Hey „True Schooler“: Eure Idee von HipHop ist nichts weiter als mieser Sozialchauvinismus

Dass die Beginner für „Ahnma“ Gzuz als Feature holten, sorgte bei vielen Leuten für Empörung—jedoch aus all den falschen Gründen.

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10 Juni 2016, 1:20pm

Letzte Woche passierte etwas, das viele HipHop-Herzen höher schlagen ließ: Die Beginner veröffentlichten ein neues Lied mitsamt großartigem Video. Das erste Lebenszeichen nach 13 Jahren. Oldschooler machten sich fast nass vor Freude. Aber nicht nur die. Denn neben den Hamburger Urgesteinen, wurde auch Gzuz mit ins Boot geholt, um generationenübergreifend Hamburg „wieder auf die Karte“ zu bringen. Geschmackliche Präferenzen außer Acht gelassen, kann man generell als HipHop-Fan sagen, dass das eine ziemlich schöne Sache ist. Wenn es einem nicht mal wieder selbsternannte „true“ Beginner-Fans verhageln würden, wie es sonst nur das Hamburger Wetter kann.

Denn anscheinend sind viele Füchse-Fans nicht annährend so offen im Kopf, wie ihre gute, alte Lieblingsband. In den Kommentarspalten unter „Ahnma“ gab es wohl zum ersten Mal Kritik an einem Beginner Track. Aber ganz häufig nicht aufgrund konkreter geschmacklicher Indifferenzen hinsichtlich der Musik. Die meisten Kommentierer störten sich an der Anwesenheit „dieses Türstehers“ auf dem Track.

So sehr, dass jemand sich tatsächlich die Zeit nahm, eine „fixed Version“ von „Ahnma“ hochzuladen, bei der Gzuz' Part herausgeschnitten wurde. Natürlich steht es jedem frei, darüber zu entscheiden, welche Musik er feiert und welche nicht. Das Problem an der Kritik einiger Fans ist, dass sie Gzuz allein aufgrund von Äußerlichkeiten außeinandernehmen.

Sehen wir uns doch mal an, wofür genau die alteingesessenen Beginner-Fans und andere Leute Gzuz kritisieren:

Bei „halb-nackten Aggro Knacki“ musste ich zugegebenermaßen ziemlich lachen, wenn mich das eigentliche Thema nicht so sauer machen würde. Und das tut es nicht, weil hier Gzuz kritisiert wird, sondern WOFÜR er kritisiert wird. Die Kritik kommt hier nicht auf, weil Gzuz den Geschmack der Leute hinsichtlich Flow, Reimen oder Texten bedient, sondern weil er ein „Assi“ ist. Ein Schmuddelkind, das gefälligst nicht mit ihren gutbürgerlichen, wohl erzogenen Beginner-Kindern spielen darf. Sorry Leute: Ihr seid nicht HipHop und ihr habt offensichtlich auch keine Ahnung von HipHop. Ihr seid einfach nur hängengebliebene Sozialchauvinisten.

Das sage ich nicht, weil euch Straßenrap anscheinend nicht gefällt. Muss er auch nicht. Ihr gefallt Straßenrap vermutlich auch nicht. Nicht jeder muss schimpfwortgeladene Texte übers Mutterficken oder Drogenticken gut finden. Mir persönlich jagt zum Beispiels Gentlemans Hook bei „Ahnma“ Schauer des Grauens über den Rücken. Oder Denyos Part. Ganz besonders Zeilen wie „Und irgendwo zwischen Itzehoe und Idaho“. Ich finde das textlich schlecht und mir gefällt dieses ganze Reggae-Gejaule nicht. Andere finden das wiederum vielleicht ganz toll. So ist das bei Musik eben. Mir würde aber im Traum nicht einfallen, Gentleman aufgrund seines Aussehens, oder Denyo wegen seines Auftretens zu kritisieren. Das hat nichts mit der Musik zu tun und sollte nicht beeinflussen, wie man sie wahrnimmt. Das tut es aber andersherum bei vielen Kommentierern, wenn es um Gzuz geht.

In diesem Track geht es um Hamburg. Die Hamburger Identität im Rap und das Zelebrieren dieser Identität, die lange hart in der Kritik stand und zwischenzeitlich komplett verschwunden war. Dass Hamburg in den letzten Jahren wieder „auf der Karte“ im deutschen Rap erschienen ist, ist zu großen Teilen der Arbeit der 187 Straßenbande, allen voran Gzuz, aber auch einem Nate57 oder Milonair zu verdanken—allesamt Straßenrapper. Gerade Gzuz hat also durchaus eine Legitimation, auf diesem Lied vertreten zu sein. Das wissen auch die Beginner, sonst hätten sie ihn nicht auf ihren Track geholt. Niemand steht im Moment so sehr für Hamburg, wie die 187 Straßenbande. Den Old-School-Fans und vielen anderen scheint das aber irgendwie gar nicht zu passen, und das wohl deswegen, weil Gzuz eben mehr wie einer der Jungs aussieht, der ihnen früher auf dem Schulhof das Pausenbrot abgezogen hat.

Das ist genau diese komische Jan-Böhmermann-Haltung, die schon bei Vielen bei „Pol1z1stens0hn“ für Unmut sorgte und Marcus Staiger sehr treffend analysierte: Jeglicher Inhalt in den Texten wird vollkommen ignoriert. Stattdessen macht man sich nur noch über die Form lustig. Ihr verarscht Leute, weil sie weniger Bildung haben, weil sie weniger Geld besitzen und weil sie gesellschaftlich unter euch stehen. In diesem Fall Gzuz, weil er tätowiert und oben ohne auftritt und eine ziemlich tiefe Stimme hat.

Wenn man nämlich mal seine Konzentration von Gzuz' Auftreten für einige Sekunden auf das, was er sagt lenken würde, dann fällt es mir wirklich schwer nachzuvollziehen, was einem die Berechtigung gibt, ihn als talentlosen Prollassi abzustempeln. In der sehr kurzen Bridge ist kein einziges Schimpfwort, keine Beleidigung—ja nicht mal ein als „isch“ ausgesprochenes „ich“ da zu finden. Und selbst wenn, wäre das noch lang kein Grund, seinen Rap als qualitativ schlechter einzuordnen, als ein grammatikalisch perfekter, jugendfreier Abiturraptext, den jene Fans scheinbar so schmerzlich vermissen.

Unterschwellig lese ich zwischen den Zeilen dieser Kommentare: „Reicht jetzt auch wieder mit dieser Gossensprache. Endlich kommen die Dinos zurück und zeigen, dass dieser ganze Gangsterrap ja eigentlich gar keine Kunst ist.“ Ich dachte eigentlich immer, diese Art von Rapfans sind solche Leute, die Haftbefehl „auf ironisch“ hören. Aber jetzt weiß ich, dass sie Haftbefehl überhaupt nicht hören, sondern vielmehr denken, dass ein Kanack wie er eigentlich lieber gar nicht rappen sollte. Der kann ja nicht mal richtig Deutsch.

Das ist übrigens nicht das erste Mal, dass die alte Schule ihren Rucksack so fest zugezurrt hat, dass ihnen scheinbar die Fähigkeit zu rationalem Denken erschwert wurde. Als Zugezogen Maskulin mit LGoony den Beginner-Klassiker „Füchse“ neu interpretierten, war der #Aufschrei groß. Wie können die das nur wagen, dieses Heiligtum des deutschen Raps zu entweihen! Vor allem dieser Nichtskönner LGoony! Da hätten sie sich fast an ihrem Pflaumensaft verschluckt, die empörten Vergangenheits-Fans. Aber Leute: Wacht mal auf. Wie Testo so schön sagte: „Ihr wollt Rap so wie früher war (Ist nicht euer Ernst) / Doch diese Flügel sind zum Fliegen da“. Rap verändert sich. Das mag jetzt eurem Geschmack widersprechen oder nicht, aber so wie ihr euch verhaltet, verratet ihr alles, wofür HipHop—scheinbar eure heilige Kuh—steht.

HipHop ist Kunst und an der kann man sich stoßen. Aber man kann ihr nicht ihre Daseinsberechtigung absprechen. Außerdem steht HipHop für Selbstermächtigung, für Kreativität und für Identität. Jedoch nicht die Identität, die dir aufgrund der Verstrickung deiner DNS-Leiter, oder deines Geburtsortes gegeben wurde. Sondern jene Identität, die du dir selbst erarbeitet und gewählt hast—unabhängig davon, wo du herkommst.