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Ihr versteht nicht, warum Frauen so selten oder erst Jahre später Vergewaltigungen anzeigen? Fragt Kesha.

Auch ihr Status als Superstar hilft Kesha nichts in einem System, das oft nicht die Opfer, sondern die Täter schützt.

von Nina Damsch
23 Februar 2016, 10:42am

Ich musste noch nie zuvor in meinem Leben zur Polizei. Als der Tag schließlich doch kam, befand ich mich zum Glück in der Rolle der Zeugin und nicht der des Täters. Dennoch fühlte es sich in der Haut des Unschuldigen kein Stück besser an, als ich es mir in der Haut des Schuldigen vorgestellt hatte. So saß ich auf dem praktischen, aber unbequemen Büromobiliar, mir gegenüber zwei männliche Beamte. Ihre Blicke huschten abwechselnd zwischen den Notizblättern vor ihnen, auf denen sie fleißig alles mitschrieben, was ich ihnen erzählte, und meinem Gesicht hin und her. Ich war nicht hier, um Klärung in die Schuldfrage eines Auffahrunfalls zu bringen oder dabei zu helfen, einem Räuber das Handwerk zu legen. Ich war hier, um die charakterliche Integrität des besten Menschen, den ich kenne zu „bezeugen“: meiner Freundin, die vor einigen Wochen missbraucht worden war.

Ist eine komische Situation. Es ist nämlich ziemlich schwierig, für den guten Charakter eines anderen Menschen zu bürgen. Irgendwie scheint sich das zu widersprechen. Bürgen, das ist sowas Funktionales, mit fixen Zahlen und Verträgen. Der individuelle menschliche Charakter, seine Eigenschaften und seine Seele sind ungefähr so greifbar wie Luft. Wie soll man also eine Sache, die so emotional begründet ist rational erläutern und dann auch noch beweisen? Das fühlt sich ein wenig so an, wie einem Blinden die Farbe Rot erklären zu wollen. Theoretisch könnte da doch jeder alles erzählen—womit wir wieder bei der Wurzel des Problems und dem Grund angekommen wären, warum ich diesen beiden Männern nun gegenübersitzen und versuchen musste, ihnen objektiv zuzusichern, dass meine Freundin nicht lügt.

Einen fremden Menschen schlecht über jemanden reden zu hören, der einem sehr nahe steht, ist der zweite Faktor, der diese Situation so bizarr macht. Für mich wäre es aufs Gleiche hinausgekommen, ob die Beamten meine Freundin nun direkt „Schlampe“ genannt hätten, oder mich stellvertretend immer wieder nach ihrem Kleidungsstil fragten. Die Scham, die Unverständnis und Wut, die ich damals in dieser Situation empfand, ist jedoch nicht vergleichbar mit dem, was meine Freundin und alle Frauen in ihrer Situation empfinden müssen, wenn sie auf diesen unbequemen Stühlen sitzen und den oft männlichen Beamten von ihren entwürdigendsten Momenten erzählen müssen.

Und dann gibt es noch Frauen wie Kesha, die das Ganze vor einem Millionenpublikum austragen müssen. Kesha genießt eine Vielzahl an Privilegien, die sie in dieser Gesellschaft eine bevorzugte Behandlung genießen lassen. Zum einen ist sie weiß, was in Amerika schon mal ein riesiger Vorteil ist. Außerdem ist sie reich, was nach der hellen Haut gleich an zweiter Stelle steht, wenn es um vorteilhafte Grundvoraussetzungen für ein entspanntes Leben geht. Ihr drittes großes Privileg, das noch weniger Menschen vergönnt ist, als blasse Haut und ein dickes Bankkonto, ist ihr Status als Superstar. Diese drei Dinge öffnen Kesha Türen, die für den Großteil der Menschheit vermutlich für immer fest verschlossen bleiben werden.

Dennoch bringen Kesha diese Privilegien wenig bis gar nichts bei ihrem Versuch, sich in einem Justizsystem zu behaupten, das oft nicht die Opfer, sondern die Täter schützt. Der Kampf gegen dieses Justizsystem kommt einem Kampf gegen Windmühlen gleich und in diesem unterscheidet sich Kesha kein bisschen von allen anderen, normalen Frauen, die Gerechtigkeit verlangen. Außer, dass ihr Weg der Demütigung, Verleumdung und des endgültigen Scheiterns in aller Öffentlichkeit stattfindet. Das ist schlimm. Aber es wirft zumindest Licht auf eines der Verbrechen mit der höchsten Dunkelziffer: Vergewaltigung.

Laut einer Studie des Bundesverbandes für Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF), liegt die Quote der polizeilich angezeigten sexuellen Gewalthandlungen gegen Frauen bei unter fünf Prozent. Wer ein bisschen in der Grundschule aufgepasst hat, kann sich also ausrechnen, dass 95 Prozent der sexuellen Übergriffe auf Frauen verschwiegen werden. Die wenigen, die sich juristisch gegen ihre Verbrecher zur Wehr sitzen, warten oft Wochen, Monate oder sogar Jahre, bis sie zur Polizei gehen und aktiv werden. Der Grund für beides—warum der Großteil der misshandelten Frauen schweigt oder sehr lange wartet, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist so simpel wie nachvollziehbar: Es ist Angst.

Angst davor, ein Trauma wieder und wieder durchkauen zu müssen und das auch noch vor Menschen, die einem oft von vornherein kein Wort glauben. Angst, vor Verwandten, Freunden, Kollegen oder eben der breiten Öffentlichkeit tatsächlich als das schwache, hilflose Opfer wahrgenommen zu werden, als das man sich fühlt, aber nicht gesehen werden möchte. Stolz spielt eine große Rolle bei der Entscheidung, eine Vergewaltigung öffentlich zu machen. Angst davor, vor und von Menschen unter die Lupe genommen zu werden, unter der jedes Detail, jede Lebensentscheidung oder Charaktereigenschaft akribisch seziert wird, um herauszufinden, wie „authentisch“ man als Opfer ist.

Es ist also nicht verwunderlich, dass viele Frauen sich dazu entscheiden, zu schweigen. Das schließt auch weibliche Popstars nicht aus. Madonna antwortete auf die Frage, warum sie ihre Vergewaltigung, die sich in den 70ern ereignete, nicht angezeigt hatte: „Du wurdest bereits misshandelt. Es ist es einfach nicht wert. Es ist zu demütigend.“ Diejenigen, die erst nach langer Überlegung ihre Vergewaltigung anzeigen, ernten im Gegenzug keine Anteilnahme, sondern das Gegenteil: Misstrauen. Dass sie nicht umgehend zur Polizei gerannt sind, bevor sie sich überhaupt das Blut von den Schenkeln wischen konnten, wird als Indiz ihrer Unglaubwürdigkeit gedeutet. „Warum hat sie denn nicht schon viel früher etwas gesagt?“, „Warum kommt sie erst jetzt damit raus?“ Ich kann es euch beantworten: Wegen Leuten, die solche Sätze sagen.

Dabei scheint das Ausmaß der Panik vor möglichen Falschaussagen ungerechtfertigt, wie diese Aussage aus der Studie das BFF darlegt: „Entgegen der weit verbreiteten Stereotype, wonach die Quote der Falschanschuldigungen bei Vergewaltigung beträchtlich ist, liegt der Anteil bei nur drei Prozent. Auch in anderen Ländern ist das Problem Falschanschuldigung marginal und rangiert zwischen einem bis neun Prozent. Diese Ergebnisse kontrastieren die bei der Polizei und den Justizbehörden weit verbreitetet Auffassung, dass Falschanschuldigungen ein großes Problem bei der Strafverfolgung von Vergewaltigung darstellen.“

Natürlich ist es grausam, eine Vergewaltigung anzuzeigen, die nie stattgefunden hat. Einerseits, weil dies verheerende Auswirkungen auf den zu Unrecht Angeklagten haben kann, aber auch, weil genau diese wenigen Frauen dazu beitragen, dass die Frauen, die tatsächlich vergewaltigt oder misshandelt wurden (und die eindeutige Mehrheit darstellen), einem System des Misstrauens und der Entblößung ausgeliefert bleiben.

Die Frauen, die stark genug sind, trotz all dieser Steine ihren Weg zur Gerechtigkeit weiter zu verfolgen, erwartet oft ein sehr ernüchterndes Ergebnis. Laut der Studie des BFF enden in Deutschland von allen angezeigten Vergewaltigungen nur 13 Prozent mit einer Verurteilung des Täters. Meistens verlaufen die Ermittlungen im Sand, wegen mangelnder Beweise, Aussage gegen Aussage oder daran, dass der Täter nicht identifiziert werden kann. Aber auch das deutsche Gesetz bietet Schutzlücken für Verwaltiger, was Verurteilungen so rar macht.

Laut Paragraph 177 macht sich nur jemand der Vergewaltigung strafbar, „der eine andere Person mit Gewalt, durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist" zum Sex zwingt. Um das klarer zu auszudrücken: Laut dieser Formulierung zählt es zum Beispiel nicht als Vergewaltigung, wenn eine Frau keinen Widerstand leistet, weil der Täter beispielsweise bereits früher gewalttätig war und sie daher aus Angst vor weiterer Gewalt auf Gegenwehr verzichtet. Oder wenn eine Frau nicht durch Gewalt, sondern durch die Androhung von beispielsweise beruflichen Nachteilen zum Sex oder ähnlichem genötigt wird, so wie es Kesha angeblich passiert ist.

Kürzlich veröffentliche Keshas mutmaßlicher Vergewaltiger und Produzent Dr. Luke eine Eidesstattliche Erklärung, in der Kesha angab, weder Drogen von ihm verabreicht bekommen, noch jemals „intime Verhältnisse“ zu ihm gepflegt zu haben. Ein Beweismittel, das, wie Kesha nun behauptete, unter Androhung ihrer „beruflichen Zerstörung“ von ihr erzwungen wurde und gelogen war.

Schon einmal unter Eid gelogen zu haben, steigert zu Keshas Leidwesen leider nicht unbedingt die eigene Glaubwürdigkeit. Keshas Anklage wurde abgewiesen, so wie der Großteil der Klagen anderer Frauen. Endergebnis bleibt für diese Frauen dann meistens: Verschwendung von Zeit, Geld und Lebensenergie, bei der man am Ende auch noch aufgrund der gescheiterten Anzeige als Loser und schlimmstenfalls sogar als Lügnerin darsteht. Bei denjenigen, die tatsächlich ihren Rechtsstreit gewinnen, hinterlassen die oft lächerlichen Strafen für ihre Peiniger einen eher bitteren als süßen Nachgeschmack der Genugtuung.

Kesha bleibt also weiterhin an ihren Vertrag mit Sony gebunden, der sie verpflichtet, noch vier weitere Alben über das Label zu veröffentlichen. Die Bedingung, diese Alben unter der Direktion von Dr. Luke, also dem Mann, der sie angeblich jahrelang physisch und psychisch missbraucht hat, aufnehmen zu müssen, wurde angeblich gestrichen. Man kann sich aber vorstellen, dass es trotzdem ein schöneres Arbeitsklima gibt als das, in dem sich Kesha nach wie vor gefesselt sieht. Die Unterstützung, die Kesha zuteil wird ist gigantisch, wobei ihr die oben genannten Privilegien vermutlich behilflich waren. Seien es tausendfache Demonstrationen der Unterstützung auf Twitter unter dem Hashtag #freekesha, enorme Geldspenden von anderen Superstars wie Taylor Swift, oder Online-Petitionen—Kesha schafft im Moment ein enormes Bewusstsein, auch für die Frauen, deren Kampf für Gerechtigkeit weniger glamourös ist. Und so tragisch ihre Rolle in diesem Stück auch ist, es sie eine wichtige. Selbst wenn Dr. Luke unschuldig sein sollte.

Nina ist auch bei Twitter: @laoidavita