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Wie unterscheidet sich das Fortgehen zwischen Mann und Frau?

Wir haben unseren Autoren und unsere Autorin gebeten, einen normalen Fortgeh-Abend zu schildern. Eine Gegenüberstellung.

von Fredi Ferkova und Benji Agostini
01 April 2016, 11:20am

Foto via Flickr | caccamo | CC BY 2.

Wie sieht ein Männerabend aus? Wie sieht ein Frauenabend aus? Wir haben versucht, es anhand einer Gegenüberstellung herauszufinden. Gespickt mit Verallgemeinerungen, Klischees und Halb-Wahrheiten. Aber wir haben es mit ehrlichem Herzblut so gut es geht versucht und finden uns selbst darin wieder. Here you are:

Fortgehen als Mann

Foto via Flickr | | darastarCC BY 2.0

Fortgehen als Mann ist verdammt stressig. Wir haben es ständig mit so viel Konkurrenz zu tun. In den meisten Wiener Clubs gibt es einen Männerüberschuss—egal, an welchen Abenden. Ja, auch wenn wir immer so tun, als wären wir Kumpels mit allen fremden Typen, haben wir immer den Drang besser zu sein als die anderen. Besser beim Tanzen, besser beim Aufreißen, besser im Bett. Immerhin geht es darum, am Ende sein selbst gestecktes Ziel zu erreichen, sonst war es ein scheiß Abend. Kompliziert wie das Männerhirn ist, handelt es sich bei diesen Zielen fast immer ums Vögeln oder zumindest ein bisschen schmusen. Natürlich kann eine Party ohne Aufriss auch gut in Erinnerung bleiben, aber so richtig erfüllend ist das nicht. Fortgehen ist ein Kampf und nur die Erfahrensten und Fittesten gewinnen. Der generationenübergreifende Party-Darwinismus also. Dieses Paradigma zieht sich durch den ganzen Fortgehabend, das fängt bei der Vorbereitung schon an.

Vorbereitung

Alleine fortgehen ist arm und da wir alle Gesellschaftstrinker sind, muss zuerst eine trinkfeste Gruppe für den Abend aufgestellt werden. Dazu gibt es WhatsApp-Gruppen mit kreativen Namen wie „Bier“ oder „Nyme-Alkoholiker“. Nachdem die vorgeschlagenen Facebookveranstaltungen nach dem geringsten Übel aussortiert wurden, einigen wir uns nach ewiger Diskussion darauf, fünf Minuten bevor wir losgehen zu entscheiden, wo wir wirklich hingehen. Danke für nichts. Bevor das Vorglühen losgeht wird noch kurz gecheckt, ob das Outfit schon fortgehtauglich ist. Eventuell ziehe ich die Hose von gestern an, die stinkt schon nach Zigaretten. Wenn du mehr Zeit mit der Outfitwahl verbringen musst, bist du entweder tagsüber falsch angezogen oder overdressed zum Fortgehen. Dragqueens dürfen länger brauchen.

Vorglühen

Irgendwann zwischen acht und neun Uhr fallen wir in die Wohnung mit den Nachbarn, die am wenigsten mit Fledermausohren ausgestattet sind, ein. Das ist wichtig, weil wir meistens mit irgendwelchen dummen Trinkspielen anfangen, viel schreien müssen und dabei nicht gestört werden wollen. Nebenbei läuft anfangs noch die Musik, die wir später im Club hören werden, um uns ein bisschen darauf einstimmen zu können. Nachdem der erste „legt's mal was Gscheites auf“ schreit, gibt es aber so gut wie immer Trash. Spätestens dann ist eh schon alles egal und selbst ich als absoluter Trash-Gegner steh auf irgendwelchen Tischen, versuche den „Maneater“-Tanz von den Just Dance-Spielen nachzutanzen und scheitere dabei natürlich kläglich. Um ein Uhr geht‘s meistens Richtung Club mit einer Hülse als Wegzehrung.

Diesen ganzen Absatz hätte ich eigentlich in Vergangenheit schreiben sollen. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ein Vorglühen wirklich so ausgesehen hat. Leider werden wir alle alt und beim Vorglühen reden wir nur noch davon, wie anstrengend die Woche war und wir einfach nur Realitätsflucht begehen wollen.

Party

Foto via Flickr | Mike Burns | CC BY 2.0

Schon beim Anstehen zeigt sich, wie leicht manipulierbar wir Männer sein können. Wenn sich ein paar Mädels vordrängen und sie ein bisschen mit uns flirten, lassen wir uns das schon mal gefallen, immerhin könnte es ja sein, dass wir später schmusen. Das ist natürlich völliger Bullshit, aber der Alkohol redet unserem Penis immer so gut zu und dem glauben wir ja alles. Das ist mir schon öfter passiert und wirklich gelernt habe ich daraus nicht. Im Club brauche ich erst mal etwas woran ich mich festhalten kann, vorzugsweise Bier. Jeder, der an einem gut besuchten Abend schon mal versucht hat, schnell an Drinks zu kommen, weiß, dass man sich dem Barpersonal erst als würdig erweisen muss. Möglichst groß machen, Brust raus, Augenkontakt herstellen und das Ding mit den Augenbrauen machen, damit sie wissen, du willst sofort bestellen. Frauen an der Bar auf Drinks einladen ist meiner Meinung nach vergebene Liebesmüh. Da lade ich lieber meine Freunde ein, die wissen das öfter zu schätzen, als die meisten Mädels, die sich ohne weiteres einladen lassen.

Es gibt eine kampffreie Zone in jedem Club (das war’s schon mit der Kriegsrhetorik, keine Sorge): der Klo-Bereich. Nur wer sich nicht an das ungeschriebene Gesetz hält, bei den Pissoirs IMMER mindestens eine Schüssel Abstand zu halten, wird innerlich gelyncht. Das beginnt übrigens schon bei der Auswahl des Pissoirs. Wenn da drei freie Schüsseln zur Auswahl stehen und du entscheidest dich für die mittlere, bist du ein Arschloch. Das muss ich den Männern aber eh nicht erzählen. Ansonsten sind wir tatsächliche alle beste Freunde am Klo. Es wird ein bisschen gelästert, bisschen Machogehabe ausgetauscht und echte Freundschaften geschlossen. Die währen dann natürlich nur bis zum Kloausgang, aber damit sind wir alle sehr einverstanden.

Sobald ich mein erstes Bier in den Händen halte, habe ich mit ziemlicher Sicherheit alle meine Freunde schon verloren, also fängt das ewige Suchen an. Am Dancefloor suche ich entweder ein Plätzchen, mit möglichst wenigen testosterongesteuerten Poloshirtträgern oder wo die meisten meiner Freunde stehen, je nachdem, was ich mir von einem Abend erwarte. Wenn ich mir einbilde, ich will heute noch schmusen, suche ich meistens die interessanteste Tänzerin. Leider muss ich zugeben, dass ich unglaublich schlecht im Anreden bin. Ich arbeite daran, aber wenn ihr mich im Club seht, müsst ihr wohl eher mich anreden, wenn ihr mit mir quatschen wollt. Ich verabscheue diesen Wettkampfgedanken und den Druck um die Aufmerksamkeit von Frauen mit anderen streiten zu müssen. Meistens tanze ich dann lieber, auch wenn mein Penis es lieber anders hätte. Irgendwann habe ich dann entweder genug getanzt oder eh irgendwie geschmust und will einfach nur noch nach Hause.

Nachhauseweg

Wenn es ein guter Abend war, kann ich mich nicht mehr an den Weg nach Hause erinnern. Im besten Fall war ich noch bei Happy Noodles am Schwedenplatz und hab mir Nudeln mit knusprigem Huhn—ertränkt in Sriracha-Sauce—geholt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das jedoch geschlechterunabhängig ist.

Der Tag danach

Foto vom Autor

Das schönste am Tag nach dem Fortgehen ist es eine Entschuldigung zu haben, den ganzen Tag nichts zu machen, irgendwas auf Popcorn Time (das Netflix für Arme) zu bingen und sich essen bringen zu lassen. Das ist alleine fast genau so schön, wie zu zweit, nur ist verkaterter Sex ein bisschen besser, als sich verkatert einen runterzuholen. Einfach weil es so viel trauriger ist, mit Schädelweh verkrampft zu versuchen, die aufgestauten sexuellen Spannungen des letzten Abends aus seinem Penis rauszuschütteln. Wenn man allerdings im Rausch ausgemacht hat, am nächsten Tag wieder startklar zu sein, weil in Liesing irgendwo eine Party ist, auf die man unbedingt gehen muss, hilft nur das gute alte Reparatur-Seidl. Die Hose vom Vorabend kann man dann eh nochmal anziehen, die stinkt schon nach Zigaretten.

Fortgehen als Frau

Das Klischee sagt, dass Frauen beim Fortgehen gut aussehen, Stöckelschuhe tragen und ab und zu aufs Klo verschwinden, um ihren Lippenstift nachzuziehen. Das halte ich für wahnsinnigen Schwachsinn und meine Freundinnen wohl auch. Deshalb werde ich—die Meisterin der Klischees—die alten umwerfen und neue für mein Geschlecht aufstellen. Ich gehe zwar meistens sowohl mit Mädchen als auch Jungs fort, habe aber schon desaströse Mädelsabende (meistens nach einem Beziehungsende von mir oder einer Sister from another Mister) hinter mir. Und mit desaströs meine ich destaströs. Gemischtes Fortgehen ist lustig. Mit der eigenen Geschlechtsgruppe ist es ein einziger, wahnsinniger, nie endender Sturz. Bevor man mich lyncht: Natürlich geht es stets um meine eigene Weiblichkeit, Erfahrungen und um meine Weibchen.

Vorbereitung

Im Gegensatz zum Fortgehen mit Mann und Frau, in dem es entweder ein ganz klares oder gar kein Ziel gibt—diese Dynamik ist durchaus männlich in meiner Umgebung—wissen meine Weiber untereinander ganz genau, wo sie zusammen hingehen wollen. Wenn wir einen draufmachen, dann suchen wir uns das Lokal mit den vermeintlich schärfsten Typen. Dies geht immer mit untergründigen Beleidigungen umher, die etwa so klingen: „Voga? Bäh, keine schmierigen Typen. Gehen wir doch ins Flex.“ „Flex? Magst du gleich am Praterstern aufreißen?“. Den Ort erwählt dann meistens diejenige, die es am meisten braucht. Empathie verlieren wir untereinander auch nicht, nur weil unsere Eierstöcke anfangen zu denken.

Vorglühen

Alle Fotos von der Autorin.

Den Vorglühort hostet meistens die Freundin mit der fettesten Wohnung. Wir scheißen auf Autos. Wir scheißen nicht auf nette Wohnzimmer, große Spiegel und eine angenehme Atmosphäre. Der 1,99 Euro Wein schmeckt zwar gleich, aber man fühlt sich mehr nach Mädchen. Die Anderen tauchen dann mit ihrem noch nicht angezogenen Outfit und Schminke auf.

Dann fängt der absolute Aufbitch-Modus an: Wir kleiden, schminken, saufen, frisieren, lästern, saufen, reden, rauchen, tanzen und saufen gleichzeitig. Vorglühen mit männlichen und weiblichen Geschöpfen sind zugegebenen chilliger: Da tauchen wir schon fertig auf und 70 Prozent der Themen, die wir unter Frauen besprechen, sind nichts für unweibliche Ohren. Was nicht bedeutet, dass sich alles um Schminke dreht. Die teilen wir nur schwesterlich—im Grunde gehts bei uns um räudige Themen wie Sex und...Sex. Und das besprechen wir mit dem Duktus eines unerzogenen Bauarbeiters. Es geht bei uns um Typen. Aber da ist nichts idealistisches oder romantisches dran. Die meisten Männer, die ich kenne, würden sich bei unseren Gesprächen anspeiben. Stichwort: Manipulation, Bewertungen, kleinste Details.

Weibliche Vorglühen enden auch oft mit Wodka-Stürzen. Wir sind super darin, uns gegenseitig aufzuschaukeln und dramatisch und unedel zu explodieren. Im Klartext: Sind Männer bei uns, verhalten wir uns zivilisierter, lieber, netter und ruhiger. Sind wir untereinander, wird es richtig heftig. Da ist wenig weiblich, außer das Schminken. Vor allem, wenn die magische beste Freundin mit am Start ist.

Party

Wenn man es dann tatsächlich zur Party geschafft hat, dann ist man in der Regel bereits besoffen. Der Raum-Scanner geht trotzdem. Aber wir entspannen uns erst mal—die gesellschaftlich verankerte Regel, dass Männer Frauen ansprechen sollten, ist vollkommen bescheuert, aber mit zwei Promille ziemlich entspannend. Wenn wir wirklich einen Mann kennenlernen wollen—Rache,Trennung, Trauer, oder Rache—dann sprechen wir, komplett im Öl, Männer auch selbst an.

Das geht eigentlich immer gut. Nicht, weil wir gut aufreißen können mit zwei Promille, sondern weil Männer es uns im Regelfall auch nicht besonders schwer machen. Ernsthaft, meistens spricht man einen Mann in einem ur Zustand an und trotzdem bleibt dieser da. Es ist wie Magie. Und die einzigen, die es ändern können—bevor jetzt alle Männer aufschreien—seid eh ihr, also bitte.

Sollten wir niemanden ansprechen—und das ist in 90 Prozent der Fälle so—dann versuchen wir per Augenkontakt Willigkeit zu signalisieren. Das klappt bei Männern, die Frauen wie Einwegtaschentücher verbrauchen super, bei den schüchternen und lieben Typen leider nie. Man hofft auf den Mann in der Mitte—egal welche Aufriss-Absichten es gibt. Einladen lasse ich mich gerne—und lade im Gegenzug auf einen zweiten Drink ein.

Ich kenne wenige Frauen, die sich einladen lassen um Geld zu sparen—meistens haben wir wirklich Interesse am Gespräch und sehen eine platte Einladung als einen netten Opener. Es macht Spaß mit einem Typen an die Bar zu gehen, Small Talk, dann der Spruch, dass ein Drink von mir aussteht—das ganze Konzept von sich einladen ist toll.

Ansonsten sind wir viel zusammen am Klo—lästern, Lage besprechen, Haare beim Kotzen halten, Deo ausborgen und schminken—aber nie länger als zehn Minuten am Stück. Wir wissen, wo die Party abgeht. Sauferei kaufen wir uns auch meistens selbst in Form von Spritzer. Im Club stehen wir im Umkreis der Bar und bei der Tanzfläche—oder da, wo die neue Liebe des Lebens gerade eben steht.

Nachhauseweg

Taxi. Ganz egal mit wem.

Der Tag danach

Die drei S: Sterben, Streamen und Sandeln. Und natürlich Pizza bestellen. Wenn wir noch unter Frauen sind, wird natürlich der Abend nachbesprochen. Kann sich schon acht Stunden hinziehen. Sind wir bei einem Mann ficken wir mit ihm oder wir überlegen uns, wie wir ihn loswerden. Ich weiß das trotz mangelnder Erfahrung mit One Night Stands, weil man sich am Tag danach noch up to date hält. Mit WhatsApp oder Facebook-Chat. Sind wir alleine, werden die drei S groß gelebt.

Fredi ist auf Twitter: @schla_wienerin, Benji auch: @lazy_reviews

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