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Es ist traurig, aber du kannst in Deutschland nicht von Metal- oder Deathcore leben

Daniel war Gitarrist von War From A Harlots Mouth und arbeitet bei einem Berliner Konzertveranstalter. Er hat uns erzählt, wie viel man hierzulande mit extremem Metal verdienen kann.

von Vincent Grundke
01 März 2016, 12:00pm

Idole sind schon was Feines. Diese strahlenden Figuren, die einfach besser sind als man selbst, die ein geileres Leben führen und nur wunderschöne Sachen sehen. Immer auf Reisen durch exotische Städte und unberührte Natur, die keiner in seinem dreckigen Neubaublock je zu Gesicht bekommen wird. Schon irgendwie traurig, aber Fans nageln sich nicht umsonst eifrig Poster der bestgebautesten Bands an die Wand. Sie wollen dem Traum wenigstens ein Stück näher sein, passiv zumindest.

Das auch jene güldene Zauberwelt im Metalcore und Deathcore nur eine dieser heuchlerischen Illusionen ist, die es viel zu oft im Leben gibt, macht umso betroffener. CJ McMahon ließ Ende letzten Jahres die Bombe platzen. Der Sänger von Thy Art Is Murder brachte mit seinem Facebook-Post reihenweise Kinnladen zum Fall: Auf dem Zenit des Erfolgs mit seiner Band gestand CJ, er verdiene weniger als ein Mindestlöhner in Deutschland und müsse daher aussteigen. Sofort waren alle zur Stelle, die Spekulanten, Besserwisser und Geschäftsmänner. Nein, nein, kann nicht sein, so eine tolle Band wie Thy Art Is Murder muss doch locker über die Runden kommen!

Wenig später wollte Derek Brewer, tätig für die amerikanische Künstleragentur Outerloop Management, anhand einer „transparenten“ Rechnung zeigen, dass mittelständige Metalcore-Bands auf Tour, wenn sie tagtäglich 500 zahlende Gäste ziehen, pro Monat 5.589 US Dollar verdienen, also um die 5.070 Euro. Dass in seiner Rechnung aber längst nicht alle Ausgaben aufgelistet sind und eine Band nicht dauerhaft auf Tour sein kann, hat Brewer schlicht versäumt zu erwähnen.

Daniel Oberländer bringt etwas Klarsicht in all die versteckten Kosten, die Derek—aus welchen Gründen auch immer—bei seiner Rechnung sträflich übergangen ist. Daniel war Gitarrist bei der deutschen Extreme Metal-Band War From A Harlots Mouth, heute arbeitet er bei einem Berliner Konzertveranstalter.

Was er mit Sicherheit sagen kann: Von durchschnittlichem Verdienst kann bei Deathcore- und Metalcore-Bands nie die Rede sein. Zu viele Faktoren reißen den Lohn der Bands erheblich nach unten: Ausländersteuer, Hotelkosten, leere Shows in abgeschiedenen Gebieten; schweizerische Grenze, die das Merch verzollen wollen; Kiddie-Booker, die die Gage nicht zahlen; gefakte Polizisten, die einen in Spanien alle Einnahmen abnehmen und davonbrausen—die Szenarien sind unberechenbar.

With a mix of both negative and positive emotions, I inform you all that I have parted ways with my band Thy Art Is...

Posted by CJ McMahon on Montag, 21. Dezember 2015


Noisey: Derzeit wird das Überleben von Death- und Metalcore-Bands angezweifelt, weil CJ McMahon von Thy Art Is Murder Ende letzten Jahres aus finanziellen Gründen ausgestiegen ist. Kannst du den geringen Verdienst nachempfinden?
Daniel Oberländer: Ich kenne deren Garantien nicht. Hier in Deutschland zieht die Band als Headliner auf Tour zwischen 100 und 250 Leuten. Und dann gibt es ja noch die Touren als Support, was Herr Brewer unter den Teppich kehrt. Thy Art Is Murder waren hier gerade mit Parkway Drive auf Tour. In Europa oder Deutschland ist es nicht unüblich, dass Supportbands—bis zum Co-Headliner manchmal—ihre Ausgaben für die Produktion NICHT mit den Einnahmen durch die Gagen decken können.

Früher gab's den Begriff „pay to play“, wo man eine Summe X auf den Tisch legt und mit in den Nightliner darf. Da dies eine unschöne Angelegenheit ist, sich solche Touren aber tatsächlich nur so finanzieren können, gibt es heute ein anderes Abrechnungsmodell. Große Tour, sechs Bands, zwei Nightliner: Das Angebot sagt dir dann, du kriegst 250 oder 350 Euro Gage am Abend—was OK ist. Dann musst du aber anteilig den Nightliner und die Miet-Backline bezahlen, den Tourmanager und wenn du ganz viel Pech hast, auch Teile der Promotion und Werbung für die Tour. Unter Umständen ist das schnell viel mehr als 350 Euro. 30 Tage Tour sind 7.000 Euro, deine Gagen-Einnahmen. Aber die Produktion könnte 10.000 kosten. Dann willst du noch gut dastehen und guten Sound haben, bestenfalls kriegst du noch einen Tontechniker mit. Bei ganz viel Glück, sehr selten, kriegst du die noch für 50 bis 75 Euro am Tag. Die Regelsätze liegen deutlich höher, permanent tourende Musiker kosten das Dreifache.

Viele Bands müssen erst lernen, wirtschaftlich zu denken. Man muss ausrechnen, was man an Merch verkaufen muss, um das halbwegs zu kompensieren. Merchandise ist ja keine feste Größe. 750 Dollar bei Brewers Rechnung für eine Show mit 500 Gästen ist ok, aber wenn du noch mit sechs anderen Bands unterwegs bist? Je mehr Bands spielen, desto weniger ist deine Marge am Merchandise.

Sind 500 zahlende Gäste überhaupt realistisch im mittelständigen Metalcore?
Unsere Erfahrung in Amerika war teilweise erschütternd. Es ist schwierig, außerhalb der Küstenregionen an Shows zu kommen, wo nur ansatzweise 500 Leute kommen würden. Im Mittleren Westen oder den ganzen Flächenstaaten ist halt einfach nicht viel. Dementsprechend wird auch nicht viel in Werbung investiert, da gibt's keine Szenen—ein Leid, das viele Ami-Bands auf Tour beklagen. Es gibt immer Durststrecken.

Einige Kosten hat Outerloop auch unter den Tisch fallen lassen, was zum Beispiel?
Flüge sind überhaupt noch nicht berücksichtigt in Outerloops Rechnung, circa 800 Euro pro Flug von Europa nach USA. Die Kosten hängen auch immer von der Tour ab, wie kurzfristig du die buchst. Du bist ja abhängig von der Entscheidung des Headliners: Darfst du mit oder nicht?

Als ausländische Band in Amerika hast du die Arschkarte. Dann kommt nämlich noch das Beantragen des Visums hinzu, das kostet zwischen 1.000 und 1.500 US Dollar, weil man eine Agentur dafür beauftragen muss. Die reicht für dich eine Petition ein, jedes Bandmitglied muss persönlich in eine der Botschaften vorständig werden, um ein Interview zu führen. Für den Termin musst du anrufen, da kostet dich die Minute nochmal drei Euro oder so. Und wenn du Pech hast, können die dich ablehnen. Viele Punk-Bands fliegen deswegen einfach so hin und leihen ihr Equipment von den anderen tourenden Bands. Dafür sollte man aber für die Mitglieder unterschiedliche Flughäfen und -zeiten wählen und dein Facebook-Profil sollte nicht unbedingt mit dem Bandprofil verlinkt sein.

Knackpunkt sind auch die Steuern, von den 5.500 US Dollar gehen nochmal 30 Prozent Steuern ab. Die kommen aber auf den Umsatz, nicht auf den Gewinn. Da hättest du hier unterm Strich gar kein Gewinn mehr. Das funktioniert nur für eine amerikanische Band ohne Ausländersteuer, nicht für Australier.

Und Fahrten auf dem Land?
Die Preise sind ungleich teurer da wie hier. Hier kannst du einen Van in guter Ausstattung für 120 bis 150 Euro am Tag mieten, bei den Tschechen hast du sogar noch einen Fahrer für 200 Euro dabei. Ein Nightliner kostet zwischen 800 und 1.500 Euro am Tag, je nachdem, wie luxuriös der sein soll. Da kriegt man aber auch vier Bands unter. Ein Sprinter in Amerika kostet da 300 Euro am Tag, mit extra Versicherung. Die Bands dort kaufen sich ihre Autos.

Und Hotels?
Unterbringung ist ein riesiger Unterschied zwischen USA und Europa. In Europa ist das außer in Belgien und England schon so, dass es selbst im kleinen Rahmen Sache des Veranstalters ist, die kümmern sich. Das kann eine keimige Matratze in einem besetzten Haus sein oder ein Economy-Hotel. In der Schweiz oder Holland sind an den Klubs sogar Apartments angebracht. Spanien ist chaotisch, Frankreich und Italien sind manchmal schwierig. In Amerika ist das grundsätzlich dein scheiß Problem, wo du pennst. Bestenfalls kriegst du die vereinbarte Gage und zwischen fünf und zehn Dollar am Tag als Buy-out, der aber nie gewährleistet ist. Dann kannst du versuchen, mitten in New Mexico in einer Stadt, die vor Meth-Abhängigen wimmelt, für fünf Dollar am Tag einkaufen zu gehen. Das Einzige, was uns damals übrig blieb, war Walmart.

Was heißt, „im besten Fall kriegt man die Gage“?
Bei unserer Ami-Tour gab es zwischen vier und fünf Gelegenheiten, wo wir gar keine Gage bekommen haben oder nur einen Bruchteil. Es gab dann mehrere Telefonate, aber dann kam vom Booker die Aussage: „Der Vertrag ist so viel wert wie das Papier, auf den er geschrieben wurde.“ Wenn nicht mal mehr der Booker ein Druckmittel hat, was soll man dann machen? Ihn verprügeln? Wir kennen uns vor Ort nicht aus und fünf Minuten später sind dreimal so viele Leute da und wir kriegen aufs Maul, das Geld haben wir dann trotzdem nicht bekommen. Als Band bist du—obwohl du dafür sorgst, dass Leute in den Laden kommen—der letzte, der bezahlt wird.

Es gibt nicht umsonst bei Ami-Bands Tourmanager, die was zum Schlagen dabei haben, weil sie genau wissen, dass es mit physischer Auseinandersetzung zu tun haben kann, von den Promotern Geld zu bekommen. In Spinal Tap gibt es die Szene, wo der Tourmanager einen riesen Cricketschläger rausholt—das kommt nicht von ungefähr.

Wo habt ihr dann meistens gepennt mit WFAHM?
In Amerika haben wir meistens bei Amerikanern privat gepennt. Wir hatten den Ausländer-Exotenbonus, haben jeden Abend am Merch den Zettel aufgestellt, dass wir sieben Pennplätze brauchen gegen Merch. Die meisten haben es tatsächlich unentgeltlich gemacht, in Seattle sogar bei einem, der nicht mal auf der Show war, aber von sieben stinkenden Deutschen gehört hat. Als wir um 2 Uhr bei ihm ankamen, hat es nach frischer Pizza im Backofen gerochen und er hat Bier gekauft. Manchmal haben wir uns aber auch ein Motelzimmer genommen, dann gab es auch Übernachtfahrten, wo keine Zeit zum Schlafen war.

Zahlt das Label nichts dazu oder ist das schon in der gebookten Gage eingerechnet?
Ist auch höchst unterschiedlich. A: wie finanzstark dein Label ist und B: wie viel Potential es in dir erkennt. Bei der ersten großen Supporttour beteiligen sie sich bestimmt bei den Verlusten, mit Bargeld oder 200 CDs. Die Managements verdienen mittlerweile am meisten an dem ganzen Scheiß. Eine normale Management-Gage liegt um die 20 Prozent des Umsatzes! Das bezieht die Merchandise-Umsätze, die CD-Verkäufe, Studiovorschüsse mit ein. Für sie ist das ein transparentes, einfaches Abrechnungsmodell, eine Pauschalbeteiligung an den Einnahmen. Die Booking-Firmen kriegen zehn bis 20 Prozent der Gage. Die war bei Outerloop schon berechnet, die Managementgebühr hat er dagegen untertrieben. Aber braucht man als kleine Band Managements? Vorzugsweise ja, um beispielsweise auf eine Outerloop-Tour zu kommen. Eine andere Möglichkeit hast du vielleicht gar nicht. Bei amerikanischen Bands ist es sehr selten, dass sie KEIN Management mehr haben. Das gucken sich deutsche Bands auch immer mehr ab.

Sind die meisten Musiker Freelancer—müssen sich also selbst versichern bei der Krankenkasse?
Kommt darauf an, ob du es offiziell machst oder nicht. Ambitionierte Künstler betrachten das als Hauptberuf und sind selbstständig. Unsere Band war eine GbR, wir mussten Rechnungen schreiben mit Steuernummer beim Finanzamt. Das verpflichtet dich, jährlich deine Steuererklärung zu machen als Teilhaber der Gesellschaft. Wenn du umtriebig genug als Musiker bist, hast du noch eine zweite Steuernummer als Selbstständiger. Dann musst du in Deutschland ab 8.500 Euro Einkommenssteuer zahlen und eine Krankenversicherung—dass die Brewer nicht erwähnt hat, wundert mich überhaupt nicht. Das ist die typisch amerikanische Einstellung, das sieht man ja jetzt bei The Ghost Inside, die müssen jetzt Crowdfunding machen. In deutschen Krankenhäusern wirst du immer behandelt, in Amerika können sie dich auch abweisen.

Wir sind nebenbei noch arbeiten gegangen wie auch Comeback Kid. Wenn die nicht touren, arbeiten die. Das ist eine zweigleisige Nummer. Für ein ganzes Jahr Pause reicht das absolut nicht, auch nicht bei Emmure. Na gut, jetzt wird es sowieso schwierig [Anm.: nach dem Ausstieg aller Emmure Bandmitglieder außer Sänger Frank Palmieri]. In ihren besten Zeiten waren die aber jenseits der 1.000 Besucher pro Abend. Aber das geht auch ganz schnell vorbei. Die Halbwertszeit hat auch was mit der musikalischen Relevanz zu tun, wie bei Asking Alexandria. Die sind hoch nach oben geschossen, haben an guten Standorten zwischen 2.000 und 3.000 Kids gezogen und bei der nächsten Tour nicht mal mehr ein Drittel davon. Teenager finden das geil. Und die sind—wie in anderen Belangen auch—heute hier, morgen da.

Metal ist ja eher konservativ, da bleiben die Leute länger dabei. Metal ist eine Lebenseinstellung, das lebt von dem, was vor 25 Jahren da war. Metalcore-, Deathcore- und Hardcore-Kids haben einen anderen Bezug, das ist entwurzelt. Was ist denn eine typische Metalcore-Band, die man seit 20 Jahren kennt? Gibt es ja keine. Selbst Heaven Shall Burn sind heute mehr eine Metalband.

Was schätzt du, wie viele Metalcore-Bands könnten in Deutschland allein von der Musik leben?
Aus dem Bauchgefühl: Keine. Mir fällt keine deutsche und keine europäische Metalcore-Band ein, die das schaffen würde, als komplette Band. Einzelne Leute schon, aber nicht als gesamte Band. Außer HSB, wenn sie es drauf anlegen würden. Aber da werden die Zeiträume zwischen den Touren auch immer länger. Wann war die letzte, 2013? Zwei Jahre Durststrecke mit dem, was man vorher erwirtschaftet hat, das wird bei einer Band, die zwischen 2.000 und 4.000 Leute in Deutschland zieht, nicht gehen. Das müsstest du weltweit schaffen, dann streckst du eine Tour übers ganze Jahr, in Etappen. Aber weltweit in der Größenordnung? Das schaffen auch HSB nicht.

Bei einer mittelgroßen Metalcore-Band: Wie viele Touren müssten die im Jahr spielen, um besser als Thy Art Is Murder (laut Outerloops Rechnung) über die Runden zu kommen?
Du müsstest viel touren und gleichzeitig verliert deine Band an Relevanz, selbst in der Wahrnehmung. Bei einer Band wie Maroon sind die Leute am Ende nicht mehr hingegangen, weil sie dachten, die spielt doch eh alle sechs Wochen. Was auch gar nicht mehr stimmte! Aber vom Gefühl war das die Band, die an jeder Steckdose gespielt hat. Das nimmt dir als Fan die Motivation, doch wieder hinzugehen.

Nach all der Rechnerei, kannst du CJs Gründe für den Ausstieg nachvollziehen?
Das ist halt auch eine sehr ambitionierte Band, die immer weiter will. Bei CJ haben bestimmt mehrere Faktoren eine Rolle gespielt, Familie im Vordergrund. Selbst wenn die Outerloop-Rechnung nicht ganz korrekt ist, relativiert sie doch so einiges. Damit Leute von außen sehen können, was da für Ausgaben drinnen stecken. Vielleicht ist aber CJs Gedanke gewesen, dass der Zenit erreicht war und alles was jetzt noch kommt, nur Lebenszeit verplempern ist. Viele verpennen ja den Absprung.

Für mich war der Punkt mit Mitte 30 erreicht, du kannst keinem richtigen Job nachgehen, dein Arbeitgeber muss ja unfassbar flexibel sein. Du kannst ja nicht am Ende des Jahres, wie es üblich ist, den Jahresurlaub für das Folgejahr einreichen. Wenn dir fünf Wochen Urlaub zustehen, du aber zwei bis drei Touren machen willst, die jeweils so lange gehen, dann zeigen die dir einen Vogel.