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"Ich kann kaum glauben, dass es jemals Stille gab" – Ein Leben mit Tinnitus

Eines Tages hatte Vollblut-Musiker Tom ein Fiepen im Ohr, das nicht wieder wegging. Jetzt, fünf Jahre später, haben wir ihn darum gebeten, über sein Leben mit Tinnitus zu schreiben.
5.4.16

Ich erinnere mich an den Tag, an dem das Klingeln in meinem Ohr begann. Ich hatte ein paar Gitarrenspuren in meinem Haus aufgenommen, die zum Intro von "Acrobatica" werden sollte, einem Song meiner Band Losers. Es war das erste Mal seit längerer Zeit gewesen, dass ich meine Gitarre mal wieder in die Hand genommen hatte, und wenn du dir den Song anhörst, dann kannst du wahrscheinlich hören, wie viel Spaß ich an dem Tag hatte. Einfach nur Musik machen, sich um nichts anderes kümmern. Abends habe ich mich dann noch ein bisschen vor den Fernseher gesetzt. Das war der Moment, an dem sich alles änderte.

In der relativen Stille meines Wohnzimmers konnte ich ein Klingeln hören, das so laut war, dass es mich vom Fernsehprogramm ablenkte. Ich tat es als einmalige Sache ab und versuchte es zu vergessen. Anstatt mich weiter auf das Geräusch in meinem Ohr zu konzentrieren, resümierte ich den produktiven Tag, den ich gehabt hatte, und schlief dabei ein. Am nächsten Morgen wachte ich auf und bevor ich meine Augen öffnen konnte, waren meine Handinnenflächen vor lauter Angst schweißnass. Mir war schlecht. Es war immer noch da. Vielleicht hatte ich gestern einfach zu viel Gitarre gespielt? Ich sagte mir immer wieder, dass alles OK ist und der ganze Spuk morgen wieder vorüber sei.

Als der nächste Tag kam, fühlte es sich langsam so an, als wäre ich Hauptdarsteller in meiner ganz persönlichen Version von Und täglich grüßt das Murmeltier. Meine Hände waren wieder feucht, das flaue Gefühl in meinem Magen wurde stärker und noch wichtiger: Das Klingeln war immer noch da. Ich lag regungslos da, während mein Körper sein Innerstes nach außen kehrte. Ich hatte vorher schon oft diesen Piepton auf den Ohren gehabt, aber diesmal wusste ich, dass es schlimm war. Es war sehr anders als dieses Klingeln, das mir nach den unzähligen Konzerten geblieben war, die ich in den letzten 20 Jahren besucht oder gespielt hatte.

Meine tragische Leidenschaft für laute Musik wurde entfacht, als ich 14 war—dem Jahr, in dem ich zum Reading Festival fuhr. Die komplette Erfahrung, die Musik und die Atmosphäre hauten mich einfach um. Weder hatte ich jemals zuvor rituelle Plastikverbrennungen in so großem Stil erlebt, noch hatte ich jemals so laut Musik gehört. Für mich war das dieser Rock’n’Roll, von dem ich immer im NME gelesen hatte, und ich war bereit, ihm mein Leben zu opfern.

Als ich 20 war, habe ich mit einer Band namens The Cooper Temple Clause bei RCA unterschrieben. Einige Wenige erinnern sich vielleicht noch an uns, weil wir bescheuerte Frisuren hatten und eine Menge Lärm gemacht haben. Wir waren jung, voller Energie und sehr naiv. Am wichtigsten war aber, dass wir es liebten, ordentlich Krach zu machen. Je lauter desto besser. Wenn uns jemand sagte, dass wir seine Ohren zum Bluten gebracht haben, dann waren wir überglücklich.

Wenn du jung bist, ist das Klingeln in deinen Ohren so etwas wie eine Auszeichnung—eine Art Trophäe, mit der du am nächsten Morgen zusammen mit deinem Kater angeben kannst. Die Sache ist jedoch die, dass dir dein Körper mit diesem Fiepen ein Zeichen gibt, dass etwas gehörig falsch läuft. Es ist das Geräusch von Alarmglocken, die sich bei dir melden und dir mitteilen, dass du etwas gemacht hast, was du besser nicht hättest tun sollen, und du jetzt besser damit aufhörst. An diesem Punkt sollte dein gesunder Menschenverstand einsetzen und dir sagen, dass du nächstes Mal vorsichtiger sein solltest. Aber viel zu viele Musikfans spornt es nur weiter an.

Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie mir mein Arzt zum erste Mal sagte, dass ich einen Tinnitus habe. Er erklärte mir, dass eine Innenohrentzündung in meinem linken Ohr vielleicht ihren Teil dazu beigetragen haben mag, aber im Prinzip hatte ich in meinem linken Ohr einen Hörverlust verursacht, was mein Gehirn durcheinander gebracht und ihm mitgeteilt hatte, dass es gegen diesen Verlust ankämpfen muss, indem es spezielle Frequenzen für mich immer und alle Zeit verstärkt. Einfach gesagt, es hört sich an, als wäre eine winzige Person in dein Ohr geklettert, hätte alle Distortion-Pedale angeschaltet und dann ihre winzige Gitarre neben ihren winzigen Verstärker gelegt, um eine Rückkopplungswand zu erzeugen. Du weißt schon, wie am Ende eines Mogwai-Konzerts oder so. Aber da sich dieses Szenario in meinem Kopf abspielt, gibt es keine Crew, die irgendwann auf die Bühne kommt und die Verstärker ausmacht. Es hört nie auf.

Losers | Foto: Sammi Doll

Deine erste Reaktion auf einen Tinnitus besteht darin, dich zu weigern, ihn zu akzeptieren. Als Musikproduzent beschloss ich, besonders schlau zu sein und die Frequenz meines Tinnitus aus meinen Lieblingsalben über den Equalizer herauszufiltern. Das half nicht, es ließ nur alles scheiße klingen. Dann kaufte ich mir ein Tinnitus-Kissen, das zur Ablenkung Musik spielt, während du schläfst. Das war eine Weile ganz witzig, half aber auch nicht. Letzten Endes ging ich zu einem Therapeuten, der mir Ohrstöpsel gab, die ein weißes Rauschen erzeugen. Ich sollte sie ein paar Stunden am Tag hören, aber sie waren einfach das Schlimmste. Sie erinnerten mich einfach nur ununterbrochen an meinen Hörschaden.

Nachdem ich diverse Behandlungen durchprobiert hatte, dämmerte mir mehr und mehr, dass nichts helfen würde. Ich fing an, mich vor dem Einschlafen zu fürchten. Das wurde so schlimm, dass ich mich jeden Abend unglaublich betrank—nur um nicht den Klang der Reue zu hören, der mir ins Ohr schrie. Der Alkohol half allerdings auch nur, bis ich abhängig wurde. Aus irgendeinem Grund machte er das Klingeln auch noch schlimmer. Ich wusste tief im Inneren, dass ich, wenn ich mich selbst zu lange lauter Musik aussetzen würde, diese bereits lähmende Qual noch verschlimmern würde. Ich realisierte aber auch, dass ich, wenn ich den ganzen Tag keine Musik oder irgendeine Art von Geräusch hören würde, einfach allein mit dem Klingeln sein würde—und das macht dich wahnsinnig, das kann ich dir sagen. Mit dem Klingeln alleine zu sein, ist eine gefährliche Sache.

Ich habe trotzdem weiter Shows gespielt. Ich erinnere mich, dass ich bei einem Konzert meine speziell angefertigten Ohrstöpsel vergessen hatte—diese, die alle Frequenzen gleichmäßig filtern und die jeder Musiker besitzen sollte, wenn ihm etwas an seinem Gehör liegt—und mir welche von diesen beschissenen gelben Einmaldingern besorgen musste, die Türsteher in schlechten Clubs tragen. Diese eine 30-minütige Show reichte aus, um meinen Tinnitus auf ein ganz neues Level zu bringen. Ich erinnere mich daran, wie ich weinend alleine im Auto meines Bandkollegen saß, während der Rest der Band das Equipment einpackte. „The show must go on!“, hatte ich noch vor dem Konzert gedacht.

Mit den Jahren hat die Lautstärke meines Tinnitus’ zu- und wieder abgenommen. Zwischendurch hörte er sich an wie winzige Helikopter. Ich machte mir ernsthafte Sorgen, dass es mich eines Tages komplett wahnsinnig machen würde. Es gibt Leute, die sich das Leben genommen haben, um dieses Klingeln loszuwerden. Ich musste aufpassen, nicht in eine mentale Abwärtsspirale aus Sorgen, Reue und Wut zu geraten.

Springen wir ins Jetzt. Hier sitze ich nun in einem leisen Zimmer meiner Berliner Wohnung. Mein geliebtes Radio ist ausgeschaltet und ich schreibe über das Geschrei in meinem Ohr. Ja, es ist noch immer da, mit läutenden Glocken. Das Radio ist aus, weil ich Ruhe brauche, um zu schreiben, doch ich fürchte mich vor der Stille. Ich hasse sie mittlerweile. Meine Mutter hat mir immer gesagt, dass ich vorsichtig mit dem Wort „Hass“ sein solle, weil es so ein starkes Wort sei. Sie hat mir gesagt, dass du nur etwas richtig hassen kannst, wenn du es davor geliebt hast. Na ja, ich habe die Stille verdammt nochmal geliebt. Stille war Gold wert. Mittlerweile habe ich ernsthafte Probleme zu glauben, dass es sie je gegeben hat.

Aber wenn ich mich heute in „Stille“ wiederfinde, versuche ich, positiv zu bleiben, indem ich darüber nachdenke, was mir dieser Klang bedeutet. Es ist eine Erinnerung an die Musik, die ich über die Jahre gemacht habe. Es erinnert mich daran, was für ein Glück ich habe, mit Musik Geld verdienen zu können. Musik ist immer noch mein Leben, es ist einfach nur mehr zu einem ständigen Kampf geworden. Ich habe gerade Album Nummer Drei mit Losers fertiggestellt, das im September erscheint. Ich habe die ganze Zeit in Angst gearbeitet, ja, aber ich habe trotzdem viel davon geschrieben, aufgenommen, produziert und gemixt.

Man muss gar nicht lange schauen, um zu merken, wie weit verbreitet Hörschäden im Musikgeschäft sind. Erst vor zwei Wochen wurde dem AC/DC-Frontmann Brian Johnson geraten, sofort jegliche Tour-Aktivitäten einzustellen, um einen totalen Verlust seines Hörvermögens zu verhindern. Einer von zehn Musikern bekommt im Laufe seiner Karriere einen Tinnitus, von irgendwelchen großangelegten Aufklärungsprogrammen seitens der Regierung ist aber nicht viel zu sehen. Durch meine Arbeit mit der British Tinnitus Association (BTA) habe ich erfahren, dass noch nicht mal genug Geld da ist, um ein Sorgentelefon für Menschen zu betreiben, die aufgrund ihres Zustands unter Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden.

So viele Musiker und Konzertbesucher sind sich nicht bewusst darüber, welche Schäden sie ihrem Gehör anrichten. Trevor Cox, Professor für Accoustic Engineering an der University of Salford, schrieb vor Kurzem, dass „der Besuch eines Nachtclubs, auf dessen Dancefloor Musik bei 100 dB (Schalldruckpegel) gespielt wird, nach zehn bis fünfzehn Minuten bereits potentiell schädigend sein kann.“ Als jemand, der die psychologischen Effekte und die Permanenz des Tinnitus am eigenen Leib erfahren hat, finde ich es unverständlich, dass nicht vor jedem Laden oder Club ein Hinweisschild hängt. Mein Losers-Bandkollege Eddy Temple-Morris hat nun ein Album zusammengestellt, um auf Tinnitus aufmerksam zu machen. es trägt den Titel I Am The One In Ten und ist voll von raren oder unveröffentlichten Tracks, die Künstler aus der ganzen Welt umsonst dafür zur Verfügung gestellt haben. Wenn du Musik so liebst wie ich und helfen willst, dann kauf dieses Album oder spende einer Tinnitus-Organisation.

Das wirklich Ironische an diesem Artikel hier ist die Tatsache, dass ich nur sehr ungern über den Tinnitus spreche. Das macht mir meinen Zustand nur bewusster und treibt mich damit in den Wahnsinn. Vielleicht liegt darin auch der Grund, warum dieses Problem nur so langsam die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Das Letzte, was die darunter Leidenden wollen, ist über ihr Leiden zu reden. Die Menschen müssen aber aufgeklärt werden. Wenn du laute Musik liebst, dann genieße sie, aber genieße sie mit Vernunft. Wenn du regelmäßig auf Konzerte oder in Clubs gehst, dann kauf dir ein paar vernünftige Ohrstöpsel. Wenn du viel Musik über Kopfhörer hörst, dann stell sicher, dass du deinen Ohren regelmäßig eine Pause gönnst. Und wenn du etwas bezwecken willst, dann sprich mit anderen Menschen über Tinnitus. Hilf uns dabei, ein Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen. Es gibt noch so viel Forschung, die betrieben werden muss, und dafür braucht es Geld. Ich kann dir eins sagen: Stille ist etwas Wundervolles, also stell sicher, dass du sie auch wertschätzt.

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I Am The One In Ten kannst du hier kaufen.

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