aber auch durch die jahrelange Zusammenarbeit mit gewissen AgentInnen.

Was war denn das Beste, was dir als Reich & Föhn Mama je passiert ist? In Zusammenhang mit einem Künstler / Band / Konzert?
Es ist so schwer, da jetzt eine Band rauszupicken. Ich würde mal sagen, dass es mit fast allen super war. Manchmal klappt es halt besser und manchmal eben nicht so. Manche, wie die Crocodiles, wurden halt richtige Freunde. Das Beste ist immer der Moment, wenn die Band dann endlich auf der Bühne steht und man einfach die Show genießen kann. Auch gut, vor allem wenn man sich nicht so toll versteht: Gage ausbezahlen und auf Wiederschauen sagen.

Und was ist so richtig schön daneben gegangen?
Naja, wir hatten schon auch einige nicht so gut besuchte Shows. Das ist halt für die Band und auch für uns ungut, nicht nur finanziell, aber schon auch (haha).

Wenn man das nach vier Jahren schon fragen darf: Was rätst du jemandem, der ein neues Label / eine neue Bookingagentur oder ähnliches gründen will? Ein paar Dos, ein paar Don'ts?
Einfach machen. BookingagentInnen oder Bands anschreiben, Deals ausmachen, Venue buchen, vielleicht Flyer drucken und ein Facebookevent erstellen - und es wird schon hinhauen. Bei Fragen stehe ich aber auch gerne zur Verfügung.

Reich und Föhn können richtig hart feiern. Ihr solltet mitmachen, und zwar am 23. Juli im Wiener fluc.

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